Mi 04.12. 16:40

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Die Medien und die Urwahl der neuen SPD-Doppelspitze

Seit am vergangenen Wochenende Saskia Esken und Norbert Walter-Bojans von den SPD-Mitgliedern zum neuen Spitzenduo der Partei bestimmt wurde, ist der Politikjournalismus in heller Aufregung.

Der Überraschungssieg von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ist für die SPD eine von vielen herbeigesehnte Zäsur © imago images/auslöser-photographie
Der Überraschungssieg von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ist für die SPD eine von vielen herbeigesehnte Zäsur | © imago images/auslöser-photographie

Mit diesem Ausgang hatten die wenigsten professionellen Beobachter gerechnet. Schnell wurden heftige Abgesänge auf die Partei und die Koalition geschrieben - keine Schlagzeile schien zu radikal, um die bevorstehenden Änderungen zu beschreiben.

Gestern wurde dann überraschend bekannt, dass im Leitantrag für den Parteitag, der am Wochenende stattfindet, keine radikalen Forderungen stehen sollen: kein Ausstieg aus der Großen Koalition, keine harten Bedingungen für ein Weiterregieren.

Ist etwa auf die Analysen der Hauptstadtjournalisten gar kein Verlass? Ein Kommentar von Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Gründer von Übermedien.de

Der Überraschungssieg von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ist für die SPD eine von vielen herbeigesehnte Zäsur © imago images/auslöser-photographie
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Erstmal muss ich, glaube ich, deutlich sagen, dass ich selbst keine Hintergrundinformationen und kein Insiderwissen habe, um beurteilen zu können, was da gerade wirklich in der SPD passiert und wie sich das entwickeln wird. Das blöde Gefühl, das ich beim Lesen vieler Artikel gerade habe, ist nur: Dass es den Kollegen gar nicht unbedingt besser geht. Nur reagieren viele von denen auf diese Lage, in der vieles offen zu sein scheint, gerade nicht mit Zurückhaltung, sondern mit besonderer Lautstärke.

Ich glaube, dass der deutsche Journalismus, vor allem in den Kommentaren und sogenannten Analysen, in den vergangenen Tagen kein gutes Bild abgegeben hat. Und zwar nicht, weil er den Wahlsieg der Außenseiter nicht kommen hat sehen. Sondern weil er auf diese überraschende Nachricht mit einer solchen übertriebenen Wut reagiert hat, als sei man persönlich beleidigt davon, dass die Mitglieder sich anders entschieden haben, als es die meisten Journalisten vorhergesagt und empfohlen hatten.

Es geht gar nicht um die Frage, ob man als Kommentator diese Entscheidung für richtig oder falsch hält. Es geht darum, mit welchem Furor man sie kommentiert - und ob man so tut, als könnte man die Zukunft vorhersagen. Ich glaube, das ist ein grundlegendes Missverständnis von einigen Kollegen, dass sie glauben, ihre Aufgabe sei es, in die Zukunft zu schauen. Journalisten sind erwiesenermaßen nicht besonders gut als Wahrsager. Das ist auch nicht schlimm, denn eigentlich ist ihre Aufgabe auch nicht das Hellsehen. Ich glaube, es ist schwer genug, zu beschreiben, was gerade passiert ist, es zu erklären und einzuordnen - ohne auch noch in die Zukunft blicken zu wollen. In der Kombination aus Wut und Hellseherei und vielleicht sogar persönlicher oder professioneller Kränkung ergeben sich dann wirklich erstaunliche Überschriften, die man am Sonntag und Montag in vielen Zeitungen lesen konnten: "Die SPD gibt es nicht mehr", stand da, "die SPD schafft sich ab", oder gleich "Adieu, Sozialdemokraten". Es schien da auch eine Art Überbietungswettbewerb zu geben.  Weil sich viele Kollegen so einig waren in der Bewertung, versuchten sie sich in drastischen Formulierungen gegenseitig zu übertreffen: Wer schildert die behauptete bevorstehende Apokalypse am dramatischsten. Die FAZ ging so weit, in einer Besprechung von "Anne Will" nicht einmal mehr sicher davon ausgehen zu wollen, dass es die SPD am kommenden Freitag noch gibt.

Zur Wahrheit gehört, dass es dann auch einen gesunden Gegenreflex gab: Mehrere Kommentatoren, die - auch als Reaktion auf die Wutwelle - gegen den Strom schwammen  und für mehr Gelassenheit plädierten oder dafür, der neuen SPD-Spitze erstmal eine Chance zu geben.

Was bedeutet das denn für die Berichterstattung vom Parteitag in Berlin, der jetzt am Freitag beginnt?


Ha, das ist ja wieder eine Hellseher-Frage! Aber mein Eindruck ist tatsächlich, dass gerade eine solche Aufgeregtheit bei vielen Berichterstattern herrscht, die für eine nüchterne, sorgfältige Berichterstattung gar nicht gut ist. Es gibt erstaunlich viele extrem abfällige Beschreibungen; es gibt auch diese journalistische Unsitte, so zu tun, als könnte man in die Köpfe anderer sehen. Und das alles ist dann auch wiederum nicht gut, was das Vertrauen des Publikums in die Medien angeht.

Dazu gehört auch, dass kaum ein differenziertes oder abwartendes Statement eines Politikers möglich ist, ohne dass das gleich zu einem Plädoyer für oder gegen die Fortsetzung der Großen Koalition zugespitzt wird.

Und mit den Zuspitzungen der Journalisten von heute wird dann morgen wieder das tatsächliche Verhalten der Politiker verglichen. Es ist ein Perpetuum Mobile, bei dem sich am Ende noch die Realität vorwerfen lassen muss, dass sie sich nicht an die Vorhersagen der Journalisten hält.