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Wenn sich Medien zum Werkzeug von Verbrechern machen lassen

Am Freitag wurden nach bisherigen Angaben 50 Menschen bei einem rassistischen, islamfeindlichen Terrorakt in Christchurch ermordet. Der mutmaßliche Täter hat seine Massentötung live auf Facebook gestreamt, jeder konnte in Echtzeit den Erschießungen beiwohnen.

Polizeiabsperrung an einer der beiden betroffenen Moscheen im neuseeländischen Christchurch © AP Photo/Vincent Yu
Polizeiabsperrung an einer der beiden betroffenen Moscheen im neuseeländischen Christchurch | © AP Photo/Vincent Yu

Die Neueseeländische Polizei rief explizit dazu auf das Video des Attentäters nicht zu verbreiten, dennoch konnte die "Bild" es sich nicht nehmen lassen, das Video in Auszügen zu zeigen. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt wird später begründen, dass man diese Bilder nicht den sozialen Netzwerken überlassen dürfe und dass es Aufgabe des Journalismus sei, das Geschehene einzuordnen. Die "Bild" hat viel Kritik geerntet für ihre Berichterstattung zu Christchurch.

Wie sollte man so einen monströsen Terrorakt medial überhaupt abbilden? Ein Kommentar von der Medienkolumnistin Samira El Ousassil von Übermedien.de

Polizeiabsperrung an einer der beiden betroffenen Moscheen im neuseeländischen Christchurch © AP Photo/Vincent Yu
AP Photo/Vincent Yu
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Jedenfalls nicht wie die Bild oder die B.Z. es getan haben. Dank der unermüdlichen Arbeit der pflichtbewussten Bild-Zeitung, wissen wir, wie der mutmaßliche Täter aussieht, was ihn bewegte, Zitat “Machten ihn seine Reisen zum Terroristen?”, wir kennen sein mutmaßliches Manifest, eine Mischung aus Umvolkungsideologie und Shitposting, haben Einblick in sein Waffenarsenal bekommen und wir konnten uns, und das ist berichterstatterisch und medienethisch das größte Problem, auf der Bild-Seite Ausschnitte und Standbilder seines Mord-Streams anschauen.

Diese mediale Besessenheit auf den Täter offenbarte speziell bei dem Christchurchanschlag zwei fatale Probleme journalistischer Sensationalisierung, da diese hier auf eine neue Form von Terrorismus trifft, nämlich einem sendungsbewussten, einem medienreflexiven Terrorismus: Bei diesem Attentat war das publizistische Echo antizipiert. Er war mitgedachter und kalkulierter Teil der Medienstrategie des Massenmörders. Die publizistische Verbreitung, dessen was der Täter digital bewusst zurückließ, sei es sein Manifest oder eben dieses Body-Cam-Video seiner Tat, ist eine kommunikative Verlängerung seiner intendierten Gewalt und seiner Propaganda. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Terroristen, gerade online Radikalisierte, ihre Anschläge so designen, dass wir durch die schiere Aufmerksamkeit, die wir ihnen medial schenken, den Terror unterstützen. Und uns als Medienmacher, aber auch als Rezipienten instrumentalisieren lassen und so zu Komplizen seiner Tat werden.

Der Erfolg eines Anschlags misst sich für einen Terroristen anhand seiner Reichweite. Medien, wie die Bild, die die Ausführung groß machen, weil sie Angst vor der Konkurrenz durch die sozialen Netzwerke haben, erhöhen den Erfolg des Täters.

Das zweite Problem ist ein altbekanntes: Den Terroristen medial in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu setzen, führt erwiesenermaßen zu Nachahmern, zu einer Art Werther-Effekt der Radikalisierten. Extremisten werden inspiriert durch die Aufmerksamkeit, die der Täter bekommt, und wollen es ihm gleich zu tun.

Und was so schmerzt und so nervt: Vor genau einer Woche jährte sich der Amoklauf von Winnenden zum zehnten Mal, der auch in die Mediengeschichte einging, als Beispiel journalistischen Totalversagens, was die Berichterstattung anging. Alle gaben sich danach selbstkritisch und gelobten Besserung.

Und wenn es eine Sachen geben sollte, nein, muss, an die sich Medien, unabhängig von Blattlinie, ökonomischen Interessen oder Zielgruppen halten sollten, dann doch, dass man Amokläufer und Attentätern nicht durch Berichterstattung adelt oder gar glorifiziert. Die "Bild" hat wirklich nichts daraus gelernt – oder will es auch nicht.

Als Journalist muss man über den Terror berichten und informieren - aber gleichzeitig darf man das Sendungsbewusstsein des Terroristen nicht bedienen - wie löst man dieses Dilemma?


Um die Medienaufmerksamkeits-Spirale aufzubrechen, darf die Berichterstattung nicht der narzisstischen Intention des Täters folgen sondern muss nach den Regeln von Medienethik, Verantwortlichkeit und Pietät handeln - und vor allem zurück zu den Opfern der Tat. Welche Information ist denn gewonnen, welche Erkenntnis erlange ich als Zeitungsleser, wenn ich aus der Perspektive eines Massenmörders dabei zusehen kann, wie er Menschen erschießt? Ein Täterfokus in der Berichterstattung enthumanisiert die Opfer und reduziert sie auf eine vage, entfernte Masse, was wieder dem Terroristen in die Hände spielt. Es macht im Boulevard aus den Ermordeten eine abstrakte Gruppe gesichtsloser Verstorbener, die bei dieser "Rache" – wie die B.Z. diesen ganzen Anschlag zum Beispiel einordnete – zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Das ist aber genau die Haltung, die der Terrorist mit seiner Attacke kultivieren wollte, die Entmenschlichung seiner Ziele.

Statt das Manifest und das Video zu verbreiten, sollten Berichterstatter, in diesem Fall die Bild, sich dagegen entscheiden, so wie es zum Beispiel die Hamburger Morgenpost gemacht hat, indem sie eine schwarze Seite Eins veröffentlichte.

Wenn sensationalistische Medien weg von den Agenten der Gewalt gehen und stattdessen den Getöteten ihre Stimmen wieder geben, wenn wir als Leser die Geschichten der Opfer einfordern und anhören, dann nehmen wir dem Terror zumindest journalistisch eine Waffe weg: die Indifferenz der Herzen.