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Mögliche Wiederauflage der Loverparade

Im Sommer 1989 fand die erste Loveparade in Berlin statt, damals noch auf dem Kudamm; im Sommer 2006 schlingerte sie das letzte Mal durch die Stadt; 2010 kam es bei einer Loveparade genannten Veranstaltung in Duisburg zu einer Katastrophe bei der 21 Menschen zu Tode gequetscht und hunderte verletzt wurden.

Die Loveparade im Jahr 1999 - Blick von der Siegessäule Richtung Brandenburger Tor © imago images/Contrast/Behrend
Der Berliner DJ Dr. Motte möchte wieder eine Loveparade in Berlin starten | © imago images/Contrast/Behrend

Jetzt soll es eine neue Loveparade geben, in Berlin, im Sommer 2021 – jedenfalls, wenn es nach dem Gründer der Veranstaltung geht, Dr. Motte. Der hat gestern seine Pläne für eine neue Loveparade verkündet, basierend auf einem Crowdfunding, oder wie er es nennt: Fundraving. Wenn genügend Spender zusammenkommen, heißt es nächstes Jahr wieder: Friede, Freude, Eierkuchen.

Ist das eine gute Idee? Ein Kommentar von Jens Balzer.

Die Loveparade im Jahr 1999 - Blick von der Siegessäule Richtung Brandenburger Tor © imago images/Contrast/Behrend
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Ich finde das eine glänzende Idee, die sich hervorragend in unsere Zeit fügt; ich möchte fast sagen: Das Projekt, das Dr. Motte hier initiiert, ist schon lange überfällig gewesen. Das wird noch deutlicher, wenn man sich seine Ziele im Einzelnen ansieht.

Was will er? Gut, er will eine neue Loveparade veranstalten, dazu gleich später noch mehr. Das ist aber mit zwei interessanten anderen Zielen verbunden. Erstens, ich zitiere aus der Pressemitteilung: „Die elektronische Tanzmusikkultur soll als Immaterielles Kulturerbe unter den Schutz der UNESCO gestellt werden.“ Das ist doch eine gute Idee, damit stünde sie gleichberechtigt neben dem Sternsingen am Dreikönigstag, dem Ehrsamen Narrengericht zu Grosselfingen, der Heiligenstädter Palmsonntagsprozession und dem Biikebrennen auf Sylt, aber auch neben dem an der vorpommerschen Ostseeküste gepflegten Tonnenabschlagen, einem, ich zitiere aus der UNESCO-Beschreibung, „alten Reiterwettkampf, bei dem die Teilnehmer im Galopp durch eine Bahn reiten und mit einem Holzknüppel nach einer mit Laub und bunten Bändern geschmückten Tonne schlagen.“ Vielleicht könnte man Elemente des Tonnenabschlagens künftig mit der Loveparade kombinieren, ich hole dazu gern schon mal meinen Holzknüppel aus seligen Antifa-Zeiten aus der Garage.

In jedem Fall stünde die „elektronische Tanzmusikkultur“, wie sie Dr. Motte versteht, damit endlich gleichberechtigt neben ähnlich relevanten Brauchtümern und würde also den Platz zugewiesen bekommen, den sie in der Gegenwart verdient.

Aber damit nicht genug: Dr. Motte will ja auch – zweitens – einen „offiziell anerkannten Feiertag der elektronischen Tanzmusikkultur“ einrichten lassen, das heißt, am Tag der Loveparade kriegen die Schulkinder frei, die Fabrikbänder stehen still und den ganzen Start-Up-Heinis in Mitte wird das Internet abgeklemmt. Natürlich nur in Berlin, denn fragen Sie mal jemanden in München, Koblenz oder Aschaffenburg, ob er oder sie irgendwas von elektronischer Tanzmusikkultur weiß. Natürlich nicht.

Also: ein neuer Feiertag für Berlin, damit kämen wir einen Schritt weiter beim Ausgleich der historischen Feiertagsungerechtigkeit zum Beispiel zwischen den Bayern und uns, sollen die mal Allerheiligen feiern oder Mariä Himmelfahrt oder wie das alles heißt, wir werfen bunte Pillen ein und latschen in komischen Kostümen um den Großen Stern herum, das ist unsere Religion, ist ja ein freies Land.

Ja, aber wirkt das nicht trotzdem komisch, wenn man 30 Jahre nach dem Original die Loveparade noch einmal reaktiviert?

Nein, wieso? Man muss das ja gar nicht mit dem Anspruch durchführen, dass hier irgendetwas Gegenwärtiges stattfindet, das ist ja beim Ehrsamen Narrengericht zu Grosselfingen auch nicht wirklich der Fall. Man kann das auch von vornherein als historisches Reenactment inszenieren, auch dafür gibt es Vorbilder. Zum Beispiel die Völkerschlacht bei Leipzig aus dem Jahr 1813, die wird auch jedes Jahr wieder auf den Grundwiesen Liebertwolkwitz von hunderten von Teilnehmern in historischen Uniformen nachgespielt, begleitet von musikalischen Darbietungen von Liedern aus der napoleonischen Zeit, in diesem Jahr ist der Termin am 17. Oktober. Ist die Loveparade nicht irgendwie auch die Völkerschlacht des Nachwendeberlin?

Und denken wir an all die Mittelaltermärkte, Ritterspiele und Cowboy-und-Indianer-Feste, die sich besonders im Osten unseres schönen Landes großer Beliebtheit erfreuen. Aber nicht nur dort: Ich persönlich fahre jedes Jahr immer noch sehr gerne zu den Karl-May-Spielen nach Bad Segeberg, da kann man sich in Lederwams oder Federschmuck gekleidet alte Winnetou-Klassiker ansehen. So ähnlich könnte ich mir das auch für die Loveparade vorstellen, mit Dr. Motte als Häuptling der Apachen oder meinetwegen auch Manitou. Alle steigern sich in historischen Kostümen zu ritueller Musik in eine besinnliche Stimmung hinein, und am Ende wird gemeinsam die Friedenspfeife geraucht. Ich finde, da hat es in der Geschichte der Popkultur schon beklopptere Ideen gegeben, warum man sich mit sehr vielen Menschen an einem unpassenden Ort aus nichtigem Anlass versammelt.