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Shitstorm gegen Journalistin Anja Rützel

Kaum noch ein Tag vergeht ohne eine neuen Internet-Shitstorm. Diesmal hat es die Journalistin Anja Rützel getroffen.

Die Journalistin Anja Rützel wird als Quasi-Nazi und "AfD-Nutte" beschimpft © Twitter/radioeins
Die Journalistin Anja Rützel wird als Quasi-Nazi und "AfD-Nutte" beschimpft | © Twitter/radioeins

Die deutsch-iranische Komikerin Enissa Amani wirft Rützel rassistische Diskriminierung und die Unterstützung der AfD vor, weil sie ihr in einem Text auf SPIEGEL Online nahegelegt haben soll, das Land zu verlassen.

Ist die Aufregung berechtigt? Ein Kommentar von dem Berliner Kulturjournalisten Jens Balzer.

Die Journalistin Anja Rützel wird als Quasi-Nazi und "AfD-Nutte" beschimpft © Twitter/radioeins
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Die Aufregung ist erst einmal überraschend; selbst wenn man sich in der allgemein gereizten Stimmung im Lande eigentlich schon über gar nichts mehr wundert, was die Stimmung im Internet zum Hochkochen bringt. Für alle, die nicht ständig auf Twitter und Instagram sind, eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse:

Am letzten Donnerstag hat der Fernsehsender ProSieben eine Preisverleihungsgala übertragen, die von einem Internet-Modeshop gesponsert wurde; bei dieser Gala wurden sogenannte Influencer ausgezeichnet, das sind Menschen, die im Internet Werbung für Konsumartikel machen. Soweit, so uninteressant, könnte man sagen. Man kann aber der Mischung aus Korruptheit und Stumpfsinnigkeit, die solche Veranstaltungen charakterisiert, auch drollige Aspekte abgewinnen. Die Journalistin Anja Rützel hat daraus für sich ein gutes Geschäftsmodell entwickelt. Auf Spiegel Online schreibt sie regelmäßig über diese Arten des Fernseh-Trashs, so nun auch über die „About You Awards“, bei denen die Preisreden unter anderem von Jerome Boateng und dem Rapper Cro gehalten wurden; wer die Preisträger waren und wofür sie ausgezeichnet wurden, geht aus dem Text von Anja Rützel hingegen nicht hervor. Egal, jetzt zum Skandal: Eine Preisrede wurde von der Komikerin Enissa Amani gehalten, die darin offenbar bekundete, dass sie sich diskriminiert fühlt, wenn man sie Komikerin nennt, und dass sie nach Nicaragua auswandern will, wenn das nochmal vorkommt, woraufhin Anja Rützel in ihrem Text das Wort „Komikerin“ gerade extra benutzt und in gefetteter Schrift. Das war’s.

Ihr fragt Euch vielleicht: Wo ist der Skandal? Der kommt jetzt: In einem langen Text auf Instagram reagiert Enissa Amani auf den Text von Anja Rützel mit einem Feuerwerk von Beleidigungen. Ergänzend fluten ihre Instagram-Follower den Account von Rützel damit, dass sie diese als Rassistin beschimpfen. Weil sie nämlich angeblich Enissa Amani dazu aufgefordert habe, das Land zu verlassen, nach Art der AfD, die unliebsame Menschen mit Migrationshintergrund loswerden will. Nun hat Rützel sowas gar nicht geschrieben, es war ja im Gegenteil Amani, die erklärt hat, dass sie das Land verlassen will. Solche Feinheiten gehen aber im Getümmel gleich wieder unter. Zumal dann auch noch ein AfD-Abgeordneter den Artikel von Anja Rützel positiv kommentiert. Jetzt ist alles verloren: Amani unterstellt Rützel, dass sie der AfD „Rückenwind“ gibt; die Fans von Amani nennen Rützel „AfD-Nutte“ und beleidigen überdies ihren Hund, von dem es auf Rützels Instagram-Profil zahlreiche Bilder gibt. Damit ist die Grenze des Erträglichen überschritten. Anja Rützel stellt ihr Profil auf „privat“ und beschreibt den ganzen Vorgang als „extrem unangenehme“ Erfahrung.

Was lernen wir daraus? Hätte es nicht gereicht, wenn sich Anja Rützel von der AfD-Unterstützung distanziert?


Das hat sie sogar getan, hat Ihr aber auch nichts mehr geholfen; Amani hat danach sogar nachgelegt und eine „Entschuldigung für die metaphorische Aufforderung, das Land zu verlassen“ gefordert und sie erneut als AfD-Unterstützerin bezeichnet.

Dazu könnte man andererseits auch Folgendes festhalten: Für einen Anti-AfD-Song, den Amani kürzlich auf Instagram postete, bekam sie wiederum ein Like von dem antisemitischen Rapper Farid Bang - wir erinnern uns: Auschwitz-Witze und Echo-Skandal -, ohne dass sie sich ihrerseits von dem trüben Typen distanziert hätte; sie selber ist also auch alles andere als ein Vorbild, was eine deutliche emanzipatorische Haltung und die Abgrenzung gegen Rassisten betrifft. In diesem Fall ist es ihr aber gut gelungen, sich als Opfer einer rassistischen Diskriminierung zu inszenieren und ihren Bekanntheitsgrad erheblich zu steigern - bis hin zu Leuten wie mir, die von Influencer-Galas sonst eher nicht so viel mitkriegen.

Wir lernen daraus - erstens: Die politischen Frontverläufe bleiben unklar. Zweitens: Wer sich glaubwürdig zum Opfer zu machen versteht, gewinnt; das ist bei AfD-Abgeordneten und ihren Anhängern nicht anders als bei Komikerinnen mit Migrationshintergrund. Drittens: Wer - wie Anja Rützel - journalistische und politische Äußerungen im Netz mit privaten Hundebildern vermischt, muss damit rechnen, dass die Kritik an der eigenen professionellen Tätigkeit irgendwann auch ins Private übergreift und zum Beispiel die Würde eines Hundes in Mitleidenschaft zieht, der für das Ganze nun wirklich nichts kann. Vielleicht ist man als Journalistin oder als Journalist ja doch besser beraten, wenn man das eine vom Anderen trennt.