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Popmusik 2020: die Tops und Flops des Jahres

In diesem Jahr war ja bekanntlich alles anders – aber gute Musik gab es trotzdem. Deswegen werfen wir einen Blick zurück auf das musikalische Jahr 2020.

Jesse Ware bei einem Konzert 2018
Ein Comeback, das Jens Balzer sehr beglückt hat: das von Jessie Ware (hier sieht man die Musikerin bei einem Konzert 2018 in Spanien) | © imago images / ZUMA Press

Am Ende eines jeden popmusikalischen Jahres warten die Listen. Was war toll? Was war mies? Kommenden Sonntag, am 27. Dezember, stellen wir ihnen hier bei radioeins von 9 bis 19 Uhr die 100 besten Songs aus dem Jahr 2020 vor. Gewählt und zusammengestellt von den Hörer*innen! Durch diese Aktion sind selbstverständlich einige Musikkritiker arbeitslos geworden, aber eben nicht alle.

Wer hat sich also wie und in welcher Form musikalisch hervorgetan? Wer hat vielleicht für eine Überraschung gesorgt, wer hat enttäuscht?

Jens Balzer hat sich durch das Jahr 2020 gehört und seine Highlights für uns herausgepickt.

Jesse Ware bei einem Konzert 2018
imago images / ZUMA Press
Download (mp3, 7 MB)

Ich möchte erstmal lobend hervorheben, dass es überhaupt gute Musik gegeben hat in diesem Jahr. Das war angesichts des Gesamtverlaufs der Dinge ab März ja nicht unbedingt zu erwarten; also ich jedenfalls bekam es sofort mit der Angst zu tun, dass jetzt alle nur noch tranige Isolationsalben aufnehmen, in denen sie über ihre Einsamkeit klagen und darüber, dass die Tage jetzt so leer und lang sind. Gut, gab es auch, Stichwort Annenmaykantereit und andere Trauerklöße. Und ganz schlimm natürlich auch die Lockdown-Streaming-Konzerte, bei denen die Leute allein an ihrem Instrument sitzen und betrübt aus der Wäsche gucken.

Mein Tiefpunkt: Nick Cave im Alexandra Palace in London, anderthalb Stunden in einem leeren Saal laut klagend an einem teuren Flügel, soviel ranzigen Großkünstler-Genie-Kitsch auf einem Haufen muss man auch erstmal hinkriegen; und am Ende, kein Witz, öffnet sich eine Tür, durch die ein gleißender Lichtstrahl in den dunklen Saal fällt, und Nick Cave schreitet majestätisch hinein. Dazu gab es dann allen Ernstes auch eine Platte, vielleicht hören wir da mal kurz rein:


„The Mercy Seat“ von Nick Cave. So ein tolles Stück eigentlich. Klingt hier, als ob er sich selber zu covern versucht.

Wir hatten aber eigentlich nicht danach gefragt, welche Lieder Sie am wenigsten mögen, sondern welche Sie am besten fanden.


Richtig. Ich fand es toll, dass es in diesem Jahr so viele gute Disco-Platten gab. Dua Lipa hat eine gemacht; Kylie Minogue hatte mit ihrem auch noch „Disco“ betitelten Album ein wirklich strahlendes Comeback nach dieser vergurkten Country-und-Western-Platte davor; und ein Comeback, das mich sehr beglückt hat, war das von Jessie Ware. Die hatte eine längere Schaffenskrise, aber die hat sie dann dadurch bezwungen, dass sie erstmal Pause gemacht hat von der Musik, und dann mit ihrer Mutter gemeinsam einen Koch-Podcast aufgezogen, das sollte Nick Cave vielleicht auch mal in Erwägung ziehen. Dank dieses Koch-Podcasts war Jessie Ware dann so entspannt, dass sie wieder ein fantastisches Album aufgenommen hat, „What’s Your Pleasure?“ heißt das, mit schwelgerischen Streichern, Kuhglocken, federnden House-Rhythmen, eine Zeitreise aus dem UK-Soul der 80er, den sie in ihrer Jugend gehört hat, bis zurück in die Sechziger zu Disco-Vorläufern wie Fifth Dimension. Zum Beispiel hier in diesem Stück.


„Remember Where You Are“ von Jessie Ware. Das ist schon interessant, die Klubs sind geschlossen, aber es wird gerade jetzt weiter tolle Tanzmusik gemacht; sicher auch als Ausdruck der Sehnsucht danach, sich wieder mit vielen schwitzenden Menschen auf einem engen Dancefloor zu drängen; aber so wie das bei Jessie Ware klingt, ist das eben auch ganz bewusst eine Reminiszenz an die frühe Disco, aus den Siebzigern, und das heißt: eine Erinnerung an die politischen Wurzeln der Klubkultur, an ihre Verbindung mit der schwulen und afroamerikanischen Emanzipation in den Seventies, als Discos vor allem auch geschützte Räume waren, in denen man ausleben konnte, was im Alltag verboten war. Diese geschützten Räume sind uns erstmal verloren gegangen, und das sicher eine der bittersten kulturellen Konsequenzen dieser Pandemie.

Gab es denn auch was Deutsches, das Ihnen gefallen hat?


Ja, Scooter, aber das darf man auf radioeins ja nicht spielen, weil es zu avantgardistisch ist. Nein, tatsächlich gab es noch eine ganz tolle Disco-Platte aus Deutschland, auch ein Comeback – einer Künstlerin, die wie keine andere mit der schwulen Emanzipation hierzulande in den Siebzigern verbunden ist; die hat später alle möglichen anderen musikalischen Pfade eingeschlagen, aber jetzt ein strahlendes Album aufgenommen, das den historischen Bogen von der klassischen Disco sogar nochmal zurückschlägt zum Philly-Sound von Gamble und Huff, also den unmittelbaren Disco-Vorläufern. Tolle Streicher, tolle Beats, und immer noch die gleiche butterweiche Stimme wie 1975. Zum Schluss also Marianne Rosenberg mit „Wann (Mr. 100 %)“. Frohe Weihnachten!