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Jüdisches Museum Berlin sucht Neuanfang und neuen Direktor

Vergangenen Freitag trat Peter Schäfer als Direktor des Jüdischen Museums zurück, nachdem der Zentralrat der Juden sich klar gegen Schäfer positioniert hatte. Jetzt muss es einen Neuanfang für das Museum geben. Hintergrund ist ein Tweet des Museums, der implizit den Bundestagsbeschluss, der die BDS-Bewegung als antisemitisch einstuft, kritisiert.

Jüdisches Museum Berlin, Altbau und Libeskind-Bau (Luftaufnahme) © Jüdisches Museum Berlin/Günter Schneider
Jüdisches Museum Berlin, Altbau und Libeskind-Bau (Luftaufnahme) | © Jüdisches Museum Berlin/Günter Schneider

Nach scharfer Kritik ist der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Schäfer, am vergangenen Freitag zurückgetreten. Schäfer wolle damit weiteren Schaden abwenden. Kulturstaatsministerin Grütters erklärte, sie respektiere die Entscheidung. Man müsse sich jetzt auf die inhaltlich wichtige Arbeit konzentrieren.  

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte Schäfer in den letzten Tagen scharf kritisiert. Hintergrund ist ein Tweet des Museums, der einen Artikel der "taz" empfiehlt, der den Bundestagsbeschluss zur Ächtung der israelfeindlichen BDS-Kampagne in Frage stellt.

Ist das nun so schlimm, dass der Direktor deswegen tatsächlich zurücktreten musste? Ein Kommentar von dem Berliner Kulturjournalisten Jens Balzer.

Jüdisches Museum Berlin, Altbau und Libeskind-Bau (Luftaufnahme) © Jüdisches Museum Berlin/Günter Schneider
Jüdisches Museum Berlin/Günter Schneider
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Generell gilt: Wenn irgendjemand aus der eigenen Pressestelle irgendwas Absurdes twittert, dann ist das für einen Direktor noch kein Grund zum Rücktritt; im Zweifelsfall reicht es, wenn man die Pressesprecherin oder den Pressesprecher feuert, und das ist im Jüdischen Museum ja schon Anfang der letzten Woche geschehen. Da steckt also mehr dahinter.

Also, worum ging es in den Tweet: Der Bundestag hat am 15. Mai mit der Mehrheit der Stimmen die BDS-Kampagne verurteilt und beschlossen, ihr politisch entgegenzutreten, und zwar dadurch, dass sie für ihre Veranstaltungen keine öffentlich geförderten Räume mehr erhalten darf und keine finanzielle Unterstützung aus Steuermitteln. 

BDS bedeutet „Boycott, Divestment, Sanctions“. Die Vertreter der Kampagne wollen Israel kulturell und wirtschaftlich komplett boykottieren und isolieren, weil sie das Land als rassistischen Apartheidstaat bezeichnen. Sie organisieren Shitstorms gegen Musiker, die in Israel auftreten wollen; oder gegen Festivals wie das Berliner Pop-Kultur-Festival, wenn dort israelische Musiker spielen; sie brüllen Diskussionsveranstaltungen mit israelischen Gästen nieder oder demonstrieren gegen Firmen, die in Israel produzierte Waren verkaufen. Kauft nicht bei Juden; kennen wir in Deutschland. Durch diesen Boykott wollen sie den Staat Israel so isolieren, dass er gezwungen wird, die Grenzen zu den palästinensischen Autonomiegebieten zu öffnen und allen Nachfahren aller jemals in Palästina ansässig gewesenen Menschen die Staatsbürgerschaft zu übereignen, wodurch Israel als Staat der Juden aufhören würde zu existieren. So ist die Lage, da kann man gerade als Deutscher Bundestag schon mal sagen: Sowas unterstützen wir nicht.

Nun gibt es aber Kreise, zum Beispiel auch in der taz, die schon den Entzug von Steuermitteln für solche Kampagnen für eine Einschränkung der Meinungsfreiheit halten. Dagegen wurde also protestiert, und der Bericht der taz über diesen Protest vom Jüdischen Museum retweetet, mit dem Vermerk: Muss man lesen.

Warum muss man das lesen? Wurde dann gegenfragt. Und warum macht sich ausgerechnet das Jüdische Museum mit einer Kampagne gemein, die man mit guten Gründen als antisemitisch bezeichnen kann?

Auch das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht das letzte Ereignis in einer langen Kette von politischen Absonderlichkeiten gewesen wäre. Im März hatte Schäfer den Kulturrat der Iranischen Botschaft empfangen, posierte mit ihm für ein freundschaftliches Foto und erklärte, dass er auf eine baldige „interreligiöse Beziehungsbrücke“ mit dem Iran hofft – wohlgemerkt, mit einem Staat, der sich die völlige Auslöschung Israels zum Ziel gesetzt hat. Die Liste ließe sich fortsetzen, schon oft wurde das Museum dafür kritisiert, dass es lieber scharfen Israelkritikern eine Bühne bietet als den Freunden des Staats. Dieser BDS-Tweet hat das Fass nun offenbar zum Überlaufen gebracht.

Das heißt, Sie finden den Rücktritt richtig?


Ja, aber nicht, weil ich glaube, dass Peter Schäfer ein Antisemit ist oder ein Wolf im Schafspelz oder so. Ausschlaggebend ist offensichtlich, dass er sein Personal nicht im Griff hat und auch die Strukturen des Museums nicht. Da ist er nicht der erste; wenn ich aus eigener Erfahrung berichten darf, ich habe selber vor ein paar Jahren mal kurz am Haus gearbeitet als Mitkurator einer Ausstellung und fand die Atmosphäre schon damals extrem autoritär, unangenehm und unkreativ; es herrschen äußerst unübersichtliche und unkooperative Strukturen; nicht umsonst hat die 2017 angetretene Programmleiterin Léontine Meijer-van Mensch, auf der viele Hoffnungen auf einen Neubeginn ruhten, schon nach zwei Jahren das Handtuch geworfen. Das ist alles lange bekannt.

Umso unverständlicher ist es, warum der Stiftungsrat des Museums unter Monika Grütters so lange zu der Misere geschwiegen hat. Mit dem Ergebnis, dass die Verwerfungen am Jüdischen Museum nun im Schlaglicht der Weltöffentlichkeit stehen. Der Zentralrat der Juden und der Jüdische Weltkongress haben den Rücktritt Schäfers begrüßt. Aber es ist offensichtlich, dass es bei diesem Rücktritt nicht bleiben kann. Das gesamte Museum, seine Strukturen und sein Personal müssen auf den Prüfstand.

Für den Donnerstag hat Monika Grütters eine Erklärung angekündigt. Hoffen wir, dass sich jetzt endlich was tut. Dieses Thema, diese Kultur, dieses Haus an diesem Ort – all das ist zu wichtig, um es in Chaos und Gleichgültigkeit verschwinden zu lassen.