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Unplug Antisemitsm: Aktionstag gegen Antisemitismus in der Musik

Die antisemitische BDS-Kampagne ruft zum Boykott von Festivals, Konzerten und Locations auf, wenn dort israelische Künstler auftreten. Rapper verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien. Neonazi-Bands verharmlosen den Holocaust.

Unplug Antisemitism © Amadeu Antonio Stiftung
Unplug Antisemitism | © Amadeu Antonio Stiftung

Dagegen macht der heutige Aktionstag gegen Antisemitismus in der Musik "Unplug Antisemitism" mobil.

Ist das Problem von Antisemitismus in der Musik tatsächlich so groß? Ein Kommentar von Jens Balzer.

Unplug Antisemitism © Amadeu Antonio Stiftung
Amadeu Antonio Stiftung
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Wie groß das Problem ist, das wir mit dem Antisemitismus gegenwärtig, immer noch, weiterhin in Deutschland besitzen – das haben wir ja nun gerade in Halle noch einmal in bestürzender Weise erlebt; das ist ein Ereignis, das in seiner Monstrosität vieles überstrahlt und übersteigt, woran wir uns inzwischen gewöhnt haben, das uns aber zugleich daran erinnert, dass wir uns an zu vieles gewöhnt haben, was unerträglich ist.

Ich wohn hier in Prenzlauer Berg neben der Synagoge in der Rykestraße, und da kann man jeden Tag sehen, wie Kinder unter Polizeischutz zur Schule gehen müssen und unter Polizeischutz von der Schule wieder abgeholt werden; die Zahl antisemitischer Straftaten ist im letzten Jahr um zehn Prozent gestiegen und der Anteil von Gewalttaten daran um 60 Prozent; vor drei Wochen ist es buchstäblich in letzter Sekunde gelungen, einen Auftritt von zwei rappenden Antisemiten aus Palästina am Brandenburger Tor zu verhindern.

Damit sind wir bei der Frage dieses Aktionstages, der von der Amadeu Antonio Stiftung heute in der Werkstatt der Kulturen veranstaltet wird, „Unplug Antisemitism“: Welche Rolle hat die Popkultur und insbesondere die Popmusik bei der Verbreitung antisemitischer Weltbilder? Das ist eine wichtige Frage, die im Übrigen nicht einfach zu beantworten ist, also: schon gar nicht mit übersichtlich strukturierten Weltbildern.

Ihr habt die Nazirock-Bands erwähnt, die den Holocaust verharmlosen, leugnen oder feiern, die gibt es und zwar schon seit langer Zeit, aber das sind eben doch Bands, die keine großen Mengen von Menschen erreichen, sondern ein ohnehin schon politisch eingeschworenes Subkultur-Publikum. Dass der Antisemitismus im Pop zu einem Massenphänomen geworden ist und auch in den Hitparaden stattfindet – das haben wir keinen biodeutschen Nazis zu verdanken, sondern migrantisch und muslimisch geprägten Rappern, von Bushido über Massiv und Farid Bang bis zu Haftbefehl, der trotz seiner eifrig verbreiteten antisemitischen Verschwörungstheorien von Feuilleton und Publikum fröhlich gefeiert wird, ebenso wie Massiv, der auf Facebook von der jüdischen Schuld an 9/11 schwadroniert und sich trotzdem als Gaststar in der Serie „4 Blocks“ allgemeiner Beliebtheit erfreut, weil: Der ist ja so schön authentisch und kommt von der Straße.

Die Frage ist also auch hier: Warum haben wir uns daran gewöhnt, dass solche Typen so viel Öffentlichkeit kriegen und unwidersprochen abgefeiert werden – übrigens auch von Kritikern und Kritikerinnen, die sich selber eher als links bezeichnen würden.

Der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow ist Pate von „Unplug Antisemitism“. Er ist vorab in einem Interview mit der Taz nochmal besonders auf die BDS-Kampagne eingegangen und hat gesagt, dass er keine Musik von Künstlern mehr hört, die BDS unterstützen. Nützt das was, den Boykott mit Gegenboykott zu beantworten?


Man ist da in einer Zwickmühle, aus der man eigentlich gar nicht herauskommen kann. BDS ruft Künstler dazu auf, alle Veranstaltungen, Festivals, Clubs in Israel zu boykottieren – und überall anders auf der Welt, sofern dort israelische Künstler auftreten. Wenn man diesem Boykott-Aufruf mit Gegenboykott begegnet – also sagt: die Unterstützer einer solchen Kampagne sollen dann bitte aber auch nicht in meinem Klub oder auf meinem Festival spielen –, dann verschafft man BDS nur noch mehr Öffentlichkeit und ihren Anhängern die Möglichkeit, sich als verfolgte Opfer von Meinungszensur zu inszenieren, also das selbe Geschäft, mit dem auch die AfD so erfolgreich ist. Man kann andererseits auch nicht so tun, als ob nichts gewesen sei.

Was dann? Gerade was BDS betrifft, können viele Künstler, die ihre Unterstützung bekunden – das ist jedenfalls meine Erfahrung – auf Nachfrage gar nicht so genau sagen, worum es BDS geht; da geht es ja eben nicht nur um Kritik an der israelischen Siedlungspolitik, sondern darum, den Staat Israel komplett von der Landkarte zu tilgen – wie auf jener Landkarte des Nahen Ostens, die lange Zeit den Twitter-Account von Bushido schmückte. Vielleicht – und darum sind solche Aktionstage wie „Unplug Antisemitism“ so wichtig – muss man immer wieder von neuem Aufklärungsarbeit leisten darüber, hinter welchen Masken und Codes sich der Antisemitismus heute verbirgt – und also darüber, an wieviel selbstverständlichen Antisemitismus in der Popkultur wir uns schon wieder gewöhnt haben. Wie der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin geschrieben hat. „Dass es, so weiter’ geht, ist die Katastrophe.“