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#europa22: Euro-Pässe von Bilderbuch

Die österreichische Gruppe Bilderbuch bringt am Freitag ihr neues Album heraus - „Vernissage My Heart“ soll das heißen. Darauf findet sich auch ein Song namens „Europa 22“, in dem „ein Leben ohne Grenzen“ beschworen wird.

EU Pass-Aktion von Bilderbuch © Bilderbuch
EU Pass-Aktion von Bilderbuch | © Bilderbuch

Begleitend zu dem Song "Europa 22" haben Bilderbuch ihre Fans jetzt dazu auf gefordert, selbst gestaltete europäische Reisepässe ins Netz zu stellen.

Ist das eine PR-Maßnahme oder ein politisches Statement? Ein Kommentar von dem Berliner Kulturjournalisten Jens Balzer.


Das eine muss das Andere ja nicht ausschließen; man kann erstmal festhalten, dass Bilderbuch damit die meistbeachtete PR-Kampagne seit langem gelungen ist. Alle finden jetzt Europa toll, dabei ist die Nummer, in die wir gerade reingehört haben – „Europa 22“ – , ja gar nicht so besonders euphorisch. Das ist eher doch ein melancholisches Stück, das davon handelt, dass das lyrische Ich in einem Auto durch die Nacht fährt; und das auch nicht in einem rasenden Lamborghini – wie in dem ersten Bilderbuch-Hit „Maschin“ von 2013 –, sondern ganz ordentlich mit Richtgeschwindigkeit „120 km/h“, wie es es heißt; und im Refrain wird gesungen: „Ein Leben ohne Grenzen / Eine Freedom zu verschenken / Eine Freiheit, nicht zu denken“. Man gleitet so dahin, und nichts hält einen auf, das muss wohl Europa sein.

Das Wort selber taucht in dem Stück gar nicht auf, aber man versteht natürlich, dass Europa hier mit Freiheit und Grenzenlosigkeit gleichgesetzt wird. Was natürlich schon mal eine gewagte Behauptung ist, angesichts der immer unüberwindlicheren Außengrenzen der Festung Europa.

Beim „Leben ohne Grenzen“, das Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst hier beschwört, geht es also erstmal nur um die Freizügigkeit im Schengen-Raum. Aber wenn man Europäer ist, ist das ja auch schon mal was. Da kommt jetzt die Promo-Kampagne ins Spiel.

Auf der Seite „bilderbucheuropa.love“ kann man sich seinen eigenen europäischen Reisepass basteln, zum Zeichen der Begeisterung für die europäische Einheit kurz vor den Europawahlen, bei denen ja momentan eher die Spalter und Populisten den Ton angeben. Das Bilderbuch-Publikum ist klar pro-europäisch, knapp 100.000 Leute haben sich während der ersten Tage schon einen Ausweis gebastelt, allerlei Fernseh- und Internet-Spaßvögel wie Jan Böhmermann und Sophie Passmann unterstützen die Kampagne, auch Katarina Barley von der SPD ist schon aufgesprungen.

Ich finde das grundsätzlich begrüßenswert, schon deswegen, weil das schöne Hobby des Ausweis-Bastelns zuletzt ja in Vergessenheit oder sogar in Verruf geraten ist. Ich hab schon als Kind immer gerne Ausweise gebastelt, zum Beispiel für den örtlichen Micky-Maus-Klub oder den Krieg-der-Sterne-Fanklub. Das waren alles ehrenwerte Gemeinschaften. Aber heute sind die einzigen, die sich selber noch Ausweise basteln, bekanntlich die Reichsbürger, die ja auch von einigen deutschen Popstars unterstützt werden; wobei diese, wenn sie von der Deutschen Reichsdruckerei ihre Papiere erhalten haben, die bundesdeutschen Personalausweise und Reisepässe prinzipiell zurückgeben. Der Reichsbürger will keine doppelte Staatsbürgerschaft – im Unterschied zu den Bilderbuch-Fans, die wollen Deutsche oder Österreicher und Europäer gleichzeitig sein. Typisch Generation Millennials, können sich immer nicht entscheiden oder wollen das nicht. Ebenso wie beim Geschlecht: Da geben die neuen europäischen Bilderbuch-Staatsbürger durchweg „unisex“ an.

Kann so eine Idee dem europäischen Gedanken denn wieder aufhelfen?


Das würde ich mal davon abhängig machen, ob im weiteren Verlauf der Aktion ebenso viele Pässe wie im deutschsprachigen Raum auch in Polen, Ungarn, Rumänien und Schottland hergestellt werden. Positiv ist sicherlich, dass überhaupt mal wieder eine Pop-Band ein positives Europa-Bild zeichnet.

Es gab ja gerade schon eine ganze „Europa LP“ von der Indierock-Gruppe The Screenshots; da war Europa aber nur eine Metapher für Liebeskummer. Zum Beispiel in dem Song „Hey“ über eine scheiternde Dreiecksbeziehung, die wird in dem dazu gedrehten Video dadurch verbildlicht, dass die Beteiligten Käsehäppchen essen wollen, in denen kleine Europa-Flaggen stecken, aber dann fällt die Platte mit den Käsehäppchen auf den Fußboden, und alle sind traurig. Herzzerreißend!

Demgegenüber ist „Europa 22“ ein positiver Move – und führt uns zurück zu großer völkerverbindender Musik aus den achtziger Jahren wie etwa „The Final Countdown“ von Europe. Ich finde, wir können da ruhig mal euphorisch sein. Zumindest für kurze Zeit. Nächsten Freitag erfahren wir ja auch schon, mit welchem musikalischen Meisterwerk die Deutschen diesmal beim Eurovision Song Contest zu scheitern gedenken. Spätestens dann ist die Begeisterung für Europa auch hierzulande wieder vorbei.