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Coldplay verzichten aus Klimaschutzgründen auf Tour

Coldplay haben ihr Doppel-Album "Everyday life" veröffentlicht - doch eine Tour soll es vorerst nicht geben. Die Belastung für das Klima wäre zu hoch.

Coldplay-Sänger Chris Martin während eines Konzertes © imago images/ZUMA Press
Coldplay-Sänger Chris Martin während eines Konzertes | © imago images/ZUMA Press

Die Band Coldplay hat gerade ein neues Album herausgebracht und sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen: Es gibt zu dem Album keine Tournee, weil Tourneen so klimaschädlich sind und ihre CO2-Bilanz verbessern wollen. Stattdessen haben sie nur zwei Konzerte in Jordanien gegeben, die live über YouTube gestreamt wurden, und gestern noch eins im Londoner Naturkundemuseum.

Ist das eine gute Idee? Ein Kommentar von Jens Balzer.

Coldplay-Sänger Chris Martin während eines Konzertes © imago images/ZUMA Press
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Ich finde, das ist eine hervorragende Idee; endlich mal jemand, der es ernst meint mit dem Klimaschutz. Anders als andere Bands: Es gab ja in diesem Jahr schon den Fall der britischen Indierocker The 1975; die haben ihrem neuen Album – viel beachtet und diskutiert – einen Klimakrisensong vorangestellt, eine musikalisch untermalte apokalyptische Ansprache von Greta Thunberg. Und seitdem befinden The 1975 sich auf globaler Tournee. Gerade kreuz und quer durch die USA, demnächst dann auch noch Australien und Neuseeland, und ich würde mal vermuten, dass sie da nicht mit dem Tiki-Boot hinkommen.

Hingegen Coldplay: Die wollen jetzt so lange auf alle Tourneen verzichten, bis diese sich CO2-neutral bewerkstelligen lassen, ohne Plastik und mit Solarstrom. Und das ist natürlich für die Klimabilanz auch deswegen ein besonders guter Schritt, weil gerade Coldplay bei ihren Konzerten bisher immer besonders viel Plastik und Strom verbrauchten. Ich erinnere mich an einen denkwürdigen Coldplay-Konzert-Abend in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof vor ein paar Jahren, das war zur „Mylo Xyloto“-Tour, da kriegte jeder Besucher und jede Besucherin am Eingang einen Plastikreifen ums Handgelenk geschnürt mit einer Batterie, einem Funkempfänger und diversen kleinen Leuchten darin; diese Reifen dienten dazu, das Publikum rhythmisch gleichgeschaltet blinken zu lassen, während die Band auf der Bühne ihre aufgeblasenen Powerpopschnulzen darbot; das hatte so eine Anmutung von Kinderfasching in Nordkorea.

Apropos: Das wäre ja ein Land, wo Coldplay generell mal eine Weile hingehen könnten, agrarisch strukturiert, hervorragende CO2-pro-Kopf-Ausstoß-Bilanz, Platz 120 in der weltweiten Rangliste; stattdessen haben sie die beiden Release-Konzerte, die es dann eben doch geben musste zum Album, am Wochenende in Jordanien gegeben, da ist der CO2-pro-Kopf-Ausstoß mehr als doppelt so hoch wie in Nordkorea, und auf Kamelen werden sie da auch nicht hingetrabt sein.

Schlimmer noch: Das Konzert wurde auf YouTube gestreamt, und bekanntlich gehören das Internet und insbesondere die Streamingdienste zu den schlimmsten Klimakillern weltweit. Die YouTube-Server verbrauchen jeden Tag so viel Strom wie die Schweiz. Und wenn ich die Wahl hätte, ob ich lieber auf die Schweiz verzichten möchte oder auf Coldplay, dann würde ich mich ganz klar für Coldplay entscheiden. Also: Nur mit Tourneeverzicht ist es nicht getan. Um glaubwürdig zu sein, muss die Band sich auch aus dem Internet verabschieden und am besten ganz damit aufhören, ihre Musik in digitaler oder physischer Form zu vertreiben.

Das heißt, wenn Coldplay es ernst mit dem Klimaschutz meinen, müssen sie sich auflösen?


Nicht unbedingt! Sie können meinetwegen gerne weiter musizieren, aber eben nur im Rahmen kleiner Konzerte ohne elektrische Verstärkung, und das an ihrem Heimatort oder überall dort, wo sie mit Fahrrädern und Ruderbooten hinkommen können. Das scheint mir für eine klimaverträgliche Zukunft des Pop ohnehin die zentrale Aussicht zu sein: Es wird wieder von Hand musiziert, und zwar auf lokaler und regionaler Ebene.

Das heißt, neben den großen Stadionrockbands müssen als erstes die Techno- und EDM-DJs dran glauben, die im Moment ja noch rund um den Globus jetten, als ob es kein Morgen gibt, heute Berlin, morgen Shanghai, zwischendurch Ibiza. Das geht dann nicht mehr!

Was geht, sind alle Arten der Folkmusik und des Jazz von lokalen Ensembles und Kollektiven; auch die musikalische Betätigung in Spielmannszügen und Militärkapellen scheint mir wieder eine Option. Da ist es gut, dass die Bundesregierung ihre Ausgaben für die Förderung der Militärmusik in den letzten Jahren verdoppelt hat. Gerade wurde in Wilhelmshaven ein ganz neues Marinemusikkorps gegründet. Das mag musikalisch vielleicht nicht jedem gefallen, aber wer das Klima retten will, muss eben Opfer bringen, und viel schlimmer als Coldplay klingt so ein Marinemusikkorps nun auch wieder nicht. Hauptsache, seine Auftritte in Wilhelmshaven werden nicht auf YouTube gestreamt oder sonst wie in der Welt verbreitet.