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Raver demonstrieren gegen Schließung eines Klubs in Tiflis

Heute wollen wir den Blick einmal nach Osten richten, in die georgische Haupstadt Tiflis. Da hat sich in den letzten Jahren eine vitale Klubkultur entwickelt, unter Freunden des Genres gilt die georgische Techno-Szene gerade als der ganz heiße Scheiß. Am Wochenende kamen aber eher schlechte Nachrichten von dort: Der größte Klub der Stadt wurde wegen Drogenfällen geschlossen, daraufhin demonstrierten tausende von Ravern gegen die Polizei und am Montag vor dem Parlament, daraufhin kam es zu Straßenschlachten. Sind das jetzt einfach randalierende Druffis? Oder entsteht da sowas wie ein politischer Protest?

Raver-Proteste in Tiflis ©imago
Raver-Proteste in Tiflis | © imago stock&people

Ich halte das Ganze für eine hoch politische Angelegenheit. Da merkt gerade eine Generation von aufbruchsbereiten, freiheitsdurstigen jungen Leuten, dass ihnen vom Staat und vom konservativen Teil der Gesellschaft etwas weggenommen werden soll, was sie sich in den letzten Jahren mühsam erstritten hatten, und dabei geht es eben nicht nur darum, dass man zu Techno und House tanzen kann, sondern um die Liberalität und die Freiräume, die in Tiflis mit der Techno-Kultur entstanden sind.

Raver-Proteste in Tiflis ©imago
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Um das genauer zu erläutern: Tatsächlich gibt es in Tiflis seit Anfang dieses Jahrzehnts eine ausgesprochen vitale Klub-Szene. Das begann mit der Cafe Gallery, einem House-Klub, der sich ausdrücklich an die schwule, lesbische und Transgender-Szene in der Stadt richtete und sich als Safe Space in einer immer noch grundlegend homophoben, vom orthodoxen Christentum geprägten Gesellschaft verstand. Und führte dann zu einer ganzen Reihe von weiteren Klubs, bis hin zum Bassiani, einem 2015 gegründeten, imposanten Techno-Klub in den Katakomben des örtlichen Fussballstadions. Der galt dann umgehend als das „neue Berghain“ und hat auch viele Rave-Touristen aus Deutschland und dem restlichen Europa angezogen. Viele DJs, die man auch aus den Berliner Klubs kennt, haben da aufgelegt, einige von den Resident DJs aus dem Bassiani waren auch schon im Berghain zu sehen; und weil die Szene so neu, so vibrierend und unfertig war, gab es viele Betrachter, die sie mit dem Berlin der unmittelbaren Nachwendezeit verglichen haben. Jetzt sehen wir aber auch, wo der Unterschied liegt: In Berlin herrscht – glücklicherweise – keine reaktionäre Mainstream-Kultur, die vom orthodoxen Christentum oder sonst einer komischen Weltanschauung geprägt ist. In Tiflis gab es schon vorher immer wieder Demonstrationen rechter Gruppen gegen die Szene wegen „Drogenverherrlichung“ und „Sodomie“, und in der Nacht zum Sonntag wurden das Bassiani und die Cafe Gallery jetzt von Polizeitruppen mit vorgehaltenen Gewehren gestürmt und geräumt, mit der - allerdings unbelegten - Begründung, dass fünf Fälle von Drogentoten aus den vergangenen Wochen mit dem Klub in Verbindung stünden. Die Raver haben dann einfach draußen weiter getanzt, bis zum Sonntag, als sie dann mit rechten Gruppen wie den „Wahren Georgiern“ oder der – die heißt wirklich so – „Nationalsozialistischen Bewegung Georgien“ aneinander gerieten. Am Montag hat die Techno-Szene dann mit tausenden Menschenvor dem Parlament demonstriert und die Absetzung des Premierministers und des Innenministers gefordert. Das ist wirklich eine große und – angesichts der rechten Gewalt, die ihr entgegengeschlägt – bewundernswert tapfere Bewegung.

Ja, aber wir sehen auch, dass solche Freiräume, wie sie die Techno-Szene in Georgien erkämpft hat, keineswegs für alle Zeit garantiert sind. Auch in Deutschland gibt es Leute, denen diese Art der Kultur ein Dorn im Auge ist; denken wir an diese komische, tendenziöse Spiegel-Geschichte von Alexander Osang, „Tod im Berghain“; auch da wurde es ja zum Skandal gemacht, dass es Orte gibt, die nicht der Alltagslogik des angepassten Kleinbürgers entsprechen. Und wir merken natürlich, wie die zwischenzeitig erstrittenen Freiräume in ganz Osteuropa sich jetzt wieder schließen.

Einer der größten Techno-Raves, das Kazantip, fand zum Beispiel auf der Krim stand – das war mit das erste, was Putins Truppen und Profiteure nach der Annexion 2014 abgeschafft haben. Und gerade im April gab es im Berghain einen Abend mit den ehemaligen Betreibern des Arma17 – das war der wichtigste und international bekannteste Technoklub in Moskau; der musste 2016 in dem zunehmend repressiven Klima auf Druck der Behörden schließen, und seitdem touren die Betreiber außerhalb Russlands und legen ihre Musik überall auf, wo man sie lässt. Nein, wir merken auch und gerade in der Klubkultur, wie die Welt wieder unfreier und enger wird. Aber es macht immerhin Mut, wenn jetzt die Jugend in Tiflis dagegen auf die Barrikaden geht. „Wir wollen hier keinen weiteren Putin“, stand auf einem der Plakate, die man am Montag auf der Raver-Demonstration sehen konnte, und auf einem anderen: „Unsere Liebe ist lauter als Eure Angst“.

Ein Kommentar von Jens Balzer