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Die Deutschen entdecken die "Heimat"

Die Definition des Begriffs Heimat ist denkbar schwammig. Wikipedia schwurbelt sich durch den Satz: "Der Begriff 'Heimat' verweist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum." Herbert Grönemeyer hält dagegen: "Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl". Und der Schweizer Journalist Walter Ludin bemerkte einst so klug: "Heimat entsteht in der Fremde".

Besucher stehen vor dem bayerischen Heimatministerium in Nürnberg © dpa/Timm Schamberger
Besucher stehen vor dem bayerischen Heimatministerium in Nürnberg | © dpa

Wie man es auch immer dreht und wendet - aller Wahrscheinlichkeit nach wird Horst Seehofer in der nächsten Regierung Innen- und gleichzeitig Heimatminister. Aber warum fühlt sich der Begriff "Heimat" für viele von uns immer noch so sperrig an? Liegt das nur am Heimat-Horst?

Die Deutschen und der Begriff "Heimat", das ist ja eine eher holprige Angelegenheit. Ein Kommentar von dem Kulturjournalisten Jens Balzer...


Ich kann da erstmal nur zur Gelassenheit raten. Nachdem die Sache mit dem Heimatministerium letzte Woche verkündet wurde, haben viele linke Kommentatoren ja sofort Schnappatmung gekriegt; wenn man deren Beiträge liest, könnte man glauben, als erste Amtshandlung zieht der neue Heimatminister mit brennenden Fackeln durch das Brandenburger Tor – ganz so weit ist es vielleicht doch noch nicht, und nicht jeder, der Heimat für etwas Schützenswertes hält, ist deswegen gleich ein Nazi.

Mir persönlich stellt sich in diesem Zusammenhang erstmal die Frage: Wieso wird eigentlich in Deutschland die Heimat immer mit Bayern gleichgesetzt? Es war ja völlig klar, dass nur ein Bayer Heimatminister werden kann; genauso, wie es in den goldenen Jahrzehnten des Heimatfilms, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, immer klar war, dass die ausschließlich in Bayern spielen oder jedenfalls in den Alpen; genauso, wie es in den heimattreuen Volksmusiksendungen bis heute klar ist, dass hier die bayerische Volksmusik herrscht und nichts sonst.

Ich als gebürtiger Norddeutscher fühle mich hier seit Jahrzehnten diskriminiert. Erst wenn Santiano genauso viel Sendezeit kriegen wie die Wildecker Herzbuben, kann ich mich heimatmäßig als gleichberechtigter Staatsbürger fühlen. Da ist Horst Seehofer also schon einmal gefordert, er muss die bayerische Dominanz in der nationalen Heimatkultur brechen.

Aber Horst Seehofer will sich ja wahrscheinlich nicht nur um Heimatfilme und Volksmusik kümmern, oder?


Vermutlich nicht. Aber worum dann noch? Das sollte ja im Koalitionsvertrag stehen. Den habe ich heute Nacht mal sorgfältig durchgearbeitet und dabei nachgezählt: Auf 177 Seiten kommt das Wort „Heimat“ sieben Mal vor. Davon drei Mal, wenn es darum geht, wie man hierzulande unerwünschte Migranten möglichst flott in ihre Heimatländer zurückführen kann.

Zwei Mal wird betont, dass der Steuerzahler auch in Zukunft die Kultur der Heimatvertriebenen fördern wird. Damit ist allerdings nicht die Kultur der Vertriebenen aus den aktuellen Kriegs- und Krisengebieten gemeint, denn die sollen ja möglichst schnell wieder dorthin zurück. Sondern vielmehr die Kultur der nach dem Zweiten Weltkrieg, also vor 73 Jahren, aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen; die sind also heute mehrheitlich so um die neunzig, aber offenbar kulturell immer noch dermaßen aktiv, dass man da mit Steuergeldern was fördern kann – es sei ihnen gegönnt, muntere Rentner sind mir stets ein Vergnügen.

Dann gibt es einen Programmpunkt „Heimat mit Zukunft“, in dem es um die „Verbesserung der kommunalen Finanzlage“ geht – und siebtens eben die Ankündigung eines neuen Ministeriums für „Innen, Bau und Heimat“. Was in dem jetzt aber gemacht werden soll und was Heimat in diesem Zusammenhang heißt: keine Auskunft. Immerhin: 109 gut bezahlte Mitarbeiter werden künftig damit beschäftigt sein, darüber nachzugrübeln.

Ich mach mal einen Vorschlag, ganz kostenlos: Ein Land wird zur Heimat, wenn sich alle Menschen, die dort zuhause sind, auch heimisch fühlen. Ich persönlich fühle ich mich in diesem Land deutlich weniger heimisch als früher, seit all diese unappetitlichen Typen von Pegida und AfD nach der Herrschaft über die Straßen und über den öffentlichen Diskurs streben; und so wie mir geht es ja auch vielen anderen Menschen, die in Deutschland zuhause sind, nicht zuletzt solchen, die nicht hellhäutig, blond und blauäugig sind. Die fühlen sich in öffentlichen Räumen immer weniger sicher und weniger heimisch, und das nicht nur in irgendwelchen Pegida-versifften Dörfern in Sachsen, wo man eh nicht hin will, sondern auch hier, gleich nebenan, in Berlin.

Dagegen muss der Heimatminister unbedingt vorgehen, vielleicht im Sinne so eines Gesetzes: Wer Menschen, die in Deutschland zuhause sind, in ihren Heimatgefühlen verletzt und am Genuss ihrer Heimat hindert, wird bestraft. Zum Beispiel mit Internetsperren und Hausarrest. Wenn alle AfD-Wähler, die mich am Genuss meiner Heimat und an der Liebe zu ihr hindern, also bald Ausgangsverbot haben, können auch Leute, wie meine Freunde und ich, das Elbsandsteingebirge mal wieder genießen, ohne dass wir beschimpft oder beleidigt werden. Ich finde, das eine tolle Perspektive!

Horst Seehofer, machen Sie schnell! Sie werden von heimatliebenden Menschen wie mir dringend gebraucht.