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Fünftes Pop-Kultur Festival beginnt morgen

Zum fünften Mal findet ab morgen, Mittwoch, das Berliner Pop-Kultur-Festival statt.

Pop-Kultur Festival 2019 © NASA/ESA/STScI
Pop-Kultur Festival 2019 | © NASA/ESA/STScI

An drei Tagen gibt es auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg Konzerte, Performances, Filme, Diskussionen und vieles mehr. Veranstaltet wird das Festival vom Berliner Musicboard, einer landeseigenen GmbH. Bei vielen Betrachtern stieß das Festival von Beginn an eher auf Skepsis.

Zum ersten kleinen Jubiläum wollen wir wissen: Kann das inzwischen was? Oder kann das weg? Ein Kommentar von Jens Balzer.

Pop-Kultur Festival 2019 © NASA/ESA/STScI
NASA/ESA/STScI
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Ich finde, das Festival hat sich gut entwickelt in den letzten vier Jahren, und es hat in der Kulturbrauerei einen Platz gefunden, der gut zu ihm passt.

Im ersten Jahr fand es ja im Berghain statt, da muss man im Nachherein sagen, das war keine so gute Idee, weil der Charakter dieses Hauses und das Festival und sein Publikum nicht recht zusammenpassten.

Bei der zweiten Ausgabe 2016 in Neukölln waren die Wege zu weit und das Gelände zu zerstreut, und außerdem beschwerten sich damals die Vertreter der Neuköllner Pop-Szene darüber, dass sie nicht ausreichend gewürdigt wurden.

Seit 2017 findet es nun in Prenzlauer Berg statt, da gibt es keine Szene, die sich über irgendwas beschweren könnte, und auch wenn man für den Rest des Jahres um das Gelände der Kulturbrauerei einen Bogen macht, und zwar einen großen, so ist es für ein Festival dieser Art und Größenordnung doch ganz gut geeignet.

Das Programm hat – auch nach kleineren Anlaufschwierigkeiten – so was wie einen roten Faden gefunden. Die Veranstalter versuchen jetzt nicht mehr, vermeintliche Headliner zu buchen, um damit anderen Festivals Konkurrenz zu machen, sondern konzentrieren sich eher darauf, durch ihre Kombination aus Konzerten, eigens erstellten Auftragswerken und Diskurs-Veranstaltungen zu punkten. Das ist bunt und oft auch originell und erfüllt alle Anforderungen des modernen identitätspolitischen Quotierungswesens, von afroamerikanischen Cis-Männern mit muslimischem Religionshintergrund bis zu atheistischen Transgender-Neuköllnern sind alle popkulturell relevanten Kleingruppen vertreten. Christliche Folkmusik und maskuliner Deutschrock aus Sachsen kommen vielleicht etwas kurz, aber da kann man in den folgenden Jahren ja noch nachbessern.

Also kann man sagen: Das Festival könnte in diesem Jahr ein Erfolg werden?


Ich geh da jedenfalls ergebnisoffen ran, wie grundsätzlich an alles. In Teilen der restlichen Presse wird schon wieder vorab gemurrt und gemault, wie seit Gründung des Festivals stets. Von Anfang an wurde ihm insbesondere vorgeworfen, dass es aus Steuergeldern finanziert wird. Also handle es sich, wie Tobias Rapp anlässlich der ersten Ausgabe im „Spiegel“ schrieb, um „Regierungs-Pop“ beziehungsweise, wie im zweiten Jahr Vertreter der Neuköllner Szene schimpften, um ein „Staatsfestival“. Die Rhetorik ähnelt schon irgendwie jener der Rechtspopulisten gegen jede Art von öffentlich geförderter Kultur.

Von linker oder liberaler Seite ist sie sonst eher selten zu hören, in der taz wurde sie am Wochenende mit einer besonders drolligen dialektischen Variante erneuert: Das Festival sei „progressiv und divers“, hieß es da, und es gebe „internationale, queere und experimentelle Acts“, was man in der taz ja normalerweise eher gut findet. In diesem Fall aber eben auch wieder nicht. Denn weil das Progressive, Diverse und Queere nun also durch Steuergelder gefördert wird, handelt es sich um eine pädagogische und hegemoniale Geste des Berliner Senats, der damit zeigen will, dass Berlin offener und toleranter ist als andere Städte. Das steht dem Senat aber nicht zu, findet die taz. Darum empfiehlt sie den internationalen queeren Acts zum Beispiel aus Osteuropa, in ihren Heimatländern zu bleiben und dort für die Durchsetzung der westlichen Liberalität zu sorgen. Nun gut.

Noch schlimmer als ein Festival, das durch deutsche Steuergelder finanziert wird, ist nur eines, das durch jüdische Steuergelder finanziert wird. Das sehen jedenfalls die Anhänger der BDS-Kampagne so, die deswegen schon zum dritten Mal zum Boykott von Pop-Kultur aufrufen, weil nämlich die Kulturabteilung der Israelischen Botschaft sich an den Reisekosten israelischer Künstler beteiligt. In den vergangenen Jahren führte der Boykott-Aufruf zu zahlreichen Absagen nicht zuletzt aus Großbritannien, wo auch viele Popmusiker, die sich selber für links halten, gleichzeitig Antisemiten sind oder wie man es heute vornehmer sagt: Israelkritiker. In diesem Jahr haben die Veranstalter darum auf die Einladung von Briten und Britinnen weitgehend verzichtet, was auch deswegen gut ist, weil man auf diese Weise viel Musik aus Ländern zu Gehör bekommt, die man sonst nicht so auf der Rechnung hat, insbesondere eben: aus Osteuropa.

Und wenn sich die Briten am 31. Oktober auf ihrer Insel einmauern, müssen wir künftig ohnehin ohne sie auskommen, auch in dieser Hinsicht ist das Programm dieses hegemonial-pädagogischen Regierungs-Pop-Festivals geradezu visionär.

 



Jens Balzer ist selber auch zu Gast auf dem Pop-Kultur-Festival. Am Freitag, den 23. August, um 20.20 Uhr spricht er mit dem Rapper Ben Salomo über „Rap, Antisemitismus und Identitätspolitik“.