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Antisemitismus/Anti-Israel-Tendenz in der Elektro-Szene?!

In der Berliner Klubszene gab es in den letzten Tagen große Aufregung, weil sich Dutzende von DJs zum Boykott israelischer Klubs und Festivals angeschlossen haben.

DJs legen bei einem Festival auf © imago/Michael Schick
DJs legen bei einem Festival auf | © imago/Michael Schick

Der Club "://about blank" hatte kurzfristig eine für vergangenen Sonnabend angekündigte Party abgesagt, weil einige der daran beteiligten DJs zum kulturellen Boykott Israels aufrufen. Jetzt fühlen sich die ausgeladenen DJs zensiert und machen ihrer Empörung in den sozialen Netzwerken Luft.

Haben sie Recht? Der Kommentar von Jens Balzer.

DJs legen bei einem Festival auf © imago/Michael Schick
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Das ist schon ein recht ungewöhnlicher Vorgang, eine Party so kurzfristig abzusagen; und die ausgeladenen DJs beklagen sich jetzt über Zensur und darüber, dass sie auf ihren Kosten sitzenbleiben. Nicht schön das alles. Dennoch ist die Entscheidung des "://about blank" in meinen Augen absolut richtig. Sie haben es schon gesagt, es geht um den kulturellen Boykott Israels.

Seit Anfang letzter Woche kursiert in der DJ-Szene ein Aufruf der Gruppe „DJs for Palestine“, die zum Boykott israelischer Klubs und Festivals aufruft, so lange die „Unterdrückung der Palästinenser“ nicht beendet wird, was immer das genau heißen mag. Diesem Aufruf haben sich sogleich Dutzende von DJs angeschlossen, auch viele, die aus Berliner Klubs gut bekannt sind, Black Madonna, Ben UFO, Laurel Halo. Und eben die Veranstalterinnen der Party-Reihe „Room 4 Resistance“, die bislang regelmäßig im "://about blank" stattfand. „Room 4 Resistance“ ist ein – so heißt es auf seiner Webseite – „queeres weibliches nicht-binäres Kollektiv“, das sich besonders die Förderung von Minderheiten zur Aufgabe gemacht hat. Mit der Ausnahme von Jüdinnen und Juden, muss man jetzt wohl hinzufügen, denn mit denen will „Room 4 Resistance“ künftig nichts mehr zu tun haben. Denn die Kampagne, der sich die DJs da angeschlossen haben, gehört zu der größeren BDS-Kampagne – „Boycott, Divestment, Sanctions – die zum Beispiel schon seit zwei Jahren gegen das Berliner Pop-Kultur-Festival vorgeht, weil dort israelische Künstler auftreten, deren Reisen von ihrer Botschaft bezuschusst werden.

BDS bedrängt, diffamiert und bedroht Künstler, die in Israel auftreten, zuletzt etwa Radiohead und Nick Cave, und gerne auch israelische Bürger, die anderswo auftreten, im letzten Jahr haben BDS-Aktivisten etwa den Vortrag einer 82-jährigen Holocaust-Überlebenden an der Humboldt Universität zu sprengen versucht. Die Organisation hat klar antisemitische Züge, auch wenn einzelne Vertreter das Gegenteil behaupten; ihre politischen Forderungen lassen sich nur erfüllen, wenn Israel als Staat aufhört zu existieren. Insofern ist es völlig klar, dass ein Klub mit einer emanzipatorischen politischen Haltung wie das "://about blank" sich dafür nicht zum Sprachrohr machen will.

Besonders drollig finde ich, dass es gerade Transgender-, Queer- und LGBT-Aktivistinnen sind, die der BDS-Kampagne das Wort reden; letztere ist nämlich mit der islamistischen Hamas assoziiert, die im Gaza-Streifen die Regierung stellt. Dort dürfen Frauen nur verschleiert das Haus verlassen, auf homosexuellen Geschlechtsverkehr stehen 10 Jahre Gefängnis, und was die Hamas mit Transgender-Menschen anstellt, wenn sie welche in die Finger bekommt, möchte ich gar nicht so genau wissen.

Warum unterstützt eine queere Partyreihe eine solche Organisation? Mir fallen zwei mögliche Antworten ein: Selbsthass oder Dummheit. Ich neige mal der zweiten Antwort zu, je länger man sich mit Problemen wie diesem beschäftigt, desto deutlicher wird, dass viele DJs zwar gut Schallplatten auflegen können, aber ansonsten nicht gerade die Cleversten sind.

Aber ist es denn richtig, eine Boykott-Kampagne wie dieser wiederum mit Boykott zu bestrafen? Dann dreht sich die Schraube ja ewig weiter.


Ja, das stimmt, in den sozialen Netzwerken formieren sich jetzt schon wieder die Gruppen, die zum Boykott des "://about blank" aufrufen. Das ist natürlich genau das Ziel von BDS: Die wollen polarisieren; die wollen Leute gegeneinander aufhetzen, die bisher gut miteinander ausgekommen sind - gerade die Klubszene war bisher ja ein safe space, in dem ethnische, sexuelle oder sonstige Differenzen nichts zählen. Das ist nun vorbei, und die Frage ist tatsächlich: Was tun?

Jede mediale Aufmerksamkeit nützt BDS; auch diese Kolumne hier; aber ich hatte trotzdem das Bedürfnis, nochmal über das Thema zu reden. Auch das "://about blank" hatte das Bedürfnis; es hat seine Absage in einem bewundernswert ruhigen, klar argumentierenden Text auf seiner Facebook-Seite begründet und angekündigt, mit dem Veranstalterinnen der abgesagten Party im Gespräch zu bleiben, vielleicht kann man sie auf diese Weise ja mal zum Nachdenken darüber bringen, was und wen sie da eigentlich unterstützen.

Andere Klubs wollen die Kampagne ignorieren, aber eben auch keine DJs mehr buchen, die sich daran beteiligen. Schade um Laurel Halo und Black Madonna, denen habe ich immer ganz gerne zugehört. Aber wie meine Mutter zu sagen pflegte, wenn ich früher mal Liebeskummer hatte: Andere Frauen haben auch schöne Töchter.