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Ist das Berghain reif fürs Museum?

Wegen Corona darf im Berghain nicht mehr getanzt werden, stattdessen wird jetzt Kunst gezeigt. Ab 9. September stellen in 80 Berlin lebende Künstler*innen ihre Arbeiten vor, die sie in den letzten Monaten produziert haben.

An der Außenfassade des Berghains in Berlin hängt ein Banner des Künstlers Rirkrit Tiravanija mit der Aufschrift "Morgen ist die Frage" © Noshe
An der Außenfassade des Berghains in Berlin hängt ein Banner des Künstlers Rirkrit Tiravanija mit der Aufschrift "Morgen ist die Frage" | © Noshe

Die Kunstschaffenden können also ihre Werke wieder einem Publikum präsentieren und dem Berghain kommen die Einnahmen zugute. Die Ausstellung "Studio Berlin" soll im Berghain so lange gezeigt werden, bis der Club als solcher wieder genutzt werden darf.

Ist die Klubkultur damit auch reif fürs Museum? Ein Kommentar dazu von Jens Balzer.

Was aus der Klubkultur wird, ist die Frage. Wir haben ja demnächst ein halbes Jahr Lockdown, also auch ein halbes Jahr Tanzverbot im Berghain, und wie lange das noch dauert, weiß bekanntlich kein Mensch, und auch nicht, ob die Klubkultur danach wieder jemals so sein wird wie vorher. Und welche Klubs überhaupt lange genug durchhalten können, um danach wieder zu öffnen. Darum ist das schon ganz passend, was an der Fassade des Berghain jetzt steht: "Morgen ist die Frage", ein riesiger Schriftzug, den der Künstler Rirkrit Tiravanija da aufgehängt hat. Der gehört zu einer Ausstellung mit dem Titel "Studio Berlin", die morgen eröffnet wird und dann erstmal bis Ende des Jahres laufen soll, und zwar im ganzen Haus.

Das ist natürlich einerseits aus der Not geboren, es geht darum, das Gebäude während des Tanzverbots weiter zu bespielen und der Belegschaft wenigstens ein paar Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Insgesamt gibt es 280 Angestellte im Berghain, die sind alle in Kurzarbeit, ein paar können sich immerhin jetzt temporär mal vom Türsteher zum Museumswärter umschulen lassen oder von der Tresenkraft zur Ausstellungsbegleiterin. Wobei es andererseits gar nicht so ungewöhnlich ist, dass im Berghain Kunst gezeigt wird. In der Panorama Bar hingen ja schon immer diese großen Bilder von Wolfgang Tillmans, im Eingangsbereich ist aktuell ein Tableau von Norbert Bisky zu sehen, und mein Liebling: die verschlungenen Männerkörper aus honigfarbenem Zucker von Joseph Marr, die in den Tresen in der Klobar eingelassen sind.

Das alles kann man jetzt immer noch sehen, aber auch noch mehr. Die Ausstellung "Studio Berlin", die morgen eröffnet - hat das Sammler-Ehepaar Karen und Christian Boros zusammengestellt, gemeinsam mit der Kuratorin Juliet Kothe. Die haben Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die sich eh schon in der Sammlung Boros befinden, also zum Beispiel wiederum Wolfgang Tillmans oder Olafur Eliasson und Alicja Kwade, und die haben wiederum andere empfohlen, gerade auch weniger bekannte Leute. Insgeamt 115 Arbeiten gibt es jetzt in der Ausstellung, alle in Berlin entstanden während der letzten Corona-Monate.

Hat die Kunst, die dazu sehen ist, denn irgendwelche Bezüge zum Berghain oder zum Techno?

Es gibt ein paar Arbeiten mit solchen Bezügen, aber die sind in der Minderzahl. Also zum Beispiel: Über dem DJ-Kabuff im großen Saal hängt eine große rückwärtslaufende Uhr von Khaled Barakeh, das ist natürlich ein Symbol dafür, dass für alle, die sich hier nach Exzessen sehnen, nach Freiheit und kollektiver Intimität – dass für die alle die Zeit aus den Fugen geraten ist.

Oder sehr schön: In der Panorama Bar hat die Künstlerin Christine Sun Kim ein Tableau mit Linien auf den Boden gezeichnet. Kim ist seit Geburt taub und war gerade deswegen immer Stammgast in der Panorama Bar, weil sie Musik über Bässe und Vibrationen wahrnimmt, dafür ist die Soundanlage des Klubs natürlich perfekt; und die Linien, das sind die Spuren ihres tanzenden Körpers.

Das ist wirklich sehr rührend, und natürlich wird man schon ein bisschen melancholisch, wenn man so in der taghellen Panorama Bar steht und sich Kunst anguckt statt zu tanzen. Aber das Gute an der Ausstellung im Ganzen ist: dass die überhaupt nicht melancholisch ist oder nostalgisch. Die meisten Arbeiten nehmen das Berghain nicht als mythischen Raum, sondern als Hülle, die man füllen kann, oder als interessante Architektur. Es gibt riesige Installationen und winzige Bleistiftskizzen, die man fast übersieht. Ganz toll ist ein mechanisches Klavier, das Sam Barker - einer von den Resident-DJs - in die Klos im ersten Obergeschoss gebaut hat; und auf der Rückseite der Klos hat Cyprien Gaillard eine kleine Gravur in den Edelstahl ritzen lassen, die zeigt einen Ausschnitt aus dem "Schlaraffenland" von Pieter Bruegel d.Ä.

Also: Irgendwie ist das Ganze eine große Wunderkammer geworden von Leuten, die das Berghain nicht als mythischen Ort nehmen, sondern als Stätte der Zwischennutzung. Das heißt: Alles wieder wie in den Neunzigern, wo ja die neue Berliner Kunst- und Klubszene gleichzeitig – und damals noch stark miteinander verschwistert – an zwischengenutzten Orten entstanden ist. Zum Beispiel in jenem Bunker in der Reinhardtstraße, wo damals die Snax-Partys stattfanden, aus denen später das Ostgut und noch später das Berghain hervorging und wo heute die Sammlung Boros zu sehen ist. Mit Boros beginnt wiederum im Berghain eine neue Ära der Zwischennutzung; wir haben es hier also nicht mit einem Museum zu tun, sondern mit einer Avantgarde, die dazu in der Lage ist, die Uhren zurückzudrehen auf einen Zustand des Offenen und der Freiheit. Und das ist in der gegenwärtigen Lage zweifellos ein Talent, die viele Menschen gern hätten.