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Selbstoptimierung in Corona-Zeiten

Wir befinden uns in der vierten Woche der Corona-Isolation. Viele Menschen fragen sich, was sie mit der freigewordenen Zeit anfangen sollen.

Eine Frau macht in ihrer Wohnung Yoga © imago images/ZUMA Wire
Corona-Not macht erfinderisch. Da auch Yoga-Studios derzeit geschlossen sind, kommen Anbieter zu den Übenden nach Hause - per Livestream | © imago images/ZUMA Wire

Es schlägt die große Stunde der Experten für sinnvolle Freizeitgestaltung: Man soll zum Beispiel eine neue Fremdsprache lernen, es gibt Tipps für Yoga alleine zu Haus, richtiges Aufräumen und Entmisten der Wohnung.

Ist das sinnvoll, sich die Zeit mit sowas zu vertreiben? Oder kann es nicht einfach mal ohne Selbstoptimierung gehen? Ein Kommentar von Jens Balzer.

Eine Frau macht in ihrer Wohnung Yoga © imago images/ZUMA Wire
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Offensichtlich geht es nicht ohne Selbstoptimierung, das ist jedenfalls der Eindruck, der gerade entsteht. Man kann sich gar nicht retten vor all den Challenges, die einem vorgeschlagen werden, und man merkt sofort, was gerade am Erfolgreichsten ist. Im Prenzlauer Berg gab es tagelang kein Mehl mehr, weil offenbar alle angefangen haben, wie die Irren selber ihr Brot zu backen; wenn sie nicht gerade mit Hilfe von Online-Tutorials den aufsteigenden Hund üben und die steife Katze und wie diese ganzen komischen Yoga-Figuren sonst noch so heißen. Das finde ich alles schrecklich, man kann doch auch solche Zeiten mal nutzen, um einfach nichts zu tun.

So lange man dann - und das finde ich eigentlich noch schrecklicher als diesen Selbstoptimierungsmist – so lange man dann nicht damit anfängt, unentwegt vom Segen der Entschleunigung zu faseln, der mit dieser Krise angeblich über uns gekommen ist, verbunden mit der Erwartung, dass die ganze Gesellschaft hinterher irgendwie entschleunigter und achtsamer geworden sein wird. So kann man die Lage natürlich auch sehen, wenn man mindestens zu den saturierten Mittelschichten mit Häuschen im Grünen gehört: als ausgedehnten Achtsamkeits-Workshop, nach dessen Abschluss man umso frischer und effizienter in den Arbeitsalltag zurückkehren kann.

Lustigerweise geben gerade die Entschleunigungs- und Achtsamkeitspropheten der letzten Jahre gerade so viele beschleunigte und unachtsam aufdringliche Interviews wie noch nie, vielleicht sollten sie selbst beim Langsamer- und Weniger-machen mit gutem Beispiel vorangehen, insbesondere was das Drüber reden betrifft.

Und wie machen Sie das selbst? Machen Sie jetzt gerade was oder machen Sie nichts?

Ich mach das ganz schlau. Ich mach nämlich nicht nichts, aber ich konzentriere mich auf Tätigkeiten, die nicht zur Selbstoptimierung beitragen, einfach weil sie so sagenhaft sinnlos sind. Was ich zum Beispiel gerade sehr gerne tue, ist: Schallplattenwaschen.

Jeder, der noch eine Vinylplattensammlung besitzt, hat das schon mal getan, und wenn nicht, kann ich es sehr empfehlen, danach knistern nämlich auch die ältesten Platten deutlich weniger als vorher und klingen besser. Zum Schallplattenwaschen benutzt man entweder eine professionelle Schallplattenwaschmaschine wie Okki Nokki – das ist der Klassiker, kostet so um die 500 Euro –, von dieser Maschine wird die Schallplatte erst mit einer Reinigungsflüssigkeit benetzt und dann mit einer Absaugvorrichtung gereinigt, die Ergebnisse wird hervorragend. Oder, wenn man in einem Haushalt ohne Schallplattenwaschmaschine lebt, dann kann man die Schallplatten auch von Hand reinigen, das ist noch erheblich kontemplativer und also Corona-Isolations-angemessener, dazu mischt man destilliertes Wasser und Isopropyl-Alkohol im Verhältnis drei zu eins, wäscht die Platten damit und wischt sie anschließend mit einem fusselfreien Mikrofasertuch trocken.

Wichtig: Nach dem Trocknen nicht wieder in die alten Hüllen stecken, dann sind die Platten ja gleich wieder schmutzig, sondern in neue Hüllen, wie man sie im Vinylplattenfachhandel bekommt. Wer mit dem Schallplattenwaschen fertig ist, kann dann auch gleich zur nächsten Tonträgerpflegetätigkeit übergehen, und das ist: das Vor- und Zurückspulen von Musikkassetten.

Wer noch eine Musikkassetten-Sammlung besitzt, weiß, dass man die empfindlichen kleinen Dinger mindestens einmal im Jahr in beide Richtungen durchspulen sollte, weil die Bänder sonst hart und brüchig werden. Bei besonders alten Tapes ist es ratsam, das Spulen per Hand vorzunehmen, dazu nimmt man entweder einen Bleistift oder eine Handbohrmaschine mit zylindrischem Aufsatz. Das dauert dann auch richtig schön lange, ich habe mehrere Tage allein mit dem händischen Durchspulen meiner Sammlung von Joy-Division-Live-Bootleg-Cassetten verbracht. Und war hinterher ausgesprochen zufrieden, denn von dieser Tätigkeit hatte nun wirklich niemand etwas – nicht mal ich selber, weil ich den ganzen alten Kram eigentlich auch nicht mehr höre –, insofern kann man nach solchen Tagen das gute Gefühl genießen, nicht nur dem Virus, sondern auch dem neoliberalen Zwang zur Selbstoptimierung ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Wobei natürlich das Genießen dieses Schnippchenschlagengefühls seinerseits eine Art von Selbstoptimierung ist. Jetzt können wir also die nächsten Isolationstage mit dem Studium des dialektischen Denkens und seiner Selbstwidersprüche verbringen.