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Die taz, Horst Seehofer und die freie Meinung

Eine taz-Kolumne, in der alle Polizisten auf eine Müllhalde geschickt werden sollen, schlägt weiterhin hohe Wellen.

Das Logo der Tageszeitung "taz" ist am Eingang des Redaktionsgebäudes in Berlin-Mitte © dpa/Sven Braun
Das Logo der Tageszeitung "taz" ist am Eingang des Redaktionsgebäudes in Berlin-Mitte | © dpa/Sven Braun

Nachdem Bundesinnenminister Horst Seehofer eine Strafanzeige gegen die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah angekündigt hat, haben tausende von Menschen eine Solidaritätsadresse für sie unterschrieben. Viele Leserinnen und Leser der taz sehen den Text dabei als Entgleisung.

Soll man sich trotzdem mit Yaghoobifarah solidarisieren? Ein Kommentar von Jens Balzer.

Das Logo der Tageszeitung "taz" ist am Eingang des Redaktionsgebäudes in Berlin-Mitte © dpa/Sven Braun
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Ja, unbedingt! Schon weil das wenigstens mal wieder eine ordentliche Entgleisung war in der taz! Das war in den letzten Jahren ja selten geworden, dabei gehört es zur Geschichte dieser Zeitung untrennbar dazu.

Ich bin ja schon sehr alt und - ich habe gerade nochmal nachgerechnet - seit auch wieder 33 Jahren taz-Abonnent, und gleich am Anfang meines Abos gab es den legendären „Disco-Skandal“, an dem sich bis heute jede taz-Entgleisung messen lassen muss. Die Älteren werden sich erinnern, es war 1988: Der Kolumnist Thomas Kapielski schrieb über einen Besuch in der Diskothek Dschungel, es sei dort „gaskammervoll“ gewesen. Kapielski erhielt daraufhin sofort Schreibverbot, und weil die beiden verantwortlichen Redakteurinnen, Regine Walther-Lehmann und Sabine Vogel, sich nicht entschuldigen wollten, wurden sie fristlos gefeuert. Ein gutes Dutzend Autorinnen und Autoren beendete aus Protest gegen diese „Zensur“ und die Kündigung die Mitarbeit bei der taz, es war ein herrlicher Tumult.

Mit Sabine Vogel habe ich später noch fünfzehn goldene Jahre im Feuilleton der Berliner Zeitung verbracht, neulich ist sie sie in Rente gegangen. Falls Du das in Deinem Schrebergarten gerade hörst, meine Liebe: einen sozialistischen Gruß!

Verglichen mit dem „Disco-Skandal“ ist die aktuelle Entgleisung eher mild. Yaghoobifarah will die von ihr verachteten Polizisten ja nur auf die Müllhalde schicken; ansonsten kommt sie in ihrem Tourette-artigen Zwang zur schimpfwortreichen Dauerbeleidigung und Provokation dem Sound von Kapielski recht nahe, bloß dass dieser der bessere Stilist war und wesentlich witziger. Aber gut, man kann nicht alles haben, im Prinzip setzt Yaghoobifarah jedenfalls eine klassische taz-Kolumnen-Technik zur Aufmerksamkeitserzeugung fort und erzielt damit maximale Erfolge bis hin zur Ankündigung von Horst Seehofer, eine Strafanzeige zu stellen, der daraufhin offenbar von Angela Merkel persönlich zurückgepfiffen wurde. Das ist doch toll!

Das heißt, Du bist mit der Arbeit der Kolumnistin zufrieden?

Absolut! Mehr kann man nicht wollen, wenn man diese Art von Texten verfasst. Womit man, finde ich, nicht richtig zufrieden sein kann, das ist die Art und Weise, in der die binnenlinke Debatte nach der Veröffentlichung der Kolumne verlaufen ist. Die Konsequenzen waren bislang milde: Weder hat die Kolumnistin Schreibverbot erhalten, noch wurde die verantwortliche Redakteurin gefeuert.

Alles was passierte war erstmal, dass sich zwei altgediente Mitglieder der taz-Redaktion, Bettina Gaus und Stefan Reinecke, mit sorgfältig argumentierenden Texten von der Kolumne distanzierten, als Beginn einer Debattenreihe. Für den Freundeskreis der Kolumnistin war das schon zu viel; die Zeitung falle der armen Person in den Rücken; sie würde zum Fraß vorgeworfen, wo sie doch Solidarität brauche, und überhaupt, wie könnten es weiße Menschen wagen, eine Person mit Migrationshintergrund überhaupt zu kritisieren. Da wurde es doof, denn wenn man sich schon derart fürs Provozieren begeistert, dann müsste man doch auch Spaß daran haben, wenn ein paar Wochen lang in der taz so richtig die Fetzen fliegen.

Stattdessen bloß großes Beleidigtsein. Was wiederum typisch ist für einen - wie ich finde - beklagenswerten Trend in der linken Debattenkultur, in der es immer mehr um kollektive Selbstbestätigung geht und um das Festigen ohnehin schon verfestigter Positionen – und nicht mehr um die Lust am Austausch von Argumenten oder, besser noch, an einem ordentlichen, auch hysterischen Streit. Wer daran keinen Spaß hat, braucht aber eigentlich auch keine kontroversen Kolumnen zu schreiben, da reicht es dann vielleicht, wenn man twittert. Am Ende müssen alle Beteiligten Horst Seehofer danken, dass er mit seiner angekündigten Strafanzeige das Ganze nochmal in Schwung gebracht hat; am Ende dieser Entgleisungsgeschichte wird man ihn als unangefochtenen Top-Dussel in Erinnerung behalten, und alle anderen Schwächen werden gnädig vergessen.