Di 19.03. 16:40

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Neues von den Ärzten

Die beste Band der Welt ist wieder da.

Bela und Farin während eines Konzertes von den Ärzten © imago/STAR-MEDIA
Bela und Farin während eines Konzertes von den Ärzten | © imago/STAR-MEDIA

Die Ärzte haben nach sieben Jahren erstmals wieder ein neues Stück herausgebracht. Es heißt „Abschied“, da stellt sich die Frage: Läuten Die Ärzte damit ihre eigenen Abschied ein?

Ein Kommentar von dem Berliner Kulturjournalisten Jens Balzer.

Bela und Farin während eines Konzertes von den Ärzten © imago/STAR-MEDIA
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Es ist wirklich eine gute Zeit für Comebacks und Revivals. Letzte Woche habe ich mich an dieser Stelle darüber gefreut, dass Dieter Bohlen nochmal mit den größten Erfolgen von Modern Talking auf die Bühne geht. Nächste Woche spielen Alphaville ein Jubiläumskonzert zum 35. Geburtstag ihres Hits „Big In Japan“. Und jetzt hat auch die – neben Modern Talking und Alphaville – dritte wichtige deutsche Popgruppe der achtziger Jahre eine neue Single herausgebracht, Die Ärzte. Die heißt „Abschied“, das passt zu der Promo-Aktion in den letzten Wochen, in der die Ärzte ganz clever die Befürchtung befeuert haben, dass sie sich in Bälde auflösen werden - große Nervosität in der Bevölkerung.

Und jetzt die ersten Zeilen des neuen Lieds: „Manchmal ist es einfach Zeit, zu gehen“, da kann man sich Sorgen machen. Aber das Ganze nimmt eine glückliche Wendung, denn es geht im Rest des Lieds gar nicht um den Abschied von den Ärzten – oder jedenfalls nicht von den Ärzten allein –, sondern um den Abschied von der Menschheit. Diese soll nämlich dringend aussterben, bevor sie den Planeten komplett ruiniert, mit Klimawandel, Plastikmüll und allem anderen, was die Leute der Umwelt so antun.

Bei schnellem Aussterben besteht immerhin Hoffnung, dass die Tiere überleben und die Erde sich wieder erholt; eine andere Hoffnung ist nicht in Sicht. Dazu kann man sagen: Das ist gegenwartsdiagnostisch zutreffend; auch in lyrischer Hinsicht ist die Single zu loben, allein schon wegen der Art und Weise, in der Farin Urlaub „das Anthropozän“ auf „muss zu Ende gehen“ reimt. Und die einzige „Lösung“ liegt in der „Verwesung“, auch da höre ich große Dichtkunst heraus.

Das Stück gibt es in einer vegetarischen und in einer veganen Variante. Beide unterscheiden sich musikalisch nicht voneinander, aber in den Musikvideos. Das vegetarische Video zeigt, wie drei Eier in einer Pfanne so lange gebraten werden, bis sie ganz schwarz sind. Das vegane Video zeigt, wie drei Tomatenscheiben in einer Pfanne so lange gebraten werden, bis sie ganz schwarz sind. Das hat in seinem symbolisch aufgeladenen Minimalismus eine geradezu Andy-Warhol'sche Qualität.

Bleibt wie immer bei den Ärzten die Frage: Ist das noch Punkrock? Und wenn ja, sind Punks jetzt nicht mehr gegen Nazis, sondern gegen den Klimawandel?


Das ist in der Tat eine interessante Frage: Sind Punks, die gegen den Klimawandel sind, immer noch Punks? Schließlich hat es immer wesentlich zum Weltbild der Punks gehört, möglichst ungesund und selbstzerstörerisch zu leben, auf Kosten anderer und auch der Umwelt. „Zurück zum Beton“ war ein früher Slogan; und wichtig war schon immer, dass man sein Bier nicht aus Flaschen oder gar Pfandflaschen trinkt, sondern aus Blechbüchsen, die dann zertreten und irgendwo hingeworfen werden, wo sie besonders stören. Der ökologische Gedanke war dem Punk immer fremd; die wichtigen Öko-Songs, die es so gibt, kommen eher aus dem Schlager und dem Liedermacherwesen, ich möchte da zum Beispiel an „Karl der Käfer“ von der Gruppe Gänsehaut erinnern oder an „Der letzte Kranich vom Angerburger Moor“ von Juliane Werding.

Bei den Punks herrschte eher die Lust an der Apokalypse. Insofern ist die ökologische Wende neu - einerseits. Andererseits ging es beim Punk aber auch immer darum, den rechten Spießer zu ärgern und zu verhöhnen. Und heute ist der Inbegriff des rechten Spießers natürlich nicht mehr wie in den 70er-Jahren der alte Nazi, der „geh doch nach drüben“ ruft, sondern der besorgte Diesel-Autofahrer, der schon deswegen Schnappatmung und Herz-Rhythmus-Störungen bekommt, wenn ein paar Schüler friedlich für eine andere Klimapolitik demonstrieren.

Ich finde das wirklich faszinierend, mit welcher Ausdauer und Hysterie zum Beispiel in der rechten Presse - sagen wir mal auf welt.de oder jungefreiheit.de – auf diese Fridays-for-Future-Demonstrationen abgehasst wird, als seien die schlimmer als die Erderwärmung und noch der Syrienkrieg obendrauf; alles aus Angst davor, das Gaspedal nicht mehr jederzeit durchdrücken zu können. Gegen diese Art des rechten Spießerhasses könnte ein bisschen geschmackvoll dargebotener Gegen-Hass gar nicht schaden.

Für deutsche Hip-Hopper ist ein Thema wie Klimawandel intellektuell zu komplex, außerdem fahren die alle selber Dieselautos und gehören also eher auf die Seite des Gegners. Es muss also noch einmal der Punkrock ran, und ich finde, Die Ärzte geben ein gutes Beispiel dafür, wie man es macht.