Di 21.05. 16:40

Wissen - Denken - Meinen

Madonnas holpriger Auftritt beim Eurovision Song Contest

Am Wochenende hat der Eurovision Song Contest in Tel Aviv stattgefunden, und eigentlich hat man ihn schon wieder fast vergessen. Mit einer Ausnahme: der Auftritt von Madonna.

Madonna © Chris Pizzello/Invision/AP
Nach ihrem holprigen Auftritt beim Eurovision Song ergießt sich im Netz eine Welle von Häme über Madonna | © Chris Pizzello/Invision/AP

Stümperhaft, gescheitert, das Ende ihrer Karriere, so war der Tenor in den Rezensionen und in den sozialen Netzwerken danach. Ist dieser erste Eindruck auch der Eindruck, der bleibt? Oder wie sieht das aus, wenn man sich das mit drei Tagen Abstand nochmal ansieht und darüber nachdenkt?

Ein Kommentar von dem Berliner Kulturjournalisten Jens Balzer.

Madonna © Chris Pizzello/Invision/AP
Chris Pizzello/Invision/AP
Download (mp3, 6 MB)


Der erste Eindruck war tatsächlich verheerend, gerade was das erste Stück „Like A Prayer“ angeht. Das lag an dem komischen Ritter-Piraten-BDSM-Kostüm, in dem sie so gestopft und gedrungen aussah und sich ja auch kaum bewegen konnte, und an dieser albernen Augenklappe aus dem Faschingsbedarf; das lag an der Gothic-Gottesdienst-mit-Mönchen-Inszenierung und auch den eröffnenden Kirchenglocken, die bei ihren letzten Konzerten ja auch immer schon zur Eröffnung zu hören waren – ding-dong, Madonna ist wieder da –; und natürlich am Sound des Songs; der litt eben nicht nur unter ihrer neben der Spur schlingernden Stimme, sondern auch daran, dass sie die Wuchtigkeit des Originals durch diesen dürren Trap-Beat ersetzt hatte; und daran, dass der kräftige Gospelteil, auf den das am Ende ja zuläuft, hier fehlte.

Man sah einem schlecht gealterten, in seiner Inszenierungs-Idee schlecht beratenen Popstar zu; und das trübte dann auch den Eindruck der ja eigentlich ganz interessanten Performance ihres neuen Stücks „Future“. Die war nicht unfreiwillig, sondern absichtlich destruktiv und apokalyptisch; ein Eindruck, der innerhalb dieses weitgehend sinnlos gutgelaunten Wettbewerbs doch ganz interessant war. Also direkt am Abend: erstmal Entsetzen.

Aber je mehr Distanz man bekommt und je länger ich darüber nachdenke, desto stärker schälen sich aber doch zwei andere Gedanken heraus. Erstens: Dass wir in diesem Rahmen überhaupt einem gealterten Popstar zusehen können, lässt ja einen Teil der Popvergangenheit in die Gegenwart ragen, der uns schon deswegen fremd geworden ist, weil unsere Gegenwart keine Popstars mehr produziert, die überhaupt altern können, weil die Verwertungszyklen zu schnell sind.

Dass ein Leben im Pop über lange Zeit hinweg dauert und also auch Raum zum späten Scheitern lässt, das ist in unserem Turbokulturkapitalismus nicht mehr denkbar. Insofern war das Bild dieser Frau in diesem Rahmen doch schon sehr bewegend, und es wird auch das einzige Bild sein, das von diesem Abend überhaupt übrigbleibt.

Das war jetzt ein Gedanke. Was ist der zweite?


Der zweite Gedanke ist, dass dies natürlich ein politischer Auftritt war. Wegen der düsteren Inszenierung der drohenden Kriegsgefahr in der Inszenierung von „Future“, und wegen der Geste der Versöhnung, die dieser Auftritt enthielt: der Tänzer und die Tänzerin, die am Ende die Showtreppe hochsteigen und auf ihren Rücken eine Israel- und eine Palästina-Flagge angebracht hatten.

Dass eine Künstlerin sich für ein friedliches Auskommen zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt, das sollte eigentlich selbstverständlich sein. ist es aber nicht; es ist das genaue Gegenteil von dem, was etwa die BDS-Kampagne will, die zum Boykott des ESC aufgerufen und auch Madonna massiv unter Druck gesetzt hatte und die ja nichts anderes zum Ziel hat, als den Staat Israel von der Landkarte zu tilgen. Diese Kampagne hat viele Unterstützer, Roger Waters und Brian Eno, die ja auch in Deutschland schon aktiv geworden sind.

Aber zum Beispiel auch Bobby Gillespie von Primal Scream, der vor dem ESC in einem Interview mit der BBC nach dem Auftritt von Madonna befragt wurde. Und Bobby Gillespie sagt: „Madonna, das ist eine totale Prostituierte, für Geld macht sie alles, sie spielt sogar in Israel. Die Juden, die zahlen ja auch viel.“ Die Moderatorin fragt ihn daraufhin, wie er zum Existenzrecht Israels steht. Bobby Gillespie: Er unterstützt die Palästinenser in ihrem Kampf. Die Moderatorin: Und das Existenzrecht Israels? Keine Antwort. Ob er denn versteht, dass man ihn aufgrund dieser Haltung als Antisemiten bezeichnet? Oh nein, er sei kein Antisemit. Er habe viele Juden als Vorbilder, Karl Marx, Bob Dylan, die Marx Brothers. Und außerdem zahlen die Juden immer sehr gut. Ende des Interviews - man kann sich das auf YouTube ansehen, es gefriert einem wirklich das Blut in den Adern; und es zeigt, wie tief der Antisemitismus längst auch im Mainstream der Popkultur und - in diesem Fall - der britischen Gesellschaft angekommen ist. Und es zeigt, wie groß die Leistung und die Geste von Madonna war, an diesem Abend in Tel Aviv aufzutreten, trotz aller Anfeindungen, die sie vorher erleiden musste.

Am Ende ist es das, was bleibt; und es zeigt, dass das apokalyptische Bild, das sie in ihrer „Future“-Performance ausgemalt hat, näher an unserer Realität ist, als wir es uns wünschen können.