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Nicht-weibliches Model auf Cosmopolitan-Cover

Die Cosmopolitan ist, gemeinsam mit etwa der Vogue und der Madame, eine jener großen Mode-Illustrierten, die sich vor allem an Leserinnen richten, und bei denen normalerweise auch Frauen, genauer gesagt junge Models, auf dem Cover zu sehen sind.

Jonathan Van Ness © imago images/MediaPunch
Jonathan Van Ness, Frisör und Star der Reality-Serie „Queer Eye“ wird Covermodel der Januarausgabe der britischen Cosmopolitan | © imago images/MediaPunch

Auf der britischen Cosmopolitan-Ausgabe von Januar nächsten Jahres prangt nun aber keine Frau. Auch kein Mann. Sondern der sich selbst als non-binär - also weder noch - definierende Schauspielstar Jonathan Van Ness, bekannt aus der Netflix-Serie „QueerEye“. 

Seit 35 Jahren ist es das erste nicht-weibliche Cover, damals war übrigens Boy George vorn drauf. Und die Cosmo-Chefredakteurin möchte ihre Wahl ganz klar als Statement für LGBQT, für das queere Leben interpretiert sehen.

Kann man einem unpolitischen Mode- und Lifestylemagazin wie Cosmopolitan diese relativ politische Absicht überhaupt glauben? Ein Kommentar von Jenni Zylka.

Jonathan Van Ness © imago images/MediaPunch
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Es ist tatsächlich bestimmt auch ein bisschen in Mode, und insofern passt es zu einem Modemagazin, sich verstärkt positiv in Sachen Toleranz und LGBQT zu äußern – womit ich nicht sagen möchte, dass die Macher*innen des Magazins das nicht wirklich so empfinden, das eine schließt das andere ja nicht aus.

Aber auch die aktuelle deutsche Vogue zum Beispiel zeigt gerade in der neuen Ausgabe etwas ganz Ungewöhnliches: Vorn drauf ist die tolle Künstlerin Katharina Grosse, in einer auch eher Vogue-untypischen abstrakten Ästhetik, der Titel lautet „Imagine – Wir machen das“, und das Konzept war nicht nur, dass das gesamte Magazin von unterschiedlichen Künstlerinnen gestaltet wird sondern auch, dass Wissenschaftlerinnen, Architektinnen, Autorinnen und so weiter darin gefeatured werden. Das ist auch passiert, soweit so gut.

Dennoch gibt es zwei große fette Haken an der Sache. Erstens: Was jetzt trotzdem nach wie vor der Fall ist, und da ist es genau wie bei der Cosmopolitan mit ihrer Abkehr vom normativen Schöne-Frau-Cover: Die Redaktionen, so sehr ich ihnen auch abnehme, dass sie genderpolitisch etwas bewirken und die Gesellschaft zum Guten mitgestalten wollen, die Redaktionen können nicht aus ihrer Haut, was die echt immer kniffliger werdende Finanzierung solcher Hochglanzmagazine angeht. Es ist ja nicht so, dass das der einzige Printbereich wäre, wo etwa die Auflage steigt oder stagniert, das ist natürlich nicht der Fall. Die gehen unter wie alle anderen Printprodukte auch. Da kann ich noch so laut heulen und jammern und mir die Haare raufen. Und diese Finanzierung besteht natürlich immer noch aus einem massiven Werbeanteil. Und so findet man eben immer noch beim Durchblättern größtenteils doch die gleiche Ästhetik vor: Ganzseitige oder mehrseitige Anzeigen mit – na was wohl – schönen jungen schlanken normativ hübschen Frauen, Models die schmerzhaft teure Klamotten tragen, obwohl sie aussehen wie 15 und wahrscheinlich 16 sind.

Das heißt, am Eindruck, und am Einfluss eines Modemagazins, selbst wenn es redaktionell auf Diversity setzt, ändern diese Inhalte sehr wenig, denn die Werbebilder graben sich ja genauso bei uns allen ins Unterbewusste ein, wie die redaktionellen Inhalte, wenn nicht sogar mehr. Zumal all diese Magazine ja auch gern diese widerlichen, extra dem Druckbild ähnelnden Artikel-Lookalikes nutzen, die aussehen wie ein Text, aber ganz miniklein, für etwas kurzsichtige Augen nicht zu erkennen, steht „Anzeige“ drüber.

Und der zweite Haken ist noch komplexer: Wir wissen, dass so ein Modemagazin meistens ja auch gar nicht dafür benutzt wird, um sich Bilder der Realität anzuschauen, das wird nicht erwartet, sondern viele Menschen nutzen das eh als eine Art Märchenbuch, mit überirdisch glatten und jungen und wohlproportionierten und reich aussehenden ätherischen Elfen drin. Dazu kommt auch noch, dass, und das sage ich ja immer wieder gern, diese unrealistischen Bilder zum Teil, zumindest was die Ebenmäßigkeit und Jugendlichkeit der Models betrifft, auch einfach dem in der menschlichen Matrize seit Millionen Jahren eingebrannten Ideal entsprechen. Das ändert sich nicht mal eben, weil wir gemerkt haben, welche beschissenen Folgen das meinetwegen auf das Selbstbewusstsein oder das Körperempfinden von Mädchen hat.

Insofern: Ich unterstütze solche Absichten der Magazine sehr, glaube aber nicht, dass das wirklich viel verändert, zumal ich mit Swarowski-Tränen in den Augen befürchte, dass die Zeitschriften eh bald alle dicht machen. Und bis dahin haben die bestimmt keine neue Realität geschaffen. Aber man soll ja nicht aufhören anzufangen, und erst recht nicht anfangen, aufzuhören. Heißt also: Weitermachen.

Veranstaltungstipp:

Und wenn Sie mehr von Jenni Zylka hören wollen, heute Abend gibt es die Möglichkeit: Jenni Zylka moderiert wieder den Kultursalon im Haus Bastian auf der Museumsinsel, zwei Experten sind eingeladen, und das Thema lautet: Urheberrecht – wem gehören Bilder, Abbilder und Töne? Ab 19 Uhr, Am Kupfergraben 10, der Eintritt ist frei.