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Disney Plus geht in Deutschland an den Start

In Mitten des aktuellen Streaming-Booms wegen Corona bekommen Netflix und Amazon Prime Konkurrenz. Disney bringt seinen eigenen Streamingdienst auf den Markt: Disney+.

Webauftritt von Disney+ auf einem Bildschirm © radioeins
Auf Disney+ sind die stärksten und manipulativsten Kräfte des US-Fiktionsbereichs vereint, meint Zylka | © radioeins

Falls Sie einigermaßen medienkompetente Kinder haben, sprich Kinder ab sechs Jahren, oder falls Sie auch selbst einfach jung geblieben sind, dann ist es Ihnen vermutlich nicht entgangen: ab heute kann man in Deutschland das Streamingportal Disney Plus empfangen, jedenfalls wenn man einen Vertrag mit Disney abgeschlossen hat. Die Konkurrenz auf dem Streamingmarkt ist damit um einen sehr ernstzunehmenden Kandidaten angewachsen, die Kinder und Teens sind seelig, sämtliche Star Wars- und Marvel-Fans ohnehin, übrig bleiben nur die Spielverderber und Unken und Kulturpessimisten und -pessimistinnen, die mal wieder an allem etwas zu meckern haben.

Meckerst Du noch, oder guckst du schon? Ein Kommentar von Jenni Zylka.

Meine Spezialität ist ja, beim Gucken zu Meckern, ha! Glücklicherweise bin ich als Medienjournalistin ja tatsächlich gezwungen, mir solche Phänomene oder Angebote wie Disney+ anzuschauen und zu evaluieren, insofern – natürlich inspiziere ich das erst, und motze dann herum.

Unter Disney+ sind die stärksten und manipulativsten Kräfte des US-Fiktionsbereichs vereint

Im Fall von Disney muss ich sagen: das ist schon wirklich ein ganz neuer Wind bzw. eine echt steife Brise, die da jetzt den Konkurrenten auf dem Streamingmarkt entgegenweht, ein neuer Wind mit alter Luft sozusagen– wie ja vielleicht viele schon wissen, besteht Disneys Angebot ja vor allem aus dem Back Katalog, also Inhalte aus dem Disney Imperium, das sind eh schon sehr viele, und dann eben all diese Firmen und Produktionsklitschen, die sich Disney unter den Nagel gerissen hat, Pixar, Star Wars, Marvel – nicht dass das vorher alles klitzekleine Independent-Filmschaffende gewesen wären, aber dennoch: Hier sind die stärksten und manipulativsten Kräfte des US-Fiktionsbereichs vereint. Und das sehe ich durchaus problematisch.

Einerseits verstehe ich sogar den von mir ja auch sehr geliebten Hang zum Eskapismus, der schon in Disneys Logo, jenem von Ludwig II. geklauten und nie anständig mit Tantiemen bezahlten Märchenschloss, schlummert. Disney steht eben, wie kaum ein anderes Multi-Imperium, für die Flucht aus der Realität ins Märchenreich mit Prinzessinnen und sprechenden Tieren, auf andere Planeten, in andere Welten mit Superkräften. Ihr wisst ja, heute ging endlich die neue Star Wars Serie „The Mandalorian“ an den Start, dann kann man endlich den süßen Baby-Yoda anschauen, ich konnte es auch nicht mehr abwarten.

Andererseits finde ich, dass dieses ganze Konzept, ausschließlich eigene Produktionen anzubieten oder eben Produktionen von geschluckten Kollegen, dieses Konzept ist ja etwas ganz anderes als die dagegen echt demokratisch wirkende Idee der Streamingportale, die nämlich ganz viele verschiedene Formate, Budgets, Themen im Programm haben, die dadurch eine größtmögliche aber auch möglichst vielfältige Gruppe von Menschen erreichen wollen, die auch mal kleine Geschichten anbieten, die erst durch das Streamen ein Publikum finden.

Jetzt geht Disney nur noch bei Disney

Ich weiß, das klingt jetzt so als ob ich Greenwashing bei Netflix und Amazon und Konsorten betreiben will – nein, ich bin mir der Kritik zum Beispiel an Netflix, was die Produktionsbedingungen betrifft, wohl bewusst. Aber das Ding ist eben: Vorher konnte man Disneyprodukte bei verschiedenen VoD-Anbietern schauen, und wurde dort dann eben auch mit anderen Filmen aus anderen Ländern konfrontiert. Jetzt geht Disney eben nur noch bei Disney. Das hat etwas von der berühmten Filter Bubble, und ist ein bisschen so, als ob die Degeto, diese kitschige Ärztin-in-Afrika-findet-die-Liebe-Fernsehfilmschmiede der Öffentlichen-Rechtlichen, einen eigenen Sender hätte, auf dem aber auch nix anderes mehr läuft. Gruselig.

Dazu kommt auch noch, dass Disney sein kindliches Zielpublikum bekanntlich extrem observiert und versucht, genau das zu machen was die wollen – ich mag altmodisch klingen, aber so ein bisschen Bildungsauftrag kann doch nicht schaden.

Disney+? Bedenklich - meint Jenni Zylka

Und ich habe heute bei der Disney+-Recherche mal in einige Eigenproduktionen reingeschaut, und am meisten haben sich mir die Zehennägel bei einer angeblichen Dokuserie über Traumhochzeiten hochgerollt, da werden Paare portraitiert, die in verschiedenen Disneyresorts heiraten, und alles „awesome“ finden, das ist schlimm kitschig und versucht nicht mal, sich inhaltlich von einem ewig langen Disneywerbespot abzusetzen, bei anderen angeblichen Dokus ist das genauso – und darum sag ich: Disney +? Bedenklich. Also zu Baby-Yoda sag ich natürlich ja, aber nur aus rein beruflichen Gründen.