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Kinos öffnen unter Corona-Bedingungen

Das Licht geht aus, der Projektor an: Nach langer Corona-Zwangspause öffnen viele Kinos im Land heute wieder für Publikum. Dabei gilt es, die strengen Hygiene-Vorschriften zu beachten.

Blick in einen leeren Kinosaal © radioeins/Chris Melzer
Blick in einen leeren Kinosaal | © radioeins/Chris Melzer

Ab heute darf man endlich wieder ins Kino. Die meisten der 96 Berliner und 63 Brandenburger Lichtspielhäuser öffnen nach der Zwangspause ihre Türen, es gelten, das haben Sie sich garantiert schon gedacht, besondere Hygiene- und Abstandsregeln. In Open-Air-Kinos sind die Regeln nicht ganz so streng, aber davon gibt es erstens nicht so viele, und zweitens sind die Freilichtkinos bekanntlich stark vom Wetter abhängig. Dass das Kino durch Corona in eine tiefe Krise gerutscht ist, das wird auch den meisten nicht entgangen sein.

Wird denn ab heute dann wirklich alles wieder gut? Kann das Kino jetzt aufatmen? Ein Kommentar von Jenni Zylka.

Blick in einen leeren Kinosaal © radioeins/Chris Melzer
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Aufatmen soll man ja gerade eh nur mit Maske und das trifft es ja schon ganz gut: Diese Regeln, vor allem der Abstand von 1,50 Meter, das sind quasi zwei Kinositze, führen ja zwangsweise zu einer viel geringeren Auslastung, die Kinobetreiber*innen sprechen von ca. 25 Prozent, viele fordern nur einen Platz Abstand – natürlich wissen wir, dass mitnichten immer alle Kinosäle in allen Kinos besetzt sind, das wäre ja das Paradies, 100 prozentige Auslastung gibt es eh meist nur an Abendvorstellungen von Blockbustern am Wochenende.

Aber die, und das ist das zweite Problem, können jetzt auch eben nicht stattfinden. Denn die Blockbuster, und damit sind vor allem große US Filme gemeint, und ich rede jetzt überhaupt nicht davon, ob die „gut“ sind oder nicht, die Blockbuster laufen nicht, weil sie erst einen US-Start haben müssen, um dann den europäischen Markt zu schlucken. Und das Schlucken ist durchaus so gemeint – das Problem war ja in der Vergangenheit immer, dass Blockbuster, egal ob tumbes Zeug wie „Fast and Furious“ oder mal gelungene DC- und Marvel-Verfilmungen wie „Wonder Woman“ oder „Captain Marvel“, Blockbuster haben es anderen Filmen, europäischen, Independent Arthouse-Produktionen immer schon schwer gemacht – wenn am gleichen Tag Disneys „Aladdin“ mit Will Smith und Eddie Bergers „All my loving“ starten, und beide Filme haben was, trotz auch durchaus ein paar ganz Schwächen, dann kann man sich schon denken, wohin die Aufmerksamkeit von Presse und Publikum geht, und wer mehr Geld für Werbe- und Aufmerksamkeitskampagnen hat.

Dieses Problem ist nun aber eigentlich perdu, weil Disney zum Beispiel ein paar seiner Starts am Kino vorbei- direkt auf VoD schmuggelt, „Artemis Fowl“ ist so ein Beispiel, das ist aber auch Mist für die Kinos, denn einige, wie die Zoo Palast und die Astor Lounge-Gruppe, machen einfach jetzt noch gar nicht auf, sie sagen: das lohnt sich nicht, wir brauchen die Blockbuster um die großen Säle gegenfinanzieren zu können, und so lange die nicht laufen, ist das ein Verlustgeschäft.

Ich freue mich natürlich sehr über die kleineren Kinos, mit dem Klick Kino in Charlottenburg hat ja sogar heute noch eins wiedereröffnet, die zeigen alle großartige deutsche und europäische und ältere Filme. Und ich wiederhole mich da vielleicht, aber ernsthaft: wer hat denn wirklich alle alten guten Filme schon gesehen, und braucht deswegen unbedingt neuen Stoff?

Ein alter Traum von mir, den ich in diesen Zeiten kaum noch zu sagen wage, war immer, dass die Kulturproduktion mal freiwillig eine Weile pausiert, in meinem Traum ging das natürlich ohne jegliche finanzielle Verluste, damit ich endlich Zeit hab, alle Sachen nachzugucken, mich eingehender mit den Gesamtwerken zu beschäftigen. So, wie es jetzt gerade passiert ist, hab ich es wirklich nicht gewollt. Aber die Chance ist doch da, die müssen wir alle nur ergreifen.

Wir müssen das so sehen, dass die Kinos gerade mal nicht von den großen dicken Blockbustern verstopft werden, so dass wir alte Filme jetzt endlich im gebotenen Rahmen der Riesenleinwand sehen können. Die „Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff läuft ab Ende August in einer restaurierten Fassung im Kino, großartig, „Manche mögen’s heiß“ läuft im Rooftopkino, „Le Mepris“ mit Brigitte Bardot läuft im Klick, im Cinemaxx läuft „Der Unsichtbare“, neue Verfilmung des Buchs von HG Wells, als feministischer Gruselfilm mit Elizabeth Moss – wieso sollte man das nicht nutzen und sich anschauen?

Die paar Sitze, die man momentan im Kino überhaupt besetzen darf, um es vielleicht vor dem totalen Ruin zu retten, die sollte man unbedingt wahrnehmen. Und noch ein letzter Aspekt: Ich mache ja gerade jeden Morgen einen Regentanz, das scheint es auch total zu bringen, und ich erwarte nicht nur von den Kinobetreiber*innen sondern auch von den Bauern und Bäuerinnen dafür Dank. Gern geschehen.