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Pamela Anderson als Polit-Aktivistin

Vielleicht, oder höchstwahrscheinlich folgen Sie ja auch verschiedenen Menschen, Politikerinnen, Journalisten oder Künstlerinnen auf Twitter, lesen also mehr oder minder qualifizierte und interessante Kommentare zu politischen oder gesellschaftlichen Themen. Aber folgen Sie auch Pamela Anderson?

Pamela Anderson © imago/Eastnews
Pamela Anderson beklagt die "strukturelle Gewalt der Eliten", welche den Protest der "Gelbwesten"-Demonstranten provoziere | © imago/Eastnews

Die Schauspielerin Pamela Anderson, die die meisten aus Baywatch kennen, twittert und bloggt sehr fleißig und sehr deutlich ihre Meinung zu Donald Trump, zum italienischen Innenminister Salvini, und, jetzt gerade, zu der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Der Protest in Frankreich, so schreibt sie, sei das legitime Aufbegehren gegen ein politisches System, das – wie in anderen Ländern auch – mit der Elite konspiriere und das eigene Volk missachte, darüberhinaus erklärt sie die französischen Steuererhöhungen und das Problem der Autofahrer dort.

Hat sich die Schauspielerin Pamela Anderson jetzt tatsächlich zu einer Aktivistin gemausert? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.

Pamela Anderson © imago/Eastnews
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Inwieweit das tatsächlich eine Mauser war, kann ich nicht mal genau sagen, denn ich kenne sie ja nicht persönlich und weiß nicht, ob sie früher, als man sie vor allem im Badeanzug im Fernsehen oder nackt im Playboy oder als Freundin eines Musikers wahrnahm, ob sie da nicht auch schon genauso gedacht hat – ich traue es ihr aber selbstverständlich zu. Da muss man sich nur mal durchlesen, was sie schreibt - sie liefert in einem langen Blogbeitrag auf der Seite ihrer Stiftung zum Beispiel eine ganz brillante Gewaltanalyse und erklärt, wieso sie als Pazifistin manche Formen von Gewalt eben doch anders einschätzt, und man muss nicht ihrer Meinung sein: Sie sagt, dass ein paar brennende Luxusautos nicht mit der strukturellen Gewalt, die das französische Volk erleben müsse, gleichzusetzen seien. Aber sie begründet ihre Meinungen im Rahmen ihrer Argumentation und ihren Wertvorstellungen stichhaltig, und da wir ja wissen, dass sie als Tierrechtsaktivistin zum Beispiel schon sehr lange aktiv ist, darum denke ich, dass Pamela Anderson einfach tatsächlich immer schon viel politischer war, als wir annahmen.

Und das ist nämlich das eigentliche Problem, das hinter dieser medial vielerorts formulierten Verwunderung über ihren Aktivismus steckt: Ist es denn wirklich so schwer, sich vorzustellen, dass einer Blondine mit Doppel-D oder was das jetzt bei ihr ist, von mir aus Doppel B, schlaue Dinge gegen Macron einfallen?

Man findet in dem, was Pamela Anderson wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang, aber auch jetzt noch erlebt, eben nach wie vor einen gruseligen Sexismus. Unter anderem zum Beispiel in Reaktionen wie der des australischen Premierministers Scott Morrison. Mit dem war sie wegen ihrer Unterstützung von Julian Assange aneinandergeraten, Assange ist ja Australier, und Anderson hatte in einer Fernsehsendung gefordert, man solle Assange seinen Ausweis zurückgeben und stolz auf ihn sein. Und der australische Premier sagte darauf angesprochen in einer Radiosendung süffisant, er habe viele Kumpels, die ihn gefragt hätten, ob sie die Sache mit Pamela nicht als Sondervermittler persönlich klären dürften. Darin, in dieser schleimigen Bemerkung, steckt soviel misogyne Überheblichkeit und 1950er Jahre Schenkelklopf-Herrenwitz, das finde ich echt erschreckend. Aber es wundert mich nicht.

Allein dass wir uns das heute auch fragen, das basiert ja auf genau derselben Prämisse: Wieso wird sexy sein, oder ein Sexsymbol sein, das ist ja eh beides schwer subjektiv, aber wieso wird das bei Frauen so oft mit Dummheit oder Ungebildet sein gleichgesetzt? Wieso wertet sie das intellektuell ab?

Wie gesagt, ich weiß nicht, wie helle die Dame ist, ich bin auch persönlich nicht die beste Gesprächspartnerin für militante Tierschützer, ich fand ein paar ihrer Aussagen zu Hugh Hefner und den Feminismus zumindest leicht indiskutabel, und ich stehe überhaupt nicht auf diesen 1980er-Pin Up-Plateau-Highheel-Style. Aber ich spreche mich absolut dagegen aus, aufgrund irgendeiner Art von Look, Haarfarbe, Körbchengröße oder Filmrolle auf geistige Fähigkeiten oder politische, gesellschaftliche und humanistische Ambitionen zu schließen.

Ich traue jedem und jeder politischen Aktivismus zu, der aus einem ernsthaften Anliegen kommt. Und darum: Jau, ich nehme sie ernst. Mit oder ohne Badeanzug.