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Kinos und Theater öffnen unter strengen Auflagen

Heute verhandelt der Senat über die Öffnungen von Kinos und Theatern in Berlin, konkrete Ergebnisse werden heute Abend auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Klar ist aber schon jetzt, und das ist in allen Bundesländern so, dass es strenge Regeln, Hygiene- und Abstandvorschriften in Bezug auf die Auslastung der Theater- und Kinosäle geben wird.

Blick in einen leeren Kinosaal © radioeins/Chris Melzer
Blick in einen leeren Kinosaal | © radioeins/Chris Melzer

Full House kann es selbstverständlich nicht mehr geben – verschiedene Konzepte sind im Gespräch, das geht von einer 25 Prozent Auslastung bis zu 50 Prozent, und die Zuschauer und Zuschauerinnen müssen auf Lücke gesetzt werden, damit der Mindestabstand in alle Richtungen gewährleistet ist. Neben den logistischen und finanziellen Problemen, die das alles mit sich bringt, steht aber auch die Frage, was das denn für das Publikum bedeutet, und auch – im Fall von Theateraufführungen – für die Interaktion zwischen Bühne und Publikum.

Inwiefern ändert sich durch diese Abstandsregeln die Präsentation und die Rezeption von Kultur? Ein Kommentar von Jenni Zylka.

Blick in einen leeren Kinosaal © radioeins/Chris Melzer
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Also ich beneide niemanden, der da heute im Senat mitdiskutiert, weil das tatsächlich eine wahnsinnig komplexe Situation ist. Bei Filmvorführungen - zum Beispiel - muss es theoretisch erst mal gar nicht so anders sein, auch vor Corona gab es ja viele Vorstellungen, die nicht ausverkauft waren, wo die Menschen also quasi schon automatisch auf Lücke saßen. Aber die ausverkaufen Screenings, die Filmevents finanzieren ja das Kino, und das geht alles nicht mehr.

Im Theater kommt dazu, dass man sich – wegen der oft älteren Häuser – traditionell viel mehr auf der Pelle sitzt, die Reihen sind enger, da muss also jetzt gemessen, gerechnet und gestrichen werden.

Und dann gibt es noch einen Riesenunterschied zwischen Kino und Theater: Im Theater erleben wir live Aktion auf der Bühne, und die Menschen auf der Bühne erleben uns, das Publikum, und unsere Reaktionen live – diese ganze Nummer mit dem Premierenfieber und auch den Premierenfeiern muss also neu durchdacht werden, wenn bei der Premiere nur ein Viertel der Menschen sitzt, bin ich gespannt, ob und wann man sich daran gewöhnen kann, diese Lücken als ganz normal wahrzunehmen. Und nebenbei interessiert mich auch, wie so talentierte und charismatische Narzissten wie Lars Eidinger das hinkriegen, den Hamlet das erste Mal seit Jahren nicht vor ausverkauftem Haus zu spielen, das geht natürlich alles, und die können das auch, ist nur einfach anders. Und wenn man jetzt mal von Theater und Kino weggeht: Zum Beispiel beim Fußball sagen die Spieler und Spielerinnen natürlich schon, dass diese Geisterspiele komisch sind, andererseits sind sie das im normalen Spielbetrieb gewöhnt, denn Training etc. findet ja auch vor fast leeren Rängen statt. Aber die Fans leiden eben sehr, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, WIR haben gewonnen, sondern unser Verein hat gewonnen, wir waren nicht dabei, Fußball ist ja so ein wahnsinnig emotionales Feld, da fehlt den meisten wirklich das Erleben dieser geballten Fan-Energie.

Und ganz spannend finde ich das fehlende Publikum im Medienbereich, also im Fernsehen, man nennt es da ja auch manchmal liebevoll Klatschvieh. Denn da gibt es Riesenunterschiede zwischen Unterhaltung und beispielsweise einer Polittalkshow. Bei Unterhaltung geht es – ähnlich wie im Theater – darum, dass die Comedians oder DSDS-Kandidaten oder die Dieter Bohlen Gockel dieser Welt es aushalten müssen, in einem leeren Raum ohne Publikumsreaktion oder nur mit eingespielten Lachern zu funktionieren – dabei haben die meisten ja ihren Beruf überhaupt erst gewählt, um diese Reaktionen zu kriegen.

Bei Polittalkshows dagegen ist die Übertragung, also die Verbreitung durch das Massenmedium in Tausende Haushalte natürlich viel wichtiger als die Rezeption durch die paar Hanseln, die dort im Studio sitzen und ab und an mal klatschen. Aber: Ich hab die Befürchtung, dass die fehlende Repräsentanz des Publikums, also die Wahrnehmung des Konsumenten, dass da jetzt erst recht die da oben im Fernsehen miteinander und unter sich reden, und ich komme nicht mal als Klatschvieh-Staffage vor, dass DAS diesen momentanen Eindruck vieler Menschen, sich abgehängt zu fühlen, noch verstärkt. Und das will man ja auf gar keinen Fall.

Was kann man dagegen tun?

Die meisten Sendungen machen das ja schon – Publikumsreaktionen über Mail einfangen, voraufgezeichnete Videos mit Fragen einspielen, ich wäre aber auch dafür, dass man wieder wie früher bei Aktenzeichen XY freundliche Telefonisten und Telefonistinnen sichtbar in den Hintergrund setzt, die dann live Anrufe annehmen. Ich habe mir früher jedenfalls immer überlegt, wen von denen ich am liebsten anrufen würde. Und das gibt ja auch nochmal eine andere Ebene.