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Shitorkan auf Fußball-WM-Kommentatorin Claudia Neumann

Shitstorms im Netz sind nichts Neues. Sehr gut haten lassen sich bekanntlich Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Die ZDF-Sportjournalistin Claudia Neumann kann ein Lied bzw. eine ganze Fußballhymne davon singen. Seit Beginn der Weltmeisterschaft trifft es sie besonders hart.

ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann © dpa/Rainer Jensen
ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann | © dpa/Rainer Jensen

Als Claudia Neumann am Dienstag ihr drittes Spiel dieser WM, nämlich Japan gegen Kolumbien, live kommentierte, wurden danach eimerweise Beleidigungen ausgekübelt– Neumann hatte auch noch den Fehler gemacht, einen japanischen FC Köln-Spieler Mainz 05 zuzuordnen. Die Kritiker bemängelten also neben ihrer Stimme und ihren Formulierungen auch die angeblich mangelnde Kompetenz. Andererseits: Dass Hater aus der Deckung haten, ist zwar zum Kotzen, aber wird den anderen Kollegen auch passieren.

Ist das der übliche Shitstorm, den heutzutage alle erleben dürfen, die in der Öffentlichkeit einen Fehler machen? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.

ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann © dpa/Rainer Jensen
dpa/Rainer Jensen
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Ich glaube das könnte man schon als Shitorkan bezeichnen, was Frau Neumann abbekommt, glücklicherweise ist sie ja nach Eigenaussage ziemlich unempfindlich und kennt das auch schon von ihrem Einsatz bei der EM vor zwei Jahren, und es die Kollegen und der Arbeitgeber stehen natürlich hinter ihr. Es ist dennoch ein besonderes Phänomen, das ich jetzt gern mal von zwei Seiten beleuchten möchte.

Erstens: Wir wissen alle wer da sitzt und hatet, bei allen Untersuchungen zu dem Phänomen Hater und Shitstormbeschleuniger kommt immer das Gleiche heraus: Es sind, und ich gebe nur die Fakten wieder, größtenteils Männer, was ja an sich auch nicht verwunderlich ist, denn auch der allergrößte Teil der physischen Gewalt wird bekanntlich von Männern ausgeübt. Und das sage ich, im Hinblick auf den Shitstorm den ich mir jetzt gerade einfange, mit dem Bewusstsein dass natürlich deswegen nicht alle Männer scheiße sind, das habe ich auch gar nicht behauptet.

Diese Männer jedenfalls, die aus der Deckung Beleidigungen abfeuern, und dabei verletzend, grob bedrohlich und/oder böse klingen, kommen aus allen Schichten und Bereichen, und sie haten oft und gern Frauen. Warum das so ist, ist eine andere Sache.

Jedenfalls: Jetzt haben wir es hier mit Fußball zu tun, das war ewige Zeiten Männerdomäne, und es wäre ja lächerlich zu denken, dass niemandem auffällt, wenn nach Jahrzehnten mit ausschließlich männlichen Kommentatoren plötzlich eine Frau über die Pille spricht. Bei Fußball geht’s um Leidenschaft – UND es ist ein Massensport, das heißt fast jeder der Fans, die sich aufregen, hat schon mal gekickt und hat darum ein enges Verhältnis zum Sport und meint vielleicht besonders viel davon zu verstehen, und das mag ja sogar stimmen. Es ist schlichtweg nicht verwunderlich, dass es so viele Kommentare gibt. Da braucht niemand auszurufen oh Gott, was ist bloß los mit den Menschen! Genau das Gleiche, was schon immer los war, nur dass jetzt jeder jede Meinung lesen kann und anscheinend auch tut.

Aber kommen wir zur anderen Seite: Die Kommentare zu Neumann sind nicht nur menschlich beleidigend sondern frauenverachtend bzw. sexistisch, da geht es dann in Richtung „zurück an den Herd“, „soll beim Frauenfußball bleiben“, das Mädchen kreischt, oder sie versucht als Mann rüberzukommen, oder so ekelhafte Dinge, dass die aus den Kanälen entfernt wurden. Und das ist wiederum ein Problem im System, dass Frau Neumann 2018 als WM Kommentatorin in jeder Beziehung allein auf weiter Flur steht.

Ich denke wenn man das Haten schon nicht abstellen kann und wenn alle so drauf stehen ihren Scheißkommentar zu jeder Zeit über jeden Kanal rauszupumpen, und das sage ich besonders gern so als Meinungsjournalistin, dann sollte man, und damit meine ich die Übertragungsmedien, doch wenigstens versuchen, diesem Zustand zu ändern, dass nie nie nie Frauen, egal ob Spielerinnen oder Expertinnen zu Fußball befragt werden, denn das bildet gar nicht mehr die Realität ab, Frau Neumann sitzt schließlich da wo sie sitzt nicht wegen der Quote, sondern weil sie eine gute, wenn auch natürlich nicht fehlerfreie Sportjournalistin ist. Und weibliche Fußballfans gibt’s inzwischen wahnsinnig viele.

Also statt dem lahmen Thomas Hitzlsperger gestern, der auch nichts wirklich Interessantes zu Portugal:Marokko sagen konnte, könnte man genauso gut Steffi Jones oder Nadine Angerer als Ex-Nationalspielerinnen da neben Opdenhövel Witzchen reißen lassen, und würde damit ein ganz anderes Bild abgeben. Und ich wette, damit wäre dann, man verzeihe mir den flachen Medienwitz, die Quote ausnahmsweise mal gut für die Quote.