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Extreme Gewalt in Blockbustern

Donnerstag ist Kinotag. Und viele Marvel- und CD-Comic Fans gehen selbstversträndlich in das Batman-Prequel „Joker“, das heute in den Kinos anläuft.

Joaquin Phoenix in Joker
Joaquin Phoenix in Joker | © Warner Bros./DC Comics/Niko Tavernise

Der Film von Todd Phillips hat in den USA innerhalb weniger Tage schon über 105 Millionen Dollar eingespielt und ist auch in anderen Ländern schon von Platz 1 der Kinocharts zu finden.

Allerdings wird der Film auch immer wieder stark kritisiert: Zu brutal sei er, und er würde sich nicht ernsthaft mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen. Außerdem regen sich Zuschauer*innen darüber auf, dass im Film kurz ein Song von Gary Glitter zu hören ist. Der Musiker sitzt seit 2015 wegen sexuellem Kindesmissbrauch im Gefängnis. Das wollte man kommentieren.

Wie sollen sich Filmemacher und -macherinnen zu solchen Vorwürfen verhalten – müssen sie mehr Verantwortung übernehmen? Ein Kommentar von Jenni Zylka.

Joaquin Phoenix in Joker
Warner Bros./DC Comics/Niko Tavernise
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Die Frage stellt man sich gerade weltweit. Denn denjenigen, die meinen, in einem Film dürfe nicht Gary Glitter gespielt werden, weil dem Kinderschänder sonst Geld ins Portemonnaie fließt, denen geht es schließlich um eine moralische Verantwortung. Man muss aber da genau hinsehen.

Gary Gitter wird, das haben gerade die zuständigen Music Consultants in den USA ausgerechnet, am Joker kaum etwas verdienen, denn das Stück läuft nur kurz, er ist weder alleiniger Rechteinhaber noch alleiniger Autor, er kriegt also wahrscheinlich nur ein paar Dollar, und die kriegt er, das habe ich gerade nochmal nachgelesen, die kriegt er erst, wenn er wieder raus ist – und dann, so sollte man das ja sehen, hat er seine Strafe abgebüßt. Ob man ihm nun persönlich verzeihen kann oder nicht.

Es gibt aber noch eine andere Diskussion zur Verantwortung: In den USA hat eine Gruppe von Angehörigen der Opfer des Aurora-Attentats, bei dem vor einigen Jahren ein Batman-Fan mit rotgefärbtem Haar in ein Kino in Aurora, Colorado stürmte, und dort zwölf Menschen erschoss, während „The Dark Knight Rises“ lief, diese Gruppe hatte im Vorfeld des Joker-Filmstarts einen Brief an Warner Bros. geschrieben, in dem sie die Produktionsfirma aufforderte, mehr Verantwortung zu übernehmen, sich stärker für schärfere Waffengesetze und ein friedlicheres Miteinander einzusetzen. Wohlgemerkt, diese Gruppe von Angehörigen wollte nicht, dass der Film verboten wird, sondern appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Produktionsfirma. Und das kann ich gut nachvollziehen.

Ich finde jedoch echt relevant in diesem Diskurs, dass eben nicht der Film verboten werden soll, denn, und das sage ich nicht nur als jemand der Joker gesehen hat, sondern prinzipiell weil ich ja auch im Jugendschutz arbeite: Denn ich glaube nicht, dass Filme gewalttätiges Verhalten triggern können, das nicht schon vorhanden bzw. angelegt ist. Oder umgekehrt: Wenn jemand psychisch krank ist und aggressiv bzw. brutal werden will, dann lässt er sich auch von einer Dokumentation über Serengeti-Löwen triggern.

Das große Meinungsmacher, wie Produktionsfirmen, in deren Werke Millionen Menschen gehen und von den Filmen beeindruckt und vielleicht in manchen Dingen auch beeinflusst werden, Verantwortung für eine gesunde oder friedliche Gesellschaft haben, das stimmt. Wir wollen auf der anderen Seite aber auch nicht nur Disneyfilme, die diese Verantwortung bekanntlich so interpretieren, dass sie fast nur süßlichen Familienkitsch herausschleudern.

Ein Film wie Joker, auch mit seiner negativen Konnotation bei dem Gary Glitter Stück, das wird ja da extra eingesetzt um den Typen zu charakterisieren, ein solcher Film oder andere Psychogramme dürfen natürlich auch zeigen und anprangern, wie kaputt unser Miteinander ist. Dennoch finde ich, dass man sich fragen kann, ob so viel Realitätsnähe in Bezug auf die Brutalität nötig ist.

Ist es sinnvoll, diese gewalthaltigen Szenen so echt und bedrückend und nah zu inszenieren? Alberne alte, aber relevante Frage: Wieso sollte man das anschauen?


Bei Joker spricht dafür, dass der gesamte Film in all seinen Gewerken, also Schauspiel, Regie, Kamera, Musik wirklich ein Meisterwerk ist, das einem überhaupt nur so nah gehen kann, weil der Regisseur Todd Phillips es eben nicht im Superheldenuniversum, sondern in unserem Lebensumfeld angesiedelt hat, es fällt darum schwerer, sich davon zu distanzieren. Aber, und da spreche ich wieder als Jugendschützerin, darum hat er eine FSK 16, denn 16jährigen traut man die nötige Medienkompetenz zu, das Ganze als düstere dystopische, DC-Outskirt-Genregeschichte zu erkennen.

Eine Verantwortung haben wir trotzdem alle, die liegt darin, unsere Kinder bzw. Jugendlichen so zu erziehen, dass sie diese Unterschiede machen können. Ich glaube nicht, dass wir bessere Menschen wären, wenn wir den ganzen Tag RomComs und Glücksbärchifilme im Kino gucken würden. Ich glaube sogar fast, dann wäre alles noch schlimmer.