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Sind Fernsehserien der neue Geschichtsunterricht?

Am Sonntag liefen die ersten drei Folgen der Serie „Babylon Berlin“ bekanntlich erstmalig im Free TV, genauer im Ersten.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) steigt aus einem Auto aus © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier
Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) steigt aus einem Auto aus | © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

„Bekanntlich“ kann man hier ruhig sagen, weil auch Sie ja gemeinsam mit den über 7,8 Millionen Zuschauern eventuell der Geschichte um Kommissar Gereon Rath gefolgt sind – und sich ein wenig mit dem Berlin der 1920er Jahre vertraut gemacht haben, vielleicht sogar ein bisschen Geschichte gelernt haben. Denn wir fragen uns, ob eine Serie wie „Babylon Berlin“ eigentlich tatsächlich jenem Bildungsauftrag gerecht werden kann, dem sich die öffentlich-rechtlichen Sender verschrieben haben.

Sind Fernsehserien der neue Geschichtsunterricht? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) steigt aus einem Auto aus © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier
ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier
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Dazu muss man zwei Dinge unterscheiden. Das erste ist, dass es tatsächlich einen Trend gibt, historische Ereignisse als Film, Mehrteiler oder Mini-Serie zu erzählen, in diesem Jahr waren das beispielsweise die Morde an OJ Simpson, Tupac und Versace, die Geschichten um die Eisläuferin Tonya Harding oder Filme über wahre Serienmörder wie Jeffrey Dahmer, hier in Deutschland die NSU-Morde, Wackersdorf, Das schweigende Klassenzimmer – all das sind ja true Stories, oft true crime stories, die durch die Fiktionalisierung mit Stars und Drehbuch und Publicity einerseits tatsächlich über das Zeitgeschehen informieren, also durchaus einen wenn man so will pädagogisch-historischen Wert haben. Sie sind eine historische Narration.

Dabei darf man nicht vergessen, dass sie andererseits eben auch Narration sind, selbst wenn sie auf Fakten basieren – natürlich kann man, bis auf wenige Ausnahmen in denen tatsächlich Sprachprotokolle oder andere Aufzeichnungen existieren, nie genau wiedergeben, was historischen Personen getan, gesagt und gedacht haben, das ist immer eine subjektive Interpretation der Drehbuchautoren und -autorinnen bzw. der Regisseure und der Darsteller. 

Die Fakten sollten natürlich stimmen, aber wir wissen anhand der vielen Querelen die es auch immer über Geschichtsfiktion gab, zum Beispiel bei den RAF-Filmen, dass manche Ereignisse der Zeitgeschichte immer noch sehr unterschiedlich interpretiert werden.

Dazu kommt, dass natürlich eine der klassischen Dramaturgie folgenden Story nie ganz genau abbilden kann, was alles noch relevant und passiert ist, Ihr selbst, also radioeins habt das ja gestern ganz schön versucht, mit diesem Radioday über die 20er Historisches pädagogisch und sinnlich erfahrbar zu machen. Man kann eben nicht denken oder hoffen, dass man sich nur mal schnell ein paar Filme oder eine Serie oder einen Radioday reinzieht, und dann weiß man schon alles über eine Episode der Weltgeschichte.

Das zweite ist aber, dass eine Serie wie Babylon Berlin und zum Beispiel auch Mad Men oder Vikings oder The Marvellous Mrs. Maisel, die nur zum Teil auf historischen Ereignissen basieren und vor allem als Zeitportrait zu lesen sind, dass die einem natürlich durchaus und eben – weil sie ja geschrieben wurden – auf eine sehr emotionale und darum sehr bleibende Art und Weise Eindrücke vermitteln können, die zum Verständnis einer Zeitepisode notwendig sind.

Um also richtig nachzuvollziehen, wie der Kapitalismus in den USA groß wurde, oder wie tief die US Gesellschaft mit Fernsehen und Werbung verwachsen ist, eignet sich Mad Men ganz hervorragend, oder um grundlegende Geschlechterungerechtigkeiten zu erklären, das macht Mrs. Maisel auch.

Und Babylon Berlin kann einem natürlich ein Verständnis über die Notlage, das Elend dieser Zeit vermitteln, so gut wie Filme das halt können, man hungert ja nicht mit, wenn man da von außen in die düstere feuchte überbelegte Hinterhauswohnung schaut, aber das Interesse ist geweckt. Und aus Wissen und Empathie folgen bekanntlich Veränderungswünsche.

Nebenbei finde ich ja, dass man das mit dem Bildungsauftrag eigentlich eh auf alle Filme übertragen kann – auch aus einem alten James Bond-Film, in dem ein superstarker Agent völlig unrealistische Abenteuer erlebt, kann man auf einer zweiten Ebene durchaus ablesen und lernen, wie sexistisch die Gesellschaft war als der Film produziert wurde, wieviel Angst man vor den Kommies hatte und so weiter. Sogar eine kitschtriefende Rosamunde Pilcher-Produktion im sogenannten ZDF Herzkino sagt viel über unsere Zeit aus. Das ist alles nur eine Frage der Rezeption. Insofern, zur Eingangsfrage nochmal, ja, Fersehserien können Geschichtsunterricht sein - sogar richt guter. Die Frage ist wie man sie rezipiert und wer in die Glotze reinguckt.

Radioday

Babylon Berlin

Radioday "Babylon"
radioeins/Warnow

Anlässlich der Ausstrahlung der vielfach ausgezeichneten TV-Serie „Babylon Berlin“ im Ersten reiste auch radioeins am 3. Oktober zurück in die Goldenen Zwanziger! Einen ganzen Tag lang, von 9.00 bis 21.00 Uhr, drehte sich alles rund um die Entstehungsgeschichte der aufwendigen Produktion von „Babylon Berlin“.
 
Außerdem hat unser Radioday das Spezifische der „roaring twenties“ eingefangen, das Lebensgefühl zwischen Aufstieg und Niedergang. Es ging um die Faszination, die bis heute von der Epoche ausgeht, aber auch um die dunklen Schatten, die am Ende der 1920er Jahre immer stärker den Horizont der Weimarer Republik verdunkelten.
 
In Form von Interviews, Reportagen und Programmaktionen haben wir dieser bedeutenden, schillernden und zugleich krisengebeutelten Zeit in Berlin nachgespürt.

Es moderierten Nancy Fischer, Katja Weber und Steen Lorenzen. Zum Abschluss unseres Radiodays „Babylon Berlin“ war Tom Tykwer, einer der drei Regisseure von „Babylon Berlin“, exklusiv bei Knut Elstermann zu Gast.

Der Radioday „Babylon Berlin“ - am 3. Oktober live auf radioeins. Eine faszinierende Zeitreise zurück in das Berlin der Goldenen Zwanziger!
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