Do 02.04. 16:40

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Drehbuchautoren wegen Corona in der Krise

Vielleicht haben Sie ja die Schlagzeile einer großen deutschen Boulevardzeitung vorgestern gesehen: „Mitten in der Coronakrise gehen der Sachsenklinik die Patienten aus!“ Aber es handelt sich dabei natürlich um ein fiktives Krankenhaus aus der ARD-Serie „In aller Freundschaft“, die seit 1998 in Leipzig produziert wird.

Drehbuch © imago images/Joachim Sielski
Drehbuch | © imago images/Joachim Sielski

Der Hintergrund: Nur noch sieben fertiggestellte Folgen liegen vor, weil aber seit ein paar Tagen auch dort gesundheitsbedingt ein Drehstopp herrscht, wird es wohl erst einmal keine weiteren Folgen geben können. Und selbst wenn man weiterdrehen dürfte: Realistischerweise müssten dann ja jede Menge Menschen mit Covid-19 in der Sachsenklinik behandelt werden.

Muss eine fiktive Serie eigentlich auf so ein Thema reagieren? Ein Kommentar von Jenni Zylka.

Drehbuch © imago images/Joachim Sielski
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Das ist eine wirklich ganz interessante Sache finde ich – inwieweit muss und kann die Fiktion auf die Realität eingehen? Bei dem Beispiel „In aller Freundschaft“, das hatte ich neulich recherchiert, da heißt es, man sei sich noch nicht sicher ob man das Thema in zukünftigen also noch zu schreibenden Drehbüchern beachten würde, was ich merkwürdig finde. Denn diese Serie, egal wie man sie nun findet, hat ja einen gewissen Realitätsanspruch – sie spielt in der Gegenwart, niemand hat Superkräfte, außer der üblichen Götter-in-Weiß-Kraft eben, man könnte sich vielleicht etwas darüber wundern, dass in dieser Klinik besonders viel Fachpersonal aussieht, als ob es bei Models-ohne-Grenzen gecastet wurde, also im Urban hab ich solche Frisuren nie gesehen, aber gut - insofern bedient „In aller Freundschaft“ einerseits schon den Wunsch nach Eskapismus, aber hat auch eine Verankerung in der Wirklichkeit. Darum denke ich schon, dass so eine Serie genau wie tatsächlich alle anderen, sich momentan in der Stoffentwicklung befindlichen Projekte mit dem Thema umgehen werden müssen – und das kann echt eine ganz schöne Herausforderung sein.

Wir werden, sofern wir Autor*innen sind, alle überlegen müssen, was mit unseren Figuren passiert, wenn der Film in zwei bis drei Jahren, so lange dauert die Produktion bei einem Spielfilm, veröffentlicht wird. Denn wir können ja nicht alle Märchen oder Superheldenfilme oder historische Geschichten schreiben, sehr viel Fiktion spielt eben auch ganz einfach in unserem Alltag.

Bei Fernseh- und Streaming-Produktionen ist der Zeitraum zwischen Schreiben, also Geschichte ausdenken, und Ausstrahlung sogar noch kürzer, da muss man also noch schneller drauf reagieren – und das Problem ist ja, dass wir alle gerade mitten in der Krise drin sind, und noch gar nicht wissen, wie es genau ausgeht.

Wenn ich mir vorstelle ich wäre Hollywood-Autorin und schreibe gerade ein Drama-Skript für den US-amerikanischen Markt – und wenn der Film herauskommt sind wahnsinnig viele Amerikaner an den Folgen des Virus gestorben – das wird die Gesellschaft und was die Gesellschaft sehen möchte natürlich beeinflussen.

Und man wird sich fragen müssen: Heißt das nur noch Komödien – müssen wir dann einen neuen Heinz Erhardt generieren und Filmen wieder Titel wie „Natürlich die Autofahrer“ oder „Immer die Radfahrer“ oder „Otto ist auf Frauen scharf“ oder „Willy wird das Kind schon schaukeln “ geben? Obwohl... Autos und Radfahrer und Frauen und inwieweit sich Väter um Kinder kümmern, das alles ist ja tatsächlich immer noch Thema, man würde heute eben andere Inhalte daraus machen, „Natürlich die E-Autofahrer“ zum Beispiel.

Aber werden wir nicht alle verrückt, wenn es nur noch Komödien gäbe?

Ja, das wird auch nicht so sein, selbst nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ja dann irgendwann auch Filme, die sich mit den Verlusten und Traumata und der Täter-Opfer-Problematik auseinandersetzen, wenn auch wenige, aber ich glaube schon, dass extrem dystopische und düstere Filme, wie zum Beispiel Joker, es bei der Oscarverleihung 2021 schwerer haben würden. Insofern bin ich neugierig und als Autorin selbst betroffen davon, was die fiktionalen Stoffe von morgen sein werden.

Man kann sich ja angesichts der sozialen Isolation momentan zum Beispiel auch hervorragend Liebesfilme vorstellen, zwei lernen sich ganz romantisch per Videochat kennen und lieben, und dann gibt es ein extrem trauriges Ende, wenn die beiden sich nach der Ausgangsbeschränkung das erste Mal in Persona gegenüberstehen und sagen: ich dachte du wärst größer... Wir arbeiten dran.