Do 21.03. 16:40

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Umstrittene Michael-Jackson-Ausstellung in Bonn

In der Bundeskunsthalle in Bonn, einem der besucherstärksten Museen Deutschlands, eröffnet morgen eine neue Ausstellung. Sie trägt den Titel „Michael Jackson: On The Wall“, und zeigt 50 Werke internationaler Künstler und Künstlerinnen, die sich in Portraits, Bildern und Collagen kreativ mit Michael Jackson beschäftigt haben.

Das Bild "Archangel Michael: And no message could have been any clearer" von David LaChapelle in der Ausstellung "Michael Jackson: On The Wall" in Bonn © AP Photo/Martin Meissner
Das Bild "Archangel Michael: And no message could have been any clearer" von David LaChapelle in der Ausstellung "Michael Jackson: On The Wall" in Bonn | © AP Photo/Martin Meissner

Nach der Ausstrahlung der dokumentarischen HBO-Produktion „Leaving Neverland“ Anfang des Monats in den USA, in der Jackson von zwei inzwischen erwachsenen Männern sexueller Kindesmissbrauch über Jahre vorgeworfen wurde, gerät die Bonner Ausstellung jedoch im Feuilleton und im Netz verstärkt unter Beschuss.

Kann man eine Ausstellung gutheißen, deren Werke einen extrem umstrittenen Musiker ehren? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.

Das Bild "Archangel Michael: And no message could have been any clearer" von David LaChapelle in der Ausstellung "Michael Jackson: On The Wall" in Bonn © AP Photo/Martin Meissner
AP Photo/Martin Meissner
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Prinzipiell muss die Kunst frei sein, und sich mit allen Themen auseinandersetzen dürfen, auch mit „negativen“ Inhalten, wie zum Beispiel einem toten Popstar, der gerade und nicht zum ersten Mal massiv mit sexuellem Kindesmissbrauch konfrontiert wird. Denn auch, wenn sich diese Vorwürfe bestätigen, bislang sind es tatsächlich nur Vorwürfe, die beiden Männer wurden schon zwei Mal vor Gericht abgewiesen, mit der Begründung, die Jackson-Erben seien nicht für mögliche Verfehlungen des Künstlers haftbar zu machen, also selbst wenn die Männer nochmal klagen und Recht bekommen, darf man sich natürlich als Künstler oder Künstlerin mit dem Thema Michael Jackson beschäftigen.

Ein ambivalentes Sujet, wie Jackson, oder auch die Frage, was es für einen persönlich bedeutet, wenn eine solche Ikone sich als pädophiler Straftäter herausstellt, das ist bestimmt in künstlerischer Hinsicht nicht uninteressant.

Bei der Ausstellung in Bonn gibt es allerdings das Problem, dass es sich um eine schon ältere Show von ursprünglich 48 Künstlern und Künstlerinnen handelt, darunter Andy Warhol, David LaChapelle und Candice Breitz. Die Ausstellung war nämlich bereits im Sommer letzten Jahres in der Londoner National Portait Gallery zu sehen, kuratiert wurde sie noch früher. Und da standen zwar die außergerichtlich befriedeten Missbrauchs-Vorwürfe gegen Jackson aus den 90ern und aus dem Jahr 2009 längst im Raum, aber eben nicht die aktuelle und schockierende Diskussion um den „Leaving Neverland“-Film. Und man kann zudem ja den Künstlern eh nicht befehlen, wie oder wie kritisch sie ein Thema behandeln.

Es gibt in dieser Exposition meines Wissens zwar durchaus schon ambivalente Töne, ich hab zum Beispiel ein Interview mit Todd Gray gehört, einem Fotografen, der Fotos, die er von Jackson in den 70ern und 80ern gemacht hat, mit seinen Fotos aus Ghana kombiniert, um damit Jacksons problematischen Umgang mit seiner Blackness zu unterstreichen.

Aber: Diese große, emotionale und notwendige Diskussion, die jetzt gerade um Jackson und die Frage nach der Trennung von Kunst und Künstler aufwallt, die war bei der Konzeption dieser Präsentation noch nicht so da, weil der Film eben gerade erst gelaufen ist.  

Die Ausstellung und der Intendant der Kunsthalle Rein Wolfs wollen das Thema angeblich trotzdem angehen, das hat er gestern in einer Pressemitteilung verlauten lassen, man will Podiumsdiskussionen dazu veranstalten, man will Infotafeln anbringen, und in der Ausstellung selbst sollen AnsprechpartnerInnen zugegen sein, die einen informieren. Und man darf nicht vergessen, dass da in Bonn nicht Jacksons Kunst, sondern Jacksons Einfluss auf anderer Menschen Kunst gezeigt wird. Das finde ich legitim.

Und noch eine Info am Rande: In Indianapolis hat gerade ein Kindermuseum drei Jackson-Devotionalien vorerst aus seiner permanenten Ausstellung entfernt, das kann ich wiederum auch verstehen, weil die sich ja vielleicht erst mal darüber Gedanken machen wollen, wie und ob sie diese Vorwürfe kindgerecht aufbereiten können. Denn die Vorwürfe sind ja nun mal da, die darf man nicht ignorieren. Ich bin darum auch sicher, dass alle zukünftigen Ausstellungen über Michael Jackson oder von ihm inspirierte Kunst, genau wie jeder Text, jeder Kommentar über ihn, daran nicht mehr vorbeikommen. Und das ist absolut richtig so.