Do 23.05. 16:40

Wissen - Denken - Meinen

Ärger um Hängehoden und Wandbild von Comic-Zeichner Ralf König

Ralf König, den kennen Sie als Comiczeichner, als Cartoon-Chronisten der schwulen Subkultur vielleicht schon seit den 80ern, spätestens aber seit sein Buch "Der bewegte Mann" 1994 verfilmt wurde, haben Sie ihn bestimmt auf dem Schirm.

Stehaufmännchen von Ralf König © rowohlt
Ein nackter Homo Habilis sollte nach Königs Vorstellungen das Cover schmücken, doch der Verlag war vom hängendem Hodensack des behaarten Männleins nicht begeistert - Als Kompromiss hält sich der Homo Habilis nun einen brennenden Zweig vor seine Geschlechtsteile | © rowohlt

Ralf König zeichnet vorzugsweise Männchen mit sehr dicken Nasen, und teilweise sehr dicken Eiern, und erzählt dazu Geschichten aus dem queeren und nicht queeren Leben. Sein neues Buch „Stehaufmännchen“ ist soeben erschienen, auf dem Cover für dieses Buches ist ein nackter männlicher Cartoon-Affe zu sehen. Die Hoden des Tieres, das erzählte König just in einem Interview im SPIEGEL, mussten aber für das Cover ein bisschen übermalt werden, aus Gründen des Anstands. Zudem wurde König aufgefordert, das erzählte er ebenfalls, auch ein Wandbild zu überarbeiten, das er 2015 für ein queeres Veranstaltungszentrum in Brüssel geschaffen hatte – Transaktivisten und -aktivistinnen werfen ihm vor, auf dem Wandbild eine transphobe Figur dargestellt, und eine Figur mit rassistischen Klischees ausgestattet zu haben.

Aber wie sieht denn eine transphobe Ralf König-Comicfigur aus? Ein Kommentar von der Kulturjournalistin Jenni Zylka.


Das ist natürlich die richtige Frage in diesem komplexen Thema Befindlichkeiten. Die Affenhodenzensur ist natürlich eh Quatsch. Und bei der Brüsselgeschichte bin ich sicher, dass es sich bei der einen Figur auf dem Wandbild, das ist eine moppelige Ralf König-Dragqueen mit Bartschatten, mitnichten um die negative Darstellung eines Transmenschen handelt, sondern einfach um eine moppelige Dragqueen mit Bartschatten.

Ralf König selbst sagt „Trümmertunte“. Aber wenn König, der ja Comiczeichner und Karikaturist ist, einen Transgender-Menschen zeichnen wollen würde, sagen wir mal eine Frau, die im falschen, nämlich männlichen Körper geboren wurde, dann darf er natürlich auch eine moppelige Person mit Bartschatten zeichnen, denn erstens ist relativ, ob das negativ dargestellt ist – wer sagt denn, dass füllige Frauen mit Bartschatten nicht toll aussehen, und zweitens machen das Comics: Eigenheiten betonen und übertreiben.

Beim anderen Beispiel, über das sich die AktivistInnen in Brüssel mokieren, ist das etwas diffiziler: die Figur ist eine, sagen wir mal vorsichtig, äußerlich weibliche, dunkelhäutige mit dicken roten Lippen. Und bei dem Vorwurf Rassismus geht es ja oft um Stereotype, im Kolonialismus definierte körperliche Merkmale, die in einer langen Zeichentradition dunkelhäutige Menschen diffamierten, und dazu gehören eben auch dicke Lippen.

Nun denke ich, dass diese von Ralf König gezeichnete Frau einfach sehr stolz auf ihre vielleicht ja dicken Lippen ist und sie darum rot angemalt hat. Trotzdem sollte natürlich auch König den Hintergrund dieser stereotypen Symbolik kennen.

Aber ich finde, um jetzt mal von diesem unsäglichen Beispiel in Brüssel wegzugehen, denn diese Vorwürfe sind albern. Ich finde man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen als Aktivist und Aktivistin: Kann man Vorurteile, alte falsche Symbole, angebliche Merkmale vielleicht auch sukzessive aus der Welt schaffen, wenn man nicht alles, was damit zusammenhängt, radikal verbietet, sondern umdichtet? Wenn man sie für sich nutzbar macht, sie positiv besetzt?

In der Sprache nennt man das ja, und das ist einer meiner Lieblingsbegriffe aus dem lang vergangenen Linguistikstudium, Dysphemismus-Tretmühle. Dieses Wort besagt, dass ein negativ konnotierter Begriff eine Umdeutung, eine neue, positivere Bewertung erfahren kann, wenn wir es nur wollen, siehe den beliebten Slutwalk oder überhaupt das Wort Bitch, ist zwar, Tretmühle hin und her, noch nicht meins, aber ich finde das okay, wenn die 20+-Küken sich gegenseitig lieb und freundlich Bitch nennen und warte heimlich solange, bis keiner sich mehr an eine negative Bedeutung erinnert.

Und vielleicht kann man sowas ja auch mit bildlicher Symbolik machen, diesen Vorschlag hätte ich, und tatsächlich egal was, moppelige Menschenkörper, dicke Lippen oder was auch immer, als Ausdruck von Stolz auf seine eigenen Features sehen. Es kommt da auf die Umgebung an, in der das Bild auftaucht, und darauf, was die Figur macht, ist schon klar, aber ich denke manchmal, es ist einfacher, diese alten Bilder zu nutzen als zu verbieten, weil sich die Menschen ja generell ungern etwas verbieten lassen, darum auch diese Kritik an der geschlechtergerechten Sprache, die ja eigentlich nur Edles im Schilde führt. In diesem Sinne Ihr Bitches, schönen Tag noch!