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Zentrum für Politische Schönheit ruft zu Denunziation auf

Mit ihren Aktionen wollen die Kunst-Agitatoren die Öffentlichkeit wachrütteln. Nachdem sie im vergangenen Jahr ein Holocaust-Mahnmal im Garten des AfD-Vorsitzenden Bernd Höcke errichtet hatten, nehmen sie nun Chemnitz und die Rechtsradikalen in den Fokus.

Kundgebung der rechten Szene im August in Chemnitz © dpa/Jan Woitas
Kundgebung der rechten Szene im August in Chemnitz | © dpa/Jan Woitas

Das "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) ist eine künstlerische Gruppierung, die es seit 2008 gibt und die sich als eine Sturmtruppe „zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“ versteht. Sie machte schon mit Aktionen wie „Flüchtlinge fressen“, bei der Geflüchtete vor dem Maxim Gorki Theater Tigern zum Fraß vorgeworfen wurden, symbolisch versteht sich, oder mit einem nachgebauten Holocaust-Mahnmal im Nachbargarten des Grundstücks des AfD-Politiker Björn Höcke auf sich aufmerksam - so auch mit der aktuellen Aktion. Auf einer Internetseite ruft das ZPS dazu auf, Neonazis, Rassisten und Rechte zu denunzieren, z.B. bei ihren Arbeitgebern. Wir haben schon gestern darüber berichtet und wissen immer noch nicht, was wir davon halten sollen.

Was ist also von der Aktion zu halten? Ein Kommentar von Gerrit Bartels, Kulturredakteur des Tagesspiegel...

Kundgebung der rechten Szene im August in Chemnitz © dpa/Jan Woitas
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Nun, leider muss ich sagen: Was für eine blöde Aktion! Den Rechten mit ihren eigenen Mitteln beizukommen, darum geht es, Empörung verursachen! Auf dem Portal gibt es Kataloge, auf denen „Promis von Chemnitz“ oder sogenannte „Gesinnungskranke“ aufgelistet sind, oder „Drückberger vor der Demokratie“ - allein dieses Vokabular, „Gesinnungskranke“, „Drückeberger“, „wieder über Entnazifizierung nachdenken“! - und auf der Website wird dazu aufgefordert, weitere Informationen, Hinweise und Fotos über diese Personen zu liefern, sie eben, genau, sie haben es gesagt, bei ihren Arbeitgebern beispielsweise anzuschwärzen, und andere Personen, von denen es Fotos gibt, die aber noch nicht identifiziert sind, kenntlich zu machen, um sich dann eine Belohnung in einem extra dafür eingerichteten Büro abzuholen.

Das ist betont eklig, und man fragt sich schon: Was soll das? Der Hintergrund ist klar, das sind die Geschehnisse in Chemnitz vor ein paar Monaten, als es nach der Tötung eines Chemnitzers zu fiesen ausländerfeindlichen Ausschreitungen kam, zu rechten Demos, und das ist zum Beispiel auch der Aufruf von AfD-Politikern an Schüler, ihre Lehrer zu denunzieren, falls diese sich abfällig über die AfD geäußert haben.

Nur stellt sich wirklich die Frage, ob man ausgerechnet so den Rechten und insbesondere den Hetzern unter ihnen beikommen kann, mit demselben Vokabular, mit Denunziationsaufrufen, und zudem auch mit unsicheren Erkenntnissen: (Angeblich hat man drei Millionen Bilder von 7000 Verdächtigen im Netz ausgewertet, das wäre pro Verdächtiger zwischen 400 und 500 Bilder!, ach so, wo haben sie die denn alle her?, und am Ende, das ist nun mal so bei solch willkürlichen Denunziationen, ist gar nicht so sicher, ob bei den 7000 Verdächtigen wirklich alles Neo-Nazis und Rechte sind.) 200 Bilder mussten die Leute vom Zentrum politischer Schönheit ja schon wieder von ihrer Website nehmen. Und, was man auch sagen muss: Es gibt keine guten Denunziationen, es gibt nur bescheuerte Rechte.

Nun findet das ganze aber als eine Kunstaktion statt, man kann das ja auch als eine Form von Satire verstehen?


Ja, genau, das sind soziale Plastiken, irgendwie Installationen, da wird dann auch schon mal Christoph Schlingensief als Vorbild genannt. Aber ich meine: politische Schönheit? Ist das nicht schon ein Widerspruch in sich? Eine sehr folgenlose Ironie? Ist Kunst, die ganz plakativ politisch sein will, wirklich noch Kunst, und per se engagierte Kunst allein deshalb gut, weil sie politisch engagiert ist? Engagierte Kunst ist meist mittelmäßige Kunst. Kunst wirkt eigentlich erst mehr durch die Hintertür, durch eine Schönheit, die womöglich beim zweiten Hinsehen gar politisch wird.

Und das Problem ist auch, dass hier die Demokratiefeindlichkeit gerade von Rechten mit einer Demokratiefeindlichkeit unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit vergolten wird - ach diese Kunstfreiheit, nochmal ein Thema für sich! - und wirklich zu nichts führt. Kein Rechter wird sich dadurch läutern lassen, die Gräben wird das nur verhärten, und die Empörung, auf die das Zentrum abzielt, das Wachrütteln, auch das gehört zum medialen Betrieb, ist ein paar Tagen schon wieder abgeflaut.

Ja, und ich glaube, dass die, um denen es dem Zentrum für politische Schönheit geht, die Ausgegrenzten, die Opfern von Verfolgung und Diskriminierung, dass die sich jetzt durchaus noch mehr Sorgen machen müssen. Das eine ist so eine Aktion, das andere ist, sich wirklich auf die Seite derer zu stellen, die zurecht Angst vor den Rechten und den Populisten haben. Widerstand ist eine Kunst, die weh tun, reizen und verstören muss, so steht es auf der Website des Zentrums für politische Schönheit. Widerstand gegen Rechte muss tatsächlich wehtun, reizen und verstören, aber doch besser ohne Kunst.

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