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Literaturnobelpreis: Ist der Neuanfang gelungen?

Immer Ärger um den Literaturnobelpreis: Nach den Skandalen und Querelen in innerhalb des Nobelpreis-Kommittees wurde der Preis für das Jahr 2018 ausgesetzt und sollte in diesem Jahr strahlend und mit neuer Kraft zurückkehren: Und dann kam alles anders.

Eine Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel © imago images/imagebroker
Man hat schon den Eindruck, dass die Akademie auf ihrem politischen Auge so vollkommen blind gewesen ist, dass sie sich vielleicht nicht ganz bewusst darüber war, dass eben doch dieser Literaturnobelpreis eine immer größere politische Aufladung bekommen hat | © imago images/imagebroker

Seitdem Anfang Oktober die Schwedische Akademie in Stockholm bekanntgab, dass der österreichische Schriftsteller Peter Handke den Literaturnobelpreis des Jahres 2019 erhalten wird, tobt die Debatte über diese Entscheidung. Der Grund: Handkes proserbische Haltung in den Jugoslawien-Kriegen der neunziger Jahre, der schwerwiegende Vorwurf, er sei ein Genozid-Leugner.

Was in dieser heftigen Debatte um Handke geradezu naturgemäß untergeht: Es gibt dieses Jahr eine weitere Literaturnobelpreisträgerin, die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk. Sie nämlich erhält den Preis des Jahres 2018, der im vergangenen Jahr wegen der Querelen und Skandale in der Schwedischen Akademie ausgesetzt wurde. 

Nicht nur, dass die Akademie sich damals nicht in der Lage sah, einen Preis zu verleihen, sie wollte selbst zur Ruhe kommen, sich neu aufstellen.

Am kommenden Freitag und Samstag treten Handke und Tokarczuk erstmals in Stockholm auf, es gibt eine Pressekonferenz und die sogenannten Nobel Lectures, die Dankesreden der Preisträger, bevor es dann zur offiziellen Verleihung kommt. 

Nun stellt sich die Frage, ob denn vor dem Hintergrund der Handke-Debatte und der diesjährigen Vergabe gleich zweier Preise der Neuanfang für die Schwedische Akademie gelungen ist? Ein Kommentar von Gerrit Bartels, Kultur-Redakteur des Tagesspiegels.

Eine Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel © imago images/imagebroker
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Nein, das muss man klipp und klar sagen, eher im Gegenteil. Es wirkt natürlich gerade so, als gäbe es niemand anders als Peter Handke, über den debattiert wird: über seine Jugoslawien-Texte, seine starrsinnige, einseitige Parteinahme für die Serben, seine obskuren Auftritte in Belgrad in den vergangenen Jahren, manches seltsame Interview. Das kommt der Schwedischen Akademie schon irgendwie zugute, von ihren Skandalen nach den MeToo-Enthüllungen aus dem Jahr 2017 ist überhaupt keine Rede mehr, von ihren Problemen, den eigenen Laden mal ordentlich durchzulüften, sich selbst radikaler in Frage zu stellen.

Doch natürlich wird im Zuge der Handke-Debatte immer wieder auch die Frage gestellt, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet er den Literaturnobelpreis bekommt: ein Autor, über dessen Literatur man ja streiten kann, die literaturnobelpreiswürdig ist oder auch nicht, wie bei so vielen anderen.

Der aber politisch sich aber doch sehr diskreditiert hat, man denke nur an seine Teilnahme an der Beerdigung des serbischen Autokraten und Ex-Präsidenten Slobodan Milošević, wo er ja auch eine kurze Rede gehalten hat, auf Serbokroatisch, da sagte er, dass er schaue, höre, fühle, sich erinnere und er deswegen auf der Beerdigung sei, „nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević.“

All das ist der Akademie bekannt gewesen. Man hat da schon den Eindruck, dass sie auf ihrem politischen Auge so vollkommen blind gewesen ist, dass sie sich vielleicht nicht ganz bewusst darüber war, dass eben doch dieser Literaturnobelpreis eine immer größere politische Aufladung bekommen hat, er auch ein immer politisch interpretierter Preis ist.

Also, man muss man schon fragen: Waren die da so naiv in Stockholm? Haben Sie das nicht vorausgesehen, dass diese Debatte nochmal geführt werden würde? Eine Debatte, die es ja schon in den neunziger Jahren gegeben hat, dann als Handke der Heinrich-Heine-Preis 2006 aberkannt werden sollte, dann 2014, als er in Norwegen den Ibsen-Preis bekam, und die jetzt wieder mit gleicher, wenn nicht noch stärkerer Heftigkeit geführt wird. Gerade weil das jetzt ja der Literaturnobelpreis ist.

Nein: Die Schwedische Akademie hat da ein Eigentor geschossen, der Neuanfang ist ihr ganz und gar nicht geglückt.

Was aber folgt jetzt aus dieser neuen Handke-Debatte?

Ich glaube, um noch einmal auf die Akademie, auf das Literaturnobelpreiskomitee zu kommen, dass es nach den Verleihungszeremonien nächste Woche eine weitere Debatte über den Sinn oder Unsinn des Literaturnobelpreises geben wird, insbesondere über die Zuständigkeit der 18 Mitglieder des Komitees und der fünf Externen Mitglieder, die ja dieses Jahr und für 2020 hinzugezogen wurden.

Dass es dort weiterhin sehr unruhig zugeht, beweist die Tatsache, dass diese Woche zwei der Externen Mitglieder, die Literaturkritikerin Gunn-Britt Sundström und der Übersetzer Kristoffer Leandoer, wieder ausgetreten sind, wegen Arbeitsüberlastung, heißt es, wegen zu vieler anderer Verpflichtungen im Zug dieser Mitgliedschaft, die mit Literatur nichts zu tun hätten.

Doch dahinter steckt sicher auch der Zwist wegen Handke, die von vielen anderen Mitgliedern des Literaturpreiskomitees anscheinend bevorzugte Trennung von Literatur und Politik.

Und ansonsten? Schwer zu sagen. Eigentlich wurde Mitte der neunziger Jahre alles zu Handkes Serbien-Verirrung gesagt, nur dass Handke auch über 20 Jahre später keinen Jota von seinen Meinungen, seiner Haltung damals abweicht, zu keinen Zugeständnissen bereit ist, keinen Kompromissen, keinem Mitgefühl für die Opfer gerade auf bosnischer Seite.

Literatur, das ist schon zu erkennen, lässt sich von gesellschaftlichen, politischen Entwicklungen nicht einfach so trennen, die schwebt nicht einfach so für sich im luftleeren Kunstraum, hat sie noch nie. Gerade im Fall von Handke und Jugoslawien hat diese Debatte wirklich vor allem alte Wunden wieder aufgerissen - von Versöhnung ist da keine Spur, im Übrigen auch nicht bei Handke, der das in seinen Büchern ja immer betont, und dass diese Wunden aufgerissen wurden, und das ist dann vor allem die Schuld der Schwedischen Akademie und ihrer Entscheidung, denn, ist doch so: Großartige Schriftsteller und Schriftstellerinnen gibt es noch so einige mehr auf der Welt als Peter Handke, den hätte man ruhig in Frieden lassen können, in Chaville, in seinem Obstgarten.