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Star-Aufgebot bei Bidens Amtseinführung: Was sagt uns das?

Morgen ist es endlich soweit: dann finden die großen Amtseinweihungsfeierlichkeiten für den neuen US-Präsidenten Joe Biden und seine Vizepräsidentin Kamala Harris statt, und das Staraufgebot aus Pop und Showbusiness dazu ist riesig.

Lady Gaga im November bei einer Wahlkampfveranstaltung für Joe Biden in Pennsylvania
Lady Gaga im November bei einer Wahlkampfveranstaltung für Joe Biden in Pennsylvania. Am Mittwoch wird der US-Popstar bei Bidens Amtseinführung auftreten | © imago images/ZUMA Press

Lady Gaga singt die US-Hymne und Jennifer Lopez liefert eine musikalische Tanzeinlage. Bei einem extra dazu laufenden parallelen Fernseh-Special treten dann unter anderem Bruce Springsteen, die Foo Fighters, Demi Lovato, Justin Timberlake, Jon Bon Jovi und die New Radicals auf, auch die Schauspielerinnen Eva Longoria und Kerry Washington sind dabei. Moderiert wird das Ganze von Tom Hanks.

Was sagt uns das? Kann man da von einer Art Neuauflage von „We Are The World“ sprechen? Ein Kommentar von Gerrit Bartels, Kulturredakteur beim Tagesspiegel.

Lady Gaga im November bei einer Wahlkampfveranstaltung für Joe Biden in Pennsylvania
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Ich glaube, erst einmal ist das eine inzwischen typische Amtseinführung. Denn das Popstars dazu eingeladen werden, hat ja schon eine gewisse Tradition, bei der ersten Amtseinführung von Obama traten beispielsweise U2, Sheryl Crow, Beyoncé, Mary J. Blige, Bruce Springsteen oder Stevie Wonder auf.

Interessant ist dieses Staraufgebot natürlich vor dem Hintergrund, dass es bei Trump vor vier Jahren natürlich völlig anders war, da hatte das Feierkomitee und die Trump-Leute erhebliche Probleme, überhaupt irgendwelche Popstars zu finden, da sagte selbst die eigentlich schon gebuchte Bruce-Springsteen-Coverband in letzter Minute ab, da traten gerade einmal die Punkrockband Three Doors Down auf, und eine 16jährige namens Jackie Evancho, die durch eine Talentshow bekannt geworden war, sang die Nationalhymne, das war pop- und showbusinessmäßig eine reine Armutsshow.

Ja, und vielleicht kann man das jetzt mit "We are the world" vergleichen, das Motto für diese Amtseinweihung heißt ja "America United". Aber mehr noch drückt sich in diesem prominenten Aufgebot für Biden vor allem eine große - allerdings auch sehr erwartbare - Erleichterung aus, dass es jetzt wirklich vorbei ist mit Trump. Das Herz des US-Pops schlägt halt nun einmal eher links und demokratisch, und mir ist da noch gut die erste Grammy-Verleihung nach der Trump-Wahl in Erinnerung, als die meisten der dort auftretenden Musiker und Musikerinnen subtile Anti-Trump-Statements abgaben.

Das wirkte politisch, war aber ebenfalls vorhersehbar, zumal es während des Wahlkampfs damals unwahrscheinlich viele Anti-Trump-Aktionen von Popstars gegeben hatte - leider nur demonstrierte die Wahl von Trump am Ende, wie machtlos der Pop letztendlich ist, wie wenig Einfluss er auf die politischen Ansichten seiner Fans hat.

Aber kann man nicht sagen, dass die Popmusik mit den Präsidentschaften von Barack Obama, dann Trump und jetzt Joe Biden wieder politischer geworden ist? Gibt es da nicht eine Renaissance des Polit-Pops?


Tja, das wünscht sich der Pop-Diskurs immer gern her, so eine Politisierung oder Repolitisierung von Pop. Nur: Wenn ich mir die ganzen Stars bei Bidens Amtseinführung so anschaue und ein bisschen gehässig sein will, repräsentiert das Aufgebot doch vor allem den weißen Mainstream-Pop, also Springsteen, die Foo Fighters, Justin Timberlake, Jon Bon Jovi, Lady Gaga, New Radicals, da machen ja tatsächlich nur Jennifer Lopez und Demi Lovato mit ihrem mittelamerikanischen oder mexikanischen Hintergrund eine Ausnahme, also von wegen America United.

Das schwarze Amerika, so scheint es mir, ist da doch etwas unterrepräsentiert, nicht einmal Beyoncé ist dabei.

Tatsächlich aber kann man von einer Repolitisierung von Pop sprechen, denn die Black-Lives-Matter-Bewegung, die wird seit ihren Anfängen 2012/2013 von den Songs schwarzer Künstlerinnen und Künstlern mitgetragen, da seien nur einmal der Rapper Kendrick Lamar genannt, die Hip-Hop-Band Run The Jewels, auch der Jazz-Musiker und Saxofonist Kamasi Washington, oder eben Beyoncé und ihre Schwester Solange Knowles.

Trump hat jedenfalls sicher in seinen vier Jahren Präsidentschaft für eine enorme Mobilisierung auf Seiten seiner Gegner gesorgt, da gab es sicher eine verstärkte Politisierung von Pop, von der Popkultur.

Man muss mal sehen, wie sich das jetzt alles unter Joe Biden entwickelt. Ich denke, auch in den kommenden Jahren muss es eigentlich für jeden Popstar gemäß eines Songs von Public Enemy heißen: Fight The Power. Das ist immer das mindeste für einen politisch denkenden Popstar.