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Erstmals mehr Vinyl- als CD-Verkäufe

Das gute alte Vinyl, die gute alte Schallplatte, will einfach nicht aufhören zu existieren, im Gegenteil: Vinyl boomt.

Alter Plattenspieler © imago images / Becker&Bredel
Alter Plattenspieler | © imago images / Becker&Bredel

Der amerikanische Musikindustrieverband, die RIAA (Recording Industry Association of America) hat gerade in seinem Halbjahresreport verkündet, dass der Vinyl-Umsatz in den ersten sechs Monaten des Jahres 2019 um 12, 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen sei, und wenn sich dieser Trend fortsetze, könnte es sein, dass am Ende des Jahres die Umsätze mit den großen schwarzen Schallplatten die Umsätze mit den kleinen Silberlingen, den CDs, überholt haben. 

Ist analog doch wieder besser? Ein Kommentar von Gerrit Bartels, Kulturredakteur des Tagesspiegel...

Alter Plattenspieler © imago images / Becker&Bredel
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Grundsätzlich natürlich gut. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich selbst überhaupt keine Vinylplatten mehr höre, Musik nur noch von dem Streaming-Dienst meines Vertrauens beziehe, mich aber doch noch sehr an den Vinylplatten in meinem Schrank erfreue, also fast ausschließlich LPs, da stehen so schöne Exemplare von neuseeländischen Bands wie den Chills oder The Clean, viele frühen Platten von Nick Cave oder das Gesamtwerk einer Band wie Thin White Rope, die sicher alle noch kennen und auch an meine allerletzte Platte, die ich erstanden habe. Das war ein Blumfeld-Album aus dem Jahr 2003, „Jenseits von Jedem“.

Tatsächlich scheint es noch viele Pop-Fans zu geben, die sich ganz neue Popmusik - und vermutlich auch Klassik oder Jazz - auf Vinyl zulegen. Die Gründe dafür sind ja bekannt: das Haptische, das Platten nun einmal haben, viel mehr noch als CDs. Der Akt des Auflegens, der ja auch etwas hat von dem Akt, eine Zigarette anzuzünden. Und dann ganz wichtig, der bessere Klang, das merkt man selbst, wenn man kein Klangfetischist ist, wenn es nicht nur um das Knistern geht, so analog zu dem Blätterrascheln von Zeitungen. Ja, und zu guter Letzt sind da noch die großen Cover, die ja mitunter Kunstwerke eigenen Ranges sind.

Ich finde ja immer noch, dass ein Plattenladen, in dem die Plattencover im Schaufenster hängen und zu sehen sind, eine ganz eigene Schönheit hat, und das meine ich wirklich nicht nostalgisch. Das hat durchaus ganz praktisch-kreative Gründe, solche schönen Schaufenster hat es mit den CDs nie gegeben, und bei den Streaming-Diensten müht man sich ja auch, es optisch schön zu gestalten, ist halt alles so winzig.

Aber gibt es nicht auch eine ganz nostalgische Sehnsucht nach dem guten Alten, eine wirklich entscheidende Rückkehr zu den physischen Tonträgern?

Ich schätze, dass es da schon so ein Manufactum-Gefühl gibt, ein konservatives Moment, die guten Dinge im Leben und so weiter, und ich kann mir vorstellen, dass nachfolgende Generationen, die überhaupt noch nie ein Vinylalbum in der Hand gehabt haben werden, also die Kinder unserer Kinder sozusagen, mit Vinyl dann gar nichts mehr anzufangen wissen, das Ganze ist schon ein Ding der Babyboomer-Generation der sechziger- und siebziger Jahre.

Zumal sich auch die Frage stellt: Wie war das noch einmal mit den Presswerken? Sind die nicht geschlossen, in jedem Fall immer weniger geworden, in Deutschland gibt es noch gerade einmal sieben Stück, und klar, die kommen immer schwerer nach mit dem Pressen bei diesem Boom, deshalb kommt die Vinylfassung eines neuen Albums auch immer ein paar Wochen nach der eigentlichen Veröffentlichung heraus. Man muss aber auch sagen, dass in den USA - und die aktuellen Vinyl-Boom-Zahlen stammen ja alle aus den USA - zwar stolze 9 Millionen Vinylplatten im ersten Halbjahr 2019 verkauft wurden, 17 Millionen waren es 2018 - dass dann trotzdem immer noch doppelt so viel CDs verkauft werden. Dass sich die Umsätze angleichen, liegt daran, dass Platten mitunter doppelt so teuer sind wie die CDs, dass sie Sammlerwert haben, und trotz der aktuellen Zuwächse ist auch klar, dass das Vinylalbum ein Nischenprodukt bleibt, denn - jetzt noch eine Zahl - am Gesamtumsatz der Musik ist das Vinyl mit gerade einmal mit 4 Prozent beteiligt, CDs dürften da auf geringfügig größerer Prozenthöhe liegen.  Das meiste Geld verdient die Musikindustrie inzwischen tatsächlich mit dem Streaming-Geschäft, da schwanken die Zahlen zwischen 60 und 80 Prozent am Gesamtumsatz, es ist halt einfach am einfachsten und praktischsten.

Insofern muss man die Kirche wirklich im Dorf lassen. Das ganz große Rad wird mit dem Vinyl nicht mehr gedreht, die Popgeschichte wird sicher deshalb nicht auf Zurück gedreht oder gar noch einmal neu geschrieben werden.