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Suhrkamp-Verlag wird 70

Am morgigen 1. Juli ist der Tag, an dem der Suhrkamp Verlag Geburtstag hat. Da wird er 70 Jahre alt, da wurde er vor 70 Jahren von Peter Suhrkamp gegründet.

Bücher des Suhrkamp-Verlags liegen in einer Buchhandlung auf einem Tisch © picture alliance/dpa
Bücher des Suhrkamp-Verlags liegen in einer Buchhandlung auf einem Tisch | © picture alliance/dpa

Der Suhrkamp-Verlag ist zu einer Legende geworden, zum Verlag der Verlage gewissermaßen, ein Verlag, der mit seinen Autoren von Hesse über Brecht bis Adorno und Habermas intellektuell so bestimmend war, dass noch heute von der vielgerühmten Suhrkamp-Kultur die Rede ist, der dann aber auch durch viele Krisen gehen musste, gerade als Peter Suhrkamps Nachfolger Siegfried Unseld 2002 starb, nachdem er über 40 Jahre lang den Verlag geleitet und geprägt hatte.

Wie verhält sich das mit dem Suhrkamp Verlag heute, ist er noch immer die intellektuelle Institution, der Verlag, der den „Goldstandard der Literatur“ repräsentiert, wie das „Die Zeit“ vergangene Woche schrieb? Ein Kommentar von Gerrit Bartels, Kultur-Redakteur des Tagesspiegels.

Bücher des Suhrkamp-Verlags liegen in einer Buchhandlung auf einem Tisch © picture alliance/dpa
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Naja, wenn man sich jetzt einfach mal anschaut, wer den Literaturnobelpreis 2019 gewonnen hat, nämlich der Suhrkamp Autor Peter Handke, dann muss man wohl sagen: Ja, unbedingt.

Nur ist es in diesem Fall so: der Preis für Handke hat die Gemüter ungemein bewegt, wegen der Einstellung und Bücher Handkes zum Jugoslawienkonflikt, doch wenn es inzwischen neue Bücher von Handke gibt, dann ist das Interesse eher bescheiden.

Nein, es ist sicher nicht mehr so wie in den großen Zeiten der vielbeschworenen Suhrkamp-Kultur in den siebziger und achtziger Jahren, wo jedes Buch von Handke, Martin Walser oder Max Frisch sich Zehntausende Male verkaufte oder die Bestsellerlisten stürmte, heute verdient Suhrkamp mit Elena Ferrante Geld, mit Isabel Allende, und Krimis und Thriller gibt es auch.

Trotzdem: das literarische Programm lässt sich Jahr für Jahr sehen, Suhrkamp-Autoren haben ein Abo auf den Georg-Büchner-Preis, man denke an Rainald Goetz und Sibylle Lewitscharoff, aus den vergangenen Jahren, oder auch auf den Deutschen Buchpreis, und Suhrkamp veröffentlicht regelmäßig weiterhin Bücher seiner großen Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge oder Volker Braun.

Dass es jetzt nicht mehr die ganz großen literarischen Namen mehr gibt, hat ja auch mehr mit der Zeit zu tun, damit, dass viele Autoren und Autorinnen nicht mehr den Anspruch haben, sich auch politisch und gesellschaftlich aktiv einmischen zu wollen, da unterscheidet sich jetzt das literarische Programm von Suhrkamp nicht groß von denen anderer Verlage wie Hanser, Fischer oder KiWi.

Aber, es gibt auch immer wieder entscheidende Bücher im Sachbuchprogramm, in der Edition Suhrkamp, man denke da nur an Didier Eribon, an Annie Ernaux, an die Bücher des Soziologen Andreas Reckwitz oder des Politikwissenschaftlers Philip Manow über die „Entdemokratisierung der Demokratie“, die sind ja auch gerade in aller Munde, und doch, das mit der intellektuellen Institution, das lässt sich vor diesem Hintergrund schon noch sagen.

Was doch eigentlich ziemlich erstaunlich ist - in den vergangenen Jahren ging es beim Suhrkamp Verlag eher hollywoodmäßig zu, da war ja immer von der Suhrkamp-Soap die Rede. Wie ist es denn damit, ist jetzt Ruhe in den Verlag eingekehrt?


Ich fürchte: ja, da geht es jetzt ziemlich ruhig und gesittet zu in dem Verlag, zumindest hat das von außen den Anschein, negative Schlagzeilen gibt es eigentlich kaum noch. Ich kann mich auch noch erinnern, wie es Woche für Woche hieß, dass es schon wieder einen Suhrkamp-Prozess gibt, dass sich die Gesellschafter vor Gericht treffen und man dahin musste, dass der Verlag insolvent ist, was das wieder bedeutete und es ging wirklich um viele Dinge, die juristisch schwer zu durchschauen waren, aber halt kaum noch um Bücher.

Trotzdem, schon damals war es erstaunlich, dass da wie gewohnt gearbeitet wurde, dass diese ganzen Prozesse kaum auf die literarische Produktion abfärbten. Man wundert sich ja wirklich: Der Verlag hat das alles überstanden, auch den Umzug nach Berlin, wo er ja sehr für angefeindet wurde, er ist jetzt eine Aktiengesellschaft, da hält jetzt das Mäzenatin-Ehepaar Streuer ein Drittel der Anteile, das sorgt schätzungsweise für viel wirtschaftliche Stabilität, und da hat man den Eindruck, der Verlag steht besser denn je da, so macht das den Eindruck.

Dass es trotzdem immer wieder Unruhe gibt, hat der Nobelpreis an Handke bewiesen, das hat Suhrkamp standhaft ausgehalten, oder auch, dass ein Autor wie der inzwischen doch sehr ins rechte Lager abgedriftete Uwe Tellkamp immer noch Suhrkamp-Autor ist.

Man ahnt schon, dass es da bald wieder Debatten gibt, wenn der Tellkamp-Roman dann tatsächlich bei Suhrkamp herauskommt. Aber es scheint vielleicht auch so: Unruhe gehört bei Suhrkamp einfach mit dazu, gewisse Turbulenzen müssen sein, da wird dieser Verlag dann erst recht kreativ und produktiv, und eine erste literarische Adresse, das bleibt er bestimmt auch die nächsten 70 Jahre, allein der Tradition wegen.