GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Über ungeahnte Frischwasserreserven unter dem Meeresboden

Unter dem Meeresboden befinden sich bislang nicht bekannte Frischwasserreserven, die künftig Lücken in der weltweiten Trinkwasserversorgung schließen könnten. Darauf weist eine Studie hin, die vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel vorgelegt wurde.

Sandiger Meeresboden © imago images/imagebroker
Sandiger Meeresboden | © imago images/imagebroker

Es klingt nach Jules Verne und "20.000 Meilen unter dem Meer" - ist aber Realität: Unter dem Meeresboden befinden sich bislang nicht bekannte Frischwasserreserven, die künftig Lücken in der weltweiten Trinkwasserversorgung schließen könnten.

Danach wurden große Süßwasserreserven unter dem Meeresboden vor den meisten Kontinentalrändern rund um den Globus gefunden. Die Gesamtgröße dieser Vorkommen wird auf eine Million Kubik-Kilometer geschätzt. Die Grundwasserbecken entstanden in den letzten 2,5 Millionen Jahren während Perioden mit einem besonders niedrigen Meeresspiegel.

Sonja Koppitz und Max Spallek sprechen darüber mit der Geowissenschaftlerin Marion Jegen vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Sandiger Meeresboden © imago images/imagebroker
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Warum ist das bitte schön so eine Sensation?


Dass es Grundwasser im Meeresboden gibt, ist eigentlich keine große Sensation. Es war sogar schon in der Antike bekannt, weil die Seefahrer Frischwasserblasen an der Meeresoberfläche benutzten, die von starken Süßwasserquellen auf dem Meeresboden gespeist wurden, um ihre Schiffe mit Frischwasser zu versorgen. Also regional wusste man schon immer davon. Sensationell ist eher das gesamte Volumen des Frischwassers im Meeresboden auf das man kommt, wenn man von diesen ganzen lokalen Studien zu einer globalen Studie übergeht. Das Volumen wird im Augenblick auf eine Million Kubikkilometer geschätzt und die Bedeutung dieser Vorkommen, das haben Sie ja schon angedeutet, für die Menschheit ist aber eher in der steigenden Wasserknappheit zu suchen. Also durch den Bevölkerungswachstum, der dichten Besiedlung in Küstennähe und dem Klimawandel kommen die Land-Grundwasservorkommen und die an der Küste unter extremen Druck - z.B. Kapstadt ist ja da ein sehr bekanntes Beispiel. Da gingen ja vor ein paar Jahren fast die Hähne trocken. Es ist aber auch in vielen anderen Städten, global auch so, und auch hier in Europa.

Können Sie uns das noch mal ein bisschen anschaulicher machen? Eine Million Kubikkilometer Frischwasser: wie viel ist das? Wie viele Menschen könnte man damit versorgen?


Ja, das ist eine ganze Menge. Man kann das sich vielleicht so veranschaulichen: das Schwarze Meer hat eine halbe Million Kubikkilometer Wasser, das wäre dann noch zweimal so viel Wasser wie im Schwarzen Meer. Oder vielleicht noch signifikanter ist ein Vergleich, dass das ungefähr zehn bis hundertmal mehr ist als das die Menschheit seit 1900 verbraucht hat.

Und wir haben uns so ein bisschen angelesen, dass diese Grundwasserbecken in den letzten 2,5 Millionen Jahren während der Perioden mit besonders niedrigen Meeresspiegeln entstanden sind. Wie müssen wir uns das vorstellen?


Ironischer Weise sind diese Grundwasservorkommen im Meeresboden eine Folge des Klimawandels, und zwar des Klimawandels der Vergangenheit. Man hatte ja immer wiederkehrende Eiszeiten, und in den Eiszeiten wird das Meerwasser in Eis an den Polen gebunden, wodurch der globale Meeresspiegel sinkt. In der letzten Eiszeit waren es zum Beispiel 120 Meter. Und damit ist natürlich ein Großteil des Schelfs, was jetzt unter Wasser ist, war damals auf dem Land, wo sich dann, wie auch sonst auf dem Land, durch Regen oder Schnee gespeiste Grundwasservorkommen gebildet haben. Und am Ende der Eiszeit schmilzt das Eis ab, und dann steigt der Meeresspiegel wieder, und deshalb liegen die Vorkommen nun unter dem Meeresboden. Ob und wieviel Grundwasser sich ansammelt, hängt natürlich von den geologischen Gegebenheiten und Klima ab - in der Region. Und die bestimmen auch wiederum, wie lange sich solche Vorkommen im Meeresboden halten können. Die sind ja dann im Salzwasser-Milieu - mehr oder weniger - und versalzen. Das kann schnell gehen, aber auch sehr lange dauern, je nachdem, wie hoch die Durchlässigkeit der Gesteinsschichten ist.

Frau Jegen, sie sind eine der wenigen Interviewpartnerin, die uns sprachlos machen können mit diesen Angaben. Wie kommt man jetzt an dieses Wasser, was ja überall jetzt wohl über den Globus verteilt an den Kontinentalrändern vorhanden ist? Wie kommt man da jetzt ran?


Ja, das ist also der zentrale Teil unserer Studie gewesen, dass wir uns interdisziplinär mit vielen Wissenschaftlern aus vielen Ländern zusammengesetzt haben und uns gefragt haben, wie kann man die überhaupt finden und quantifizieren. Im Augenblick beruhen diese eine Million Kubikkilometer auf Befunde in Bohrlöchern und Modellierungen. Aber wir wollen jetzt dazu hingehen und wirklich diese Vorkommen finden, quantifizieren in ihrer Lage, in ihrem Volumen, und, wie salzhaltig ist dann die Flüssigkeit, und da haben wir so einen interdisziplinären Ansatz, den wir auch hauptsächlich am GEOMAR entwickeln, auch Explorationstechnik.

Aber das dauert wahrscheinlich noch ein bisschen, oder?


Na, wir sind schon ganz gut unterwegs. Wir haben schon erfolgreiche Studien in Neuseeland gehabt, sind im Augenblick sehr aktiv in Malta. Malta ist eines der wasserärmsten Länder auf der Welt und das wasserärmste in Europa. Und wir setzen da unsere neuen Technologien ein und versuchen, die zu finden.