Fernsehgeschichte

Nach 35 Jahren endet die "Lindenstraße"

Mit Folge 1758 sagt die "Lindenstraße" am Sonntag (29. März 2020, 18.50 Uhr, Das Erste) „"Auf Wiedersehen". Damit endet nach mehr als 34 Jahren eine Ära der deutschen Fernsehgeschichte.

Das Ensemble der "Lindenstraße" 2019 © WDR/Thomas Kost
Das Ensemble der "Lindenstraße" 2019 | © WDR/Thomas Kost

radioeins-Kollege Torsten Hempelt hat nicht nur ein Faible für schräge Musik, sondern auch kaum eine Folge der "Lindenstraße" verpasst, seit sie am 8. Dezember 1985 auf Sendung ging. Jahrelang saß er jeden Sonntag erwartungsfroh vor dem Fernseher.

Mit ihm zusammen schauen Sonja Koppitz und Max Spallek zurück, bevor am kommenden Sonntag die letzte Episode "Auf Wiedersehen" ausgestrahlt wird – auf die "Lindenstraße" im Wandel der Zeit und den Wandel der Zeit in der "Lindenstraße".

Das Ensemble der "Lindenstraße" 2019 © WDR/Thomas Kost
WDR/Thomas Kost
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In der radioeins-Redaktion wird gemunkelt, Du hättest tatsächlich ALLE Folgen der Lindenstraße gesehen – immerhin, Stand jetzt, 1757 Stück!

Ich würde nicht schwören, dass es wirklich alle waren, denke aber, dass ich tatsächlich die allermeisten davon gesehen habe, ja. Übrigens freue ich mich, dass wir heute, also an einem Donnerstag, darüber sprechen – denn die Lindenstraße wird zwar sonntags ausgestrahlt, spielt aber meist am vorhergegangenen Donnerstag. Und ich finde es irgendwie schön, mir vorzustellen, dass das, was es am Sonntag in der letzten Folge zu sehen geben wird, jetzt gerade von statten geht. Auch wenn das natürlich Quatsch ist...

Aber schon eine romantische Vorstellung. Wie hat sich die Lindenstraße denn so im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Gewaltig finde ich. Los ging es ja 1985, da war Kohl Kanzler, es herrschte noch Kalter Krieg und die Lindenstraße, als erste deutsche Seifenoper, zeigte etwa sechs gute Handvoll unterschiedlicher Menschen entweder im Einklang oder im Konflikt miteinander und der irgendwie miefigen Behäbigkeit der Zeit. Das Fernsehangebot allgemein war noch nicht so groß, da schaltete man halt ein – und ich blieb irgendwie dran, auch wenn ich sagen muss, dass ich oft doch froh war, wenn die Folge vorbei war. Ein bisschen, wie im echten Leben – da hat man ja auch gute und nicht so gute Tage und möchte trotzdem wissen, wie's weitergeht. Beim Schauen der frühen Folge habe ich das Gefühl, man könnte vor dem Bildschirm fast den bundesrepublikanischen Schweinebraten im Treppenhaus der Lindenstraße Nummer 3 riechen, wo auch sonst alles irgendwie beige, grau und braun war.

Das war doch die Zeit, wo Else Kling das Aushängeschild der Lindenstraße war – die neugierige, zänkische Hausmeisterin.

Genau, natürlich neben Marie-Luise Marjan, als Helga Beimer. Bis 2006 war Else Kling, gespielt von Annemarie Wendl dabei, kommentierte ungefragt und schimpfte was das Zeug hielt.

Die Lindenstraße war aber doch lange Zeit eine relativ typische Seifenoper, so die ersten 10, 15 Jahre – wenn auch die Beziehungsgeflechte der Bewohner ziemlich schnell absurde Dichte annahmen und natürlich alles - gelinde gesagt - ein wenig zugespitzt dargestellt wurde.

Dazu wurden stets aktuelle Ereignisse eingebaut und diskutiert– mitunter mit kuriosen Folgen. Zum Beispiel erstattete Peter Gauweiler von der CSU-Strafanzeige, weil ein Charakter aus der Serie ihn 1988 als "Faschist" bezeichnet hatte. Und 1990 gab's dann zwar nicht den ersten, aber einen der ersten Küsse zweier schwuler Männer im deutschen Fernsehen, was damals noch erboste Zuschriften verursachte und sogar Morddrohungen gab.

Es scheint noch gar nicht so lange her, würde aber heute wohl niemanden mehr "schockieren" – obwohl, die Nachfolger der Leserbriefschreiber von damals sind wohl die Trolle in den Internetforen von heute.

Internet ist auch ein schönes Stichwort, denn die Lindenstraße hatte immer den Finger am Puls der Zeit – und so gab es auch dort irgendwann Soziale Medien und Internetsuchmaschinen. Nur hießen die in der Lindenstraße "Spacehorst" oder "Findhund". Das sind auch ein bisschen Indikatoren für die Wandlung, die die Sendung durchgemacht hat – statt der sozialkritischen und eher gelegentlich dezent komischen Seifenoper der ersten Jahre, die sich wohl irgendwann totgelaufen hätte und auch kurz davor stand, wurde aus der Serie nach und nach ein, wie ich finde, ziemlich einzigartiges Alltagskunstwerk, das den Ansatz von früher und das Verhandeln aktueller und auch kontroverser Themen mit absurden Momenten und herrlich selbstironischen Anspielungen verquirlte. Fast schon "freidrehend", irgendwie – im positiven Sinn.

Also, abschließend gesagt, finde ich es wirklich schade, dass jetzt Schluss sein soll. Und, ehrlich gesagt, auch irgendwie unverständlich, wenn man sieht, welche anderen Serien so für fortsetzungswürdiger gehalten werden.

Auf jeden Fall aber hört die Lindenstraße auf hohem, vielleicht dem höchsten Niveau der ganzen 34 1/3 Jahre auf – mit einem Knall, könnte man sogar sagen. Und mit der überraschenden Fortsetzung eines einigermaßen morbiden Running Gags in der vorletzten Folge letzte Woche, nämlich, dass Anna Ziegler wohl tatsächlich bereits den dritten Mann im Affekt tödlich von sich gestoßen hat – was von Helga Beimer in wunderbarer, fast stoischer Weise kommentiert wurde. Ein toller letzter Cliffhanger!