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Eberswalde

Landrat relativiert Vorwürfe zu verwahrlostem Mädchen

Im Fall des verwahrlosten Mädchens in Eberswalde hatten die Behörden offenbar über zwei Jahre vergeblich versucht, der Familie zu helfen. Erst 2019 bekamen sie Zugang zu den Kindern - und fanden bei der Fünfjährigen Zeichen von Unterernährung. 

Symbolbild: Ein Maedchen steht am 07.04.2013 in einer Wohnung in Berlin im Flur (gestellte Szene). (Quelle: dpa/Silvia Marks)
Symbolbild: Ein Mädchen steht in einem Flur | © dpa/Silvia Marks

Ein vernachlässigtes fünfjähriges Mädchen in Eberswalde (Barnim) ist in die Obhut der Behörden gekommen. Die "Märkische Oderzeitung" hatte am Samstag berichtet, das Mädchen solle mindestens zwei Jahre völlig auf sich allein gestellt gewesen sein und habe jahrelang kein Tageslicht gesehen. Dazu sagte der Landrat von Barnim, Daniel Kurth (SPD), am Montag bei einer Pressekonferenz: "Das können wir nicht bestätigen."

Das Mädchen sei im Krankenhaus gewesen, habe es aber schon wieder verlassen können, sagte Kurth. Er habe feststellen müssen, "dass das Kind nicht die Fürsorge und Pflege und Liebe seiner Eltern bekommen hat", die es gebraucht hätte. Es befinde sich seit dem 20. Dezember in sicherer Obhut. Kurth zufolge waren die Eltern überfordert und hatten keines der Hilfsangebote aus dem Jugendamt angenommen.

Über den aktuellen Stand informiert uns rbb-Reporterin Marie Stumpf...

Symbolbild: Ein Maedchen steht am 07.04.2013 in einer Wohnung in Berlin im Flur (gestellte Szene). (Quelle: dpa/Silvia Marks)
dpa/Silvia Marks
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Jugendamt versuchte zwei Jahre vergeblich zu helfen

Die Familie war den Behörden schon länger bekannt. Bereits seit Mitte 2017 hatte das Jugendamt den Angaben zufolge vergeblich versucht, der Familie zu helfen. Erst durch eine beim Amtsgericht Eberswalde erwirkte Familienhilfe konnten die Behörden im November 2019 "Einblicke in die Familienstruktur" erhalten, wie es vom Landratsamt hieß.

Das fünfjährige Mädchen hätte Anzeichen von Unterernährung sowie Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten aufgewiesen. Es sei in ein Krankenhaus gebracht worden, die beiden Geschwister seien zeitgleich ebenfalls in sichere Obhut gegeben worden. Bei ihnen gebe es keine Hinweise auf eine derartige Vernachlässigung wie bei dem fünfjährigen Mädchen, hieß es weiter. Zu den Eltern und den Lebensumständen der Familie machte der Landkreis keine Angaben.

Vorgehen des Jugendamts "selbstkritisch hinterfragen"

Eine Inobhutnahme sei das letzte Mittel der Jugendhilfe, betonten Landrat Kurth und Barnims Sozialdezernentin Yvonne Dankert. "Wir haben in diesem Fall gesehen, dass dieses milde Mittel nicht ausgereicht hat. Das müssen wir selbstkritisch hinterfragen", so Kurth über die vorherigen Hilfsangebote.

Die Dezernentin verteidigte das Vorgehen, bei dem Polizei und Staatsanwaltschaft nicht informiert wurden. "Wir haben den Auftrag, Hilfen anzubieten", unterstrich sie. "Wir haben als Grundsatz nie eine Anzeigepflicht." 

Der Landrat beschrieb die Aufgabe des Jugendamts als schmale Gratwanderung: zu schauen, wo noch Hilfe angeboten werden könne und ab wann Staatsanwaltschaft oder Polizei gerufen werden müssten. Diese Abwägung sei im Nachhinein immer einfacher als am Beginn eines solchen Prozesses. Zugleich bemerkte Kurth, an manchen Stellen sei "zu nachsichtig gehandelt worden".

Das brandenburgische Jugendministerium erklärte, nur wenn sich herausstellen sollte, dass das Jugendamt seinen Pflichten nicht ausreichend nachgekommen sei, müsse über ein mögliches rechtsaufsichtliches Verfahren entschieden werden.

Staatsanwaltschaft hat Ermittlungsverfahren eingeleitet

Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) hat sich eingeschaltet und prüft den Fall. "Wir haben aufgrund der Presseberichterstattung ein Ermittlungsverfahren eingeleitet", sagte Staatsanwalt Ingo Kechichian am Montag. Es werde wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt.

Der Pressesprecher der Polizeidirektion Ost in Frankfurt (Oder), Roland Kamenz, teilte Antenne Brandenburg mit: "Im Rahmen der Ermittlungen soll geprüft werden, ob eine Verletzung der Fürsorge und Erziehungspflicht, oder eine Misshandlung Schutzbefohlender möglicherweise vorliegt und begründet werden kann."

Vorwürfe gegen den Kreis

Die Polizei leitete nach eigenen Angaben von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren wegen der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ein. Zum Schutz des Kindes und mit Hinweis auf die Ermittlungen gab sie zunächst keine weiteren Auskünfte.

In der Kreisverwaltung Barnim wurde am Montagnachmittag über den Fall beraten. "Bei uns sitzen die Verantwortlichen zusammen", sagte Kreissprecher Oliver Köhler. Das Brandenburger Jugendministerium forderte den Kreis zu einer Stellungnahme auf. Bei solch einer Straftat hätten Staatsanwaltschaft und Polizei informiert werden müssen, sagte Ministeriumssprecherin Antje Grabley.

Bürgermeister Boginski ist über die Nachrichten besorgt

Nach dem traditionellen Neujahrsempfang am Montag in Eberswalde zeigte sich Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) im Gespräch mit dem rbb über den Fall erschüttert. "Man kann sich persönlich nicht vorstellen, dass so eine Vernachlässigung in einer Familie stattfindet", sagte er.

Wenn mehr zum Geschehen bekannt werde, wolle er offensiv handeln. Die Gesellschaft sei dafür da, jedem ein Leben zu ermöglichen. "Da sollten wir noch mehr tun", sagte Boginski. "Jetzt sollten wir aber abwarten, wie aktuell der wahre Zusammenhang ist".

In Brandenburg wurden 1.947 Kinder im Jahr 2018 in Obhut genommen - davon 85 Prozent wegen einer Gefährdung.