Internationale Filmfestspiele Berlin

Die letzte Berlinale unter Dieter Kosslick

Die Berlinale gehört zu den bedeutendsten Filmfestspielen der Welt und wird am Abend mit einer Gala im Theater am Potsdamer Platz feierlich eröffnet. Sie steht zum letzten Mal unter der Leitung von Festival-Direktor Dieter Kosslick.

Dieter Kosslick © snapshot-photography/F.Boillot
Dieter Kosslick | © snapshot-photography

Heute startet die 69. Berlinale. Am Abend wird Festival-Direktor Dieter Kosslick zum letzten Mal die Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnen. Bei der Gala zum Auftakt steht "The Kindness of Strangers" der dänischen Regisseurin Lone Scherfig auf dem Programm. Auf dem roten Teppich werden wieder zahlreiche Prominenente erwartet.

Über seine letzte Berlinale spricht Holger Klein mit Dieter Kosslick.

Dieter Kosslick © snapshot-photography/F.Boillot
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Müssen Sie dieses Jahr jetzt eigentlich noch mehr Interviews geben – weil es Ihre letzte Berlinale ist?


Ja, also es sind schon ganz schön viele, die Fragen sind eigentlich sehr ähnlich – ob Wehmut dabei ist und so weiter und so fort. Der Abschied ist schon das Thema, aber eigentlich ist keine Wehmut im Moment noch dabei sondern eher die Freude, dass ich das jetzt nochmal machen darf – wenn die Sonne scheint. Und ich glaube, es wird eine wunderschöne Berlinale und das überwiegt gerad im Moment.

Sie fassen die Filme des Wettbewerbs zusammen unter dem Motto „Das Private ist politisch“. Was sind das für private Geschichte, die da erzählt werden, die aber politisch sind?


Naja, wir haben viele private Geschichten, z.B. wie Kinder leben, wie Familien heute konstruiert sind – und zwar nicht nur hier bei uns in europäischen Ländern sondern auch in China. Wir haben mehrere Filme über die Ein-Kind-Politik und welche Folgen das jetzt nach 20-25 Jahren hat. Wir haben auch Filme, wo es um den Konsum geht. Denn sogar in Davos wurde das nun herausgestellt, dass unser Konsum eine werkspolitische Entscheidung ist, die darüber befindet, wie die Welt anschließend ist, wieviel CO2-Ausstoß durch Fleischessen produziert wird und so weiter und so fort. Also all diese Themen haben wir und es ist interessant, dass man das so drunter subsumieren kann. Das ist ja ein alter 69er Spruch – offensichtlich auch von Helke Sander, die bei uns ja auch mit ihrem Film „Redupers“ in der Retrospektive Deutscher Regisseurinnen läuft. Und ich würde sogar sagen, das Private ist heute noch politischer geworden. Denn jeder muss sich wirklich überlegen, wenn er ein T-Shirt kauft für 50 Cent, dann muss es irgendjemand bezahlen. Wahrscheinlich ist es die Arbeiterin in Bangladesch.

Die drei deutschen Wettbewerbsbeiträge sind die auch politisch?


Nee, das kann man jetzt in dem Sinne nicht sagen, das ist nicht so. Politisch ist vielleicht noch am ehesten noch Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ – könnte man darunter subsumieren. Da geht es um ein Kind, was in kein System passt. Und man lernt die Systeme kennen und man lernt auch, wie man mit diesen Systemen umzugehen hat bzw. wie diese Systeme mit den Kindern umgehen und das ist vielleicht auch ein politisches Modell, dass es Leute gibt, die einfach in keine Systeme passen und was dann mit denen passiert. Die anderen beiden, der Fatih Akin ist ja eine Verfilmung eines Buchs um den berühmtem Massenmörder Honka. Und es ist ein unglaubliches Portrait auch natürlich der Reeperbahn, des Goldenen Handschuhs, wo das ganze stattfindet. Und Schanelec ist – vielleicht kann man sagen – eine Familiengeschichte, aber eine sehr spezielle der Art der Berliner Schule.

Sie blicken auf 17 Berlinale-Jahre zurück. Es ist jetzt ihr 18. Und letztes Jahr. Sie haben die Berlinale ja im Grunde nochmal ein bisschen neu erfunden, neue Sektionen gegründet, das Kulinarische Kino, die Perspektive Deutscher Film, mit dem Kiezkino sind Sie an die Ränder der Stadt gegangen, Sie haben die Berlinale Talents ins Leben gerufen – man kann es kaum alles aufzählen. Auf welche Ihrer Neuerfindungen sind Sie besonders stolz? Oder welche werden Sie nie vergessen?


Naja, also erstmal ist es natürlich schon so gewesen, dass ich – wir uns sehr gefreut haben, dass das Publikum bei der Berlinale geblieben ist, denn schließlich ist seit 1951 die Berlinale ein Publikumsfestival. Dass wir einen solchen Zuspruch erhalten haben, dass die sich vervielfacht haben – auch die Käufer vervielfacht haben – das ist natürlich besonders erfreulich, denn wir machen die Berlinale ja auch als Werbung, als Marketing fürs Kino. Und wenn man da so rein geht in die ganzen Geschichten, die Sie jetzt gerade erwähnt haben, dann ist es natürlich schon interessant heute, dass diese Initiative, die wir vor vielen Jahren gemacht haben – damals Talent Campus, heute Talent – das über 7000 junge Leute in Berlin waren und das sind heute ja auch alles Filmemacher, die ihre Filme wieder nach Berlin bringen. Und dass das so gut funktioniert hat und das auch der Markt so gut heute funktioniert, der europäische Filmmarkt als einer der drei größten – ich würde nicht das Wort stolz sagen, das klingt irgendwie so komisch, aber ich bin mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eigentlich sehr zufrieden, dass wir das geschafft haben. Das hat wirklich gut geklappt.

Wenn wir in 10 Jahren bei einem Glas Wein sitzen, welche Geschichte werden Sie mir dann erzählen?


Dann erzähle ich ihnen eine ganz andere, weil dann haben wir 10 Jahre eine andere Berlinale und dann wollen wir mal sehen, welche die ist über die wir am längsten reden.

Liegen denn Ihr Hut und Ihr roter Schal schon bereit oder ändern Sie für die letzte Berlinale auch das Styling nochmal komplett?


Ja, es liegen mehrere Hüte und mehrere Schals bereit. Die Reserve ist dann aufgebraucht, aber wir haben noch einige noch originalverpackt und es wird sich am Outfit des Berlinale-Direktors nichts ändern am Ende. Das einzige, was wirklich verändert ist, das wird man gar nicht so richtig sehen, dass der rote Teppich, der da ausgelegt wird, über den ich daher laufe, der ist dieses Jahr aus recycelten Fischernetzen. Und dieser rote Teppich kann auch zu 100 Prozent recycelt werden. Also das ist was völlig neues, das hat noch niemand, da sind wir die ersten, und darüber bin ich wirklich froh, dass wir dieses ganze Zeug da irgendwo wegschmeißen müssen, das ist ja irgendwie Sondermüll, sondern dass wir das schaffen. Und ich finde auch toll, dass nicht nur das recyclebar ist, sondern dass wir auch keine Abgase haben am roten Teppich, denn wir fahren mit den allerneuesten Audi-Elektroautos. Wir sind 100 Prozent Elektro, es gibt überhaupt gar keine Abgase.

Haben Sie schon Pläne für danach?


Nee, noch nicht. Ich werde erstmal ein Päuschen machen und mir dann überlegen – man redet immer so, wie wenn ich 25 wäre, wenn man diese Frage stellt, ich bin aber dann 71 und dann denke ich mir mal drüber nach, was ich in diesem letzten Teil meines Lebens noch so machen könnte. Und – um mal mit Frau Merkel zu sprechen – da wird mir schon was einfallen.

Und mit Filmen wird es wahrscheinlich zu tun haben?


Das weiß ich nicht. Das kann sein, aber das muss nicht sein.

Wie bekomme ich an einen dieser originalverpackten Hüte?


Ja, diese originalverpackten Hüte, die werde ich wahrscheinlich weggeben zum Versteigern. Es soll einen guten Zweck erfüllen. Also wenn Sie ordentlich Kohle abdrücken für einen guten Zweck, dann kriegen Sie den natürlich.