Unwetter in NRW und Rheinland-Pfalz

Katastrophen kommen zustande, wenn man sie nicht ordentlich vorhergesehen hat

Interview mit Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der FU Berlin

Es gibt ein europäisches Hochwasser-Warnsystem. Und das warnte schon vier Tage vor den Hochwassern. Einen Tag vorher sagte es sogar ziemlich Präzise die Katastrophengebiete vorraus. Es wurde trotzdem kein einziger Ort evakuiert. Viele Menschen starben. Von Rettungskräften und Politikern gibt es jetzt Vorwürfe: Das war eine Katastrophe mit Ansage, aber keiner hat auf die Warnungen gehört. Ist das so?

Rheinland-Pfalz, Bad Neuenahr: Ein Einsatzwagen der Feuerwehr fährt durch eine Straße, die mit Sperrmüll gesäumt ist © dpa/Thomas Frey
Rheinland-Pfalz, Bad Neuenahr: Ein Einsatzwagen der Feuerwehr fährt durch eine Straße, die mit Sperrmüll gesäumt ist | © dpa/Thomas Frey

Nach den Unwettern hat eine Debatte über den Stand der Katastrophenhilfe in Deutschland eingesetzt. Der Deutsche Wetterdienst und auch die europäische Behörde EFAS hätten bereits Tage zuvor Unwetter vorhergesagt, die Gemeinden seien dennoch nicht gut vorbereitet gewesen - lautet die Kritik.

SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach findet: "Beim Katastrophenschutz sind wir genauso schlecht vorbereitet wie beim Pandemie-Schutz." Die FDP wirft dem Innenminister Versäumnisse vor. Die Linkspartei fordert gar seinen Rücktritt.

Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster, weist unterdessen Kritik zurück:

"150 Warnmeldungen wurden über unser System geschickt, an die Fernseh- und Rundfunkanstalten, an die Warnapps wie Nina oder Katwarn, an die Stadt-Informationstafeln usw.."

Meili Scheidemann und Max Ulrich sprachen darüber mit Martin Voss, dem Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin.

Rheinland-Pfalz, Bad Neuenahr: Ein Einsatzwagen der Feuerwehr fährt durch eine Straße, die mit Sperrmüll gesäumt ist © dpa/Thomas Frey
dpa/Thomas Frey
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Das Interview in voller Länge:


radioeins: Herr Voss, haben Sie die Katastrophe auch schon vor dem Mittwoch kommen sehen?

Voss: Ganz bestimmt nicht. Das liegt in der Natur der Sache. Katastrophen als solche kommen nur dann zustande, wenn man sie nicht ordentlich vorhergesehen hat. Sonst hätten wir sie vermieden, und keiner wird es jemals merken.

radioeins: Jetzt gab es diese Warnung des europäischen Hochwasser-Wahnsystems, was ziemlich präzise hohe Regenfälle in den Regionen vorhergesagt hat. Hat denn der Katastrophenschutz in NRW und Rheinland-Pfalz darauf zu zögerlich reagiert?

Voss: Zunächst macht extremes Wettergeschehen noch keine Katastrophe. Die kommt überhaupt erst dann zustande, wenn eben hier in diesem Falle der extreme Niederschlag auf eine Gesellschaft trifft, die als solche sich nicht ordentlich präpariert, und wiederum entsprechend auch anfällig ist für das, was dann passiert. Und ein anderer Fall ist wiederum, wenn das anderswo runtergegangen wäre, irgendwo vielleicht in Norddeutschland auf dem flachen Land, sage ich mal, dann mögen da vielleicht Äcker überflutet worden sein, aber keine Rutschungen zustande gekommen oder eben derart viele Häuser wirklich auch völlig zerstört worden. Das kommt also immer in so einer Situation zusammen. Und in diesem Fall ist das, denke ich mal, auch wirklich besonders schlimm gegangen, weil es eben Räume getroffen hat, die überdurchschnittlich vulnerabel waren, so scheint es mir jedenfalls aus der distanzierten Betrachtung, ich muss das natürlich ganz vorsichtig formulieren, ich bin Sozialwissenschaftler und kann in dem Falle eigentlich auch nur die Bilder lesen. Aber es muss dieses alles zusammenkommen. Erst dann kann man von einer Katastrophe sprechen.

Und in diesem Fall, glaube ich, hat auf der lokalen Ebene, haben die Akteure sehr früh schon angefangen, sich auf diese Warnung hin vorzubereiten. Die haben vielfältig, entsprechend ihren Krisenmodus aktiviert. Das glaube ich nicht, dass da an dieser Stelle wirklich irgendjemandem schon der grundlegende Vorwurf zu machen ist. Dass man Städte nicht gleich evakuiert, weil es eine Extrem-Wetterwarnung gibt, das ist in Deutschland einfach nun mal nicht Kultur, das haben wir so noch nie gemacht. Und ich glaube auch, die wenigsten in der Gesellschaft hätten das als solches so akzeptiert, wenn man gesagt hätte: „Achtung, der europäische Wetterdienst warnt, jetzt müssen wir mal die Stadt räumen.“

radioeins: Man merkt, dass sie sagen, man kann niemandem so richtig einen Vorwurf machen. Aber ist dieses zögerliche Handeln bei Katastrophen ein generelles Problem? Sie persönlich haben auch zur Corona-Pandemie schon gesagt: „Wir waren blind.“

Voss: Das Zögern ist grundsätzlich ein Problem, aber das ist wiederum auch menschlich. Vor einer Situation oder vor einem Geschehen, hat man noch alle Entwicklungsmöglichkeiten offen. Da weiß man eben nicht, dass es tatsächlich dann zu einem Schaden kommt, wenn man sich so oder anders verhält, und man versucht entsprechend eine Art ökonomische Kalkulation anzustellen - was kostet mich jetzt am meisten? Wenn ich bei jeder Warnung immer gleich sage, jetzt räume ich die Stadt, oder ergreife ich sonst weitreichende Maßnahmen mit Einschnitten eben auch in die Freiheitsrechte und so, dann habe ich entsprechend jedes Mal die Folgewirkung, und nur im seltensten Fall passiert etwas. Im Zweifel führt das eher dazu, dass man dann, wenn es wirklich mal passiert, am Ende genau dieses Verhalten auch nicht mehr hervorruft. Also es ist immer ein schwieriges Abwägen.

Ich glaube in diesem Fall tun wir gut daran erst einmal noch nicht den „schwarzen Peter“ irgendwo konkret hinzuschieben. Natürlich muss man schauen, wo sind die Schwachstellen, wo sind die Fehler passiert, aber wir sollten uns dafür die Zeit nehmen und in Ruhe analysieren. So einfach, denke ich, ist es nicht, dass da einfach kollektiv versagt wurde.

 



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