Hintergrund

"Jugendwiderstand" - eine bizarre, gewaltbereite Gruppierung in Berlin

Der "Jugendwiderstand", eine angeblich linke Gruppe, die sich aber eher wie ein Hooligan-Schläger-Trupp verhält, treibt in Berlin-Neukölln ihr Unwesen. Reporter Alexander Hammerschmidt hat mit Betroffenen gesprochen und berichtet von seiner Recherche.

Demonstration der gewaltbereiten Gruppierung "Jugendwiderstand" am 1. Mai 2018 in Berlin © imago/snapshot
Demonstration der gewaltbereiten Gruppierung "Jugendwiderstand" am 1. Mai 2018 in Berlin | © imago/snapshot

Leute, die sich im Süden Berlins demokratisch engagieren, müssen z.B. in Berlin-Neukölln mit Angriffen von Rechtsextremen rechnen. Jetzt tritt noch eine ganz andere, sehr widersprüchliche Gruppe auf den Plan: Linke Aktivisten werden von Leuten angegriffen, die sich "Jugendwiderstand" nennen.

"Ich halte die im Grunde genommen für eine Truppe von Hooligans, die mit den Insignien von Mao und Stalin herumlaufen und sich versuchen als maoistische Kampftruppe in Neukölln zu etablieren – oder sich als solche etabliert haben", sagt einer, der mit Gruppe aneinandergeraten ist.

Unser Reporter Alexander Hammerschmidt hat zum "Jugendwiderstand" recherchiert.

Demonstration der gewaltbereiten Gruppierung "Jugendwiderstand" am 1. Mai 2018 in Berlin © imago/snapshot
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Zum Jugendwiderstand selbst, was sind das für Leute und was wollen die eigentlich?


Das sind im harten Kern so 10 bis 20 Leute, die sich als proletarische Straßenkämpfer-Bande inszenieren, vor allem im Neuköllner Richardkiez. Ziemlich harte Kerle, die viel pumpen gehen, Kampfsport machen, und autoritären Führern wie Stalin und Mao huldigen. Auf der Homepage vom Jugendwiderstand heißt es: Mao und Stalin hätten "allen Widerständen zum Trotz erfolgreich riesige, blühende sozialistische Staaten aufgebaut".

Okay, so ein Theoriegebäude haben auch andere linke Gruppen. Das Besondere am "Jugendwiderstand" ist aber die Gewaltbereitschaft. Und die richtet sich nicht nur gegen Nazis oder Polizisten, sondern vor allem gegen andere Linke. Und damit sind vor allem Hipster, Jute-Beutel-Träger oder Israel-Freunde gemeint. Israel, das ist für den "Jugendwiderstand" der Inbegriff des imperialistischen, kapitalistischen Staates, der ein unschuldiges Volk unterdrückt – und deswegen gehören alle seine Anhänger bekämpft.

Auf was für Fälle bist du gestoßen?


Ich habe mit insgesamt sechs Betroffenen sprechen können. Einer ist Thomas, zu seiner Sicherheit haben wir seinen Namen geändert und auch sein Interview nachgesprochen. Thomas wurde am 1. Mai überfallen, als er nachts pro-israelische Plakate in Neukölln an Stromkästen geklebt hat. Leute vom "Jugendwiderstand" haben Thomas entdeckt und ihn dann mit gut zehn Leuten umstellt:

"Ich stand mit dem Rücken zur Wand und ich weiß den genauen Wortlaut nicht mehr, aber im Endeffekt hat er irgendwas von Ausbeuterstaat Israel gesagt und mir dann mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Mir ist sofort Blut aus dem Mund gelaufen, und ich dachte, dass es nicht bei einem einzelnen Schlag bleiben wird und habe gerufen: "Was wollt ihr denn, ich blute ja schon!" Daraufhin haben sie von mir abgelassen und sind verschwunden."

Und nicht nur Einzelpersonen sind betroffen, sondern Mitglieder des "Jugendwiderstands" haben auch schon Demoteilnehmer angegriffen, die ihnen nicht passten. Und auch bekannte Szenekneipen, wie das Laidak, werden wohl bedroht.

Ihr Logo sprühen sie mit roter Farbe: Großes J, großes W, dazu Hammer und Sichel
Ihr Logo sprühen sie mit roter Farbe: Großes J, großes W, dazu Hammer und Sichel | © rbb|24

Bei der Aggressivität, die du da schilderst, ist die Gruppe sicherlich ein Fall für Polizei und Verfassungsschutz - oder?


Also einzelne Polizisten sind noch etwas überfordert von der Situation, weil sie die Gruppe gar nicht richtig einordnen können. Sind die wirklich links? Oder verhalten die sich nicht eher wie eine Neonazi-Kameradschaft? Insgesamt aber scheint das LKA die Gruppe auf dem Schirm zu haben, im Verfassungsschutzbericht taucht der Jugendwiderstand auch auf.

Auch die Politik mahnt eine stärkere Repression der Gruppe an. Grünen-Abgeordnete June Tomiak beobachtet das Treiben der Schläger-Truppe schon länger und wüsste nicht, was man mit diesen Leuten noch besprechen sollte:

"Ich seh' da keinen Ansatzpunkt, wo man irgendwie sagen, das verfolgt eine bestimmte Logik, an der wir als Berliner Politik irgendwas anfangen könnten. Das ist alles sehr sehr wirr und die werden ja nicht umsonst als Splittergruppe und Sekte bezeichnet. Das trifft es eigentlich schon ganz gut, bin ich der Meinung."

Und weil reden nicht hilft, fordert sie eine stringente Strafverfolgung. Auch ein Verbot wird schon diskutiert.

Was vielen Betroffen noch fehlt, mit denen ich gesprochen hab, ist ein klares Signal der linken Szene. Denn ist so eine gewaltorientierte Gruppe, die auch Wörter wie „Zionistenfotze“ oder „Schwuchtel“ benutzt, wirklich links?

Am Wochenende wäre eine Gelegenheit zur Distanzierung, die traditionelle Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemo mit vielleicht 15.000 Teilnehmern. Auch der "Jugendwiderstand" ruft zur Teilnahme auf - die Organisatoren haben sich dazu bislang nicht verhalten.