Staatsversagen?

Der Skandal um Wirecard weitet sich aus

Endlich hatte Deutschland mit Wirecard mal ein ernstzunehmendes Tech-Unternehmen, das bei den erfolgreichen mitspielen konnte. Ist das ein Grund dafür, dass von allen Seiten weggeschaut wurde, als dort hanebüchene Unregelmäßigkeiten aufgetreten sind?

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München zu sehen © dpa/Peter Kneffel
Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München zu sehen | © dpa/Peter Kneffel

Beim DAX-Konzern Wirecard ist offenbar länger und in größerem Umfang betrogen worden als bisher bekannt. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht nach eigenen Angaben davon aus, dass das Unternehmen schon seit dem Jahr 2015 systematisch Bilanzen gefälscht hat. Dadurch wurden Banken und andere Investoren getäuscht. Heute ist der ehemalige Vorstandschef Braun erneut in Untersuchungshaft genommen worden. Ebenfalls mit Haftbefehl sitzen zwei frühere Vorstandsmitglieder im Gefängnis.

Wir erinnern uns: da waren 1,9 Milliarden Euro abhandengekommen und es ist sehr wahrscheinlich, dass das Geld nie wirklich existiert hat. Hat aber irgendwie keiner gemerkt, außer ein paar Journalisten, denen die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erstmal auch nicht glauben wollte. Jetzt ist Wirecard Pleite und nicht nur die BaFin, sondern auch die Bundesregierung müssen sich ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen.

Anfang der Woche hatte sich Finanzminister Olaf Scholz gegen Vorwürfe gewehrt, er habe früh von Missständen beim ehemaligen DAX-Konzern gewusst und nicht eingegriffen.

Der finanzpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Florian Toncar, glaubt, das Finanzministerium habe die Dimension des Skandals unterschätzt. Und der zuständige CDU-Politiker Matthias Hauer wirft dem Finanzministerium vor, auch jetzt nicht für die nötige Transparenz zu sorgen.

Holger Klein sprach darüber mit dem Finanzexperten und Obmann der Linken im Finanzausschuss des Bundestages - Fabio De Masi. Für ihn hat die BaFin im "größten Börsenskandal der jüngeren deutschen Geschichte" versagt.

"Wir müssen jetzt die Finanzaufsicht so aufstellen, dass sie eben nicht mehr sagen können, das haben die nämlich gemacht, Wirecard ist ja sowas wie Volkswagen, ein Technologiekonzern, da beaufsichtigen wir quasi nur die Volkswagen Bank und der Rest, da bauen die Autos, damit haben wir als Finanzaufsicht nichts zu tun – genauso wenig, wie mit dem Abgasskandal. Das ist natürlich keine Antwort, wenn es um große Zahlungsabwickler geht, die mit unseren Finanzdaten arbeiten. Da müssen wir auch jetzt im Bundestag den Job machen, dass die Finanzaufsicht sich da nicht mehr rausreden kann", so De Masi auf radioeins.

Zudem sagte der Obmann der Linken im Finanzausschuss des Bundestages, die Affäre werde immer undurchsichtiger. Die Linksfraktion will erreichen, dass sich bei der Sondersitzung des Ausschusses in der kommenden Woche auch Bundeskanzlerin Merkel befragen lässt.

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München zu sehen © dpa/Peter Kneffel
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Hintergrund


Der Zahlungsdienstleister Wirecard arbeitet mit gut 300.000 Banken und Unternehmen zusammen und wickelt für diese allerlei Zahlungen ab. Wann immer wir in einem Laden oder im Web mit einer Kreditkarte bezahlen, ist die Wahrscheinlich groß, dass die Firma Wirecard irgendwo zwischen uns und dem Geschäftspartner sitzt. Um diese Art Geschäfte auch in Asien durchführen zu können, musste Wirecard 1,9 Milliarden Euro auf einem philippinischen Treuhandkonto hinterlegen. 1,9 Milliarden Euro - das ist ein Viertel der Bilanzsumme des Unternehmens. Und genau diese knapp zwei Milliarden Euro sind spurlos verschwunden. Darum kann Wirecard keine geprüfte Bilanz vorlegen. Und ein Unternehmen ohne geprüfte Bilanz ist nicht mehr kreditwürdig.