Corona-Pandemie

Die Infektionszahlen gehen nicht runter

Interview mit dem Infektionsepidemiologen Timo Ulrichs

In Deutschland sind innerhalb eines Tages 19.600 Neuinfektionen mit dem Coronavirus registriert worden. Die Gesundheitsämter meldeten außerdem 1.060 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus innerhalb von 24 Stunden.

Ein Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Institut zeigt die Infektionszahlen in Deutschland vom 13.01.2021 © imago images/Rüdiger Wölk
Ein Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Institut zeigt die Infektionszahlen in Deutschland vom 13.01.2021 | © imago images/Rüdiger Wölk

Gefühlt versuchen wir wirklich alles, aber die Corona-Infektionszahlen gehen nicht runter. Zumindest nicht so, wie erwartet. Warum eigentlich nicht? Resignation macht sich breit. In der Politik fehlen die Erklärmuster.

Wir fragen uns: Was können wir noch tun? Welche Maßnahmen müssen als nächstes kommen? Knallhart Kitas, ÖPNV oder gar Supermärkte schließen und alle in den Wohnungen einsperren?

Sonja Koppitz und Max Spallek sprachen darüber mit Prof. Dr.Timo Ulrichs, Epidemiologe an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin.

Ein Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Institut zeigt die Infektionszahlen in Deutschland vom 13.01.2021 © imago images/Rüdiger Wölk
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Warum sind denn die Zahlen bisher nicht so sehr runtergegangen wie gewünscht? Liegt das allein an unserem Verhalten über Weihnachten, Silvester oder an der Jahreszeit oder der Virusmutation?


Ja, also bisher haben wir immer noch die Situation, auch jetzt noch in dieser zweiten Januarwoche, dass wir noch keine ganze Klarheit haben - nach diesen ganzen Turbulenzen über die Feiertage, verlängerte Wochenenden, Jahreswechsel und so weiter. Da ist weniger gearbeitet worden, weniger getestet worden, das ist nachgeholt worden - jetzt Anfang Januar. Und so langsam sind die ganzen Kapazitäten wieder hochgefahren worden. Außerdem haben wir in der Tat diesen möglichen Ausschlag nach oben, durch vermehrte Kontakte über die Weihnachtsfeiertage. Und das alles macht die Interpretation dieser Daten jetzt ein bisschen unsicher. Aber, sie haben völlig Recht: Wir haben also noch nicht eine klar erkennbare Trendumkehr der Neuinfizierten-Zahlen nach unten.

Wann haben wir denn ungefähr wieder Klarheit? So ein bisschen.


Eigentlich wäre es Anfang nächster Woche so weit, dass man sich da eher darauf verlassen kann. Aber trotzdem, um noch Ihre Frage zu beantworten, was man noch so machen kann: Es ist ja so, dass diese ganzen Lockdown-Maßnahmen ja das Ziel haben, die Möglichkeiten für das Virus immer weiter zu begrenzen sich zu verbreiten. Und das gilt natürlich auch vor dem Hintergrund einer möglichen Variante dieses Virus, was sich sogar noch leichter verbreiten kann als die herkömmlich bekannten. Und das bedeutet, dass man einfach, wie ja immer schon wieder gesagt, die Kontakte herunterfahren müsste. Und das kann man eigentlich auch ohne äußere Maßnahmen, indem man sich wirklich überlegt: Was muss sein? Auf was kann ich verzichten? Wie kann ich mich eben einschränken und dann versuchen, dem Virus keine Nische, keine Möglichkeit zu geben, sich weiter zu verbreiten? Und mich immer so zu verhalten, als wäre man potenziell infiziert?

Der neueste Kniff bei den Anti-Corona-Maßnahmen ist ja die Einschränkung des Bewegungsradius ab einem Inzidenzwert von 200. Für Berlin gilt jetzt ganz Berlin dabei als Wohnort, also die 15 Kilometer gelten ab der Stadtgrenze. Was halten Sie davon?


Naja, das ist natürlich ein Kompromiss, weil man ja nicht ganz genau kontrollieren kann, wer wo wohnt in Berlin und da, wenn man pendelt oder wie auch immer, dass er dann diese Kilometerzahl genau einhält. Aber auch da gilt, dass man sich selber die Frage stellt: Wie mobil muss sich in diesen Zeiten sein? Man muss sich immer wieder vor Augen halten: Wir durchleben gerade, sagen wir mal, die schwierigste Phase der Pandemie in der zweiten großen Welle, in einer Phase, wo wir alles versuchen, diese Zahlen nach unten zu bringen, um wieder, sozusagen vor die Lage zu kommen, das heißt, um die Nachverfolgung wiederherzustellen, dass wir Ausbrüche verfolgen können – umso wichtiger, wenn eben eine solche neue Variante hier auftaucht bei uns. Und da gilt eben einfach die Mobilität einzuschränken. Die Mobilitätsdaten aus den Handydaten zeigen das auch, dass die schon abgenommen hat. Aber es muss eben noch mehr passieren. Und das ist eben ganz wichtig. Und da ist also dieser 15 Kilometer Radius nur eine äußere Hilfestellung.

Was wir verstanden haben, ist Mobilität und Kontakte einschränken, am besten natürlich auf Null. Allerdings wissen wir auch alle, dass das nicht geht, weil die Menschen ja auch zur Arbeit gehen müssen. Ansonsten bricht alles zusammen. Auch die Wirtschaft. Welche nächsten Maßnahmen halten sie in der Praxis für sinnvoll?


Jetzt gucken wir mal, ob diese Verschärfungen der Maßnahmen ab diesem Montag was bringen. Und das können wir leider erst in etwa zehn bis 14 Tagen sehen. Und da bin ich eigentlich ganz zuversichtlich, dass die schon einen Beitrag leisten werden. Außerdem, wenn wir vergleichen mit anderen Ländern, stehen wir gar nicht so schlecht da. Und es gibt einige Hinweise, dass wir doch so einigermaßen noch zurechtkommen werden. Zum Beispiel nimmt die Zahl der Krankenhauseinweisungen langsam ab. Und auch die Zahl der Covid-19- Patientinnen und -Patienten auf Intensivstationen ebenso. Das ist zwar immer noch umkehrbar, aber immerhin schon mal etwas. Was aber eben Grund zur Sorge gibt, ist diese hohe Positivrate von den Testergebnissen. So hoch war die noch nie in Deutschland. Und das ist ein indirektes Zeichen dafür, auch wenn wir weniger testen oder weniger getestet haben, dass wir hier doch eine ziemliche Ausbreitungsdynamik immer noch haben. Deswegen, um das nicht zeitversetzt dann wiederum als Patienten auf den Krankenhausstationen finden, müssen wir eben sehen, dass wir das nach unten bringen.