Corona-Pandemie

Hoffnungsträger Schnelltests und viele offene Fragen

Hände weg von dubiosen Angeboten!

Eigentlich wollte Gesundheitsminister Spahn ab dem 1. März allen, die sich testen lassen wollen, ein kostenloses Schnelltestangebot machen. Seine Pläne wurden nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios gestern aber vom sogenannten Corona-Kabinett zunächst gestoppt. Zu viele Fragen seien noch offen. VDGH-Geschäftsfüher Dr. Martin Walger sagte auf radioeins: Schnelltest ist nicht gleich Schnelltest! Zudem haben Selbsttests für zuhause in Deutschland noch keine Produktzulassung.

Corona-Schnelltests © dpa/Sebastian Gollnow
Corona-Schnelltests | © dpa/Sebastian Gollnow
  • Schnelltest ist nicht gleich Schnelltest

  • Bisher haben drei Selbsttests für zuhause in Deutschland eine Produktsonderzulassung (Stand vom 24.02.2021)

  • Hände weg von irgendwelchen dubiosen Angeboten

  • Jede*r muss wissen, dass man damit Verantwortung trägt - nicht nur für sich, sondern für sein ganzes Umfeld


Die für den 1. März angekündigte Einführung von kostenlosen Corona-Schnelltests wird verschoben. Gesundheitsminister Jens Spahn solle noch offene Fragen zur konkreten Umsetzung klären. Haushaltspolitiker*innen aus den Koalitionsfraktionen kritisieren die veranschlagten Kosten. Zudem gehe es um die Einbindung der Test in eine Gesamtstrategie, hieß es nach der Sitzung des sogenannten Corona-Kabinetts. Bei den nächsten Bund-Länder-Beratungen am 3. März soll nun über die kostenlosen Schnelltests gesprochen werden.

Im Zusammenhang mit den sogenannten Schnelltests gibt es Fragen über Fragen, Vermutungen und gefährliches Halbwissen. Schnelltests, Selbsttests, Gurgeltests - wo sind die Unterschiede, wie weit sind wir beim Einsatz der jeweiligen Testformen?

Sonja Koppitz und Max Spallek sprechen darüber mit Martin Walger. Der Geschäftsführer des Verbandes der Diagnostica-Industrie e.V. (VDGH) führt uns durch den Schnelltest-Fragen-Jungle und wird ein wenig Klarheit bringen.

Corona-Schnelltests © dpa/Sebastian Gollnow
dpa/Sebastian Gollnow
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Aus dem Versprechen von Gesundheitsminister Jens Spahn wird ja wohl erstmal nichts. Wenn ich jetzt aber trotzdem einen solchen Schnelltest zu Hause machen will, wo bekomme ich den her?


Also ich glaube, das Versprechen des Gesundheitsministers ist nicht aufgehoben, aber es wird sich noch ein bisschen verzögern. Und es ist ganz wichtig, so wie sie es in der Frage schon gesagt haben, zu unterscheiden: Schnelltest ist nicht gleich Schnelltest. Wenn wir jetzt über den Schnelltest für Zuhause reden, den Eigen-Anwendungstest, dann würde ich jetzt wirklich sagen, einen solchen Test bekommen Sie momentan gar nicht. Oder genauer gesagt: Diese Selbsttests haben in Deutschland noch keine Produktzulassung. Das wird sich in wenigen Wochen ändern, möglicherweise schon in den nächsten Tagen. Derzeit würde ich ganz klar sagen: Hände weg von irgendwelchen dubiosen Angeboten. Im Netz bekommt man alles, das weiß ich. Nur der Laie muss sicher sein, dass er einen Test in der Hand hält, der dann auch wirklich für den Eigenanwender, für den Laien zugelassen ist. Und da liegt der Unterschied im Detail.

Eine Frau führt einen Corona-Gurgeltest durch © dpa/Uwe Anspach
Die Universität Heidelberg bietet Gurgeltests für Studentinnen und Studenten an | © dpa/Uwe Anspach

Aber wenn man jetzt schon mal so ein Schnelltest jetzt meinetwegen mit medizinischem Personal an sich hat durchführen lassen, dann weiß man ja ungefähr, wie das geht. Das ist jetzt ja keine Hexerei, das sollte man doch alleine schaffen oder was ist daran so schwierig, dass man das nicht alleine vor dem Badezimmerspiegel hinkriegt?


So ein Corona-Schnelltest, ich sag mal so, der muss ganz präzise gehandhabt werden, damit er funktioniert.

Der erste Punkt, sie haben es angesprochen, die Probenahme. Die herkömmlichen Labortest, da muss man ja den Abstrich aus dem ganz tiefen Nasen-Rachenraum machen. Das ist nicht so ganz einfach. Das irritiert manchen. Und deshalb arbeiten wir als Hersteller eigentlich fieberhaft daran, diese Probenahme-Möglichkeiten zu vereinfachen. Es gibt also beispielsweise die Möglichkeit, auch aus dem vorderen Nasenraum eine Probe zu entnehmen. Das kann jeder - auch in anderer Hinsicht. Es gibt die Möglichkeit, einen Spucktest zu machen. Da muss ich Ihnen eine bestimmte präparierte Lösung reinspucken oder das Ganze zu Gurgeln. In dieser Reihenfolge wird eigentlich die Testanwendung, die Probenahme, immer einfacher. Aber das ist noch nicht alles.

Sie können viele Fehler machen, beispielsweise, wenn Sie mal an die letzten Tage denken, wenn sie diesen Test draußen im kalten Treppenhaus machen oder im Windfang oder draußen, dann wird der Test nicht funktionieren. Der muss bei einer bestimmten Temperatur durchgeführt werden, um zuverlässig zu sein. Sie müssen dann auch das, wo sie diese Flüssigkeit aus der Nase oder dem Mund drauf Tröpfeln, das dauert ja zehn bis 15 Minuten, bis der Test anschlägt. Dann muss diese kleine Testkassette, die ist so groß wie sonst Schokoladenriegel, die muss waagerecht liegen. Wenn sie die senkrecht halte, dann funktioniert das nicht.

Ein Corona-Schnelltest wird mit einer Probe aus der Nase oder dem Mund betröpfelt © dpa/Sebastian Gollnow
Ein Corona-Schnelltest wird mit einer Probe aus der Nase oder dem Mund betröpfelt | © dpa/Sebastian Gollnow

Aber Schwangerschaftstests macht man doch seit Jahren schon selbst zuhause, Herr Dr. Walger. Sie müssen uns jetzt mal ein bisschen weiterhelfen. Ist es jetzt es dann besser gar keinen der Selbsttest zu machen, auch wenn man da jetzt diese Fünfziger Packung zuhause hat?


Das Entscheidende ist, dass die Gebrauchsanweisung so formuliert ist, dass es wirklich jeder Laie verstehen kann, wie der Test anzuwenden ist und letztendlich auch, was das Testergebnis dann auch bedeutet. Das ist übrigens der Grund, warum diese echten Selbsttests so lange brauchen, bis sie die Produktezulassung durchlaufen haben. Man muss sich das so vorstellen, der Hersteller muss eine Studie machen. Die muss er dann einer Prüforganisation vorlegen, das 200 Leute geprüft haben und, dass sie auch ohne jedes medizinische Wissen, ohne Vorkenntnisse, Schwangerschaftstest oder anderes, so einen Test ganz eigenständig durchführen können. Wenn das gewährleistet ist, dann ist der Test so weit, dass sie ihn anwenden können

Wann ist denn das gewährleistet? Könnte man nicht einfach mal es mit dieser sonst ja so guten deutschen und berühmten Gründlichkeit ein bisschen lockerer nehmen und sagen: Hier, die Tests sind zugelassen?


So ein Test ist kein Spielzeug. Es ist ein kompliziertes Medizinprodukte, und ich glaube wirklich, da sollte Genauigkeit vor Schnelligkeit gehen. Es nützt uns nichts, wenn wir einen Test haben, der ein Ergebnis produziert - vielleicht eben wegen einer nicht ganz präzisen Handhabung - der dann falsch ist.

Ich nehme mal das Beispiel Kino. Wir warten alle darauf, dass wir wieder ins Kino gehen dürfen. Und dafür ist so ein Schnelltest auch gemacht, dass man sich vor dem Kinobesuch testet. Wenn das Ergebnis negativ ist, ist alles okay. Wenn es positiv ist, und da muss sich wirklich jeder darüber im Klaren sein, das heißt nicht nur, ich gehe nicht ins Kino, sondern dann muss ich bei einem positiven Schnelltest eine Nachtestung machen, mit einem Labortest, der Goldstandard. Ich muss mich dann auch absondern, bis ich hundertprozentige Gewissheit habe, ob der Test wirklich positiv war. Das heißt, ich muss quasi in die Isolation gehen. Das muss jedem, der jetzt nach einem Schnelltest verlangt und den am liebsten heute haben will, das muss jeder auch wissen, dass er damit Verantwortung trägt - nicht nur für sich, sondern für sein ganzes Umfeld.

Aber deswegen testet man sich ja!? Der Wille ist da.


Der Wille ist da. Nein, es gibt ja auch schon in millionenfacher Zahl, es gibt ja schon die Antigen-Schnelltests für den „professionell news“, also für den geschulten Anwender. Das heißt in diesen ganzen Bereichen, wo Menschen schon regelhaft getestet werden, den Altenheimen, in Pflegeeinrichtungen.

Wann glauben Sie denn, dass es endlich so weit ist, dass es für Zuhause funktioniert?


Wir haben jetzt etwa 45 Anträge auf Produktzulassung. Was wir von der zuständigen Stelle hören ist, dass Anfang März, also in ein, zwei Wochen, die ersten Zulassungen erfolgen werden. Ein einzelner Hersteller kann nicht jetzt 80 Millionen Personen versorgen. Aber wenn wir vielleicht zehn zugelassene Test haben, dann wird sich die Situation sehr schnell dahinwenden, dass wirklich jeder zuhause diesen Test anwenden kann.

Update vom 24.02.2021


Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hatte heute die ersten drei Sonderzulassungen für Corona-Selbsttests erteilt, die man auch ohne Schulung zuhause machen kann. Schnelltests, die geschultes Personal durchführen muss, sollen voraussichtlich in rund zwei Wochen etwa in Apotheken kostenlos gemacht werden können.