"The Friendship Tour"

Bestseller-Autoren gegen Brexit

Die britischen Autoren Ken Follett, Jojo Moyes, Lee Child und Kate Mosse haben eine gemeinsame Europatour angekündigt. "The Friendship Tour" führt im Winter u.a. nach Berlin in den Großen Sendesaal des rbb - präsentiert von radioeins.

Bestsellerautor Ken Follett © imago/Sven Simon
Bestsellerautor Ken Follett | © imago/Sven Simon

Die Besteller-Autoren wollen damit ein Zeichen gegen den Brexit setzen. Auf Theaterbühnen wollen sie mit Fans und jungen Autoren zusammenkommen.

Sonja Koppitz spricht darüber mit radioeins-Literaturagent Thomas Böhm.

Bestsellerautor Ken Follett © imago/Sven Simon
imago/Sven Simon
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Das komplette Interview mit Ken Follett

Ken Follett ist einer der erfolgreichsten Autoren der Welt. Über 20 Millionen Bücher hat der britische Autor weltweit verkauft. Einige davon spielen in Berlin, erzählen die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert. Die Ereignisse um den bevorstehenden Brexit haben Follett zu einer einzigartigen literarischen Aktion angeregt. Zusammen mit anderen BestsellerautorInnen wie JoJo Moyes, Kate Mosse und Lee Child wird er im November eine Veranstaltungsreihe in Madrid, Paris, Rom – und Berlin machen. Auf Einladung von radioeins gastiert „The Friendship Tour“ am 23. November im Großen Sendesaal des rbb. Radioeins-Literaturagent Thomas Böhm sprach mit Ken Follett über die Idee des Projekts.

TB: Ihr großer Erfolgsroman „Die Säulen der Erde“ wurde 1989 veröffentlicht, also in dem Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel. Seitdem haben Sie auf ihren Lesetouren ganz Europa bereist. Was ist für Sie der wichtigste Eindruck, den Sie auf diesen Reisen gewonnen haben?

Ken Follett: Der bedeutendste Eindruck ist: wir haben soviel gemeinsam. Dazu gehört, dass all diese Millionen Menschen, egal in welchem Land sie leben, welche Sprache sie sprechen, welchen Hintergrund sie haben ... sie alle mögen gute Geschichten. Und das liegt wahrscheinlich im Wesen dieser Geschichten selbst. Die besten Geschichten handeln von fundamentalen Erfahrungen, so dass alle Menschen sie verstehen können.  Die Gefühle der Figuren in den Geschichten, ihre Ängste, ihre Hoffnungen, ihre Träume sind die, die Menschen überall auf der Welt teilen.

TB: Sie werden im Herbst wieder auf Tournee gehen. Mit Kate Mosse, Jojo Moyes, Lee Child. Was ist die Idee von „The Friendship-Tour“?

KF: Wir wollen unseren LeserInnen und Lesern in Europa ein Zeichen der Freundschaft und der Anerkennung senden. Wollen Ihnen zeigen, wie sehr wir sie schätzen. Und natürlich ist der Hintergrund unsere Sorge über die Botschaften, die seit einiger Zeit von Großbritannien ausgesandt werden. Botschaften, die so missverstanden werden könnten, als dass wir Briten nicht Teil von Europa sein wollen. Dass wir unsere europäischen Nachbarn nicht wertschätzen. Dass wir Briten uns für etwas Besonderes, etwas Besseres halten.  Und diese Botschaften machen mich sehr wütend. Deshalb kam ich auf die Idee zu dieser Tour. Und es stellte sich heraus, dass viele Autorinnen und Autoren der gleichen Meinung sind. Wir sind besorgt über die feindseligen Signale unserer Regierung und wir möchten sagen: wir sind stolz auf unsere Verbindungen mit Europa, wir bringen all den Menschen, die unsere Bücher in den verschiedenen Sprachen lesen, unser Hochachtung entgegen.

TB: Wie haben denn die anderen AutorInnen reagiert, als Sie sie zu dieser Lesereise eingeladen haben?

KF: Sie haben vor allem ganz schnell zugesagt, was mich besonders gefreut hat. Ich hatte das Gefühl, dass sie meinen Gedanken teilen, dass wir etwas tun müssen. Aber noch keine Idee hatten, was das sein könnte. Die Idee der Lesereise hat ihnen aber gleich eingeleuchtet, deshalb haben sie sofort zugesagt.

TB: An diesem Abend werden Sie vier miteinander sprechen, und – wie es in der Ankündigung heißt -, das Publikum zum Gespräch einladen. Warum ist Ihnen das wichtig?

KF: Wir alle vier haben auf unseren Lesereisen die Erfahrung gemacht, dass das Publikum den Teil des Abends, wo es uns Fragen stellen kann, am meisten mag. Und uns geht es genauso: das Gespräch mit dem Publikum gefällt uns allen am besten. Weil wir nämlich nicht wissen, was auf uns zukommt. Wir sind es gewohnt, Lesungen zu machen, Reden zu halten – aber dabei hört man ja nur um unsere eigene Stimme. Wenn aber in den Lesungen die Menschen aufstehen, ihre Meinung sagen, ihre Fragen stellen, zeigt das uns, was sie beschäftigt. Wie sie unsere Geschichten verstehen. Und davon können wir wiederum etwas für unser Schreiben lernen.

TB: Was genau wird denn während der Lesungen passieren?

KF: Das müssen wir noch im Detail entwickeln, da gibt es viele Ideen, zusätzlich zum Gespräch mit dem Publikum. Eine wichtige ist: Wir möchten Autorinnen und Autoren aus den Ländern, in denen wir zu Gast sind, auf die Bühne einladen. Was sonst noch alles passieren wird, werden wir in den nächsten Monaten gemeinsam entwickeln. Wir haben ja noch fast ein halbes Jahr Zeit.

TB: Ihre Tour führt Sie nach Madrid, Paris, Rom. Und eben nach Berlin, ein Schauplatz ihrer sog. „Jahrhundert Trilogie“. Was verbinden Sie noch mit der Stadt, von der ja zweimal ein Krieg gegen Großbritannien ausgegangen ist?

KF: Ist es nicht äußerst vielsagend, dass es heute nahezu unverstellbar ist, dass es wieder einen europäischen Krieg geben würde. Die Gründe sind unvorstellbar, der Verlauf ist unvorstellbar. Natürlich ist nichts unmöglich – aber ein Krieg in Europa wie damals ist nahe dran an der Unmöglichkeit. Und das nach Jahrhunderten, in denen sich die europäischen Mächte quasi permanent miteinander im Krieg waren. Und das hat natürlich mit der EU zu tun. Dadurch, dass wir so eng miteinander verbunden sind, durch den Handel, aber auch durch die Freizügigkeit....

Ich lebe in London, wo es viele Franzosen, Deutsche, Polen gibt. Sie und all die anderen Menschen aus den anderen Ländern machen es so beglückend, in dieser Stadt zu leben. Und im heutigen Berlin ist es nicht anders.

Ich habe auch deshalb soviel über Berlin geschrieben, weil die Stadt immer im Zentrum des Geschehens stand. Besonders auch während des Kalten Kriegs. Aber diese Zeiten des europäischen Dramas sind vorbei. Weil wir uns so gut kennengelernt haben. Weil wir Handel miteinander getrieben, uns gegenseitig besucht haben.

TB: Ein Gedankenspiel: Wie würde wohl ein zukünftiger Ken Follett, sagen wir in 800 Jahren, einen Roman über die Ereignisse in Großbritannien unserer Gegenwart schreiben? Und welche Rolle würde Boris Johnson in diesem Roman spielen?

Dieser zukünftige Autor würde ein Buch über den Abstieg einer Nation schreiben. So etwas passiert eben. Nationen steigen auf und verlieren auch an Bedeutung. England und später das Vereinigte Königreich waren über Jahrhunderte eine starke und reiche Großmacht. Doch es hat seinen Zenit überschritten.  Wir sind nicht mehr so reich und mächtig wie zuvor. Das Problem ist nur: Wenn eine Nation einmal so bedeutend war, ist es für die Menschen, die dort leben, sehr schwer einzusehen, dass diese Zeiten vorbei sind. Ich habe den Eindruck, dass viel Briten blind sind dafür, wie die Zeiten sich geändert haben. Sie sprechen immer noch von GREAT Britain.

TB: Sie haben aber Boris Johnson noch keine Rolle in dem Roman eingeräumt. Ist er nicht bedeutend genug, um vorzukommen?

KF: (lacht). Ich denke, er wird unser neuer Premierminister werden, was bedeutet, dass wir einen Clown als Premierminister haben. Das passt ja irgendwie zu einer Nation, die leichtfertig so vieles wegwirft, was sie über Jahrzehnte gewonnen hat.

Jahrzehnte von cleverem Handel, den großen Erfindungen. All die wunderbaren Dinge, die England zur Entwicklung der Menschheit beigetragen hat. Und eben auch die wichtige Kriege, die wir gefochten haben. All das, um jetzt zu sagen: „Wir ziehen uns jetzt von der Welt zurück. Und das wird uns gut tun.“

TB: In der Presseerklärung zu Ihrer Tour kommt das Wort Brexit nicht vor. Warum? Haben Sie noch Hoffnung, dass es wohlmöglich doch keinen Brexit geben wird?

KF: Die Hoffnung habe ich zwar, aber die Chancen sind sehr gering. Das Wort „Brexit“ kommt nicht vor, weil wir nicht wollen, dass es bei unserer Tournee nur darum geht. Auch wenn das der Auslöser war. Und selbst, wenn der Brexit nicht stattfände – unserer Meinung nach wurde die falsche Nachricht ausgesendet. Und wir hätten immer noch die Sorge, und es wäre immer noch unser Anliegen, den falschen Eindruck auf Europa, den die Ereignisse in unserem Land gemacht haben, etwas entgegenzusetzen: unsere Freundschaft.

 


Veranstaltungshinweis:

radioeins präsentiert Ken Follett im Rahmen von "The Friendship Tour" am 23. November 2019 im Großen Sendesaal des rbb. Der Vorverkauf für die Karten beginnt Donnerstag, den 11. Juli 2019.