Strom und Drang

The Eternal Golden Braid

von Dennis Kastrup

Auf Konzerten passiert es ja manchmal, dass Publikum und Band zusammen Musik machen. Es wird um Mitklatschen und Mitsingen animiert. Und manche Zurufe sorgen dafür, dass der Lieblingssong gespielt wird.

Jubelnde Konzertbesucher vor einer leeren Bühne © imago/Seeliger
Jubelnde Konzertbesucher vor einer leeren Bühne | © imago/Seeliger

Bei der Aufführung „The Eternal Golden Braid“ in London vor ein paar Monaten entscheiden die Zuschauer sogar, welche Noten die Musiker auf der Bühne spielen sollen. Das Interessante dabei ist: Geschrieben hat das Stück eine Künstliche Intelligenz.

Für solche Themen haben wir unseren Spezialisten Dennis Kastrup.

Jubelnde Konzertbesucher vor einer leeren Bühne © imago/Seeliger
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Was steckt dahinter?


Erst einmal ein unglaublich komplexer Entstehungsprozess. 1979 kam ein Buch mit dem Namen „Gödel, Escher, Bach – ein endlos geflochtenes Band“ heraus, geschrieben vom Autor Douglas Hofstaedter. Es war ein Bestseller in Deutschland, 1985 Wochenlang auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste.

Kurz zusammengefasst: Er behauptet, dass z.B. Künstler ihre Kunst selbstbezogen angehen, und das in immer wieder kehrenden Schleifen, die das Sein und Selbstbewusstsein definieren. Also die Intelligenz existiert, weil wir in der Lage sind, über unser eigenes Denken nachzudenken.

Im Fall von Johann Sebastian Bach bedeutet das, dass der Komponist spezielle mathematische Regeln benutzt hat, um Musik zu schreiben, so wie Programmierer ja auch. Und jetzt kommt Robert M Thomas ins Spiel: er hat eine Künstliche Intelligenz genommen, die auf Bachs Kompositionen basiert, sie schreibt also Musik wie Bach. Dann hat er diese Notensätze benutzt und sie für das London Contemporary Orchestra speziell arrangiert:

"Wir haben ein Stück geschrieben, das die Zuschauer zum Mitmachen animiert und das sie beeinflussen können. Das Publikum musste während der Aufführung im Londoner Barbican Center Karten hochhalten. Auf der Bühne war eine Kamera, die das Publikum beobachtet hat. Diese hat gesehen, wie viele mit der roten oder der blauen Karte abgestimmt haben. Die Musiker haben andere Notenlinien gespielt, wenn sich die Farben der Karten geändert haben."

Insgesamt sechs Minuten hat diese Aufführung gedauert - 1600 Menschen waren im Publikum.

Was genau war das dann für Musik und wie hat sich die mit den Karten verändert?


Violine, Viola und Cello waren auf der Bühne. Die Musiker haben auf den Notenblättern zwei Notenlinien gesehen. Bei jeder Wahl des Publikums, mussten sie sich also anpassen:

"Blau beschreibt einen allgemeinen musikalischen  Zustand der Musik. Dasselbe gilt für Rot. All das wurde in Zusammenarbeit mit der Künstlichen Intelligenz komponiert. Beide Zustände sind zu jeder Zeit mit dem Stück kompatibel."


Anders gesagt: Alles harmoniert auch trotz Veränderung miteinander, wir hören da auch mal rein, hier wird von Blau nach Rot gewechselt. Blau ist eher ruhig, emotional eintönig, Rot ist aggressiver, lauter, schneller.

Unterstützt wurde das Ganze auch noch von Lichtern: Hat das Ensemble Rot gespielt, wurden sie auf der Bühne in rotes Licht getaucht, bei Blau eben in Blau.

Wie haben denn die Menschen im Publikum darauf reagiert, dass sie die Musiker beeinflussen können?


Die haben das sehr genossen, ein Teil davon zu sein, weil sie unter anderem nach einer bestimmten Zeit auch selber Muster an den Tag gelegt haben:

"Wir haben herausgefunden, dass es wellenartige Bewegungen im Publikum gab. Das Publikum konnte also sehen, dass es eher blau gewählt hat. Deshalb wollten dann viele von ihnen zu Rot wechseln, weshalb sie die Karten dann eben zu Rot umgedreht haben.  Das pendelte also langsam hin und her. So wurde es in der Mitte in bisschen schneller und dann wieder langsamer."

Je länger die Veranstaltung dauerte, desto klarer wurden diese Muster, und da wären wir dann wieder bei den Schleifen, von denen ich am Anfang gesprochen habe, die dann wiederum auch ein Bewusstsein definieren, und zwar das vom Publikum: es sieht sein Verhalten, denkt darüber nach und ändert es.

Und wenn man sich das alles jetzt im Nachhinein anschaut, dann kann man sagen: The Eternal Golden Braid ist eine Zusammenarbeit von Johann Sebastian Bach, Robert M Thomas, dem Publikum und den Musikern eines Orchesters.

Das bedeutet dann: ein lebendiger Komponist hat das unfertige Musikstück geschrieben, das irgendwie von einem schon seit Jahrhunderten toten Komponisten mit Hilfe von Machine Learning komponiert wurde, und das wiederum beeinflusst am Ende dann das live existierende Publikum.

Ein sehr ungewöhnliches Stück also, das zeigt, wie sehr sich unsere Wahrnehmung noch verschieben kann.

 



Dennis Kastrup twittert unter @cyborgparade

Der Beitrag ist noch bis zum 29.10.2020 00:00:00 verfügbar.