Strom und Drang

Technikphilosophie

von Dennis Kastrup

Technologien bestimmen unseren Alltag: Wir kommunizieren mit dem Handy, arbeiten mit dem Computer und sprechen mit Maschinen, wenn wir einkaufen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Ein Mensch und ein Roboter geben sich die Hände © imago images/View Stock
Was machen die neuen Technologien mit uns? | © imago images/View Stock

Neue Technologien bedeuten auch, dass wir die Welt um uns herum anders oder neu wahrnehmen als noch vor ein paar Jahrzehnten. Und wie gehen wir damit um?

Die „Technikphilosophie“ beschäftigt sich genau damit. Dr. Janina Loh hat eine Post-Doc Stelle an der Universität Wien und forscht auf diesem Gebiet.

Unser Spezialist Dennis Kastrup hat sie dazu gesprochen.

Ein Mensch und ein Roboter geben sich die Hände © imago images/View Stock
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Was genau macht sie?

Bei der klassischen Philosophie setzt man sich ja mit dem Verhältnis vom Menschen zur Welt auseinander. Die Technikphilosophie setzt quasi noch einen drauf und fragt: was machen die neuen Technologien mit uns?

Also es geht zum Beispiel um das Miteinander im Internet, das Benutzen von Drohnen oder selbstfahrende Autos und so weiter. Da kommen dann natürlich auch Fragen der Gleichberechtigung und Fragen über Genderrollen auf. Ich habe an dieser Stelle ja schon mal über Sprachassistenten gesprochen: viele von ihnen haben weibliche Stimmen und gehorchen, ob im Auto oder in Küchengeräten - sie führen Befehle aus.

Loh hat sich als Feministin zuerst in ihrer Freizeit dafür eingesetzt, dass man sich von festgesetzten Rollenvorstellungen lösen muss. Dieses Engagement mündete dann vor ca. drei Jahren in ihr Spezialgebiet „feministische Technikphilosphie“. Und da hebt Loh besonders Judy Wajcman hervor, die bereits 2004 das Buch „Technofeminism“ geschrieben hat und damit Vorreiterin war:

"Die Art und Weise wie wir Technologien konstruieren, und designen und bauen wirkt auf die Gesellschaft, in der sie konstruiert und eingeführt werden zurück. Gesellschaftliche Normen und Praktiken und Genderverhältnisse und patriarchalische Strukturen beeinflussen natürlich auch die Art und Weise wie wir Technik bauen und designen und auf den Markt bringen."

Also wir Menschen spiegeln uns natürlich auch in den Technologien, die wir entwickeln, das heißt: Wir übertragen unsere Ansichten auf Technik.

Muss man dann nicht erst einmal in der Gesellschaft selber das verändern, bevor man sich auch die Technologie stürzt?

Ja, dem stimme ich zu, aber man kann natürlich auch jetzt an der Zukunft arbeiten, die wir ja gerade mit so Themen wie Künstliche Intelligenz oder Robotik selber erschaffen. Und so weit weg ist das dann auch nicht: die junge Generation lebt ja fast schon mehr in ihrer digitalen Welt, Stichwort Computerspiele.

Man sollte da also ansetzen und Modelle vermitteln, die sich dann wiederum auf die Gesellschaft auswirken. Das ist also ein Wechselspiel:

"Der Ausgangspunkt sind meistens immer noch weibliche Systeme, weibliche Stimmen. Und dann auch Roboter tatsächlich, also verkörperte Systeme, verkörperte Algorithmen, die nach weiblichen Geschlechtermerkmalen gebaut sind, mit einem feinen Gesicht vielleicht oder großen Augen. Das ist sehr, sehr problematisch, weil das tatsächlich ein sehr, sehr traditionelles patriarchales Machtverständnis und Verständnis von den Geschlechterverhältnissen perpetuiert."


Janina Loh hat es angesprochen: Ein wichtiges Thema ist die Robotik. Und dann ist im Zusammenhang mit der feministischen Technikphilosophie unter anderem die „Sexrobotik interessant: Wie gehen wir damit um? Also, nach welchem Gendertypen werden Roboter gebaut? Wie sehen sie aus?

Befürworter argumentieren, dass Sex mit Robotern mit stark ausgeprägten weiblichen Merkmalen; Menschen davon abhalten könnte, andere Menschen zu vergewaltigen. Die Gegner argumentieren, dass das alles nur noch schlimmer machen würde und die Lust auf den Akt sogar vergrößern würde. Ein ganz schwieriges Thema, dem wir uns aber stellen müssen, da es wohl mehr und mehr in unseren Alltag dringen wird.

Was ist deine persönliche Einschätzung: Wie wird in Zukunft Feminismus auf die Technologie einwirken?

Das ist halt so, wie es auch ich in den vergangenen Jahrzehnten mit Geschlechterrollen passiert ist: Man muss erst einmal ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Veränderungen notwendig sind, also dass man Stereotypen abbauen muss, und das gilt heutzutage eben auch für die neuen Technologien, und dafür ist die feministische Technikphilosophie dann da. In dem Prozess befinden wir uns gerade, aber das dauert.

Janina Loh kennt das auch aus eigener Erfahrung, sie spricht oft auf Veranstaltungen:

"Da tummeln sich halt noch einmal sehr viel mehr Menschen, die sich als Männer verstehen. Und da falle ich einfach wie ein bunter Vogel auf, wenn ich auch bei einer internationalen Technik- Philosophiekonferenz in den Raum komme als junge weibliche Person, die dann auch noch sage ich mal innerhalb der Community auch noch einmal anders aussieht oder so. Und dann auch sage ich mal laut auftritt, selbstbewusst auftritt, also Charakteristika zeigt, die man für gewöhnlich weißen Männern mit absoluter Selbstverständlichkeit zuschreibt und da auch gar nicht auffällig findet."


Wenn wir das dann irgendwann abgelegt haben und das dann auch auf Technologien anwenden, dann können wir uns alle wohl endlich auf Augenhöge begegnen.

 



Dennis Kastrup twittert unter @cyborgparade

Der Beitrag ist noch bis zum 05.11.2020 00:00:00 verfügbar.