Strom und Drang

Kurzvideo-Plattform TikTok plant Musik-Streaming-Dienst für seine App

von Dennis Kastrup

Popmusik verändert sich ständig. Was vor kurzem noch modern war, ist heute schon alt. Das gilt auch für die Art und Weise wie wir sie hören: Grammophon, Radio, MTV, Walkmen, Streaming ... um nur ein paar Etappen zu nennen.

Das Logo der App TikTok auf einem Smartphone © imago images/Hollandse Hoogte
Die Kurzvideo-Plattform TikTok ist eine der derzeit erfolgreichsten Apps bei Teenagern | © imago images/Hollandse Hoogte

Besonders angesagt bei den Jugendlichen ist derzeit die App "TikTok". Eigene Videoclips werden hier mit 15 Sekunden Musik unterlegt und dann geteilt. Vergangene Woche gab es die Meldung, dass TikTok nun beim Musik-Streaming einsteigen will.

radioeins-Experte Dennis Kastrup klärt darüber auf.

Das Logo der App TikTok auf einem Smartphone © imago images/Hollandse Hoogte
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Was ist der Grund dafür?


Die Geschichte hinter TikTok ähnelt den erfolgreichen neuen Social Media Giganten wie Facebook, Twitter oder Instagram: Irgendwann sind die Userzahlen so groß, dass sie zu mächtigen Unternehmen werden und einfach expandieren und mehr Geld verdienen wollen. TikTok hat mittlerweile über eine Milliarde User weltweit, neben den USA sind Indien und China dabei die größten Märkte. Dahinter steckt das chinesische Unternehmen Bytedance aus Peking. Die Userinnen und User nehmen sich die angebotenen, kurzen Musiksequenzen und machen daraus ihre eigenen Clips. Da existieren Verträge über Copyrights mit Labels und Künstlern, wie die genau aussehen, das ist wohl kompliziert und die Beteiligten schweigen dazu. Mit Einrichten eines Streaming Dienstes könnte das vereinfacht werden, da man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: Rechte für den ganzen Song und dann eben 15 Sekunden davon im Clip. Außerdem konkurriert man dann mit Spotify oder Apple, denn billiger als andere Streaming-Dienste wollen sie auch sein.

Und, findest du, dass das eine gute Idee ist?


Es ist vor allem schlau, alles an sich zu binden, Monopol zu sein. Und sie sind da in einer guten Position: Superstars wie z.B. Billie Eilish, das Teenageridol gerade, lieben TikTok. Denn die App erzeugt heutzutage Hits, wie z.B. das Stück „Old Town Road“ von Lil Nas X. Das war im Dezember 2018 die so genannte Yeehaw-Challenge. Man sollte 15 Sekunden dazu tanzen, alle haben mitgemacht. Sein einziger Song bisher, und der ging danach in die weltweiten Charts.

Aber warum funktioniert das so gut? Hast du eine Erklärung dafür, warum TikTok so erfolgreich ist?


Die App spiegelt den aktuellen Zeitgeist wider: Man kann sich schnell durch kurze Videos klicken, dazu kann man liken, chatten, kommentieren, verlinken, Emojis und Gifs einfügen. Das sind fast alle derzeit möglichen Multimedia-Eigenschaften vereint, und eben auf Pop, auf Musik bezogen. Als Fan einer Band, eines Künstlers, kann man so mit Hilfe ihrer oder seiner Musik auch noch selber berühmt werden, ein Teenagertraum. Wichtig ist auch: man muss übrigens nicht immer Musik unterlegen, einfache Videos gehen auch, die Tagesschau ist z.B. auch dabei ist.

Also alles wunderbar im TikTok-Land, oder gibt es auch Kritik?


An dem Phänomen an sich habe ich persönlich nichts auszusetzen. Ich kann mir schon vorstellen, dass einige ältere Semester nichts damit anfangen können, dass 15 Sekunden Musikvideos Spaß machen. Aber das ist ein Generationending und das gab es immer schon. Mein Problem ist: da steckt ein chinesisches Unternehmen dahinter. Man sieht ja gerade, was in China passiert: Gesichtserkennung etc., mit Daten gehen sie sehr locker um, das heißt: alles wird gesammelt. Und nicht nur, was man sich anschaut, sondern wen man mag, mit wem man spricht, was man sagt und so weiter. Das trifft besonders auf Kinder zu, die da sehr naiv dran gehen. Gerade wird gegen TikTok in Großbritannien deswegen sogar ermittelt.

Außerdem kann das Netzwerk natürlich auch Videos sperren, so gerade geschehen im Zusammenhang mit den Protesten in Hongkong, bei dem positive Image-Clips einfach gelöscht wurden. Auch die USA sind besorgt: Denn wenn das chinesische Unternehmen die Daten von hundert Millionen amerikanischen Teenagern hat, dann kann man diese vielleicht ja auch irgendwann beeinflussen, manipulieren? Das Verrückte daran ist ja, und das ist heutzutage oft so: Es fängt alles mit einer kleinen Spielerei an und endet dann auf weltpolitischer Ebene.

Und was kann man dagegen machen?


Ich glaube, zu sagen, es nicht zu benutzen, wäre Unsinn, dafür macht es einfach zu viel Spaß. Aber man sollte bewusster mit diesen Spielzeugen umgehen, also wissen, wem und was man da jemanden gibt. Man muss nicht immer alles mit Freunden über solche Apps teilen. Und was die Daten angeht: Da muss die Politik reagieren, was dann aber eben in dem Fall China wohl schwierig ist.

 



Dennis Kastrup twittert unter @cyborgparade

Der Beitrag ist noch bis zum 26.11.2020 00:00:00 verfügbar.