Lyric AI

Künstliche Intelligenz ist im Pop angekommen. Man kann bereits mit einem Klick ein komplettes Stück Musik von einem Programm schreiben lassen.

Der Rockmusiker und Gründer David Usher (re.) und der Programmierer Pablo Castro © Vimeo/David Usher
Der Rockmusiker und Gründer David Usher (re.) und der Programmierer Pablo Castro | © Vimeo/David Usher

Immer mehr Künstler benutzen KI, um die eigene Kreativität zu unterstützen. Das gilt bis jetzt aber nur für die Musik, also für die Töne. Zwar gab es schon versuche, Texte von einer KI schreiben zu lassen, aber so richtig gut gelungen ist das bisher noch nicht. Das soll sich mit dem Projekt „Lyric AI“ ändern.

Unser Experte Dennis Kastrup hat es sich angeschaut.

Der Rockmusiker und Gründer David Usher (re.) und der Programmierer Pablo Castro © Vimeo/David Usher
Vimeo/David Usher
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Erzähl uns ein bisschen mehr darüber.

„Lyric AI“ ist eine Zusammenarbeit von dem Programmierer Pablo Castro und dem kanadischen Rockmusiker David Usher. Die beiden arbeiten unter der Schirmherrschaft von Google Brain an einem Programm, das automatisch Songzeilen schreibt. Und das funktioniert so: Man gibt eine Zeile oder mehrere Zeilen in ein Programm ein, also der Beginn eines Songs, und der Algorithmus spuckt dann weitere Worte, bzw. Zeilen aus.

Das Besondere bei der Herangehensweise von dem Programm „Lyric AI“ ist aber: es schaut sich nicht einfach nur die Wörter und den Inhalt an, und fügt dann einfach eine Geschichte dazu, sondern lernt anhand von Daten den Aufbau eines Songs und wendet das auf die Texte an. Pablo Castro hat sich beim Programmieren bewusst dafür entschieden:

„Ich habe ein Modell, das die Struktur der Strophe lernt. Wenn also ein Song ein Pentameter als Versmaß hat, dann sollte das Modell das erkennen und die nächste Zeile würde dann auch ein Pentameter sein. Das kann man auch auf das Reimschema anwenden. Ein anderes Modell liefert die Struktur des Textes, aber ohne Worte, also wie das Skelett des Songschreibens aussehen würde. Ein weiteres Modell kümmert sich dann um das Vokabular. Das setzt dann die Worte in diese Struktur ein.“

Das bedeutet eben, dass die Worte auch zu der Musik, zum Rhythmus passen und nicht einfach bloß aneinandergereiht werden.

Castro hat erwähnt, dass sein Modell Worte ausspuckt. Woher kommen denn diese Worte? Eine Künstliche Intelligenz muss ja Daten haben, muss von etwas lernen.

Genau, um einem Programm zu sagen, schreib mal Text, muss es ja erst auch einmal auf bekannten Text zurückgreifen können, also auf einen Datensatz. Und da kommen wir dann an einen kritischen Punkt: Stell dir vor, eine KI liefert uns Zeilen, die auf sagen wir mal Texten von Patti Smith oder Wolfgang Goethe basiert: Wer hat die Rechte am finalen Text der KI? Patti Smith? Der verstorbene Goethe? Oder Castro, der das Programm geschrieben hat? Oder sogar das Programm selber? Um das zu umgehen, hat er einen Trick angewandt:

„Wir trainieren für das Vokabular mit Literatur, die keine Urheberrechte besitzt. Das sind dann besonders oft alte Bücher. Obwohl viele alte Bücher auf Englisch geschrieben worden sind, gibt es auch viele französische Worte, weil Französisch eine kultivierte Sprache war. Manchmal kommen also auch französische Zeilen heraus.“

Die beiden haben das dann sicherlich auch getestet, oder?

Ja klar, und zwar mit der Musik von David Usher, und zwar einem alten Hit: Sparkle and Shine. Dafür hat Usher die besten Textvorschläge genommen und sie dann neu und anders eingesungen. Wichtig ist dabei zu erwähnen: er hat auch noch ein bisschen die Melodie variiert, warum „Sparkle and Shine 2.0“ auch so einzigartig ist. Usher ist übrigens großer Fan von Künstlicher Intelligenz. Er sieht die Zukunft in der Musik mit KI nicht so schwarz, wie das manche vielleicht beim Gedanken daran tun. Natürlich werde es in Zukunft Musik auf Knopfdruck geben, die vorhersehbar ist, und vor allem auch billig zu produzieren, aber das sei  ein Prozess, der immer wieder neu einsetzt mit neuer Technologie:

„Ich sage oft, dass Künstliche Intelligenz das Auto-Tune von allem ist. KI kann die kleinste Gemeinsamkeit erkennen und diese sehr gut nachahmen. All diese Ecken und Kanten verschwinden dann jedoch. Ich hoffe aber, dass sich die Menschen mehr noch von der Ungeschliffenheit begeistern lassen werden, also dem Nicht-Perfektem. Das macht Pop so wunderbar.“

Und das gilt wohl für alles was wir in Zukunft machen werden: Die Schönheit der Kunst wird in unseren Fehlern zu finden sein, was übrigens auch schon vor Künstlicher Intelligenz so war.

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Dennis Kastrup twittert unter @cyborgparade

Der Beitrag ist noch bis zum 10.12.2020 00:00:00 verfügbar.