Jahresrückblick 2019

Am Ende jedes Jahres sieht man sie überall: Die Bestenlisten. Magazine, Künstler und natürlich auch Radios präsentieren ihre zehn Lieblingsstücke und -alben der vergangenen zwölf Monate.

Eine Roboterhand schnipst eine Frau an einem Schreibtisch © imago/Ikon Images
Es werden mehr Maschinen sein in Zukunft, in der Kunst, und auch in Politik, Wirtschaft, Sport und so weiter | © imago/Ikon Images

An dieser Stelle schauen wir jetzt auch zurück auf das, was das Musikjahr an technologischen Entwicklungen gebracht hat. Unser Experte dafür heißt natürlich Dennis Kastrup.

Eine Roboterhand schnipst eine Frau an einem Schreibtisch © imago/Ikon Images
imago/Ikon Images
Download (mp3, 5 MB)

Wie betrachtest du 2019 rückblickend?

In den Jahren davor habe ich dir an dieser Stelle von vielen neuen Ideen berichtet. Hüpfende Bälle, die beim Aufprall Klänge erzeugen, Ringe an den Fingern, die durch Bewegung Musik erzeugen, Kleidung, die bei Berührung Melodien spielt. Die Aufregung über viele Spielereien hat sich ein wenig gelegt, weil eben jetzt schon vieles auf dem Markt ist. Musik ist immer mehr nur auf EIN Gerät fokussiert, das wir ständig mit uns herumtragen: das Smartphone. Künstler können mit Apps einfacher als jemals zuvor, sogar ganze Alben mit dem Handy produzieren, was auch immer mehr passiert.

Und Musik gehört wird ja auch sehr oft nur noch über Streaming auf dem Smartphone, oder? So wie bei Spotify, Apple oder Deezer, oder auch YouTube Playlisten...

Genau, und da kommen wir dann an einen Punkt, der auch in der Musikindustrie angekommen ist: die gesammelten Daten dahinter. Ich hatte darüber im August mit Professor Gideon Nave gesprochen. Er hatte eine Studie durchgeführt mit dem Titel: „Musikalische Vorlieben sagen die Persönlichkeit voraus: Beweise durch das aktive Musikhören und Facebook Likes“:

"Natürlich hängt die Auswahl der Musik, die du hörst, auch von vorübergehenden Dingen ab, also deiner Stimmung oder mit wem du dich gerade umgibst. Spotify kann das auch anhand deiner Musikauswahl ableiten. Wenn du dich für Heavy Metal entscheidest oder eher entspannende Musik hörst, dann sagt das vielleicht etwas über deine derzeitige Stimmung aus."

Was man streamt sagt also auch viel über einen aus: welche Vorlieben man hat, was man gerade macht und auch wo man gerade hört. Wir sind also beim Musikkonsum mittlerweile auch gläsern.

Vor ein paar Wochen hast du ja auch über TikTok gesprochen, die App, bei der kurze Musikstücke mit Videos unterlegt werden. Dahinter steckt ein chinesisches Unternehmen. Die wollen ja auch in das Streaming einsteigen und könnten so Daten sammeln. Siehst du das problematisch?

Daten bedeuten Macht, und TikTok hätte mit über einer Milliarde Userinnen und User dann die Macht über die Teenager der Welt. Aber nicht nur als Datenkrake, sondern auch als zensierende Institution: TikTok gerät immer mehr in die Kritik, denn bestimmte Videos werden aus politischem Interesse gesperrt, zum Beispiel im Zusammenhang mit den Protesten in Hong Kong: Da sollten keine positiven Bilder entstehen, weshalb man bestimmte Videos löschte. Du siehst, plötzlich ist die kleine musikalische Spielerei in deiner Tasche ein Auslöser für große Weltpolitik.

Ein Thema, was mir in den vergangenen Gesprächen immer wieder aufgefallen ist: Musik, die von Künstlicher Intelligenz geschrieben wird. Was ist da 2019 passiert?

Die Angst davor verschwindet langsam. Es ist sogar das passiert, was ich hier vor ein paar Jahren vorhergesagt habe: Es gibt die ersten Auszeichnungen und Preise für Musik, die von KI geschrieben wurde. Wobei es immer noch wichtig ist zu sagen: Ganz alleine schreibt KI keine gute Musik, ein bisschen was muss der Mensch machen und wird es auch immer machen müssen, damit ein Song entsteht. So wie auch beim Wettbewerb „Beats And Bits“, der im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2019 von Wissenschaft im Dialog ausgerufen wurde. Es ging darum, Musik von KI komponieren zu lassen. Vergangenen Freitag wurde der Publikumspreis an DJ Prass Pr0s vergeben, für seinen Song „Power of Relaxing“. Der Gewinner schrieb in seiner Beschreibung des Stücks:

„Die Beats und Loops kamen von der KI, aber ohne komponieren, also richtiges einsetzen im gleichen Takt, wäre keine Musik zustande kommen.“

Und das würde ich gerne für die kommenden Jahren allen mit auf den Weg geben: Ja, es werden mehr Maschinen sein in Zukunft, in der Kunst, und auch in Politik, Wirtschaft, Sport und so weiter. Wir Menschen werden aber nicht verschwinden, wir müssen nur lernen, mit ihnen zu leben.

 



Dennis Kastrup twittert unter @cyborgparade

Der Beitrag ist noch bis zum 17.12.2020 00:00:00 verfügbar.