Di 14.01. 14:35
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Strom und Drang

Av3ry - Eine KI, die Musik und Gedichte schreibt

von Dennis Kastrup

Auch im neuen Jahr ist sie weiterhin ein wichtiger Bestandteil der aktuellen Musikszene: die Künstliche Intelligenz, oder ganz einfach und anders gesagt: ein Computerprogramm, das den Menschen beim Musikmachen hilft.

Av3ry
Av3ry | © Av3ry

Der Hamburger Komponist Alexander Schubert hat so eine KI programmiert und sie „Avery“ genannt, geschrieben „AV3RY“. Unser Experte Dennis Kastrup hat sich das genauer angeschaut.

Was genau macht und kann Avery?

Sie, die KI, komponiert Musik, aber anders, als man das von so Plattformen wie Jukedeck oder Amper kennt. Bei denen klickt man einfach online auf der Homepage die Musikstile, die man haben will, und dann wird ein Song geschrieben.

Avery ist eine virtuelle Person, die einen pinken Pullover mit Kapuze trägt und ein androgynes Gesicht hat. Das Besondere: Man kann mit ihr sprechen, und zwar im Chat. Das macht man entweder über Facebook oder den Nachrichtendienst Telegram. Man sagt ihr dann, was sie machen soll: z.B. Gedichte schreiben oder Bilder kreieren. Am besten kann sie aber Musik machen. Dafür fragt sie dich zu Beginn ein paar Dinge, wie mir Alexander Schubert erzählt hat:

„Also man kann erst einmal so Basis-Sachen angeben wie kurz, lang, laut, leise, wild, ruhig, wechselhaft, schnell, langsam und so weiter. Es versteht aber auch noch andere Adjektive und Genresachen, aber das Programm ist nicht so programmiert, dass es sozusagen eine Funktion hat, die Jazz macht, eine die Technostücke macht und eine die Popmusik macht.“

Du hast das sicherlich auch ausprobiert, oder?

Ja, klar. Avery hat mich gefragt, übrigens alles auf Englisch, wie mein Song klingen soll, und ich habe mich für laut, lang und schnell entschieden. Dann wurde ich noch gefragt, ob sie für mich singen soll, was ich auch bejaht habe.

Eindruck...?

Das ist schon sehr experimentell. Schubert hat Avery so programmiert, dass einzelne musikalische Module alle miteinander über Wahrscheinlichkeiten verbunden sind, die du dann mit deinen Eingaben, oder Wünschen quasi steuerst, die dann zusammengesetzt werden und eben Musik erzeugen. Die KI greift dabei natürlich auf ein riesiges Archiv zurück:

„In der Musik ist es so, es gibt einerseits so eine Basissammlung von wahrscheinlich 100.000 Samples vielleicht, die alle möglichen Klänge sein können, und dann noch einen ganzen Schwung Instrumente wie Gitarre, Flöte, Geige und was weiß ich nicht alles. Grundsätzlich kann das Programm aber auch im Internet sich selber noch einmal Sachen runterladen, das heißt: Es sind zum Beispiel ganz viele A Capella Tracks dazugekommen von verschiedenen Popstücken.“

Und wie bei allen anderen KIs gilt auch hier: Das Programm lernt, und zwar von deinen Kommentaren. Es fragt dich am Schluss, wie dir die Musik dir gefallen hat und wie du sie beschreiben würdest. Sagst du z.B., dass es wie Experimental Drum and Bass Robot Pop klang, so würde ich mein Stück beschreiben, dann kann die KI die Beschreibung speichern und beim nächsten Komponieren anwenden, wenn jemand Experimente an Drum and Bass Robot Pop will.

Schubert hat von 100.000 Samples gesprochen. Hat er da kein Bedenken, dass es Urheberrechtsverletzungen gibt?

Nicht wirklich, weil es alles sehr kurze Samples sind, wie ein Klavierton, der 50 Millisekunden lang ist. Die gibt es dann in unterschiedlichen Höhen, so dass daraus dann Musik entsteht. Die KI mischt all das und die Ergebnisse überraschen selbst Schubert:

„Ich wollte auch sehr gerne irgendetwas machen, was mit mir nichts mehr zu tun hat. Ich möchte da sozusagen eigentlich auch nur so am Rande noch vorkommen. Ich fand das viel schöner, wenn diese Person für sich steht und gar nicht so sehr als Kunstprojekt von mir dargestellt wird, sondern eigentlich als ein in sich und für sich stehendes Subjekt.“

Und das hat bereits über 10.000 Tracks komponiert, die man sich im riesigen Datenarchiv anhören kann. Wem das alles noch nicht reicht, der findet unter Avery bei YouTube auch den 24 Stunden Stream.

Link:

 



Dennis Kastrup twittert unter @cyborgparade

Der Beitrag ist noch bis zum 14.01.2021 00:00:00 verfügbar.