Das hat Folgen

Serien auf der Berlinale

mit Nilz Bokelberg

Einen exklusiven ersten Blick auf herausragende neue Serienproduktionen aus aller Welt bietet seit dem Jahr 2015 die Sektion Berlinale Series.

Zoo Palast © Berlinale 2015
Die Heimat von Berlinale Series ist der Zoo Palast im Herzen der Stadt. Dort wird für die Welt- und internationalen Premieren der rote Teppich ausgerollt, um Cast und Crew zu würdigen | © Berlinale 2015

Die Filmwelt Berlins steht schon in den Startlöchern, die Anzüge sind gebügelt, die Kleider gereinigt: Es ist wieder Berlinale-Zeit. Neben Cannes und Venedig zählen die Filmfestspiele in Berlin zu den großen Filmfestivals der Welt und ab Donnerstag geht die 70. Runde der Berlinale los.

Warum auch Serien dabei nicht ganz unwichtig sind, erzählt radioeins-Serienexperte Nilz Bokelberg.

Zoo Palast © Berlinale 2015
Berlinale 2015
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Wo findet man denn Serien auf der Berlinale?

Es gibt seit 2015 eine eigene Serien-Sektion auf der Berlinale. So ganz kam man um das Thema natürlich nicht mehr drum rum. Und diese Sektion wächst seitdem behutsam heran. Dieses Jahr werden vom 24. bis zum 26. Februar 2020 diverse Serienpremieren im Zoo Palast gefeiert. Ich habe mal zwei Serien rausgesucht, die so ein bisschen beide Enden des Spektrums zeigen, dass man da erwarten kann. Dazwischen gibt es dann noch mehr sehenswertes.

Da sind wir aber gespannt, was für Enden das sind.

Also, an der einen Seite haben wir eine sehr kleine Produktion. Sehr Indie, sehr kleine Geschichte, die aber für ihre Protagonisten die Welt bedeutet. Die dänische Serie heißt "Sex" und wird vermutlich weder für den Titel noch für die Story einen Originalitätspreis gewinnen und trotzdem verpasst man etwas Besonderes, wenn man die nicht sieht.

Es geht um Cathrin und Simon. Bei sind Studenten, Anfang 20. Cathrine arbeitet bei einer Sex Beratungs-Hotline. Also nicht so ein 0190-Ding, sondern echte Beratung. Vielleicht kann man sich das ein bisschen wie Dr. Sommer vorstellen. Ihr Freund Simon studiert Kontrabass. Die beiden sind schon ein glückliches Pärchen, aber im Bett, da funktioniert es irgendwie nicht so. Man checkt auch nicht so richtig, wieso nicht. Simon ist irgendwie blockiert während Catherine irgendwie verhungert. Das ist ja oft bei dieser Art Problem so, dass der Part, der nicht kriegt, was er will, mehr leidet als der, der es gerade nicht braucht. Und in dieser Phase kommt Catherine ihrer Arbeitskollegin Selma näher. Getreu dem Serientitel kommt es dabei auch zum Sex, was Catherine jetzt vollends verwirrt, denn sie hatte sich bislang für absolut Heterosexuell gehalten. Was das mit ihr und damit auch mit allen Beteiligten macht, erzählt diese Serie.

Das klingt erstmal nach einer fast schon klassischen Coming of Age Geschichte.

Ja, ist das auch irgendwie. Aber die ist hier so charmant erzählt. Die sechs Folgen sind alle um die 10-12 Minuten lang und beleuchten deswegen immer nur einen Aspekt von Catherines Suche nach ihrer Lust und Selbstfindung. Das ist ein tolles Format, um eine Geschichte am Ende dann doch ganz dicht erzählt zu haben - zumindest fühlt es sich so an. Dazu kann man in der Serie immer alle Figuren super verstehen und nachvollziehen. Das ist ja auch selten genug. "Sex" ist also ein sehr schön dichtes Portrait einer jungen Frau, die gerade rausfindet, was sie will und wenn das so gekonnt und angenehm unpeinlich inszeniert ist, dann ist das auf jeden Fall sehenswert.

Und was steht deiner Meinung nach auf der anderen Seite des Berlinale Serien-Spektrums?

Da haben wir eine australische Produktion namens "Stateless". Die hatte Big Budget und große Namen wie Cate Blanchett oder Yvonne Strahovski, die wir als Miss Waterford aus Handmaids Tale kennen. Diese Serie versucht sich darin, eine Geschichte aufzumachen, in der ihre Protagonisten zu Beginn scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben, aber deren Leben sich dann alle treffen. Ausgerechnet in einem Auffanglager im australischen Nirgendwo. Hier laufen vier Hauptstories zusammen, die so unterschiedlich wie möglich konstruiert sind.

Die beiden gegensätzlichsten sind dabei die Geschichte von Ameer, der mit seiner Familie versucht von Afghanistan nach Australen zu fliehen, um dort ein neues, ein besseres Leben anzufangen. Aber die Flucht ist extrem gefährlich und er kann eigentlich niemandem so richtig über den Weg trauen - obwohl er es muss.

Die andere große Geschichte handelt von Sofie, einer deutschstämmigen Flugbegleiterin, die nach einem desaströsen Weihnachtsessen bei der Familie in den Fängen einer Sekte landet und plötzlich mit anderem Namen in dem Auffanglager landet, das Dreh- und Angelpunkt der Serie ist.

Aber gerade solche Geschichten, in denen sich Leute treffen, die nichts miteinander zu tun haben, wirkt das ja oft sehr konstruiert.

Ja, das ist immer die Gefahr und so ganz ist auch "Stateless" davor nicht sicher. Aber die Darsteller sind zu gut, die Bilder zu stark und das Buch zu schnell, als das man genug Zeit hätte, über eventuelle Logiklöcher nachzudenken. Es hat ja auch streckenweise etwas fast Kolonialistisches, zu sagen: Hier, wir schicken die weiße Frau in ein Lager für Asyl, damit der weiße Zuschauer sich auch anguckt, wie ätzend es dort ist. Das ist natürlich etwas traurig und sicher eine Kritik, der sich die Serie wird stellen müssen. Ich glaube aber, dass die Macher damit rechnen und deswegen sehr präzise inszeniert haben. Und man muss sagen, dass vor allem die Sektenstory wirklich sehr sehr stark ist. Ich halte die Serie also schon für sehenswert. Sehr aufregend ist sie allemal.

Der radioeins Talk

Nilz Bokelberg in der Hörbar Rust

43, Fernsehmoderator, Autor & Podcaster

Das hat Folgen

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Der Beitrag ist noch bis zum 17.02.2021 00:00:00 verfügbar.