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Voluntourismus und Sommersaison auf den Färöern

18 Inseln mitten im Atlantischen Ozean. Immer weht ein Wind und zerzaust den vielen Schafen die Wolle. Die Steilhänge werden von Austernfischern und Papageientauchern angeflogen.

Natur satt auf den Färöer-Inseln © radioeins/Steen Lorenzen
Natur satt auf den Färöer-Inseln | © radioeins/Steen Lorenzen

Seit ein paar Jahren kommen auch verstärkt Touristen, die auf den Färöern nicht nur abgelegene Wanderwege entdecken können, sondern auch jede Menge Musik.

Darüber spricht Christiane Falk mit radioeins-Kollege Steen Lorenzen, der kurz vor Saisonbeginn auf den Färöern war.

Natur satt auf den Färöer-Inseln © radioeins/Steen Lorenzen
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Was heißt denn Saisonbeginn auf den Färöern?


Das heißt, dass viele Angebote, wie Wandern mit Guide oder Fährfahrten zwischen den Inseln erst ab Mai angeboten werden. Denn der Tourismus auf den Färöern steckt immer noch in den Kinderschuhen. 2013 wurde zum ersten Mal eine größere Kampagne gestartet, um die 18 Inseln als Urlaubsziel bekannter zu machen. Seitdem ist der Tourismus angestiegen, zuletzt jährlich etwa 10 Prozent. Trotzdem bleibt er eine überschaubare Größe, zumal der einzige Flughafen in Vagar höchstens vier Mal am Tag angeflogen wird.

Die Isländer, sagt Sölvi Simonarson, Tourismus-Chef für die Region Vagar, können schon auf 40 Jahre Erfahrung mit Touristen zurückblicken, während die Färinger in dieser Branche gerade Laufen lernen.

Wollen die denn überhaupt dahin laufen, wo die Isländer stehen? Da gibt’s doch mittlerweile Schlangen vor den Geysiren und den Lagunen.


Das wird auf den Färöern auch mit kritischer Distanz beobachtet - liegen ja doch knapp 700 Kilometer zwischen den Isländern und den Färöern. Aber für jemanden wie Sölvi Simonarson ist das Limit natürlich noch lange nicht erreicht. Zumal er die Chance sieht, den Tourismus auf den Färöern ganz nachhaltig zu gestalten.

Am letzten April-Wochenende wurden deshalb zehn touristische Hotspots abgeschirmt, um Wege zu befestigen, Aussichtsplattformen zu reparieren und so weiter. Und dabei haben 100 helfende Hände aus aller Welt mit angepackt. Der Deal: Den Flug mussten die ehrenamtlichen Helfer selbst bezahlen, dafür war für Kost und Logi und eine amtliche Party am Ende des Wochenendes gesorgt. Als die Kampagne annonciert wurde, war der Andrang riesig: 2500 Bewerber nach drei Tagen. Und dann hat man keine weiteren Bewerbungen entgegennehmen können.

Die Aktion wird natürlich nächstes Jahr wiederholt. Schon Mal vormerken, wer auf günstigste Weise ein langes Wochenende auf den Färöern erleben möchte!

Kost und Logi schlagen für normale Touristen vermutlich sonst heftig zu Buche, oder?


Ja, wie überall im Norden ist das immer ein Grund, die gut gefüllte Brotdose mit Proviant von zu Hause mitzunehmen. Während die Flüge mittlerweile ab 250 Euro hin und zurück zu haben sind. Apropos Fliegen. Für knapp 30 Euro kann man in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer in einen Helikopter steigen und dann über die Inseln fliegen. Denn auf den Färöern gehört der Helikopter zum öffentlichen Nahverkehr. Das ist wiederum ein unschlagbar günstiges Angebot – und der Blick von oben auf diese in den Atlantik geworfenen mal grünen, dann wieder schneebedeckten Felsbrocken, ist atemberaubend.

Bevor wir gleich über das Popkultur-Angebot auf den Färöern in der Sommersaison reden, Steen – was hat Dich denn an der Natur der Inseln am meisten fasziniert?


Neben diesen Felsformationen – vor allem die Papageientaucher und Austernfischer. Grindwale habe ich Gott sei Dank nicht gesichtet, die werden ja, wenn sie eine Färinger Bucht ansteuern, immer noch gejagt. Und Schafe in allen braun-weiß-grau-schwarz-Schattierungen habe ich bewundert. Und auch, wie alle Färinger ein besonderes Verhältnis zu ihnen haben, wenn auch nicht immer ein durchweg Positives: Schau in die Augen eines Schafes und die siehst nichts dahinter behauptet der Poet und Rapper Silvordrungor. Es gibt natürlich Färinger, die sehen das ganz anders!

"Remember" heißt der Song von Jasmin. Die Färinger Künstlerin hat in diesem Jahr den Music Award der Färöer in der Kategorie beste Sängerin gewonnen. Die Sommersaison auf den Färöern, die ist nämlich nicht zuletzt für Musikinteressierte sehr spannend ist, behauptet Steen jedenfalls!


Ja, das behaupte ich. Denn wie auf Island, spielen auch auf den Färöern überdurchschnittlich viele Menschen in Bands oder Orchestern, singen können praktisch alle. Die Färinger behaupten sogar, dass sie weitaus musikalischer sind, als die Isländer und zwar aus folgendem Grund. Als die norwegischen Wikinger in See stachen landeten sie auf dem Weg nach Island auf den Färöern. Und die Kreativen, die Künstler, wollten einfach nicht weiterziehen.

Von der Schönheit der Insel fasziniert, blieben diese Menschen also auf den Färöern, während die nicht so Feinfühligen und Kreativen halt weiterzogen! Die Isländer sehen das natürlich etwas anders, als hier der Tourismuschef Sölvi Simonarson aus Vagar. Wie auch immer: Fakt ist, dass Gesänge und Tänze sehr wichtig waren, um Geschichten zu überliefern und Sprache am Leben zu halten. Und weil jeder und jede jeden kennt, wird heute genreübergreifend Musik gemacht.

Und wo kann man dann diese Musik erleben?


Tatsächlich gibt es von Anfang Juni bis Ende August fast jeden Tag Konzerte auf den Färöern. Die Bandbreite ist da ganz groß und zudem sind die Veranstaltungsorte zum Teil auch sehr speziell: Vom Konzert in einer kleinen Kirche auf einer abgelegenen Insel mitten im Atlantik bis hin zum Auftritt eines Musikers oder einer Musikerin in einer Grotte, die nur mit einem Boot erreicht werden kann, die Färinger haben sich einiges einfallen lassen, um ihrem Konzertsommer einen ganz eigenen Charakter zu geben.

Und dann gibt es ja auch noch das etwas bekanntere G-Festival, oder?


Genau, das findet dieses Jahr vom 11. Bis zum 13. Juli statt, dann wird der Strand von Syðrugøta mit etwa 6000 Festivalbesuchern zur zweitgrößten Kleinstadt der Färöer. Dieses Jahr mit Fatboy Slim, Princess Nokia, Lewis Capaldi und natürlich mit vielen Färinger Bands und Künstlern, unter anderem wird auch Jasmin auftreten.

Das Princess Nokia auf dem Plakat steht, finde ich besonders gut: den Färingern werden ein paar Takte und klare Worte einer emanzipierten, queer denkenden Rapperin gut tun. Denn so modern die Färinger einerseits sind - WLAN funktioniert tadellos und alle Inseln sind mit einem ausgetüftelten Tunnelsystem miteinander verbunden - so konservativ sind sie in anderer Hinsicht: Wer als homosexuelles Paar auf der Straße rumknutscht, fällt immer noch ziemlich aus dem Rahmen auf den Färöern. Es hat sich aber in den letzten Jahren auch in dieser Hinsicht einiges getan: 2016 wurde die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt und im Juli feiern die Färinger mittlerweile auch ihre eigene Pride in ihrer Hauptstadt Torshavn.