Planet Pop | Tunesien

DJ-Schule für weibliche DJs

In Deutschland oder auch dem Rest der westlichen Welt sind weibliche DJs zwar keine Seltenheit, aber das Geschlechterverhältnis liegt noch längst nicht bei 50:50.

Christiane Falk (2.v.r.) zusammen mit DJ Alpha, der Macherin Olfa Arfaoui und DJ Astrid © radioeins/Christiane Falk
Tunesien scheint ein Vorreiter zu sein, um den Beruf des DJs für Frauen zu etablieren | © radioeins/Christiane Falk

In muslimischen Ländern ist es für Frauen weiterhin schwer, sich als DJ auszuprobieren oder gar Erfolg damit zu haben. Als Vorreiter zeigt sich Tunesien. Dort gibt es seit knapp einem Jahr die "DJ Academy for Girls", ein Raum für weibliche DJs.

radioeins-Kollegin Christiane Falk hat sich mit Olfa Arfaoui, der Gründerin, und mehreren weiblichen DJs in Tunesien getroffen.

Christiane Falk (2.v.r.) zusammen mit DJ Alpha, der Macherin Olfa Arfaoui und DJ Astrid © radioeins/Christiane Falk
radioeins/Christiane Falk
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Wie kam Olfa Arfaoui auf die Idee, ausgerechnet in Tunis die sogenannte „DJ Academy for girls“ zu gründen?

In Tunis gibt es einen Co-Working-Space, der nennt sich “La Fabrique”, dort können junge Künstlerinnen sich sehr vielfältig ausprobieren. Egal ob sie sich für Literatur begeistern, für Tanz oder eben Musik. Und da war Olfa schon vorher aktiv, sie ist ne Macherin, das merkt man schnell, wenn man sich mit ihr unterhält – sie setzt sich seit rund zehn Jahren für Chancengleichheit ein und sie hat an einem Workshop teilgenommen, zu dem ein weiblicher Profi eingeladen war: DJ iPek aus Berlin, also eine renommierte DJ und bei ihr haben interessierte junge Frauen lernen können, wie man elektronische Musik auflegt.

Olfa hat an dem Wochenende, an dem sie und andere junge Frauen also das Handwerk gezeigt bekommen haben, nochmal ganz konkret realisiert, dass es in der DJ-Szene in Tunesien überhaupt keine Frauen gibt – also hat sie das geändert und zwei Monate später die “DJ Acedemy For Girls” gegründet. Einige der jungen Frauen sind dann tatsächlich schon Ende letzten Jahres bei, “Les Dunes Electroniques”, einem großen elektronischen Festival in Tunesien vor mehreren tausend Besuchern aufgetreten.

Da warst Du vor Ort, da waren also neben internationale DJ-Größen und dann weibliche DJs aus Tunesien, die noch absolute Newcomer sind. Wie hat das zusammengepasst?

Gut – bei dem Workshop haben die Frauen, von denen die jüngsten Anfang 20 sind, die Grundlagen des DJings beigebracht bekommen – welches Equipment benutzt man für was, wie mixt man Songs ineinander und so weiter – aber wichtig war für Olfa darüber hinaus auch, dass den Frauen Selbstbewusstsein gegeben wird – dass ihnen klar wird, das muss für Frauen kein Hobby bleiben, DJ ist ein Job und zwar nicht nur für Männer, sie können das auch!

Und tatsächlich scheint das zu funktionieren, dieses Aufrütteln und Mut machen! Momentan gibt es rund 30 Frauen in Tunesien, die als DJ arbeiten und die haben sich nach dem Workshop hingesetzt und haben geübt, geübt, geübt! Wer keine professionellen CD-Player zu Hause hat, ist in die Fabrique gegangen, hat also diesen öffentlichen Übungsraum genutzt.

Darüber hinaus bietet die “Academy For Girls” dort auch Hilfe, wenn die Frauen auf der Suche nach Clubs sind, in denen sie auflegen können, wenn es drum geht, dass Werbung für sie gemacht wird und da wird auch für die Vermittlung zu einer Booking-Agentur gesorgt. Olfa hat u.a. den Kontakt zu einer DJ aus Dänemark hergestellt, die mit ihrer Agentur hilft, also ach über Tunesien hinaus werden Kontakte geknüpft – und sie plant auch, dass schon bald in anderen Ländern im mittleren Osten und in Nordafrika weibliche Djs genauso wie in Tunesien eine Chance bekommen, sich auszuprobieren – es sind Projekte in Jordanien geplant, im Libanon, in Ägypten oder auch Marokko.

Du hast mit DJ Alpha und DJ Astrid, zwei junge Tunesierinnen gesprochen, die auf dem Festival aufgelegt haben und die das mittlerweile professionell machen. Wie haben die auf Dich gewirkt?

Selbstbewusst, vor allem aber auch sehr entschlossen und gleichzeitig gelassen. Die tauschen sich untereinander aus, da herrscht scheinbar kein Konkurrenzdruck, denen ist klar, dass das ´ne super Möglichkeit ist, einen sehr eigenständigen Job auszuüben. Beide kommen sicherlich auch nicht grade aus ultrakonservativen Haushalten, da dürfte das weiterhin ein Tabuthema sein, aber sie sind gekleidet wie Frauen im Westen, sie rauchen, haben teilweise Tattoos, sie sind emanzipiert.

Aber klar, auch die Familien dieser jungen Frauen müssen alle erstmal überzeugt werden, dass ihre Töchter oder Schwestern als DJ einer Arbeit nachgehen, die hauptsächlich abends und nachts stattfindet. Astrid sagt: Ihre Eltern unterstützen sie mittlerweile, genau wie ihr Bruder, der zehn Jahre älter ist als sie. Astrid zeigt ihrer Familie Videos und die Musik, erklärt ihnen genau, was sie macht und das hilft – aber natürlich muss man das nicht romantisieren – diese Frauen müssen sicherlich mehr Überzeugungsarbeit leisten als in westlichen Ländern und noch sind weibliche DJs eher selten.

Aber und das ist den weiblichen DJs in Tunesien wichtig: Sie spüren mittlerweile eine größere Akzeptanz in den Clubs selbst, es herrscht dort eher eine Selbstverständlichkeit, dass eine Frau eigenständig im Nachtleben unterwegs ist als tagsüber im Alltag. Der nächste Schritt, den viele von ihnen planen, ist eigene Musik zu veröffentlichen. Manche von ihnen arbeiten an ersten eigenen Tracks und die klingen zwar modern und international, aber sie lassen dabei gerne und bewusst arabische oder afrikanische Elemente miteinfließen – das würde also auch sicher so manche DJ-Nacht in Berlin oder anderswo bereichern. Und klar, das ist das Ziel der Frauen – auch mal in den Clubs in Europa aufzulegen und die Karriere voranzutreiben.