5900 kHz

Radio Liberty aus Bulgarien

Bei den inoffiziellen, am 14. März gestarteten Kurzwellenübertragungen des russischen Programms von Radio Free Europe / Radio Liberty gab es einen weiteren Zugang: Eine Stunde pro Tag auf der Sendestation Kostinbrod bei Sofia.
 

Sender Kostinbrod
Die Sendestation Kostinbrod

Die neue Ausstrahlung läuft, bezogen auf MESZ, von 18.00 bis 19.00 Uhr auf 5900 kHz.

Dem folgen 30 Minuten russisches Programm von Radio Taiwan International, das die Frequenz auch noch von 21.00 bis 21.30 Uhr mit Beiträgen in deutscher Sprache bespielt. Die Nacht hindurch, von 22.05 bis 7.00 Uhr, läuft auf 5900 kHz dann das Programm der Sekte des 2021 verstorbenen Ralph Gordon Stair.

Von Anfang an gehörte zu diesen inoffiziellen Übertragungen auch eine Sendestunde ab 21.00 Uhr auf 9370 kHz. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt sie aus Armenien.

Zweifelsfrei zuzuordnen ist die Buchung einer Stunde Sendezeit auf Mittelwelle, um 23.00 Uhr: Auf der dafür genutzten Frequenz 1395 kHz läuft von 18.00 bis 19.45 Uhr ein mehrsprachiger Programmblock von Radio Armenien, der auch eine Sendung aus Nagorny Karabach enthält.

Die auf 5900 kHz bestehende frequenztechnische Verbindung von RFE/RL mit der Stair-Sekte gibt es auch hier, sogar in Form einer direkten Abfolge: Das Stair-Programm läuft auf 1395 kHz derzeit von 21.00 bis 23.00 Uhr.

Damit haben ständige Bemühungen, diese Frequenz zu vermarkten, erstmals seit Jahren wieder zu Erfolgen geführt. Die Übertragung des russischen Programms von RFE/RL ist dabei keine völlige Überraschung: 2016 kamen auf 1395 kHz für einige Monate auch schon die russischen und ukrainischen Sendungen von Polskie Radio.

Sender Gavar, Armenien
Einige Kurzwellenantennen der Sendestation in Armenien (Standort Noratus bei Gavar) | © Radio GmbH

Die Art und Weise, in der das russische Programm von RFE/RL auf 1395, 5900 und 9370 kHz auftaucht, wirft ein Schlaglicht darauf, wie der Auslandsrundfunk der USA ein vor allem mit sich selbst beschäftigter Apparat ist.

Seit 2016 ist die Ausstrahlung dieses Programms auf Kurzwelle beendet. 2017 stellten die USA einen gebrauchten Sender bereit, um in Litauen die weitere Übertragung auf Mittelwelle abzusichern – nur um 2019 auch hier die Sendezeit drastisch zu reduzieren. Diese Einschränkungen wurden zumindest bislang auch nicht wieder zurückgenommen.

Das ist durchaus erstaunlich, da das russische Programm von RFE/RL trotzdem rund um die Uhr läuft. Abseits der restlichen drei Stunden Sendezeit in Litauen und manchen Randerscheinungen, etwa drei alten OIRT-UKW-Sendern in Moldawien, wäre es ohne die inoffiziellen Ausstrahlungen jetzt kaum noch mehr als ein Internetradio.

Trotzdem werden die Kurzwellensender von RFE/RL in Deutschland weiter vorgehalten und noch für wenige Ausstrahlungen in Zielgebiete außerhalb von Europa genutzt. Das will die U.S. Agency for Global Media so auch 2023 fortsetzen und dafür weitere 5,6 Millionen Dollar aufwenden.

Im März ließ sich selbst der Betriebsdirektor der USAGM, Terry Balazs, mit seiner Verwunderung über dieses Vorgehen zitieren.

Zwar habe es, so Balazs seinerzeit, in der Ukraine und in Russland nur noch eine sehr geringe Nutzung der Kurzwelle gegeben. In Krisenlagen könnte jedoch noch immer mit Hörern zu rechnen sein, die ein altes Kurzwellenradio hervorholen.

Die Betriebsdirektion TSI hatte offensichtlich mit den dann doch nicht gekommenen Anforderungen gerechnet und sich darauf vorbereitet. Ein entsprechender Strahlungsversuch aus Hessen konnte in der Nacht zum 27. Januar beobachtet werden.

Lampertheim station
Archivfoto von 2002: Firmenschild einer Vorgängerstruktur der heutigen TSI in Lampertheim | © Kai Ludwig

Eine Gruppe von inner- und außerhalb der US-Auslandssender, angeführt von einer heutigen Juristin, wollte sich das nicht länger mit anschauen. Sie ging daran, Spenden einzusammeln und selbst erneute Ausstrahlungen auf Kurzwelle, eingeschlossen den zusätzlichen Mittelwellenplatz, zu organisieren.

Das ist möglich, da der Auslandsrundfunk der USA seine Programme zur Weiterverbreitung freigegeben hat. Ohne diese Regelung wären die Ausstrahlungen ein klassischer Signaldiebstahl.

Eine zentrale Rolle bei diesen Bemühungen spielt die alte Kurzwellenstation von Family Radio in Florida. Deren Betreiber stellt weitere Sendezeit zu besonderen Freundschaftspreisen zur Verfügung.

Diese bescheidenen Anlagen können allerdings in das weit entfernte Europa nur schwache Signale liefern. Trotzdem präsentierten die Initiatoren das Ergebnis: Selbst mit Außenantenne nur ein sehr mäßiger Empfang.

Wie es aussieht, lieferte diese DX-Begeisterung gleich die Argumente dafür, hinter den Kulissen die Unbrauchbarkeit des alten Verbreitungswegs darzustellen. Das Ziel, die USAGM zur Wiederaufnahme offizieller Ausstrahlungen zu bewegen, scheint somit aussichtslos zu sein.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 22.05.2022