Mit Standortangabe Sitkunai

Merkwürdige Mittelwellen-Ausschreibung in Litauen

Noch bis zum 23. Mai läuft in Litauen eine Ausschreibung der Mittelwelle 1557 kHz, die nach erfolgter Vergabe dann bis spätestens 1. Januar 2023 in Betrieb zu nehmen wäre. Merkwürdig dabei: Das Verfahren bezieht sich explizit auf einen Standort, der nach bisherigem Kenntnisstand seit 2017 nicht mehr zur Verfügung steht.

Paskelbtas konkursas radijo programai retransliuoti Sitkūnuose
© rtk.lt

Die Ausschreibung nennt mehrfach, beginnend schon in der Überschrift, den Standort Sitkunai bei Kaunas. In der Tat wurde die Mittelwelle 1557 kHz in Litauen zuletzt von dort aus betrieben.

Letzter Nutzer bis Anfang des vergangenen Jahrzehnts war Polskie Radio, das für die mit 150 kW gefahrene Ausstrahlung 140 Euro pro Stunde zahlte. 2006 gab es kurzzeitig auch Übertragungen der Deutschen Welle. Sie hatten nichts mit der einstigen DW-Station Malta zu tun, die ebenfalls auf 1557 kHz arbeitete, jedoch schon 1996 stillgelegt wurde.

Stillgelegt wurde, zumindest ist es seinerzeit so beschrieben worden, 2017 auch die Sendestation Sitkunai. Damit konnten in Litauen keine Ausstrahlungen auf Kurzwelle mehr angeboten werden. Das betraf insbesondere noch den japanischen Rundfunk NHK, der als Ersatz die Media Broadcast beauftragte.

Für die zuletzt ebenfalls noch aus Sitkunai gefahrenen Ausstrahlungen auf der Mittelwelle 1386 kHz beteiligten sich, da hier Radio Free Europe / Radio Liberty maßgeblich betroffen war, US-amerikanische Stellen an der Schaffung eines Ersatzes. Sie stellten dafür den bis 2013 vom American Forces Network in Weißkirchen bei Oberursel betriebenen Sender bereit.

Ansonsten bleibt vorerst nur, einen Blick auf verfügbares Bildmaterial zu werfen: Auch Aufnahmen der Sendestation Sitkunai mit Jahresangabe 2021 zeigen augenscheinlich unberührte Außenanlagen.

Viešintos
Viešintos, seit 2017 Senderstandort der Mittelwelle 1386 kHz | © Andrius Vanagas, CC-BY-SA

Die Bespielung der jetzt aus Viešintos, 110 Kilometer nördlich von Vilnius, betriebenen Mittelwelle 1386 kHz sieht – bezogen auf MESZ – im Sommerhalbjahr 2022 so aus:

05.30-06.00 Uhr: NHK World Radio
06.00-07.00 Uhr: Polskie Radio, Weißrussisch
07.00-07.30 Uhr: Polskie Radio, Ukrainisch
14.00-15.00 Uhr: Polskie Radio, Englisch
17.00-17.30 Uhr: NHK World Radio
17.30-18.00 Uhr: Polskie Radio, Polnisch
18.00-18.30 Uhr: Polskie Radio, Russisch
18.30-19.00 Uhr: Polskie Radio, Deutsch
19.00-20.00 Uhr: NHK World Radio
20.00-23.00 Uhr: RFE/RL, Russisch
23.00-05.30 Uhr: Ukrainske Radio

Die nächtliche Übertragung des Hörfunkprogramms aus Kiew begann wahrscheinlich am 1. April. Wer sie bestellt und bezahlt, ist nicht bekannt.

Fast schon ein Kuriosum ist die Gestaltung der NHK-Sendungen, die auch nach dem Umzug der nun aus Nauen abgestrahlten Kurzwellenfrequenz in Litauen verblieben sind. Sie wurden jetzt sogar noch erweitert. Gleichzeitig hat NHK seinen russischen Sprachdienst aber regelrecht marginalisiert.

Damit laufen russische Beiträge noch von Montag bis Freitag von 5.30 bis 5.50 und von 19.30 bis 19.50 Uhr (wie auch von den NHK-Kurzwellen bekannt) sowie von 17.00 bis 17.10 und von 19.00 bis 19.10 Uhr. Bei den im Programmplan ebenfalls verzeichneten Plätzen um 17.25 und 19.25 Uhr handelt es sich lediglich um Verlesungen der Frequenzen.

Vom Fernsehprogramm NHK World Japan stammt das englische Material, das weitere Sendezeiten füllt: An Arbeitstagen von 17.10 bis 17.25 und von 19.10 bis 19.25 Uhr, am Wochenende von 5.30 bis 5.50, von 17.00 bis 17.30 und von 19.00 bis 19.50 Uhr.

Vollends absurd wird es von 5.50 bis 6.00 und von 19.50 bis 20.00 Uhr: Diese Sendezeit – die es sicher ebenfalls in Rechnung gestellt bekommt – schlägt NHK mit einem Pausenzeichen oder einem Sinuston tot.

Wen es interessiert, der könnte auch beobachten, wie sich das nun im russischen Kanal von World Radio Network anhört. Dort sind für NHK jeweils 30 Minuten lange Programmplätze um 5.30, 7.30, 10.00, 13.00, 15.30, 18.30, 20.30 und 0.00 Uhr verzeichnet.

Weiterhin nicht ausgebaut sind hingegen die Übertragungen von RFE/RL. Eine private Initiative mietet deshalb zusätzliche, aus Spenden finanzierte Sendezeit in Armenien. Der Programmplatz auf der dortigen Mittelwelle 1395 kHz wanderte inzwischen auf 23.00 bis 24.00 Uhr.

Diese Initiative entwickelte sich ansonsten zur Werbeaktion für die frühere Kurzwellenstation von Family Radio in Florida, die für diesen Zweck kaum geeignet ist. Eine ganz eigene Agenda verfolgen dürften wiederum zwei Autoren, die sich zu diesem Thema mit einer belehrenden Polemik meldeten.

 

Autor: Kai Ludwig