Deutschland

Spott über Kurzwellenfans

Ein charakteristisches Sujet des klassischen Auslandshörfunks sind selbstreferentielle Hörerpostsendungen. Was in früheren Jahren in der Nische des Kurzwellenradios versteckt blieb, kann das betreffende Publikum heute zum Objekt persönlicher Herabwürdigungen machen.

Walulis Woche, 11.11.2021
© ardmediathek.de

Viele dieser Hörerpostsendungen existieren heute nur deshalb nicht mehr, weil die betreffenden Radioprogramme entweder eingestellt sind oder konzeptionell völlig verändert wurden. Das gilt auch für die Deutsche Welle, die sich 2011 weitgehend vom Medium Hörfunk verabschiedet hat.

Einen Eindruck von der Rolle solcher Sendungen vermittelt ein einschlägiges Informationsangebot. In diesen Zusammenstellungen von Programmen, die für traditionelle Kurzwellenfans (auch bekannt als „DXer“) von Interesse sind, findet sich bei der Aufstellung für Deutsch bereits die Kennzeichnung „HBF“ wie Hörerbriefkasten.

Die SWR-Produktion „Walulis Woche“ hat sich nun in ihrer jüngsten Ausgabe (auch einem Auszug auf Youtube, der nach drei Tagen bereits 160.000 Aufrufe erreicht hat) am Auslandsrundfunk aus Pjöngjang abgearbeitet.

Auch in Pjöngjang gibt es einen „HBF“ und zumindest Teile davon inzwischen nicht nur in den nur sehr mäßig zu empfangenden Radiosendungen. Fündig wird man auf der Internet-Startseite ganz unten.

Ohne jede Zurückhaltung zum Gegenstand der Satire gemacht wurden jetzt zwei Hörer, die mit ihren Zuschriften in dieser Sendung auftauchten. Allenfalls einer davon könnte als Person des öffentlichen Lebens betrachtet werden.

Dazu aufgefunden wurde ein Artikel für die „Junge Welt“, eine Tageszeitung, deren besonders erwähnte Beobachtung durch den Verfassungsschutz an sich auch ein Mitglied eines Gutachtergremiums des Bundesarbeitsministeriums diskreditieren würde.

Der Autor, Andreas Niederdeppe, steuerte zum Thema Auslandsrundfunk ein Kapitel zu dem 2018 erschienenen Buch „Brennpunkt Nordkorea“ bei. Dessen Inhalt entspricht, zumindest den frei abrufbaren Leseproben nach zu urteilen, nicht den Hörerbriefen, die er – aus welchen Motiven auch immer – nach Pjöngjang gerichtet hat.

Tatsächlich nicht gesucht wird die Öffentlichkeit hingegen von einem anderen Hörerbriefschreiber, über den es heißt: „Auch dieser Mann ist offenbar echt!“ Da es hier Nennungen des Wohnorts gab, ließ sich das noch mit dem finalen Urteil „in der DDR aufgewachsen“ (dem ist in der Tat so) abrunden.

Das Interesse erregte „dieser Mann“ offensichtlich damit, mehrfach aufzufallen: Er „schreibt nicht nur dem Rundfunk in Nordkorea, sondern plaudert auch mit den Freunden im Iran“. Dem wiederum ist so, weil es auch bei IRIB einen „HBF“ gibt.

In Teheran zeigt sich deutlich, welches Klientel solche Sendungen letztlich bedienen: Als IRIB Ende 2019 die Nutzung des Kurzwellenhörfunks für das deutschsprachige Europa beenden wollte, erwirkte die Redaktion mit eben diesen Zuschriften die Genehmigung dafür, doch noch weiter einen Sender einschalten zu lassen.

Das jetzt ans Licht gezerrte Zitat (Abbildung) ist von ähnlich unpolitischer Art wie auch schon frühere Zuschriften dieses Hörers. Es menschelt hier auf recht schlichte Weise. Im ätzenden Zynismus des SWR-Beitrags: Es wird „geschmust“.

Der Zweck solcher Sendungen versteht sich von selbst: Sie dienen der Hörerbindung. Auch die Animierung zu häufigen Zuschriften hat einen – eigentlich schon genannten – Grund, dessen profane Art dann vielleicht doch ein wenig überrascht: Den internen Nachweis der Existenzberechtigung.

Weitgehend Vergangenheit ist nur eine besondere Ausprägung, die selbst eine bekannte Persönlichkeit des Kurzwellenrundfunks verspottete, in so drastischer Form allerdings nur im persönlichen Gespräch: „RBI Bronze, RBI Silber, RBI Gold, RBI Eichenlaub mit Schwertern“.

Es geht um die „Empfangsberichte“, die mit „QSL-Karten“ und bei einigen Sendern (wie eben Radio Berlin International) außerdem mit „Diplomen“ für eine bestimmte Zahl an Zusendungen beantwortet wurden. Angeblich wären, so sollten es die Leute glauben, die technischen Abteilungen der Häuser an diesen Beobachtungen sehr interessiert.

Schnell ins Wanken kam diese Behauptung, wenn dann von den Sendern keinerlei Anstalten gemacht wurden, selbst grobe Planungsfehler und technische Probleme zu beheben. So mancher Empfangsbericht hätte wohl ebenso gut schon vor dem Versand in den Papierkorb geworfen werden können.

Die Wahrheit ist recht einfach und könnte für Ernüchterung sorgen: Es ging auf institutioneller Ebene (also nicht am Mikrofon) einfach nur darum, möglichst viele zählbare Zuschriften zu generieren. Entsprechend zynisch ging es oft zu, wenn es tatsächlich zur Einstellung der Sendungen in deutscher Sprache kam.

Hervorzuheben ist hier die BBC, wo der Abschied 1999 mit Klasse und ausgesuchtem Sarkasmus über den Sender ging („da Sie ja alle des Englischen mächtig sind...“). Doch auch in Helsinki, Stockholm, Paris, Budapest und zeitweise auch Warschau interessierten die „Männer“ in Deutschland schlicht nicht mehr.

Wer sich nun noch fragt, wie man auf die Idee kommt, Vertrautheit ausgerechnet etwa mit dem Rundfunk der Islamischen Republik aufzubauen, dürfte die Antwort in der hiesigen Medienlandschaft finden. Statt Empathie wie in diesem Beispiel trifft man zu oft nur noch auf Coolness.

Wenn dann noch „einfache“ Mediennutzer durch den Kakao gezogen werden, als handele es sich um exponierte Youtube-Stars, dann dürfte der Punkt erreicht sein, an dem es angebracht ist, die Gründe für die in diesen Tagen so oft beklagte „gesellschaftliche Spaltung“ nicht in der Ferne, sondern zunächst im eigenen Land zu suchen.

 

Autor: Kai Ludwig, mit Informationen von Alexander Busneag; Stand vom 14.11.2021