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Mittelwelle in der Ukraine

Spärlich ist die Informationslage zum Mittelwellenrundfunk in der Ukraine, der offensichtlich seit dem 24. Februar wieder in größtmöglichem Umfang eingesetzt werden soll. Angegeben sind dafür vier Frequenzen, deren Status nicht durchweg klar ist.

Ukrainske Radio, AM diapason: 657, 873, 1278, 1404 kHz
Ein häufig im Fernseh-Einheitsprogramm gezeigtes Dia | © UA TV

Das betrifft speziell die Frequenz 873 kHz mit Standort Tschasow Jar, 60 Kilometer nördlich von Donezk. Hier war 2017 ein älterer, gebrauchter Transistorsender mit 25 kW Leistung installiert worden, um ein Donbass-Programm von Radio Free Europe / Radio Liberty zu verbreiten. Dieses Programm ist jedoch nie gestartet.

Stattdessen wurde die Frequenz für Ukrainske Radio genutzt, nachdem Kiew den Zugriff auf den Sender der Mittelwelle 711 kHz in Dokutschajewsk, südlich von Donezk, verloren hatte. Dieser Sender wurde danach noch zum Moskauer Westi FM umgeschaltet, ist seit Jahren aber nicht mehr aktiv.

2019 folgte noch eine sehr ähnliche Sendeanlage auf Tschongar, einer dem Nordostufer der Krim vorgelagerten Halbinsel. Hier startete RFE/RL tatsächlich ein Radio Krim Realii. Diese Ausstrahlung auf 648 kHz verschwand sofort am 24. Februar.

Praktisch gleichzeitig noch einmal eingeschaltet wurde jener Sender der Großstation Lutsch, den Ukrainske Radio in den letzten Jahren mit 400 kW auf 549 kHz eingesetzt hatte, sofern es die finanzielle Lage gestattete.

Bei einer Unterbrechung des Sendebetriebs im Jahre 2019 wurden konkrete Beträge genannt: Die Ausstrahlung kostete jährlich 16 Millionen Griwna (500.000 Euro), 30 Prozent der gesamten Verbreitungskosten von Ukrainske Radio.

Einer Reaktivierung des Senders am 1. Februar 2021 folgte die erneute Abschaltung am 31.  Dezember. Grund dafür war eine zu diesem Zeitpunkt vom Senderbetreiber ausgesprochene Preiserhöhung um 38,8 Prozent.

Nachdem kaufmännische Fragen nun keine Rolle mehr spielen, wurde der Sender am Morgen oder spätestens Vormittag des 24. Februar noch einmal eingeschaltet. Am Vormittag des 6. März verschwand das Signal wieder, als russisches Militär in der unmittelbaren Umgebung der Sendestation auf dem Vormarsch war.

Halbwegs gesichert ist nur noch eine weitere Angabe: Nach der Abschaltung sollen die Techniker das Objekt verlassen haben und abgetaucht sein.

Ein Beitrag mit der Überschrift Die Gräben gehen auf beschäftigt sich mit konkreten Schicksalen in der nächstgelegenen Stadt und konstatiert:

„Durch Nikolajew fahren Panzer, auf Nikolajew fallen Bomben, in Nikolajew gibt es Explosionen. Die Geschichte ist voll von grausamer Ironie. Mit einem schweren Schlag werden jahrelang gewachsene Familienbande auf beiden Seiten der Grenze zersetzt, Kindheitserinnerungen in undurchsichtigen Nebel gehüllt und die altbekannte Realität in eine böse Grimasse verwandelt.“

Unterdessen hat es sich mit den zusätzlichen Ausstrahlungen des BBC World Service, die ebenfalls sofort am 24. Februar begannen, fast schon wieder erledigt. Übrig ist jetzt nur noch jeweils eine Stunde auf 15740 bzw. 11680 kHz, arbeitstags um 16.00 bzw. 21.00 Uhr, am Wochenende um 14.00 bzw. 22.00 Uhr.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 15.04.2022