Afghanistan

Journalisten der US-Auslandssender zurückgelassen

Was drei Wochen lang befürchtet wurde und noch am 25. August Gegenstand eines dringenden Appells von Abgeordneten des Kongresses war, ist nun tatsächlich eingetreten: Die USA haben mehr als 100 Journalisten ihres Auslandsrundfunks und deren Familien in Afghanistan zurückgelassen.

Well I’m sure that will inspire future journalists to sign up for that gig
© Twitter

Wie die Washington Post berichtet hat das State Department den Taliban auch noch Angaben über die betreffenden Personen übermittelt. Solche Informationen gibt es auch über das deutsche Auswärtige Amt.

Der Beitrag bemerkt einleitend:

„Die Mitarbeiter der USAGM hatten jegliche Kontakte, die sich ein Evakuierungskandidat wünschen konnte. Entsprechend hoch waren ihre Erwartungen. Immerhin hatte die US-Regierung Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um afghanische Journalisten privater US-Medienhäuser in Sicherheit zu bringen.
Sicher würde die Regierung, so meinten die Mitarbeiter, nicht jene Reporter im Stich lassen, für die sie direkt zuständig ist. Doch da lagen sie falsch.“

Gegenüber der Zeitung äußerte sich dazu der Präsident von Radio Free Europe / Radio Liberty, Jamie Fly. Wie er sagte, hätten sich die Journalisten des Senders mehrfach mit ihren Familien zum Flughafen begeben und teils tage- und nächtelang an den Toren aufgehalten, seien jedoch nie hereingelassen worden:

„Man hätte erwartet, dass die Regierung der Vereinigten Staaten [...] mehr versuchen würde, um den Journalisten zu helfen, die sich entschieden haben, das Land lieber zu verlassen. Doch das hat sie durchweg unterlassen.“

RFE/RL habe, so Fly, Plätze für seine Leute in tschechischen Flugzeugen gesichert. Sie seien jedoch selbst nach direkten Telefonaten mit Regierungsvertretern nicht auf das Flughafengelände gelassen worden. Die Plätze in den startenden Maschinen blieben leer.

Wie die Zeitung weiter bemerkt, sind es ansonsten vor allem Angehörige von Entwicklungshilfe, Bildungsinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die von den USA bei ihrem chaotischen Rückzug aus Afghanistan im Stich gelassen wurden.

Die Voice of America selbst zitiert in einem Bericht den Kommentar eines republikanischen Abgeordneten, der von einer „absoluten Schande“ sprach.

Ein ironischer Kommentar auf Twitter formuliert eine Frage, die möglicherweise nicht nur VOA und RFE/RL betrifft: Ob künftige Journalisten nach dieser Erfahrung noch eine Mitwirkung bei den klassischen Auslandssendern in Betracht ziehen werden.

Wer sich unterdessen von diesen Tatsachen nicht davon abhalten lassen will, sendetechnische Details zu beobachten, hat jetzt ein dankbares Sujet mehr: Die von VOA und RFE/RL bespielten Mittelwellen-Großsender in Afghanistan wurden eingeschaltet zurückgelassen.

Stand vom 01.09.2021



Mit Stand vom 25. August befanden sich 550 Mitarbeiter des Auslandsrundfunks der USA noch immer in Afghanistan. Das geht aus einem von zahlreichen Abgeordneten des Kongresses unterzeichneten Schreiben an US-Präsident Biden hervor.

Das von einem Journalisten der New York Times veröffentlichte Schreiben verweist darauf, wie in enger Zusammenarbeit des Weißen Hauses mit seiner Zeitung sowie der Washington Post und dem Wall Street Journal deren 204 Mitarbeiter inzwischen alle aus Afghanistan herausgeholt wurden.

Es gebe, so heißt es in dem Schreiben weiter, keinen Unterschied zwischen diesen Journalisten und den Mitarbeitern der US-Auslandssender. Man appelliere deshalb, diese Männer und Frauen mit ihren Familien unverzüglich in Sicherheit zu bringen.

Die U.S. Agency for Global Media hat sich als Institution seit dem 16. August nicht mehr zum Thema Afghanistan geäußert. An diesem Tag erschien eine knappe Stellungnahme der kommissarischen Generaldirektorin, die zusicherte, alles für die Sicherheit des in Afghanistan tätigen Personals tun zu wollen.

Auf Anfrage der Redaktion der VOA hieß es nun wieder, man sei dankbar für die Initiative der Abgeordneten und „arbeite mit Partnern in der gesamten US-Regierung zusammen, um die Sicherheit unseres Personals in Afghanistan zu gewährleisten“.

Dabei könnten freie Mitarbeiter ganz durch den Rost fallen. Berichtet wird darüber, wie 25 Mitwirkende der VOA am militärischen Teil des Flughafens von einem Botschaftsvertreter abgewiesen wurden, da sie keine festen Arbeitsverträge besaßen.

Der Bericht zitiert Beschreibungen der Lage als „beispiellose Massenpanik“ und als Arche Noah, die ihre Schotten geschlossen hat.

Zum Fall des Journalisten, dessen Tweets hier ausführlich zitiert wurden, äußerte sich RFE/RL am 23. August: Man stehe in Kontakt mit ihm und tue alles, um die Mitglieder der Afghanistan-Redaktion außer Gefahr zu bringen.

We are in contact with Mustafa; we are working tirelessly to get (and keep) them all out of harm’s way.
© twitter.com/CombatJourno

Die Öffentlichkeitsarbeit der BBC wiederum meldete sich zwar mit Werbung für die Tätigkeit einer eingeflogenen Starreporterin. Zu der Frage, wie es den in Kabul ansässigen Mitwirkenden geht, hatte man indes nichts zu sagen.

Das übernahm dafür der Guardian in einem Beitrag darüber, wie sich unter Inhabern britischer Reisepässe in Kabul immer mehr Hoffnungslosigkeit ausbreitet, da sie vom Außenministerium nur noch abgewimmelt werden.

Die Zeitung zitiert einen Reporter des BBC World Service, der eine drei Monate alte Tochter hat: Er habe Anfang der Woche ein Schreiben über seine Rückholung erhalten, verbunden mit der Information über die Arrangierung eines Transports zum Flughafen.

Der Reporter habe am Donnerstag auch einen Bus zum Flughafen erreichen können. Nach der Explosion sei die Evakuierung jedoch abgebrochen worden. Man habe ihm bedeutet, nach Hause zu gehen und auf weitere Mitteilungen zu warten.

Die letzte Kontaktaufnahme habe es in der Nacht zum Freitag gegeben. Dabei habe er die Zusage erhalten, sofort wieder angerufen zu werden, wenn etwas organisiert ist. Mit keinem Wort sei auf die Frage eingegangen worden, ob es überhaupt noch dazu kommen wird.

Wenn er jetzt, so der BBC-Reporter, die Afghanistan-Hotline des Außenministeriums anrufe, bekomme er nur noch die Standardantwort, auf Rückruf zu warten. Auf Mails gebe es keine Antwort, und unter der Rufnummer der britischen Botschaft in Kabul höre schon seit Tagen niemand mehr:

„Das ist für mich und meine Familie ein absolut desaströses Szenario. Es sind bereits Racheaktionen im Gange und die Taliban haben konkrete Personen im Visier. Ich bin in Kabul gut bekannt. Wenn die Regierung uns nicht hilft, wird es leider Todesopfer geben.“

Anfang der Woche tauchten auch technische Planungen der BBC für eine Erweiterung der Hörfunksendungen nach Afghanistan auf. Weder diese Planungen noch eine Wiederaufnahme der Afghanistan-Sendungen bei der Deutschen Welle wurden bis jetzt umgesetzt. Vorerst bleibt unklar, ob es sich bei alldem überhaupt um mehr als Wunschdenken von Technikern handelt.

 

Autor: Kai Ludwig