Afghanistan

Familienmitglied eines DW-Journalisten erschossen

Die Deutsche Welle berichtet konkret über die Razzien, mit denen die Taliban inzwischen Mitarbeiter ausländischer Medien und ihre Familien ausfindig machen wollen. Unterdessen kann sich das soeben erst gestartete Afghanistan International bereits vorstellen, das Handtuch zu werfen.

Afghanistan
© Sammlung University of Texas

Wie die DW meldet, haben die Taliban gezielt „von Haus zu Haus“ nach einem ihrer Mitarbeiter gesucht. Dieser Journalist befindet sich in Deutschland.

Zu Hause angetroffen haben die Taliban jedoch dessen Familie. Bei dem Überfall haben sie eine Person erschossen und eine weitere schwer verletzt. Die anderen Familienangehörigen konnten entkommen und sind nun auf der Flucht.

Noch vor wenigen Tagen war an die Bundesregierung appelliert worden, unter anderem die DW-Journalisten bei den bürokratischen Verfahren für Einreisen nach Deutschland zu berücksichtigen. Wie es um Ausreisen insbesondere aus Regionen außerhalb von Kabul in der Praxis steht, ist der Öffentlichkeit seit Sonntag bekannt.

Keinerlei Äußerungen zu diesem Thema bekannt wurden bislang von der Leitung oder der Öffentlichkeitsarbeit des Auslandsrundfunks der USA. Üblicherweise wird dort kaum eine Krise als Gelegenheit zur Anpreisung der eigenen Arbeit ausgelassen.

Nur noch völlige Ratlosigkeit bleibt inzwischen zum Beispiel beim Blick auf das Twitter-Profil eines leitenden Journalisten von Radio Free Europe / Radio Liberty. Nach einer Reihe erschütternder Einträge war dort nach Dienstag, dem 17. August, nichts mehr zu lesen.

In Washington hätte man durchaus Grund zum Schweigen: Die U.S. Agency for Global Media, das Stammhaus der US-Auslandssender, ist eine Regierungsbehörde, die selbst Einreisevisa für die USA ausstellt. Gegen Ende der Präsidentschaft Trump war sie für das dabei praktizierte Vorgehen massiv ins Gerede gekommen.

Harun Najafizada, Direktor von Afghanistan International
© CNN

Mit CNN gesprochen hat der Leiter des am 15. August kurzfristig auf Sendung gegangenen Afghanistan International, Harun Najafizada.

Wie er sagte, arbeite die Redaktion weitgehend von London aus. Einige der Redakteure seien erst vor zwei bis drei Wochen aus Kabul gekommen.

Beim Büro des Senders in Kabul seien, wie bei fast allen afghanischen Medienhäusern, bereits Kämpfer der Taliban mit ihren Kalaschnikows erschienen. Sie hätten sich anständig verhalten und keine Drohungen ausgesprochen. Man könne nach so einem Besuch jedoch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Abschließend wurde Najafizada gefragt, ob Afghanistan International an einen Punkt kommen könnte, an dem die fehlenden Möglichkeiten zum Betrieb eines unabhängigen Nachrichtensenders dazu zwingen werden, den Stecker zu ziehen:

„Ich hoffe, dass dieser Tag nicht kommen wird. Ich befürchte aber, dass er kommen könnte. Es hängt davon ab, wie die Taliban auf die Medien, die Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft reagieren werden.“
Shabnam Dawran: If the world hears me, then please help us as our lives are under threat
© Twitter

AFP veröffentlichte ein Video einer Journalistin des staatlichen afghanischen Rundfunks RTA, Shabnam Dawran. RTA war noch am Abend (Ortszeit) des 15. August sofort voll auf Taliban-Linie gegangen.

Wie Dawran berichtet, ist sie auch nach Vorzeigen ihres Hausausweises nicht mehr eingelassen worden. Ihr sei beschieden worden, sie könne ihre Tätigkeit nicht weiter fortsetzen, „weil das System gewechselt hat“. Das Video schließt mit den Worten:

„Bitte helft uns, denn unsere Leben sind in Gefahr.“

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 20.08.2021