279 kHz

Langwelle aus Turkmenistan verschwindet allmählich

Der letzte Langwellen-Rundfunksender, der auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion noch in Betrieb ist, findet sich in Turkmenistan. Bei diesem Sendebetrieb handelt es sich inzwischen auch nur noch um ein ausgedehntes Siechtum.

Turkmenistan
Turkmenistan | © Sammlung University of Texas

Schon 2020 war auf dem Trägersignal, das seinerzeit noch recht regelmäßig auf 279 kHz erschien, so gut wie nichts mehr zu hören. Der Kommentar russischer Beobachter: Anscheinend versuchten die Techniker, den Sender noch weiter in Betrieb zu halten, wollten oder konnten aber kein Geld für eine neue Modulatorröhre mehr ausgeben.

Inzwischen scheinen auch diese Versuche immer seltener zu werden. Sollte die Entwicklung so anhalten, dürfte es kaum eine Möglichkeit dafür geben, noch einen konkreten Zeitpunkt für das Ende der turkmenischen Langwelle zu nennen.

Schauplatz dieses Siechtums ist die nach 1970 errichtete Sendestation östlich von Aschchabad (Asgabad). Zu Sowjetzeiten dürfte sie, was die Langwelle betrifft, das erste Programm des Allunionsradios auf 153 kHz übertragen haben.

Besonders ins Auge fällt die an der Nordseite der Station aufgebaute, 2,2 km lange „Sarja“-Richtantenne. Über sie wurden auf 1125 kHz Auslandsprogramme von Radio Moskau nach Afghanistan und Indien abgestrahlt.

Heute wäre so etwas völlig undenkbar. Das – tatsächlich offiziell weiterhin so bezeichnete – Rundfunkkomitee von Turkmenistan hat 2001 die Weiterverbreitung von Fernseh- und Hörfunkprogrammen aus Moskau abgebrochen und von da an nur noch zensierte Aufzeichnungen gesendet.

Damit wurde auch im Bereich des Rundfunks sichtbar, wie sich das Land zu einer totalitären Diktatur entwickelte. In der Ausgabe 2021 der „Rangliste der Pressefreiheit“ folgen hinter Turkmenistan nur noch Nordkorea und Eritrea.

Die Frequenz 279 kHz (bis 1990: 281 kHz) ist der höchste im „Genfer Wellenplan“ vorgesehene Langwellenkanal des Rundfunks. Er wurde stets nur von Sendern aus der Sowjetunion belegt.

Betrachtet man sehr alte Rundfunkgeräte, fällt eine deutlich größere Ausdehnung der Langwellenskala auf. Sie reicht weit über 300 kHz hinaus, streng nach Definition bereits hinein in den Bereich der Mittelwelle (die Abgrenzung der Wellenbereiche ist natürlich willkürlich; in der Praxis ändern sich die Eigenschaften mit steigender Frequenz nahtlos).

Das hatte nicht etwa konstruktive Gründe; in diesem Bereich lief früher tatsächlich Rundfunk. So gab es in Norwegen bis zu den 1950 vorgenommenen Umstellungen auf den „Kopenhagener Wellenplan“ einige Sender auf Frequenzen bis zu 355 kHz.

In der Sowjetunion blieb der Übergangsbereich zwischen Lang- und Mittelwelle sogar bis in die 70er Jahre in Gebrauch. So arbeitete die alte, 1986 abgelöste Sendestation von Archangelsk (an sie erinnern heute noch die Gebäude und ein Rückkühlbecken) bis Ende 1973 mit 10 bis 25 kW auf der Frequenz 375 kHz.

Deren Abschaltung bedeutete keineswegs das Ende des Langwellenbetriebs in Archangelsk. Für ihn gab es ab 1968 eine zunächst 250 kW starke, später auf 500 kW verstärkte Anlage in Koskowo, gut 40 km außerhalb der Stadt. Zur Verfügung stand hier allerdings nur die bereits in Sankt Petersburg genutzte Frequenz 236 kHz (ab 1988: 234 kHz).

Anfangs suchte man, diesen Gleichwellenbetrieb bei Dunkelheit zu meiden und schaltete im Winter ganztags, im Frühjahr sowie Herbst jeweils nachts auf die Mittelwelle 1160 kHz um. Nach einiger Zeit wurde jedoch auf die teils zweimal täglichen Umstellungsarbeiten verzichtet und zu reinem Langwellenbetrieb übergegangen.

Aus mitteleuropäischer Sicht besonders interessant war ein Kurzwellensender des auch aus Königs Wusterhausen bekannten „Sneg“-Typs, den die Station Koskowo als Ergänzung 1973 erhielt. Bis 1994 lief dieser Sender auf der auch in Turkmenistan genutzten Frequenz 5015 kHz, dann wurde er auf 6160 kHz umgestellt.

Der Langwellenbetrieb endete in Koskowo 1998 mit dem Rückzug der früheren Rundfunkgesellschaft Ostankino (heute Perwy Kanal) aus dem Hörfunk. Die zuletzt mit Radio Rossii bespielte Frequenz 6160 kHz wurde Anfang 2014 zusammen mit allen anderen Lang- und Kurzwellen dieses Programms abgekündigt.

In Turkmenistan wiederum war die Frequenz 5015 kHz bereits 2011 abgeschaltet worden. Sie war der letzte Rest des dortigen Kurzwellendienstes, der einst auch auf 4825 und 4930 kHz lief. Eingesetzt wurde eine Sendestation am südlichen Stadtrand von Aschchabad, aus der bis zu einem nicht bekannten Zeitpunkt auch die Langwelle 279 kHz kam.

Wenn man den 2014 weggefallenen „Grenzfall“ Jekaterinburg ausnimmt, befand sich von den auf 279 kHz betriebenen Sendern nur einer in Europa: Die Sendestation Sosnowy, etwa auf halbem Weg zwischen Minsk und Bobruisk.

Zu den dortigen Sendern gehörte auch eine 500 kW starke Anlage für die Langwelle 279 kHz. Sie wurde, als vorletzter noch verbliebener Sender auf dieser Frequenz, mit Ablauf des 31. März 2016 abgeschaltet. Zu diesem Zeitpunkt entfiel auch der Mittelwellenbetrieb auf 1170 kHz, der hier ebenfalls mit einer 2,2 km langen „Sarja“-Antenne lief.

Schon kurz nach ihrer Stillsetzung wurde die Station abgebrochen. Als letztes fiel 2017 der 353 Meter hohe Mast der Langwelle 171 kHz, deren Abschaltung im Jahre 2000 auch das Ende des einstigen Leitprogramms des Allunionsradios (zuletzt bekannt als Radio-1) markiert hatte.

Snos wyschki AM-353, radiozentr Sosnowy
2017: Sprengung des Langwellenmastes 171 kHz in Sosnowy | © vk.com/radioby

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 11.08.2021