Seesendernostalgie

Radio Caroline auf 648 kHz

Seit November 2017 ist die frühere Mittelwellenstation des BBC World Service bei Orford, an der Küste östlich von Ipswich, wieder in Betrieb, jedoch nur noch mit geringer Leistung für den Versuch, die Ära der Seepiraten wieder aufleben zu lassen. Momentan wird daran gearbeitet, die Ausstrahlung auf 648 kHz noch etwas zu verstärken.

Sender Orfordness
Sendestation Orfordness mit den Antennen der Frequenzen 648 kHz (links) und 1296 kHz (Mitte) | © geograph.co.uk, CC

Wie derzeit auf radiocaroline.co.uk unter dem Reiter „Latest News“ zu sehen ist, wurde der Sender an einen Turm der früheren Antenne dieser Frequenz angeschlossen.

Als nächsten Schritt wolle man sich um die Genehmigung bemühen, die Sendeleistung von derzeit 1 kW noch zu erhöhen. Nach früheren Angaben soll das gebraucht erworbene, um 1990 gebaute Gerät der ersten Generation von Mittelwellen-Transistorsendern bis zu 3 kW liefern können.

Das Gelände der Sendestation hatten ursprünglich die Streitkräfte Großbritanniens und der USA für ein Überhorizontradar genutzt. Diese Anlage soll nie funktioniert haben; sie wurde 1973 aufgegeben.

Noch heute zu sehen sind die Spuren der fächerförmigen Radarantenne. Augenscheinlich ist die Nachnutzung eines militärischen Objekts auch beim Technikgebäude; es war für einen Mittelwellen-Rundfunksender selbst der Leistungsklasse von zweimal 500 kW völlig überdimensioniert.

Sender Orfordness
Sendersaal Orfordness; in der Bildmitte der Telefunken-Sender 648 kHz, rechts und links die Senderblöcke älterer Bauart | © Jonathan Marks

Mit dem Standort Orfordness ersetzte die BBC die als „Aspidistra“ bekannte, verbunkerte Sendeanlage Crowborough, etwa 50 km südlich von London. Der dortige, 170 kW starke Sender wurde 1984 demontiert.

1962 hatte die Station Crowborough auch den Betrieb der Frequenz 1295 kHz vom Sender Osterloog bei Aurich übernommen. Eigens dafür erhielt sie eine zusätzliche Antenne aus vertikal polarisierten Dipolen, die sich allerdings nicht bewährte.

Daher übernahm 1978 der neu erschlossene Standort Orfordness den Betrieb der nunmehr 1296 kHz lautenden Frequenz. Hierfür entstand eine aus sechs Türmen bestehende Antenne, die nach Osten in Richtung DDR, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und Slowenien strahlte.

Sender Orfordness
Die Sendeantenne 1296 kHz | © Jonathan Marks

1982 wechselte auch die Frequenz 648 kHz nach Orfordness. Die dafür errichtete Antenne besteht aus fünf Türmen, die das Sendesignal in einem breiten Kegel von Frankreich bis hinüber in den Benelux-Raum abstrahlten. Damit wurde die Sendeanlage Crowborough vollständig ersetzt.

Die zuerst in Orfordness installierte, auf 1296 kHz genutzte Sendetechnik war noch von älterer Konstruktion (Doherty-Modulation). Zur Übernahme der Frequenz 648 kHz wurde sie 1982 um einen neuen Sender (mit Pulsdauermodulation) der damaligen Berliner Firma Telefunken ergänzt.

Nach der Einstellung ihrer deutschen Sendungen im Jahre 1999 bespielte die BBC die Mittelwelle 648 kHz mit einem ausschließlich englischsprachigen Programm. Am 27. März 2011 beendete sie die Nutzung der Frequenz.

Die letzten vier Minuten:

Unerwartet, deshalb auch schon verbunden mit größeren technischen Schwierigkeiten, ging der Telefunken-Sender auf 648 kHz im August 2011 doch noch einmal in Betrieb. Ausgestrahlt wurde diesmal das Radio 1 des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Niederlande.

Mit dieser rund um die Uhr gefahrenen Übertragung sollte nach dem havariebedingten Ausfall zweier UKW-Großsender der flächendeckende Empfang des Informationsprogramms abgesichert werden. Dabei machte NPO kein Geheimnis daraus, was der Spaß kostete: 250 Euro pro Stunde, entsprechend 180.000 Euro pro Monat.

Wieder eingestellt wurde die Ausstrahlung des niederländischen Radio 1 am 22. September 2011. Damit war der Hochleistungsbetrieb auf 648 kHz endgültig beendet.

Nach den Sendungen in deutscher Sprache hatte die BBC inzwischen auch die anderen Programme abgesetzt, die einst über die Mittelwelle 1296 kHz liefen. An deren Stelle bezog die BBC diese Frequenz in ein Pilotprojekt für digitale Ausstrahlungen ein, wofür eigens ein Transistorsender geringerer Leistung installiert wurde.

Sender Orfordness
Transistorsender 200 kW für 1296 kHz | © Jonathan Marks

Aus diesem Pilotprojekt zog die BBC die Frequenz 1296 kHz am 27. März 2012 zurück und beendete damit endgültig ihre Aktivitäten in Orfordness. Als letzter Kunde verblieb für wenige Wochen noch Radio Nederland Wereldomroep, das andere Sendezeiten auf dieser Frequenz für seine Europaversorgung nutzte.

Massive Budgetkürzungen führten schließlich zur Einstellung des niederländischen „Weltrundfunks“. Er verabschiedete sich am 10./11. Mai 2012 mit einer 24stündigen Marathonsendung, die zugleich die letzte reguläre Programmausstrahlung auf 1296 kHz war.

Im Spätsommer 2013 ließ sich der Sender Orfordness noch einmal vernehmen. Übertragen wurde eine Präsentation mit Musik und Ansagen, um potentielle Kunden für eine Nutzung der Frequenz 1296 kHz zu gewinnen.

Dies scheiterte jedoch ebenso wie schon 2011 ein Versuch, Sendezeit auf 1296 kHz an Polskie Radio zu verkaufen. Ein Wasserschaden führte schließlich zum stillen Ende aller weiteren Bemühungen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 16.08.2020