Mit zwei Themen

Deutsche Welle in den Schlagzeilen

Nach der regelrechten Konfrontation mit der britischen Zeitung „Guardian“ machte die Deutsche Welle gleich mit noch einem weiteren Thema Schlagzeilen. Diesmal geht es um Kürzungen beim deutschsprachigen Angebot, die bereits im Februar wirksam werden.

Deutsche Welle
Deutsche Welle in Berlin, Voltastraße (2005) | © Kai Ludwig

Publik wurde dieses Thema durch die beliebte Form eines offenen Briefes, in diesem Fall von freien Mitarbeitern des deutschsprachigen Onlineangebots in Bonn.

Im Vordergrund stehen die Nachtstunden zwischen 21.30 und 5.30 Uhr. In diesem Zeitraum werden, so die anonymen Angaben, die bislang eingesetzten zwei Nachrichtenredakteure abgezogen. Anwesend ist dann nur noch ein Startseitenredakteur, der auf eintretende aktuelle Lagen mit der Veröffentlichung von Agenturmeldungen reagieren soll.

Weniger konkrete Darstellungen bezifferten diese Nachtlücke auf bis zu zehn Stunden. Diese Angabe sei, so heißt es in dem Hintergrundmaterial, deshalb gemacht worden, weil mit Arbeitsbeginn um 5.30 Uhr zwangsläufig nicht sofort ein Beitrag erscheinen könne, sondern zunächst zu verfassen wäre.

Intern vorgebrachte Bedenken seien kurz vor Weihnachten von der Intendanz und der Programmdirektion „mit einer Ansammlung von Floskeln beantwortet“ worden. Von der tatsächlichen Umsetzung ab Februar hätten die freien Mitarbeiter erst durch die am 3. Januar verteilten Dienstpläne erfahren.

Die hierzu angeführte „Profilschärfung“ bezeichnen die freien Mitarbeiter als „Euphemismus für einen schlichten Abbau des deutschen Angebots“, da es auch bei den Autorenschichten zu Kürzungen komme.

Weiter gehen sie auf die Bedeutung der deutschen Sprache für die DW ein und nennen dafür auch interne Faktoren: Ein großer Teil der fremdsprachigen Veröffentlichungen seien Adaptionen deutscher Ursprungstexte.

Versuche, hier Englisch in den Vordergrund zu rücken, seien „bislang vielfach gescheitert“. Die Arbeitssprache in den meisten Redaktionen sei weiterhin Deutsch. Ein Versuch, das zu ändern, erscheine „zumindest heikel“.

Für die Außenwirkung berufen sich die Briefautoren auf das DW-Gesetz mit seiner Bestimmung „die Angebote der Deutschen Welle werden in deutscher Sprache sowie auch in anderen Sprachen verbreitet“. Als Vollprogramm geschehe das nur noch online, nachdem der deutsche Fernsehkanal „hauptsächlich Wiederholungen aus dem ARD/ZDF-Kosmos“ enthalte.

Es beginne bereits damit, wie „der nicht fremdsprachenkundige Steuerzahler [sich] darüber einen Überblick verschaffen [kann], was mit seinem Geld gemacht wird“. Der außenstehende Beobachter kann hier etwa Berichte über Entwicklungen in Afrika nennen, von denen andere deutschsprachige Medien überhaupt keine Notiz nehmen. Weiter:

„Die Abschaffung einer 24-Stunden-Versorgung ist ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit, den kein anderer Mitbewerber so gehen würde. Natürlich hat auch France24 den englischen Dienst ausgebaut, aber Kern des Angebots bleibt doch das Original auf Französisch.
Die Abschaffung einer deutschsprachigen Berichterstattung dürfte von vielen Beobachtern und Wettbewerbern als Signal der Schwäche interpretiert werden. [...]
Intern wurde bestätigt: Am Standort Berlin (TV, Teile von Social Media, u.a.) wurde ein Defizit von zwei Millionen Euro erwirtschaftet, welches am Standort Bonn (Online, Hörfunk, Social Media, u.a.) eingespart werden soll.
Rechtfertigt dieses kleine Sparziel wirklich solch dramatische Auswirkungen auf das deutsche Programm? Klar ist, dass ein exorbitant größerer Betrag in den englischen TV-Kanal DW News gesteckt wird – und dieser Betrag steigt stetig.“

Ihre bereits zitierte Befürchtung, mittelfristig könnte das deutschsprachige Onlineangebot ganz eingestellt werden, begründen die Briefautoren auch mit der Personalpolitik: Nach verschiedenen Versetzungen sei der jüngste hier eingesetzte Festangestellte mittlerweile 58 Jahre alt.

Die zu dem „offenen Brief“ abgegebenen Zurückweisungen von Programmdirektion und Intendanz verzichten darauf, die einzelnen Aspekte konkret zu kommentieren.

Der langjährige Beobachter sieht sich hier an das Jahr 2008 erinnert. Seinerzeit gab es unter dem Titel „Pro Deutsche Welle“ ein sehr ähnliches Positionspapier, das wirkungslos blieb.



Der kontrovers aufgenommene Guardian-Artikel spricht von „sexueller Belästigung, Rassismus, Antisemitismus und schwerwiegenden Einschüchterungen“, bietet dazu aber nur wenige Details. Das betrifft insbesondere die Protagonisten, deren Hintergründe völlig unklar bleiben.

Warum das problematisch ist, zeigt ein Vorgang aus dem Jahre 2017: Eine ägyptische Tageszeitung verstieg sich in Bezug auf die DW zu einem Nazi-Vergleich.

Nicht erläutert wird auch, warum eine Mitarbeiterin die Atmosphäre im Sender mit einem Gefängnis verglichen haben soll. Hier geht es vermutlich um die direkte Koppelung eines Aufenthaltstitels an das Engagement bei der DW.

Auf den Beitrag des „Guardian“ reagierte die DW mit einer Entgegnung: Es handele sich um mehr als anderthalb Jahre alte Vorwürfe, nach denen man gehandelt habe. Weiter:

„Nach Wahrnehmung der DW handelt es sich bei den anonymen Quellen, die sich seit dem vergangenen Jahr in verschiedenen Veröffentlichungen der ZEIT, der Verdi-Publikation MMM oder jetzt The Guardian haben zitieren lassen, um einzelne Personen, die aus uns nicht bekannten Gründen der DW schaden wollen.“

Noch weiter geht die englischsprachige Fassung der Mitteilung. Sie enthält auch einen „offenen Brief“ an die Chefredaktion des „Guardian“, in dem sich Mitarbeiter unter anderem gegen eine Verallgemeinerung von Einzelfällen verwahren.

Der von der DW erwähnte „Zeit“-Artikel beschäftigte sich hauptsächlich mit der Trennung von einem, wie es hieß, „Starmoderator“, dessen Engagierung im Jahre 2016 auch in deutschsprachigen Fachmedien gemeldet wurde.

Der MMM-Artikel konzentriert sich auf den Status freier Mitarbeiter, die bei der DW mittlerweile zwei Drittel der Belegschaft ausmachen. Dazu verweist Verdi auf die fehlende Planungssicherheit durch die von Jahr zu Jahr neu getroffene Entscheidung über den Etat der DW und die für Festanstellungen erforderliche Zuweisung von Planstellen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 19.01.2020