153 kHz

Langwellenrundfunk in Norwegen beendet

Die Ära des Langwellenrundfunks ist, nachdem sie hier in den 90er Jahren schon einmal unterbrochen war, nun auch in Norwegen beendet. Der Sender auf der Insel Ingøy in der Finnmark, unweit des Nordkaps, wurde in der Nacht zum 2. Dezember 2019 um 0.06 Uhr abgeschaltet.

Ingøy
Ingøy mit Langwellensender | © Allan Klo, CC-BY-SA

Damit endete zugleich der Betrieb von AM-Großsendern nördlich des Polarkreises insgesamt. Drittletzte Station war hier der Sender bei Norilsk, wo 1976 eine 150 kW starke Senderanlage zunächst auf Mittelwelle in Betrieb genommen und 1983 auf die Langwelle 162 kHz umgestellt worden war.

Diesen Sender hatte die staatliche Rundfunkgesellschaft WGTRK zusammen mit allen anderen Kurz- und Langwellen zum 9. Januar 2014 abgekündigt und damit die flächendeckende Hörfunkversorgung eingestellt. Im Satellitenbild sieht es so aus, als würde das Technikgebäude inzwischen ausgeräumt.

Am 31. Januar 2015 beendete die WGTRK dann auch ihre Ausstrahlungen auf Mittelwelle, somit auch über die ebenfalls mit 150 kW starken Sendern ausgestattete Station bei Murmansk. Deren 257 Meter hoher Langwellenmast ist schon seit etwa 1994, mit dem Wegfall der Ausstrahlung von Radio-1 auf 171 kHz, außer Betrieb.

Damit liegt der Status „nördlichste aktive AM-Großsender der Welt“ nun in Island, bei den beiden dortigen Langwellen 189 und 207 kHz.

Stand vom 27.12.2019



Bis zu ihrer nunmehrigen Abschaltung insgesamt nur 19 Jahre in Betrieb war die mit einem 362 Meter hohen Mast ausgestattete, seinerzeit für rund 2,5 Millionen Euro gebaute Sendeanlage auf der Insel Ingøy in der Finnmark, unweit des Nordkaps.

Zu diesem nochmaligen, von deutschen Auftragnehmern realisierten Bau eines Langwellensenders führte ein Programm zur Rundfunkversorgung der norwegischen Fischereiflotte.

Dazu gehörte auch ein 20 kW starker, ab 1999 auf 675 kHz betriebener Sender auf der Lofoteninsel Røst. Dort konnte der Mast eines 1997 stillgelegten Navigationssenders (Decca, 127,1 kHz) nachgenutzt werden. Dieser Mittelwellensender wurde bereits zum Ende des Jahres 2012 stillgelegt.

Im Vorfeld der nun anstehenden Abschaltung auch des Langwellensenders gab der norwegische Rundfunk NRK einschlägigen Interessengruppen die Gelegenheit, sich dazu zu äußern. Nach Angaben von NRK kamen keine Einwände, da Schiffe, die sich nicht nur im unmittelbaren Küstenbereich bewegen, heute in der Regel mit Satellitenempfang ausgestattet sind.

Bei diesem Langwellensender, der mit der vergleichsweise niedrigen Sendeleistung von 100 kW auf 153 kHz arbeitete, ging es um eine Versorgung der Barentssee, möglichst bis hin zum 800 Kilometer entfernten Spitzbergen. Die Anlage fand ihren Platz deshalb auf der Insel Ingøy, 65 Kilometer westlich des Nordkaps.

Seine Frequenz teilte sich der Sender Ingøy mit dem Sender Donebach im Odenwald. Dessen Ende führte zu keiner wesentlichen Erhöhung der Reichweite nach Süden, da auf 153 kHz weiterhin ein Sender in Rumänien (Bod bei Kronstadt) arbeitet und das Signal aus dem äußersten Norden Europas schon im südlichen Finnland weitgehend überlagerte.

Weitere Länder, in denen es 2020 den Langwellenhörfunk noch geben wird, sind neben Island auch Großbritannien, Irland, Frankreich (eingeschlossen die RTL-Ausstrahlung aus Luxemburg), Dänemark, die Tschechische Republik, Polen, Marokko, Algerien, Turkmenistan sowie die Mongolei.

Dabei spricht der Tschechische Rundfunk von einer Einstellung des Betriebs zum Beginn des Jahres 2022. In Irland sehen sich die für die Beibehaltung der Langwelle trommelnden Politiker und Aktivisten zunehmend mit Kritik und Unverständnis konfrontiert, nachdem wegen Geldmangel selbst eine völlige Einstellung des Hörfunk-Kulturprogramms schon im Raum stand.

Sender Longyearbyen
Mittelwellensender Longyearbyen; im Vordergrund der Telenor-Stützpunkt mit UKW-Sender | © Erlend Bjørtvedt, CC-BY-A

Auch in der überschaubaren Zukunft in Betrieb bleiben soll hingegen der Mittelwellensender auf Spitzbergen. Dort wird eine Möglichkeit für den großflächigen Rundfunkempfang, auch mit Hinblick auf Notfälle, weiterhin gewünscht.

Seit 1978 arbeitet in Longyearbyen ein Sender mit einem Kilowatt auf 1485 kHz. Da für dieses Gerät kaum noch Ersatzteile zu beschaffen sind, soll es durch einen neuen Sender mit 3 kW Leistung ersetzt werden.

Mit einer Entfernung von 1310 km zum Nordpol ist diese Anlage der nördlichste Mittelwellensender der Welt. Einer der auf Spitzbergen installierten UKW-Kleinsender mit wenigen Kilometern Reichweite ist dann der nördlichste Rundfunksender überhaupt, und zwar nochmals 80 km weiter im Norden, in Ny-Ålesund.

Diesen Status hält Ny-Ålesund, seit 2006 der UKW-Sender (offiziell 76 Watt ERP auf 105,9 MHz) des kanadischen Militärstützpunkts Alert an der Nordostküste der Ellesmere-Insel, 830 km entfernt vom Nordpol, abgeschaltet wurde. Er hatte seinerseits 1980 einen Mitte der 60er Jahre aufgebauten Mittelwellen-Kleinstsender (wenige Watt) abgelöst.

Zu den dortigen Bedingungen gibt es einen alten Bericht von einem anderen Stützpunkt im Inneren der Ellesmere-Insel: An einem mehrere Kilometer abgesetzten Standort mit absolut freier Sicht zum Horizont wurde ein Satellit bei 0,5° Erhebungswinkel mit waagerecht ausgerichteter Antenne empfangen.

Zur Weiterleitung in die Unterkünfte lief das empfangene Programm über einen Fernseh-Kleinstsender. Wenn man sich nicht an dem eigenmächtigen Betrieb ohne Lizenz stört, war das der nördlichste Fernsehsender der Welt.

Sender Ny-Ålesund
Ny-Ålesund mit Rundfunksender | © Harvey Barrison, CC-BY-SA

Letzter „normaler“, also weder für die Fischereiflotte bestimmter noch sich den Besonderheiten von Spitzbergen verdankender Mittelwellensender in Norwegen war Vigra bei Ålesund, mit 100 kW auf 630 kHz. Er wurde 2011 abgeschaltet und wenige Monate später abgerissen.

Von den ganzen Videos, die zur weitgehenden Einstellung des UKW-Hörfunks in Norwegen erschienen, sorgte dieses für einige Heiterkeit, denn nach 24 Sekunden war die Autorin beim Hantieren mit dem Smartphone an eine wohl länger nicht mehr genutzte Taste ihres Autoradios gekommen ...

Schon 2006 hatte sich NRK von seiner mit 1200 kW weitaus stärksten Mittelwelle getrennt: 1314 kHz von der Insel Kvitsøy bei Stavanger. Diese Sendeanlage war 1982 in Betrieb gegangen, auch mit Kurzwellensendern für den 2001 eingestellten Auslandsdienst.

Versuche, den Mittelwellensender anderweitig zu vermarkten, endeten 2007 nach wenigen Sondersendungen des inzwischen ebenfalls nicht mehr existierenden Radio Nederland Wereldomroep. Auch Bestrebungen, die Kurzwellensender mit digitalen Ausstrahlungen zu erhalten, wurden 2011 aufgegeben und die Sendestation 2012 eliminiert.

Sender Kvitsøy
Sendetechnik Kvitsøy; es gab für Mittel- und Kurzwelle jeweils zwei Telefunken-Sender 600/500 kW | © Sammlung Bernt Erfjord †

 

Autor: Kai Ludwig