Nördlichster Sender der Welt

Spitzbergen künftig einziger norwegischer AM-Standort

Der norwegische Rundfunk NRK will seine Mittelwellensendungen auf Spitzbergen auch in der absehbaren Zukunft weiter fortsetzen. Noch im kommenden Oktober stillgesetzt werden soll hingegen der erst im Jahre 2000 in Betrieb gegangene Langwellensender in der Nordkap-Region.

Sender Longyearbyen
Mittelwellensender Longyearbyen; im Vordergrund der Telenor-Stützpunkt mit UKW-Sender | © Erlend Bjørtvedt, CC-BY-A

Laut Radionytt.no gibt NRK an, 2018 einschlägigen Interessengruppen Gelegenheit gegeben zu haben, sich zur geplanten Abschaltung der Langwelle 153 kHz zu äußern. Es habe keine Einwände gegeben, da größere Schiffe, die aus den Küstengewässern hinausfahren, heute üblicherweise mit Satellitenempfang ausgestattet sind.

Hingegen werde der Mittelwellensender auf Spitzbergen nach wie vor genutzt, etwa bei Freizeitaktivitäten außerhalb des sehr beschränkten Versorgungsgebiets der – hier nach wie vor aktiven – UKW-Sender. Auch sei eine zusätzliche Empfangsmöglichkeit für Notfälle als wünschenswert bezeichnet worden.

Daher soll der 1978 installierte Sender der Mittelwelle 1485 kHz, für den kaum noch Ersatzteile zu bekommen sind, durch ein neues Gerät ersetzt werden. Das ist verbunden mit einer Verstärkung von bisher 1 auf 3 kW.

Stand vom 18.09.2019



Die Anlage in Longyearbyen, 1310 km entfernt vom Nordpol, ist der nördlichste Mittelwellensender der Welt. Dem Nordpol nochmals 80 km näher steht dann der nördlichste Rundfunksender überhaupt: In Ny-Ålesund, wo zwei Programme auf UKW ausgestrahlt werden.

Nach Ny-Ålesund ging dieser Rekord, als 2006 der Hörfunksender im kanadischen Militärstützpunkt Alert an der Nordostküste der Ellesmere-Insel, 830 km entfernt vom Nordpol, entfiel. Dort gab es ab Mitte der 60er Jahre einen Mittelwellen-Kleinstsender (wenige Watt), von 1980 bis 2006 dann einen UKW-Sender (offiziell 76 Watt ERP auf 105,9 MHz).

Weitere Angaben liegen dazu nicht vor, auch nicht zu den überhaupt verfügbaren Programmquellen. Aus dem Inneren der Ellesmere-Insel gibt es eine alte Beschreibung des Empfangs eines nicht konkret genannten Satelliten bei 0,5° Erhebungswinkel: An einem abgesetzten Platz mit absolut freier Sicht zum Horizont war eine waagerecht ausgerichtete Antenne aufgebaut.

Sender Ny-Ålesund
Ny-Ålesund mit Rundfunksender | © Harvey Barrison, CC-BY-SA

Auf Mittelwelle aktiv ist in Norwegen ansonsten nur noch das Museum im seit 1978 abgeschalteten Sender Bergen. Sonntags wird hier mit geringer Leistung auf 1314 und 1611 kHz sowie für Enthusiasten außerhalb der Region auch auf der Kurzwelle 5895 kHz gesendet.

Letzte reguläre Mittelwelle im norwegischen Stammland war die Frequenz 675 kHz von der Lofoteninsel Røst. Dieser 20 kW starke Sender war erst 1999 in Betrieb gegangen. Nachgenutzt wurde dabei der Mast eines 1997 stillgelegten Navigationssenders (Decca-System, 127,1 kHz). Mit dem Auslaufen des Ausstrahlungsvertrags wurde der Sender am 31. Dezember 2012 abgeschaltet.

Vorletzter Sender war die 100 kW starke, auf 630 kHz betriebene Anlage in Vigra bei Ålesund. Sie wurde 2011 stillgelegt und wenige Monate später abgerissen. Für Erheiterung unter Beobachtern sorgte 2017 dieses Video zur Abschaltung der UKW-Sender: Nach 24 Sekunden kam die Autorin an eine länger nicht mehr genutzte Taste ihres Autoradios ...

Drittletzte, von NRK bereits 2006 aufgegebene Mittelwelle war 1314 kHz, ab 1982 mit 1200 kW die weitaus stärkste in Norwegen. Diese Sendeanlage stand auf der Insel Kvitsøy bei Stavanger. Dort gab es auch Kurzwellensender für den Auslandshörfunk, der 2001 eingestellt wurde.

Versuche, den Mittelwellensender anderweitig zu vermarkten, endeten 2007 nach wenigen Sondersendungen des inzwischen ebenfalls nicht mehr existierenden Radio Nederland Wereldomroep. Bestrebungen, die Kurzwellensender mit digitalen Ausstrahlungen zu erhalten, wurden 2011 ebenfalls aufgegeben und die Sendeanlage 2012 eliminiert.

Sender Kvitsøy
Sendetechnik Kvitsøy; es gab für Mittel- und Kurzwelle jeweils zwei Telefunken-Sender 600/500 kW | © Sammlung Bernt Erfjord †

Von der norwegischen UKW-Abschaltung gibt es auch noch ein anderes Video, das für noch mehr Heiterkeit sorgte. Denn hier wurde nicht versehentlich, sondern absichtsvoll eine Taste am Autoradio gedrückt, die weiterhin zum ersten NRK-Programm führt.

Nach wie vor in Betrieb ist nämlich der 100 kW starke Langwellensender auf der Insel Ingøy, 65 km westlich des Nordkaps. Er war erst im Jahre 2000 in Betrieb gegangen, zusammen mit dem Sender Røst in einem Programm, das damals die Hörfunkversorgung der norwegischen Fischereiflotte verbessern sollte.

Zielgebiet ist somit die Barentssee, verbunden mit der Hoffnung, auch noch in das 800 km entfernte Spitzbergen ein brauchbares Signal zu liefern. Ins mehr als doppelt so weit entfernte Deutschland funktioniert das allerdings nicht, da die Frequenz zwar nicht mehr hierzulande, wohl aber nach wie vor aus Rumänien belegt ist.

Mangels Ansprechpartnern ist nicht zu klären, warum die Einstellung des norwegischen AM-Rundfunks bis jetzt auch um diesen Sender einen Bogen machte. Hier könnte es einen langfristig verbindlichen Ausstrahlungsvertrag geben, da es sich bei dieser Anlage, eingeschlossen den 362 Meter hohen Mast, um einen vollständigen Neubau handelte.

Ingøy
Ingøy mit Langwellensender | © Allan Klo, CC-BY-SA

 

Autor: Kai Ludwig