Neben der Internetblockade in Kaschmir

Fingierte Nachrichtenseiten aus Indien

Die mit einiger Aufregung aufgenommene Webpräsenz „EP Today“ ist kein Einzelfall: Indien betreibt schon seit 2010 ein ganzes Netzwerk fingierter Nachrichtenseiten, die dabei helfen sollen, eine Unterstützung der indischen Positionen gegenüber Pakistan und Kaschmir herzustellen.

Undertaking for usage of Internet Services
© Shehla Rashid

Wie der kanadische Rundfunk CBC berichtet, gab es in der Spitze mindestens 265 solcher Webauftritte. Ein Teil davon wurde nach der Aufdeckung ihres Charakters gelöscht, weitere Seiten sind nach ihrer Anlegung nie mit Inhalten bestückt worden.

Betreiber ist in allen Fällen der als Unternehmer aus Neu-Delhi beschriebene Ankit Srivastava. Er war auch daran beteiligt, im Oktober die Kaschmir-Reise von Abgeordneten des Europaparlaments (aus den EKR- und EVP-Fraktionen sowie der Brexit-Partei) zu organisieren.

Stand vom 24.11.2019



Die am 4. August 2019 vorgenommene Abschaltung der Mobilfunk- und Internetzugänge im indisch kontrollierten Teil von Kaschmir hält weiter an. Für sich sprechen die Formblätter, die Unternehmen zur Unterschrift vorgelegt werden, um die Freischaltung für „ausschließlich geschäftliche Zwecke“ zu erhalten.

Demnach wird der Zugang auf registrierte Bürocomputer beschränkt, deren USB-Anschlüsse zu sperren sind. Ausdrücklich verboten ist der Zugriff auf soziale Medien, Proxy- und VPN-Server sowie das Hochladen verschlüsselter Dateien mit Fotos oder Videos.

Eine Aktivistin bewertet das Vorgehen als Probe aufs Exempel, wie weit man gehen kann. Die Ergebnisse dieses Versuchs dürften, so warnt sie, überall angewendet werden.

Aktuell verwiesen wird auf eine Debatte im indischen Fernsehen, in der ein früherer Offizier der indischen Armee zu Vergewaltigungen in Kaschmir aufrief und dabei von Teilen des Studiopublikums unterstützt wurde.

Schon im September hatte Al Jazeera über dieses Thema berichtet und führte dabei ein Gespräch mit einem Autor aus Kaschmir:

„Ich las mal einen indischen Schriftsteller, einen sehr guten. Er beschrieb Indien als größtes Demokratie-Experiment der Welt. Und wissen Sie, was er hinzugefügt hat? Leider scheitert dieses Experiment.“


Die indische Öffentlichkeitsarbeit beschränkt sich nicht auf eine Charmeoffensive von Premierminister Modi. Für Aufregung sorgte die Internetpräsenz „EP Today“, die sich zunächst mit Artikeln der Voice of America füllte und dann auf einmal zu RT umschwenkte.

Wie sich zeigte, führen bei diesem urplötzlich aufgetauchten Produkt, das natürlich nichts mit dem Europäischen Parlament zu tun hat, die Spuren nach Indien.

Die BBC ihrerseits scheint die Ausweitung der für Kaschmir relevanten Hörfunksendungen schon wieder rückgängig gemacht zu haben. Im Winterhalbjahr 2019/2020 sind für diese Programme folgende Ausstrahlungen vorgesehen (Zeitangaben in MEZ, in Klammern der Senderstandort):

Hindi
02.00-02.30 Uhr: 5875 kHz (Usbekistan); 6100, 7430 kHz (England); 11995 kHz (Singapur)
15.00-15.30 Uhr: 5875 kHz (Usbekistan); 9510, 11995 kHz (Singapur); 9540 kHz (Oman)
Urdu
16.00-16.00 Uhr: 5830 kHz (Armenien); 7410 kHz (Abu Dhabi); 9410, 11995 kHz (Singapur)
Englisch für Asien
11.00-13.00 Uhr: 6195, 9580, 9900, 11945 kHz (Singapur)
13.00-14.00 Uhr: 9410, 12065 kHz (Oman); 11850 kHz (Singapur)
14.00-15.00 Uhr: 12065 kHz (Singapur)
17.00-18.00 Uhr: 7485 kHz (Oman)
18.00-20.00 Uhr: 6195 kHz (Oman)
19.00-20.00 Uhr: 7485 kHz (Oman)
23.00-24.00 Uhr: 5960 kHz (Oman); 6150 kHz (Philippinen); 7300 kHz (Oman)
23.00-01.00 Uhr: 3915, 3960, 5890, 6195 kHz (Singapur)
01.00-02.00 Uhr: 5875 kHz (Armenien); 5970 kHz (Oman)
02.00-03.00 Uhr: 9410 kHz (Singapur)
04.00-05.00 Uhr: 6195, 7285 kHz (Oman)


Die BBC hatte ihre Abendsendung in Hindi am 16. August auf eine Stunde verlängert. Sie lief damit von 16.00 bis 17.00 Uhr MESZ über die BBC-Sender in Oman auf 1413, 9460 und 11995 kHz sowie über die Sendestation in Singapur auf 9510 und 11795 kHz.

Am 19. August startete eine völlig neue Mittagssendung in Urdu, die aus der zweimaligen Ausstrahlung eines 15 Minuten langen Blocks bestand. Sie kam von 9.00 bis 9.30 Uhr aus Abu Dhabi auf 13650 kHz und aus Oman auf 15310 kHz.

Auch die Ausstrahlung des englischen Worldservice-Programms in die Region lief am Morgen eine Stunde länger und begann am Abend eine Stunde früher. Zusätzlich eingeschaltet wurden Sender 4.00-5.00 Uhr auf 9670 und 11795 kHz sowie 18.00-19.00 Uhr auf 6040 und 7345 kHz; jeweils die niedrigere Frequenz aus Usbekistan, die andere aus Armenien.

Wie der Direktor des BBC World Service, Jamie Angus, CNN sagte, werde der Kurzwellenempfang in dieser Region sonst größtenteils nicht mehr genutzt. Durch die Kommunikationsblockade gebe es jetzt aber „nur wenige Optionen“.

Zwar gehe, so Angus weiter, die Nutzung des Kurzwellenrundfunks generell schon seit langer Zeit immer weiter zurück. Er sei aber nach wie vor eine wichtige Rückfallebene.

Der BBC waren die vorübergehenden Erweiterungen auch wichtig genug, um dazu eine Pressemitteilung herauszugeben. Zuvor hatte sie Anschuldigungen aus Indien, sie würde „erfundene Nachrichten“ aus Kaschmir verbreiten, scharf zurückgewiesen.

„The BBC stands by its journalism and we strongly refute any claims that we have misrepresented events in Kashmir.“
© twitter.com/bbcnewspr

In der Vergangenheit war Kaschmir in der Landschaft des Kurzwellenhörfunks durch Sendungen der pakistanischen Seite bekannt. Die technische Infrastruktur dafür ist in Pakistan jedoch 2017 zusammengebrochen. Ob es den vor Jahren versprochenen Ersatz noch geben wird, erscheint zunehmend fraglich.

Nur noch auf Mittelwelle und vor Ort auf UKW ausgestrahlt wird somit Azad Kashmir Radio aus Muzzafarabad. Dazu soll es den Internetauftritt fm93mirpur.com geben, der momentan allerdings nicht funktioniert.

Über die Kurzwellensender bei Islamabad lief stundenweise auch eine sogenannte Stimme der Befreiungsbewegung von Jammu und Kaschmir. Deren Produzenten präsentieren sich als Kashmir Media Service mit einem englischsprachigen Internetauftritt.

Auch in Delhi wird ein Sonderprogramm für Kaschmir produziert und ausgestrahlt. Dieses „Radio Sedayee Kashmir“ sendet für jeweils eine Stunde ab 3.30 und 15.30 Uhr MEZ auf 4870 und 6030 kHz sowie ab 8.30 Uhr auf 6100 kHz.

Innerhalb des indischen Teils von Kaschmir läuft jetzt noch ein Kurzwellensender in Leh, in erster Linie bis 17.30 Uhr MEZ auf 4760 kHz. Hier gab es Andeutungen, laut denen Kaschmir kurzfristig aus den Namen der dortigen Regionalstationen von All India Radio gestrichen werden soll.

 

Autor: Kai Ludwig