Kurzwellenanlagen in Hessen

Zusätzliche Sendung der Voice of America

Auf den Kurzwellenanlagen des Auslandsrundfunks der USA in Hessen sollte zum 24. April nun tatsächlich eine Ausstrahlung hinzukommen. Es handelt sich jedoch weiterhin nicht um das, womit man jetzt rechnen würde.

Sender Lampertheim
Der Senderraum in Lampertheim | © Kai Ludwig

Neu eingeplant ist eine zusätzliche, in die unten folgenden Listen aufgenommene kurdische Sendung der Voice of America: Außer freitags und sonnabends von 14.00 bis 14.50 Uhr MESZ.

Ansonsten ist nicht mehr nachvollziehbar, wozu die beiden Sendestationen bei Biblis und Lampertheim noch weiter für 5,6 Millionen Dollar im Jahr vorgehalten werden. Die Annahme, das sei für den Fall eines Krieges in der Ukraine geschehen, trifft wohl doch nicht zu.

Zwar wurde im Januar tatsächlich eine erneute Anwendung der Technik für Versorgungen innerhalb von Europa getestet. Bis heute kam es jedoch zu keinen Wiederaufnahmen der 2016 eingestellten Übertragungen. Sie dürften somit auch nicht mehr zu erwarten sein.

Dem ist so, obwohl ein Versuch läuft, mit spendenfinanzierten Ausstrahlungen über Drittkapazitäten das sprichwörtliche Pferd zur Tränke zu führen. Selbst der Betriebsdirektor des Auslandsrundfunks der USA ließ sich mit seinem Unverständnis über die unterbleibenden Anforderungen zitieren.

Lampertheim, Sender Thomson-CSF
Zwei der zuletzt installierten französischen Sender in Lampertheim | © Kai Ludwig

Es bleibt in Biblis und Lampertheim somit beim Restbetrieb für Zielgebiete außerhalb von Europa. In Deutschland selbst sind diese Sendungen nur sehr eingeschränkt zu empfangen.

Konkret übertragen werden Programme von Radio Free Europe / Radio Liberty für den Iran, für Afghanistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan, der Voice of America für Afghanistan, Pakistan, Tibet, den Südsudan und für Kurden sowie von Radio Free Asia für Xinjiang und Tibet:

Biblis
03.00-04.00 Uhr: 9800 kHz; RFA Uigurisch
04.30-06.30 Uhr: 9480 kHz; RFE/RL Paschtunisch/Dari
07.30-18.00 Uhr: 15690 kHz; RFE/RL Farsi
13.00-14.00 Uhr: 15265 kHz; RFA Tibetisch
So-Do 14.00-14.50 Uhr: 17850 kHz; VOA Kurdisch
14.00-15.00 Uhr: 17860 kHz; RFA Tibetisch
15.00-16.00 Uhr: 11985 kHz; VOA Kurdisch
16.00-17.00 Uhr: 12055 kHz; RFE/RL Turkmenisch
16.00-17.00 Uhr: 17490 kHz; VOA Tibetisch
18.00-19.00 Uhr: 11790 kHz; Usbekisch
18.00-19.00 Uhr: 15625 kHz; RFA Uigurisch
19.00-20.00 Uhr: 7435 und 11760 kHz; VOA Kurdisch
21.00-22.00 Uhr: 6170 und 7225 kHz; VOA Kurdisch
Lampertheim
02.30-04.30 Uhr: 7495 kHz; VOA Paschtunisch/Dari
05.00-08.30 Uhr: 9370 kHz; RFE/RL Farsi
10.30-17.30 Uhr: 17830 kHz; RFE/RL Farsi
13.00-14.30 Uhr: 9370 kHz; RFE/RL Farsi
13.00-15.00 Uhr: 12005 kHz; RFE/RL Farsi
So-Do 14.00-14.50 Uhr: 12030 kHz VOA Kurdisch
16.00-18.00 Uhr: 11850 und 15450 kHz; RFE/RL Tadsch.
16.00-19.00 Uhr: 15640 kHz; VOA Pascht. für Pakistan
18.00-19.00 Uhr: 9760 kHz; VOA Tibetisch
Mo-Fr 18.30-19.00 Uhr: 15660 kHz; VOA für Südsudan
19.00-21.00 Uhr: 12035 kHz; VOA Pascht. für Pakistan

Ein Teil dieser Frequenzen wird außerhalb der genannten Zeiten auch von anderen, in Europa oft besser hörbaren Standorten aus eingesetzt.

Antennen in Lampertheim
Koaxialleitungen zu den Antennen in Lampertheim; rechts das nachträglich errichtete Antennenpaar für Sendungen nach Südosten | © Kai Ludwig

Die Sendestationen bei Biblis und Lampertheim wurden ab 1950 für Radio Free Europe und Radio Liberty aufgebaut. Den Anfang machte ein fahrbarer Sender mit 7,5 kW, der schon bald nach Portugal umsetzte. Netflix wählte die dortige, bereits 1996 stillgelegte Station Glória als Sujet für eine Serie.

Die heute in Biblis und Lampertheim vorhandene Technik war in zwei Wellen 1977 und 1986 von einem US-amerikanischen Hersteller geliefert worden. 1990 folgten noch weitere Sender aus Frankreich. Die Anlagen haben eine vergleichsweise geringe, für viele Fälle aber ausreichende Leistung von jeweils 100 kW.

Von 1991 bis 1993 hatte RFE/RL in Biblis und in Portugal bereits die Ausstrahlung des noch einmal aufgelegten deutschen Programms der VOA übernommen. 1994 wurde schließlich ein organisatorisches Dach für alle Auslandssender der USA geschaffen, die damit ihre Infrastruktur in einen gemeinsamen Technikpark einbrachten.

Bis dahin hatten RFE/RL und VOA teils in direkter Konkurrenz gegeneinander angesendet. Eine der ersten Entscheidungen des neuen Rundfunkrats war, die gleichzeitige Ausstrahlung von Programmen in derselben Sprache zu unterbinden.

Wo eine solche Zersplitterung der Ressourcen besteht, müssen die parallel existierenden Hörfunkangebote nun wenigstens in zeitpartigierter Form gesendet werden. Das betrifft heute vor allem noch die Programme für Afghanistan.

Die „kleinen“ Sender in Biblis und Lampertheim weisen verhältnismäßig günstige Betriebskosten auf. Das ist jedoch nur von eingeschränktem Nutzen, da die Antennenanlagen ausschließlich für eine Versorgung des Gebiets von Mitteleuropa bis in die damalige Sowjetunion ausgelegt wurden. Sendungen nach Afrika sind weitgehend ausgeschlossen.

Eine kleine Ausnahme bieten zwei zusätzliche Antennen, die nachträglich in Lampertheim aufgebaut wurden, als bei RFE/RL in den 90er Jahren das zerfallende Jugoslawien als Sendegebiet hinzukam. Die westlichen Ausläufer der Richtstrahlung dieser Antennen können das Horn von Afrika und, wie es derzeit die VOA ausnutzt, peripher auch noch den Sudan erreichen.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 25.04.2022