Rundfunkgeschichte

Das Funkhaus Weimar

Zum Programm des Kunstfestes Weimar 2018 gehörten auch Besichtigungen des seit 2000 nicht mehr genutzten Funkhauses in der Humboldtstraße. Das Interesse an diesen Führungen lag deutlich über den Erwartungen der Veranstalter und damit den geplanten Kapazitäten. Somit könnten auch einige weitere Details zu diesem Thema interessieren.

Funkhaus Weimar, 2018
Langsam wächst Gras über die Sache: Der Eingang des Funkhauses Weimar | © Kai Ludwig

Über die Entwicklung des Standorts bis 1967 informiert eine interne Materialsammlung der Studiotechnik Rundfunk, der in der DDR einschlägig zuständigen Struktureinheit der Post.

Die Ausarbeitungen beginnen mit der Erzählung eines Oberingenieurs der Reichsrundfunkgesellschaft:

„Ich erhielt etwa Mitte März 1945 den Befehl, im Saal der unweit von Oberhof gelegenen Gaststätte Veilchenbrunn ein Behelfsstudio für den Großdeutschen Rundfunk einzurichten. Als Sendeleiter war der Chefkommentator, Hans Fritzsche, vorgesehen.
Als ich in Veilchenbrunn ankam, nahm ich Fritzsche beiseite und bat ihn, mir doch einmal ein ungeschminktes Bild von der militärischen Lage zu geben. Fritzsche gab die gewünschte Auskunft. Ich fand meine Ansicht vollauf bestätigt, daß es keinen Zweck mehr hatte, das Studio einzurichten, da die Lage aussichtslos sei.
Es war gerade Mittagszeit. Der Wirt schaltete den hinter dem Buffet befindlichen Rundfunkapparat ein. Aus dem Lautsprecher war ein Kommentar von Hans Fritzsche zu hören, der gerade das Gegenteil von dem enthielt, was er vorher mir gesagt hatte.
Ich sah Fritzsche wortlos und fragend an. Fritzsche stand darauf ebenso wortlos auf, ging zu dem Rundfunkempfänger und schaltete ihn aus.“

Diese Kenntnis der tatsächlichen Situation konnte Hans Fritzsche in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen nicht nachgewiesen werden. Das mündete, von ihm selbst nicht erwartet, in seinen Freispruch.

Der Schauplatz der geschilderten Begebenheit liegt nordwestlich des Bahnhofs Oberhof. Er war – wenn auch nicht mehr mit der originalen Bausubstanz – zuletzt, bis zur unlängst erfolgten Einstellung der Bewirtschaftung, als Bergbaude Veilchenbrunnen bekannt.

Am Bahnhof Oberhof
Herbstabend am Bahnhof Oberhof | © Kai Ludwig


Den Auftakt zum Aufbau des Rundfunks in Weimar gab ein Kleinsender mit 300 Watt. Er wurde von der Erfurter Niederlassung der Firma Telefunken geliefert und auf einer früheren Polizeifunkstation beim Weimarer Belvedere installiert.

Dieser Sender – er war der erste Rundfunksender in Thüringen überhaupt – ging am 15. November 1945 in Betrieb. Parallel dazu wurden die im Gasthaus Veilchenbrunnen eingelagerten Geräte geholt und im früheren Stützpunkt der Reichsrundfunkgesellschaft im Weimarer Hotel Elephant eingebaut.

Das so eingerichtete Studio begann seine Arbeit am 1. Dezember 1945 als Außenstelle des Berliner Rundfunks. Zunächst gab es Sendeversuche mit den ebenfalls in der Bergbaude Veilchenbrunnen vorgefundenen Tonbändern mit klassischer Musik.

Erster Höhepunkt, mit Resonanz bis ins Ausland, war am Heiligabend 1945 eine vom Studio Weimar organisierte Direktübertragung aus dem Erfurter Dom. Diese Sendung dürfte die erste Außenübertragung des späteren Rundfunks der DDR überhaupt gewesen sein. Am Neujahrstag 1946 erschien dann erstmals die Ansage „Landessender Weimar“.

Mit dem Ausbau des Programms wurden die Räume im Hotel Elephant bald zu klein. Eine längere Suche führte schließlich zu dem Gebäude neben dem Nietzsche-Archiv, das ab 1937 als ergänzende „Gedächtnishalle“ errichtet, unter dem NS-Regime jedoch nicht mehr vollendet wurde.

Im Mai 1946 begannen hier umfangreiche Bauarbeiten zur Herrichtung als Funkhaus. Es wurden der für die Redaktion vorgesehene Gebäudeteil aufgestockt und das Dach für den Einbau von Sendesälen angehoben. Weitere zunächst geplante Erweiterungen (eine Überdachung des Lichthofes und der Anbau eines Intendanzflügels) unterblieben.

Im großen Sendesaal wurde die Decke als durchbrochene Holzkonstruktion ausgeführt. Dadurch konnte, ähnlich der jetzt in der Staatsoper Berlin realisierten Lösung, der über dem Saal liegende Luftraum mit ausgenutzt und so ein Raumvolumen von rund 2000 Kubikmetern erreicht werden.

Zwischen den beiden Sendesälen fanden die dazugehörigen Regien ihren Platz, unter den Sälen ein kleiner schalltoter Raum und ein Hallraum. Für den Sendebetrieb entstanden zwei Regien mit Sprecherraum, ein weiterer, universell nutzbarer Sprecherraum sowie ein Schaltraum.

Ab dem 1. Juni 1946 war zunächst ein Studio für die täglichen Wortsendungen betriebsbereit. Da es an Technikern fehlte, wurden der Betriebsleiter des Senders Belvedere und der Aufbauleiter des neuen Mittelwellensenders in Erfurt von der Post freigestellt, um im Funkhaus mitzuarbeiten.

Eine starke Erweiterung des Betriebs brachte die Einrichtung auch des zweiten Studios. 1946/1947 wurden in Weimar zahlreiche Beiträge für das Leipziger Programm produziert, da das dortige Funkhaus noch im Aufbau war. Das ging teils so weit, aus einem Studio das Weimarer Eigenprogramm und zugleich aus dem anderen Studio das Leipziger Programm zu senden.

Funkhaus Weimar, Eingang
Blick durch die Eingangstür des Funkhauses Weimar | © Kai Ludwig

Die folgende Passage der Materialsammlung erinnert unweigerlich daran, wie 1955 der Brand in der Nalepastraße zum Sabotageakt erklärt wurde, obwohl es sich (auch dort) um schlichte Fahrlässigkeit gehandelt haben dürfte:

„Inzwischen war es dringend notwendig geworden, den vorhandenen Bestand an Musikbändern durch neue Aufnahmen zu vergrößern und deshalb intensiv an der Fertigstellung des Sendesaales für die künftige Musikproduktion zu arbeiten.
Da der Saal keine Fenster besaß, konnten die Bauarbeiten nur bei künstlichem Licht ausgeführt werden. Zu diesem Zweck hatten die Elektriker in der Mitte des Saales eine 2000 Watt-Lampe angebracht.
Durch die Vielzahl der Bauarbeiten war eine sorgfältige Personalkontrolle kaum möglich, so daß unbemerkt ein Sabotageakt verübt werden konnte. Bei Kontrollgängen stellte man eine starke Rauchentwicklung im Sendesaal fest.
Die 2000 Watt-Lampe lag auf einer Sperrholz-Verkleidung der Decke und hatte diese schon zur Hälfte durchgebrannt. Jeder Luftzug hätte sofort die Holzverkleidung in Flammen gesetzt. Durch das rechtzeitige Eingreifen ließ sich der Schaden auf ein Loch von etwa 40 cm Durchmesser in der Verkleidung begrenzen, das sich leicht ausbessern ließ.
Die Bauarbeiten im Sendesaal konnten trotz weiterer erheblicher Schwierigkeiten noch im vierten Quartal 1947 abgeschlossen werden.“

Für Übertragungen von Konzerten und weiteren Veranstaltungen entstanden, verbunden mit der Schaltung fester Übertragungsleitungen, auch Regieeinrichtungen in der alten Weimarhalle (also dem 1997 abgerissenen Gebäude) sowie bei dessen Wiedereröffnung im Jahre 1949 ebenso im Deutschen Nationaltheater.

Deutsches Nationaltheater Weimar
Das Deutsche Nationaltheater in Weimar | © Kai Ludwig

Zu Schwierigkeiten führte der schlechte Zustand des Stromnetzes in Weimar. Zwar erhielt das Funkhaus eine eigene Trafostation. Das half jedoch nicht gegen die Schwankungen der Netzfrequenz, die für die Motoren der damaligen Bandmaschinen kritisch war. Hier kam es häufig zu einem Abfall unter 48 Hertz, der Musikaufnahmen unmöglich machte.

Im Sendesaal hatte sich mit der ursprünglichen, aus geschlitzten Sperrholzplatten mit Glaswollefüllung bestehenden Wandverkleidung eine zu kurze Nachhallzeit eingestellt. Die Kostenschätzung für den erforderlichen Umbau ergab 30.000 Mark. Bewilligt wurden trotzdem nur 10.000 Mark, was zu Eigenleistungen in größerem Umfang zwang.

1948 verlor Weimar den Status als Landeshauptstadt von Thüringen an Erfurt. Mit dem Umzug der Institutionen machten sich teils mehrere tägliche Fahrten von Weimar nach Erfurt erforderlich. Das mündete in die Entscheidung, ein Studio in der neuen Landeshauptstadt einzurichten.

Dafür erhielt der Rundfunk ausgebrannte Räume im Palast-Theater, an deren Herrichtung sich die Stadt Erfurt mit 15.000 Mark beteiligte. Die Regie wurde zunächst mit den alten Geräten des Stützpunkts im Weimarer Hotel Elephant eingerichtet.

Die Auflösung der Länder führte 1952 auch zur Auflösung der Landessender. Der Rundfunkbetrieb wurde in Berlin zentralisiert.

Zwar verblieben im bisherigen Thüringen noch täglich 30 Minuten Regionalprogramm, ausgestrahlt über den Sender Erfurt. Dieser Rest wurde jedoch nur noch aus dem Erfurter Studio gesendet, wohin die inzwischen ebenfalls eingerichteten Studios in Gera und Suhl ihre Beiträge überspielten. Der Rundfunkbetrieb in Weimar entfiel zunächst ganz.

Wohin das hätte führen können, zeigt eine Fehlentscheidung in Dresden. Dort wurde ein Teil der vom Rundfunk genutzten Räume im Hygienemuseum aufgegeben. Schon wenige Jahre später konnte man das nur noch bereuen: Alle Versuche, die voreilig gekündigten Räume wieder anzumieten, scheiterten.

Das Funkhaus in Weimar blieb dem Rundfunk wohl nur deshalb erhalten, weil es nach der Auflösung der Landessender als Funkschule genutzt wurde. Schon im Sommer 1955 wurde diese Funkschule aufgelöst und am 11. September der Sendebetrieb aus dem Gebäude wieder aufgenommen.

Parallel konnte in Erfurt das Lichtspielwesen einen großen Teil der bisherigen Räumlichkeiten des Rundfunks übernehmen. Nachdem die weitere Besetzung des dortigen Studios mit Korrespondenten am Personalmangel scheiterte, wurde es schließlich ganz aufgegeben.

Zugleich trat das DEFA-Studio für Synchronisation mit der dringenden Bitte an den Rundfunk heran, bei der Erschließung neuer Standorte zu helfen. Der DEFA empfohlen, von dieser für geeignet befunden und somit von 1958 bis 1985 für Synchronarbeiten genutzt wurde der kleine Saal 3 des Weimarer Funkhauses.

Rundfunkstudio Erfurt, 1949-1956
Der Aufnahmeraum des von 1949 bis 1956 in Erfurt betriebenen Rundfunkstudios war auch für Musikproduktionen ausgelegt. | © Studiotechnik Rundfunk

Nach seinem Neustart lief das Programm aus Weimar zunächst über den Sender in Erfurt, der den ursprünglichen Kleinsender Weimar-Belvedere abgelöst hatte. Das änderte sich mit einer zentralen Entscheidung, die Regionalprogramme nicht mehr auf Mittelwelle, sondern über die UKW-Sender des neuen Radio DDR 2 auszustrahlen.

Diese Entscheidung ist durchaus nachvollziehbar, da manche der abzulösenden Mittelwellenarrangements geradezu grotesk waren: Weil der Sender Erfurt den Raum Gera kaum noch erreichte, kamen die Regionalsendungen aus dem Geraer Studio zeitweise über den Dresdner Haussender Wilsdruff.

Zu lösen war nun noch die Aufgabe, das Programm aus dem Funkhaus Weimar zum UKW-Sender auf dem Inselsberg zu bringen. Für das erste Stück konnte die vorhandene Übertragungsleitung nach Suhl genutzt werden. Beim Verstärkeramt Oberhof wurde dann eigens eine Richtfunkverbindung zum Inselsberg aufgebaut.

Damit konnte am 21. Mai 1962 die erste Sendung aus Weimar über UKW 92,55 MHz laufen. Zunächst trübten jedoch starke Verzerrungen die Freude. Die Post leugnete den Mangel, obwohl der Rundfunk auch Beschwerden von Hörern vorweisen konnte.

Zur „Klärung des Sachverhalts“ sollten deshalb Geräte für einschlägige Messungen auf den Inselsberg gebracht werden. Dabei blieb das Auto im Schnee stecken. Die letzten zwei Kilometer trugen die Tontechniker aus Weimar ihre schweren Ausrüstungen selbst nach oben.

Dort konnten sie sowohl den Klirrfaktor von 10 bis 13 Prozent nachweisen als auch, wo er entstand: Auf eben jener Richtfunkverbindung vom Verstärkeramt Oberhof. Die Post kam nicht mehr umhin, den hier bestehenden Mangel einzukreisen und abzustellen.

Das Ende der Regionalsendungen auf Mittelwelle mündete schließlich auch in das Ende des Mittelwellenstandorts an der Nordhäuser Straße in Erfurt. Das 20 kW starke Sendegerät wurde nach Wachenbrunn umgesetzt, wo es (zuletzt auf 882 kHz) bis 1998 im Einsatz blieb.

Wartburg
Die Wartburg bei Eisenach | © Kai Ludwig

Zu einem weiteren Ausbau der technischen Einrichtungen führten die Wartburgkonzerte des damaligen Deutschlandsenders.

In den Anfangsjahren wurden hier noch kleine Übertragungswagen eingesetzt, die bis an die Zugbrücke der Wartburg heranfuhren. Gestiegene Anforderungen (statt drei mindestens fünf Mikrofone) zogen den Einsatz eines großen Wagens nach sich, der nur noch bis auf den Hof des Wartburghotels gelangen konnte.

Die so erzwungene Arbeitsweise mit mehr als 200 Meter langen Kabeln, auch für die Mikrofone und deren Speisegeräte, war mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Das führte zu der Entscheidung, auf der Wartburg feste Übertragungsanlagen einzubauen. Dieses Vorhaben konnte Ende 1966 abgeschlossen werden.
 

Im Jahre 2000 verließ der Mitteldeutsche Rundfunk das Funkhaus in Weimar. Der Hauptstandort des Rundfunks in Thüringen befindet sich seitdem nun tatsächlich in Erfurt.

Zur aktuellen Situation war im Frühjahr von einer Weimarer Fremdenführerin das zu erfahren, was auch in dieser Rezension zu lesen ist: Das Gebäude hat heute russische Besitzer und steht leer. Aus ambitionierten Plänen für eine Nutzung im ursprünglichen Sinne ist nichts geworden.
 

Zur Abrundung noch einige Fernsehbilder aus dem Jahre 1992:

Claudia Look-Hirnschal
Moderatorin Claudia Look-Hirnschal (1962-2018) | © MDR
Funkhaus Weimar, 1992
Solche Sammlungen von Aufklebern ausländischer Sender waren in der Nachwendezeit auch in anderen Funkhäusern bis hin nach Moskau anzutreffen. | © MDR
Funkhaus Weimar, 1992
Ein weiterer Blick auf die Aufklebersammlung und die Regieanlage mit Pegelmessern und Stereosichtgerät | © MDR
Funkhaus Weimar, 1992
Die charakteristischen Reglerbausteine der Regieanlage (System 700 des RFZ [Rundfunk- und Fernsehtechnisches Zentralamt Berlin-Adlershof]) | © MDR
Funkhaus Weimar, 1992
Noch ein Überblick zu den Nahaufnahmen | © MDR
Funkhaus Weimar, 1992
Hinter dem Regietisch: Die Bandmaschinen (RFZ R 722/1) | © MDR

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 12.12.2018