Österreich

Sender Moosbrunn im Winter 2020/2021

Fast zwei Jahrzehnte zurück liegt inzwischen die Einstellung von Radio Österreich International. Was damals niemand für möglich gehalten hätte: Dessen Kurzwellensender in Moosbrunn bei Wien sind für andere Kunden noch heute in Betrieb. Als Zeithorizont, bis zu dem das weiter möglich sein sollte, wird jetzt mit 2024 gerechnet.

Sender Moosbrunn
Drehstandantenne der Sendestation Moosbrunn im Nebel (Foto via Brigitte Rieser, Creative Commons)

Ganz verschwunden ist der Österreichische Rundfunk hier allerdings nicht. Aus rechtlichen Gründen ist es weiterhin erforderlich, eine Nutzung der Sendeanlage für die Repräsentation des Landes darzustellen.

Dafür wird bis heute die alte Stammfrequenz 6155 kHz täglich von 7.00 bis 8.20 Uhr ME(S)Z mit dem Programm von Österreich 1 eingeschaltet. Das geschieht ohne Bestellung durch den ORF, der auch schon viele Jahre keine eigenen Übertragungsleitungen nach Moosbrunn mehr geschaltet hat.

Den weiteren Erhalt der Kurzwellenstation ermöglicht allen voran die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Die Übertragungen von Adventist World Radio aus Moosbrunn begannen 2001 nach ersten Einschränkungen der Eigenprogramme von Radio Österreich International.

2015 übernahm die Österreichische Rundfunksender GmbH für die Adventisten auch die Programmverbreitung über Astra 19,2° Ost. Nachdem die – bis 2007 ebenfalls aus Moosbrunn abgestrahlten – linearen Hörfunksendungen in deutscher Sprache 2018 entfallen sind, läuft auf 11,244 GHz h jetzt noch der Fernsehkanal Hope TV.

Die weiterhin aus Moosbrunn abgestrahlten Sendungen von Adventist World Radio sind nicht mehr für Europa, sondern durchweg für Afrika und Asien bestimmt:

03.00-04.00 Uhr: 5980 kHz; Urdu/Panjabi
04.30-05.00 Uhr: 6120 kHz; Farsi
05.00-05.30 Uhr: 6185 kHz; Türkisch
06.00-06.30 Uhr: 9630 kHz; Haussa
07.00-08.30 Uhr: 11880 kHz; Arabisch/Französ.
09.00-09.30 Uhr: 15145 kHz; Französisch
15.00-15.30 Uhr: 12025 kHz; Urdu
16.00-17.00 Uhr: 11955 kHz; Türkisch/Panjabi
17.00-17.30 Uhr: 12015 kHz; Urdu
17.30-18.00 Uhr: 9770 kHz; Farsi
18.00-18.30 Uhr: 11800 kHz; Suaheli
18.30-20.00 Uhr: 11955 kHz; Masai/Arabisch
20.00-20.30 Uhr: 7275 kHz; Haussa
20.30-21.00 Uhr: 9780 kHz; Französisch
21.00-22.00 Uhr: 7270 kHz; Dyula/Französisch

Zweitgrößter Kunde in Moosbrunn ist heute die BBC, auch wenn sie die Nutzung der Anlage für Sendungen nach Afrika inzwischen eingestellt hat. Verblieben ist jetzt noch eine Übertragung des Afghanistan-Programms von 1.30 bis 3.00 Uhr auf 5930 kHz.

Täglich eine halbe Stunde sendet NHK World aus Moosbrunn, und zwar in englischer Sprache und tatsächlich für Europa. Im Winter geschieht das der Einfachheit halber auf der alten ORF-Europafrequenz 6155 kHz; an Arbeitstagen um 5.30 Uhr, am Wochenende um 6.00 Uhr.

Hinzu kommen noch einige wöchentliche bis monatliche Sendungen. Drei davon hat die Media Broadcast für ihre Kunden in Auftrag gegeben, um Auslastungsspitzen ihrer letzten eigenen Kurzwellenstation bei Nauen abzufangen.

Jeweils am Sonnabend läuft von 16.30 bis 17.30 Uhr auf 13740 kHz eine HCJB-Sendung für Tschetschenien. Veranstaltet wird sie von der Zentrale der heute als Reach Beyond firmierenden Missionsgesellschaft in den USA.

Jeweils am ersten Sonntag im Monat kommen zwei Musiksendungen für Radiofans: Von 10.00 bis 11.00 Uhr auf 6140 kHz Studio 52 aus den Niederlanden und von 12.00 bis 13.00 Uhr auf 7330 kHz Radio Joystick aus Deutschland.

In eigener Zuständigkeit verbreitet die ORS unter der rundfunkrechtlichen Verantwortung des ORF schließlich eine wöchentliche Sendung des deutschen Amateurfunkverbands DARC: Sonntags von 11.00 bis 12.00 Uhr auf 6070 kHz.

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 02.11.2020

 

Radio Österreich International
2002: Letzte Ausgabe der Mediensendung „Intermedia“ mit Marianne Veit und Wolf Harranth, der vor Jahrzehnten leichtsinnig versprochen hatte, er werde in Frack und Zylinder aufhören


Wolf Harranth, 30. Juni 2003:

Adieu – der letzte Tag bei Radio Österreich International

08:30 – Noch etwas müde (wir sind gestern erst am späten Abend von der Ham Radio in Friedrichshafen zurückgekommen) im Funkhaus eingetroffen.

10:30 – Nach zwei Stunden sind der Kastenwagen und der Kombi entladen. Auf dem Flur stapeln sich die Schachteln und Boxen. Wir haben schätzungsweise 200.000 Karten aus knapp 60 Konvoluten übernommen. Heute ist der heißeste Tag des Jahres. Das Thermometer zeigt 36 Grad im Schatten an.

Alle sind am Packen. Der letzte Büroraum muss noch diese Woche besenrein übergeben werden. Das Problem: Einige haben an ihrem neuen Arbeitsplatz noch keine Bleibe.

Marianne Veit, zum Beispiel, unsere Produzentin. Sie räumt die Schränke leer. Da steigen mit jedem Ordner, mit jeder Mappe, mit jedem Bild Erinnerungen auf. Aufheben? Aber wo? Wegwerfen? Unmöglich.

Die letzte Gelegenheit, aus dem System Dateien zu speichern. „Hotline“ schaffen wir komplett, Aufatmen: Alle Sendungen auf CD konserviert. Bei „Intermedia“ schaffen wir nur das Jahr 2002. Daumen halten, dass der Server nicht schon morgen abgewürgt sein wird.

Zwischendurch kommen die letzten verbliebenen Mitarbeiter(innen) und fragen: Wie war's? Wir erzählen vom Hörertreffen, von den schmerzlichen Abschieden am Stand. Robert Theiler berichtet, dass pro Tag 200 Mails empörter Hörer eintreffen, die nun ihren Seewetterbericht nicht mehr bekommen.

Wir lesen Mails. Ein Hörer: Als wir begonnen hatten, war er gerade drei Jahre alt. Ein anderer: Als junger Mensch 1960 zu uns gestoßen, wir sind „ein Teil seines Tages und Lebens“ geworden. Ein österreichischer Missionar aus Brasilien, für den wir der einzige Kontakt zur Heimat waren ...

Die APA hat eine Adieu-Meldung gebracht, zwei Tageszeitungen übernehmen sie: Wir sind kein Thema mehr.

12:00 – Mittagspause. Johannes Stuhlpfarrer hat nur wenig Zeit. Er muss noch die aktuellen Nachrichten ins Netz stellen. Unsere Website ist bereits gewaltig abgemagert, aber wir haben uns vorgenommen, bis zum bitteren Ende ordentliche Arbeit zu liefern. Johannes ist ab morgen arbeitslos – einer der „freien“ Mitarbeiter, die auf der Strecke bleiben.

Gerhard Hoyer (der für unseren Internetauftritt sorgt) wurde überraschend aufgefordert, ein Projekt zu beginnen, das mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Aber: in fünf Stunden fährt er zum letzten Mal den Rechner herunter; auch er ist ab morgen arbeitslos.

Sabrina Adlbrecht, hören wir, hat doch noch eine Aufgabe im ORF erhalten. Auch sie war eines der Opfer. Jetzt darf sie als Karenzaushilfe noch ein paar Monate bleiben ...

12:45 – Zurück in die Redaktion, den Maurern und Malern ausweichend: Schon werden unsere Studios und Redaktionsräume für die künftige Verwendung adaptiert.

17:00 – Ich stehe da, den Karton mit den QSLs von OE1M in den Händen. Die Hörerbetreuung macht dicht, übergibt die „Erbmassse“. Wohin damit? Die Aufkleber für die Abschieds-Bestätigung sind noch nicht eingetroffen.

Ich kann die Schachtel quer über den Flur in die Räume der QSL COLLECTION bringen. Aber ab morgen ist ROI für die Poststelle nicht mehr existent. Na ja, zum Glück gibt's ja Postämter. Und für die vielen treuen Hörer, die aufs Rückporto „vergessen“ haben oder die deutsche Briefmarken beilgelegt haben, werden wir eben aus unserem Taschengeld das Porto beisteuern.

18:30 – Christiane Eichberger, die das Sekretriat betreut, geht stumm, nur mit einem Kopfnicken, an uns vorbei. Ein einziges Wort würde sie aus der mühsam gewahrten Balance bringen.

Kollegin Tosegi packt den Wasserkocher ein. Den haben wir immer gemeinsam benutzt, daher blieb er uns auch nach Einstellung der Esperanto-Sendungen erhalten.

Gerhard Hoyer bedankt sich bei mir für die gute Zusammenarbeit; er habe eine Menge gelernt. Er, der so viele unbezahlte und unbedankte Stunden in unseren Intermedia- und Hotline-Auftritt investiert hat, bedankt sich bei mir! Der Kerl spinnt. Ich schulde ihm Dank.

Da kommen wir eben darauf zu sprechen, wie wir all die Zeit miteinander umgegangen sind: Wie selbstverständlich wir uns die Arbeit geteilt haben, all die Jahre ohne ein einziges lautes Wort! Jetzt hängt Marianne die letzten Bilder ab; da druckst es auch sie.

Kein Brief, kein E-Mail von der Generaldirektion, von der Hörfunkdirektion. Unser Chefredakteur auf Dienstreise in seiner neuen Funktion. Niemand da, der Adieu sagt.

Wir lassen nicht die Gläser kreisen, denn wir wollen uns am Wochenende noch einmal treffen, alle, die dazu gehört haben, privat natürlich.

Es ist ein Abend, wie jeder anderer: Der letzte dreht das Licht aus und sperrt zu. Und in ein paar Stunden wird die Automatik (hoffentlich) Ö1 zuschalten, wenn bisher eines unserer Programme kam. Abschiedsworte oder irgendwas dergleichen sind nicht geplant.

Ich habe in Friedrichshafen Baldur Drobnica DJ6SI interviewt. Das war meine letzte Aktion für ROI. Ich speichere zum letzten Mal eine Datei ab, fahre zum letzten Mal die Software runter.

Im Unterschied zu den anderen werde ich, der Pensionist, morgen wieder ins Funkhaus kommen, nun aber definitiv auf die andere Seite des Flures, dorthin, wo die QSL COLLECTION residiert. Ich weiss noch nicht, wie die Infrastruktur funktionieren wird (von der Eintragung im Telefonbuch bis zum Leeren der Papierkörbe...), aber das wird sich weisen.

Jedenfalls ist dies, wenngleich nur ein halber Abschied, doch einer. Ich rechne ein bisschen nach: Februar 1946 bis Juni 2003, das macht knapp 57 Jahre. Davon fast 33, mehr als mein halbes Leben, beim Auslandsdienst.

Und jetzt steh ich halt so da und hab den Schlüssel in der Hand und mach den Laden dicht. Denn ich bin der Letzte. Und der Letzte macht das Licht aus.

Danke, Euch allen, von uns allen.