Niederlande

Kurzwellenantennen Flevoland abgerissen

Die Antennen der Kurzwellenanlage von Radio Nederland Wereldomroep auf dem Polder Flevoland wurden im ersten Quartal 2018 abgerissen. Wie es dazu hieß, seien sie für die künftige militärische Nutzung des Objekts nicht geeignet und ein Ersatz durch neue Antennen an kleineren Masten unvermeidbar.

Kurzwellensender Flevoland
Einige der jetzt verschwundenen Kurzwellenantennen bei Zeewolde | © Jan Joris Vereijken, CC-BY-2.0

Zu diesem Projekt gibt es inzwischen kurze Veröffentlichungen des staatlichen Immobilienbetriebs und seines Auftragnehmers, der Abbruchfirma RGS.

Der Immobilienbetrieb ließ zu diesem Thema auch ein Video produzieren, das einen unpassenden Mitschnitt enthält: Die dort angesagte Mittelwelle 1386 kHz hatte nichts mit den niederländischen Sendeanlagen zu tun hat, sondern kam aus dem Kaliningrader Radiozentrum 5 bei der Ortschaft Bolschakowo (Groß Skaisgirren).

Stand vom 23.06.2018


 

Die Kurzwellenanlage bei Zeewolde, auf dem 1968 trockengelegten und ab 1979 besiedelten südlichen Flevopolder, war 1985 in Betrieb gegangen. Sie hatte die alte Kurzwellentechnik des niederländischen „Weltrundfunks“ auf der Sendestation Lopik bei IJsselstein abgelöst.

Dafür entstanden ein kleiner Park an Vorhangantennen sowie zwei Rundstrahler. Die abzustrahlenden Signale erzeugten vier Sender mit einer Leistung von jeweils 500 kW, ergänzt um einen zusätzlichen Reservesender.

Betrieben wurde die Anlage von KPN Broadcast bzw. dessen Vorgänger Nozema. Grundlage dafür war stets ein pauschaler Vertrag mit Radio Nederland Wereldomroep als exklusivem Nutzer.

Übertragungen von Programmen anderer Veranstalter beschränkten sich deshalb auf Partner von RNW. Abgesehen von einem Pilotprojekt mit digitalen Ausstrahlungen gab es einzelne Sendungen von Radio Canada International und von Kunden der Media Broadcast (Adventist World Radio, Bible Voice).

Kurzwellensender Flevoland
Saal der Kurzwellenstation Zeewolde; links zwei der vier Betriebssender, im Vordergrund ein Modell der Antennenanlage | © Jan Joris Vereijken, CC-BY-2.0

Der Niedergang der Sendestation begann 2003, als RNW 40 Prozent seiner Ausstrahlungen auf Kurzwelle strich. Das sparte zwar die Elektroenergie für die entfallenen Betriebsstunden, nicht aber die festen Kosten für die Anlagen. Somit wurde die einzelne Frequenzstunde entsprechend teurer.

Das mündete schließlich in die Entscheidung, den unwirtschaftlich gewordenen Standort aufzugeben. Die letzten Ausstrahlungen aus Zeewolde liefen am 27. Oktober 2007.

Weitere Einschränkungen der Sendungen von RNW waren damit nicht verbunden. Die betreffenden Frequenzen übernahmen fortan die Media Broadcast sowie die französischen und russischen Sendernetzbetreiber, TDF und RTRS.

Kurzwellensender Flevoland
Skizze der jetzt eliminierten Kurzwellenantennen bei Zeewolde | © Jan Joris Vereijken, CC-BY-2.0

Einige Monate nach der Abschaltung wurde die Gerätetechnik demontiert, jedoch nicht verschrottet, sondern von der Media Broadcast übernommen. In den letzten Betriebsjahren war die Media Broadcast bereits mit der Wartung der Sender beauftragt.

Der Reservesender ging nach Nauen, wo bereits ein Sender gleicher Bauart aus Jülich in Betrieb war. Die übrigen Ausrüstungen erhielt das Sendezentrum Wertachtal bei Buchloe, das wiederum mit identischer Technik ausgestattet war. Neben einer Aufstockung des Ersatzteilfundus wurden zwei der Sender aus Zeewolde dort wieder in Betrieb genommen.

Die Antennen und das Betriebsgebäude bei Zeewolde blieben danach über Jahre verwaist. 2013 erwarb schließlich das niederländische Verteidigungsministerium das Objekt.

Kurzwellensender Flevoland
Eher unscheinbar: Einer der beiden Rundstrahler (Quadrantantennen), mit denen in Zeewolde speziell die Frequenz 5955 kHz abgestrahlt wurde | © Jan Joris Vereijken, CC-BY-2.0

RNW seinerseits sah sich zum Beginn dieses Jahrzehnts zunehmend unter Druck. Die Zukunft sichern sollte eine neue Strategie, sich auf ein ausländisches Publikum zu konzentrieren und so das Image als „Urlauber- und Truckersender“ loszuwerden.

Zu kritischen Diskussionen führten Blicke hinter die betont progressive Fassade, mit der sich RNW schmückte. So schrieb die Zeitung „Telegraaf“ von „Weltverbesserern“, die selbst in ihrer „Schlangengrube“ eine „Schreckensherrschaft“ etabliert hätten.

Schließlich entschied die niederländische Regierung mit Zustimmung des Parlaments, das Budget von RNW um 70 Prozent zu kürzen. Konsequenz war die Einstellung aller terrestrischen Hörfunksendungen.

Dabei fiel der – heute als Berater tätige – Chefredakteur Rik Rensen noch mit einer recht überflüssigen Hampelei auf: Die große, am 10./11. Mai 2012 ausgestrahlte Abschiedssendung der niederländischen Redaktion durfte zunächst nicht als solche angekündigt werden.

Studio von Radio Nederland Wereldomroep
10. Mai 2012: Letztes Zeitfunkmagazin von Radio Nederland Wereldomroep | © Nieuwsline-Redaktion

Wenige Wochen später wurden auch die Sendungen in englischer und indonesischer Sprache eingestellt. Als letzter Rest des Hörfunkangebots verblieb zunächst noch eine Sendung in spanischer Sprache, die 2014 schließlich ebenfalls entfiel.

Über den Chefredakteur hinaus verabschiedete sich mit dem Kahlschlag von 2012 auch der (heute zwischen den anderen Personen gleichen Namens nicht mehr auffindbare) Intendant, Jan Hoek. Für Empörung sorgte die – angeblich von ihm „nicht ausgeschöpfte“ – Abfindung von mehr als einer Million Euro, die sich Hoek bei der Übernahme des Amtes hatte zusichern lassen.

Radio Netherlands, 29 June 2012: Goodbye ...and thanks!
Grußkarte zur letzten englischen Sendung von RNW

Der Wegfall aller Sendungen von RNW gehörte zu den Entwicklungen, durch die auch das Kurzwellenzentrum Wertachtal nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden konnte. Es wurde daher 2013 ebenfalls stillgelegt und bereits im Folgejahr abgerissen.

Bei RNW wiederum hatte die englische Redaktion noch in ihrer Abschiedssendung die dauerhafte Archivierung des von ihr produzierten Materials versprochen. Doch schon vier Wochen später war ein großer Teil davon depubliziert.

Grund war eine Strategie der neu eingesetzten Leitung, eine klare Zäsur gegen das „alte“ RNW zu setzen. Alle Aufmerksamkeit sollte den neugestalteten Internetangeboten gelten, die sich an ein junges Publikum in Afrika, Nahost und China richten.

Den „Impact“, den das Rest-RNW mit diesem Konzept erreicht, schätzen Beobachter skeptisch ein: Sollten die Geldgeber einmal genauer hinschauen, was sie hier noch bekommen, dann könnte das ganz schnell in eine völlige Schließung münden.

Wereldomroep
Ehemaliges Funkhaus von RNW in Hilversum (Foto von 2008: Nazawri, Creative Commons)

Für den kleinen Mitarbeiterstab, der jetzt noch verblieben ist, reicht ein Nebengebäude, das einst der eigenen Journalistenschule von RNW vorbehalten war. Aus dem eigentlichen Funkhaus zog das Rest-RNW im Frühjahr 2013 aus.

Anschließend wurde das Gebäude entkernt, um den hier eingesetzten Asbest vollständig zu entfernen. Seit 2014 nutzt nun die Rundfunkgesellschaft AVROTROS das Haus.

Präsentation bei der Kurzwellenstation Flevoland
Rundfunktechnik, für Besucher leichtverständlich erklärt | © Jan Joris Vereijken, CC-BY-2.0

Nach der Einstellung der Hörfunksendungen sollen die Archivbestände von RNW zumindest teilweise dem niederländischen Rundfunkarchiv (Beeld en Geluid) angeboten worden sein.

Was daraus wurde, ist nicht bekannt. Berichtet wird über eine eher chaotisch wirkende Abwicklung, bei der die Bänder der Sendung „Media Network“ von deren Gestalter persönlich sichergestellt wurden.

Ebenfalls nicht bekannt ist, was aus dem depublizierten Onlinematerial wurde. Im Zuge von Systemumstellungen könnte hier inzwischen eine fünfstellige Anzahl an Beiträgen umstandslos gelöscht worden sein.

Modell des Mittelwellensenders Flevoland
Dieses Exponat im Sendersaal der Kurzwellenstation Zeewolde wurde beim Ausbau der Technik demoliert: Ein Modell des benachbarten Mittelwellensenders | © Jan Joris Vereijken, CC-BY-2.0

1980 hatte die damalige Nozema auf dem Flevopolder auch eine neue Mittelwellenanlage in Betrieb genommen. Sie sollte eigentlich 2016 stillgelegt und abgerissen werden. Durch den Widerstand des letzten verbliebenen Programmveranstalters gibt es hier nun noch eine Galgenfrist, bestenfalls bis zum Ende des Jahres 2018.

 

Autor: Kai Ludwig