Korrektur

1992-1995: Radio Aum Shinrikyo

Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels stützte sich auf das wohl einzige deutschsprachige Literaturwerk über religiöse Rundfunksendungen. Das Buch ging 1994 in den Druck und enthält deshalb ein wesentliches Detail nicht mehr: Nach ihrer vermeintlichen Einstellung im März 1994 wurden die Sendungen der Aum Shinrikyo noch einmal aufgenommen.

Radio Aum Shinrikyo
Shoko Asahara auf einer Werbekarte für die Rundfunksendungen | © Aum Shinrikyo

Die Sendungen starteten im April 1992, als Radio Moskau gerade damit begonnen hatte, Sendezeit gegen Geld zu vermieten. Den Auftakt gab ein zunächst einstündiges, später auf drei Stunden ausgebautes Programm in Japanisch, abgestrahlt über einzelne Kurzwellen und vor allem über Großmittelwellen auf Sachalin, zuletzt dann im Raum Wladiwostok.

Im Juni 1992 folgten Sendungen in englischer Sprache. Sie liefen für jeweils eine halbe Stunde am Morgen und noch einmal am Abend. Dafür wurde das englische „Weltprogramm“ von Radio Moskau entweder ganz unterbrochen oder zu diesen Sendezeiten nur noch auf einigen wenigen Kurzwellen ausgestrahlt.

Für die Aum Shinrikyo bedeutete das einen äußerst großzügigen Frequenzeinsatz: Am Morgen rund 50, am Abend rund 30 Kurzwellen (Angaben von „mehr als 80“ waren wohl doch etwas übertrieben). Dazu kamen morgens noch Großmittelwellen im Fernen Osten, in Sibirien und auch im Gebiet Kaliningrad.

Ab September 1992 gab es schließlich auch noch Sendungen in russischer Sprache. Im Endausbau belegte die Aum Shinrikyo für eine Stunde am Abend die gesamte Kette des populären Radio Majak. Diese Unterbrechung des Eigenprogramms ließ sich die russische Seite gut bezahlen; die Rede war von 800.000 US-Dollar pro Jahr.

Die englischen und russischen Sendungen wurden stets als Tonträger nach Moskau geschickt. Zumindest im Falle von Russisch waren das zuletzt DAT-Kassetten; jenes fast schon vergessene System, das inzwischen für oft nicht mehr abspielbare Bänder berüchtigt ist.

Das dreistündige Programm in Japanisch kam ab Dezember 1994 hingegen direkt über eine Satellitenstrecke aus Japan. Unklar bleibt, ob sich das Sendestudio tatsächlich am angegebenen Sitz in der Streusiedlung Hitoana, 10 km westlich des Fuji, befand oder nicht doch unter einer anderen Adresse in Tokio, 7 Chome Minamiaoyama.

Die englischen Sendungen nannten auch eine Kontaktadresse in Bonn-Endenich. Dabei sieht das heute unter der betreffenden Hausnummer (an der Kreuzung Auf dem Hügel / Am Propsthof) stehende Gebäude so aus, als wäre es in der Zwischenzeit stark umgebaut oder sogar völlig neu errichtet worden.

Im März 1994 verschwanden die Sendungen zunächst, wurden nach kurzer Zeit jedoch wieder aufgenommen und bis zu den Anschlägen vom 20. März 1995 fortgesetzt. Als sich die Spur zur Aum Shinrikyo offenbarte, brach die russische Seite sofort alle weiteren Ausstrahlungen ab.

Die letzten Sendungen liefen somit am 22. März bzw. in Englisch wohl am Morgen des 23. März 1995. Hier soll Shoko Asahara noch einerseits das Vorgehen der japanischen Behörden und die „Vorverurteilung“ durch die Medien beklagt, andererseits seine Anhänger dazu aufgerufen haben, ohne Bedauern in den Tod zu gehen.

Am 6. Juli 2018 wurden Asahara und sechs seiner Anhänger im Gefängnis von Tokio hingerichtet.

Wachenbrunn 1323 kHz
Die inzwischen abgerissene Antenne der Mittelwelle 1323 kHz in Wachenbrunn | © Kai Ludwig

Die Vermietung von Sendezeit an Dritte praktizierte Radio Moskau ab 1992 in größerem Stil für Produktionen in deutscher Sprache. Sie wurden in der Regel gleich in das deutsche Eigenprogramm eingebettet.

Über viele Jahre, teils bis 2013, liefen hier die Sendungen des Missionswerks Werner Heukelbach, der Medienmission Lurherische Stunde und des Missionswerks Freundesdienst. Das war ein teilweiser Ersatz für die von diesen Produzenten sonst genutzten, sehr teuren Sendeplätze bei Radio Luxemburg.

Schon vor geraumer Zeit wieder von den Moskauer Frequenzen verschwunden war hingegen Radio Santec (Das Wort / Die kosmische Welle). Auf diese Sendungen ging, gleich nach dem Titel, kurz auch der 1993 gesendete Dokumentarfilm Das Seelenkartell ein.

Die Sendungen von Radio Santec führten zu Verwicklungen mit der Thüringer Landesmedienanstalt. In deren Zuständigkeitsbereich fiel der Mittelwellensender in Wachenbrunn bei Themar, den der russische Auslandshörfunk bis 2012 nutzte. Bis zu einer Abschaltung des Senders, wie seinerzeit gemeldet, kam es hier allerdings nicht.

Vielmehr nahm Radio Moskau die beanstandeten Sendungen selbst von der Wachenbrunner Mittelwelle. Zunächst wurde dazu in den betreffenden Sendestunden zum englischen Programm umgeschaltet, bis eine gesonderte Version des deutschen Programms eingerichtet war, in der die Fremdproduktionen durch Wiederholungen eigener Sendungen ersetzt waren.

Einen Trend setzen konnte die TLM mit ihrem Vorgehen nicht. Später wurden erst eigene Hörfunksendungen aus Deutschland, dann auch Fernsehprogramme (heute Sophia TV mit LfM-Lizenz) medienrechtlich zugelassen.

In einem weiteren Fall trat der Autor dieses Berichts aus der Rolle als Beobachter heraus. Dadurch blieb es bei zwei Sendungen, die am 12. und 19. Oktober 1996 jeweils von 21.00 bis 22.00 Uhr über die – bis 1995 auch von der Aum Shinrikyo bespielte – Mittelwelle Bolschakowo (Groß Skaisgirren) 1386 kHz liefen.

Es geht hier um Ernst Zündel, der über diesen Weg Sendungen in deutscher Sprache unter dem Titel „Stimme der Freiheit“ präsentieren wollte.

Hervorzuheben ist, von wo nach der ersten dieser Sendungen der Stein ins Rollen gebracht wurde: Aus einem inzwischen abgerissenen Wohnblock in Hoyerswerda. Davon zeugt die hier archivierte Seite mit Ausrissen aus Korrespondenz, die in dieser Form eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war.

Begünstigend war sicher das sehr interessante Gespräch mit dem damaligen Redaktionsleiter und dessen späterer Nachfolgerin, für das zuvor am Rande der IFA Gelegenheit war. Dort ging es um andere Themen als bei zwei hinzukommenden Mitarbeitern der Deutschen Welle, denen nichts weiter als „Ihre Sender brummen ganz schön“ einzufallen schien.

Somit war in Moskau bekannt, wem eine wohl sehr alarmiert wirkende Nachricht zuzuordnen war, die aus Deutschland eintraf. Entsprechend wurde der Sache nachgegangen und erstmals eines der Zündel-Bänder von den sprach- und sachkundigen Journalisten abgehört. Ergebnis war auch hier der sofortige Abbruch der Sendungen.

Beantwortet wurde der Hinweis mit ausdrücklichem Dank, verbunden mit der Versicherung, auch für gutes Geld werde man solche Bestrebungen auf keinen Fall unterstützen.

Zündel selbst erging sich dazu später, interessanterweise diesmal nicht in deutscher Sprache, in einer Beschimpfung der „Kommunisten“ in Moskau. Er betonte, wie emotional bedeutsam für ihn der Senderstandort im früheren Ostpreußen sei, und fuhr fort:

„That such a broadcast would be of short duration was, of course, no secret to me – but the attempt had to be made. If nothing else, it would get us publicity in Germany. Which happened. Just as we predicted. For which we did not have to pay. (!) This move was crucial for strategic reasons also – to demonstrate yet one more time to friend and foe alike: ‚We mean it!‘ It is now history, of course.“

Da es auch eine kurze Notiz im „Spiegel“ gab, bleibt offen, ob der seinerzeit im weltläufigen Toronto (wo, siehe den oben eingefügten Link, auch sein Tod noch Nachrichtenwert hatte) lebende Zündel mit dieser Einlassung tatsächlich die „abgehängten“ Rundfunkfreunde aus der ostdeutschen Provinz geadelt hatte.

 

Autor: Kai Ludwig, mit Informationen von Dr. Hansjörg Biener;
zuletzt aktualisiert am 14.07.2018.

Das hier erwähnte Buch: Christliche Rundfunksender weltweit (Calwer theologische Monographien); ISBN 3-7668-3287-5.