USA

NPR in schwieriger Lage

In einer schwierigen Lage befindet sich das National Public Radio der USA. Einen der Aspekte würde man in der aktuellen Lage nicht unbedingt erwarten: Die Hörerzahlen sind gegenüber dem Vorjahr um rund ein Viertel eingebrochen.

Why does NPR still exist? – A very good question!
© Twitter

Die Hörerforschung von NPR verortet den Grund im Wegfall der Fahrten qualifizierter Berufstätiger ins Büro. Viele der Hörer, die das Programm im Pkw verfolgt hätten, würden das zu Hause nun nicht mehr tun.

Letztlich sei hier in extrem beschleunigter Form eingetreten, was man für den Verlauf des neuen Jahrzehnts ohnehin erwartet habe. Die kommerziellen Hörfunkveranstalter treffe diese Entwicklung gerade noch härter.

Dabei spielt allerdings auch die Gestaltung des Programms eine Rolle. NPR berichtet von der häufig gehörten Bemerkung, man würde öfters einschalten, wenn die Berichterstattung nicht so sehr auf das Coronavirus, die Proteste und die herannahende Präsidentschaftswahl eingeengt wäre.

Der Präsident von NPR, John Lansing, erwartet für 2020 einen Verlust von 23 Millionen Dollar an Sponsoring. Als Ziel nannte er, die bestehenden Arbeitsplätze durch Gehaltskürzungen, unbezahlte Freistellungen, die Aussetzung von Rentenversicherungsbeiträgen und den fast völligen Verzicht auf Neueinstellungen zu erhalten.

Von den Gewerkschaften erwartet Lansing, diese bis September geltenden Zugeständnisse weiter fortzuführen. Eine Arbeitsplatzgarantie will er ausdrücklich nicht abgeben und verweist auf ein für das Haushaltsjahr 2020/21 erwartetes Defizit von 30 bis 43  Millionen Dollar, das Entlassungen unausweichlich machen könne.

Bis zum Sommer 2019 hatte John Lansing dem Auslandsrundfunk der USA vorgestanden. Ein früheres Mitglied von dessen Rundfunkrat artikulierte nun den Vorwurf, Lansing trage die Verantwortung dafür, wie die Trumpisten gerade die Auslandssender unter ihre Kontrolle bringen konnten.

Dabei geht es um die völlige Entmachtung des Rundfunkrats (Broadcasting Board of Governors). Nach Ansicht des früheren Mitglieds, Matt Armstrong, hat Lansing die verhängnisvolle Neuregelung „mit Lügen, Zurückhalten von Informationen und unrichtiger Darstellung seiner Kompetenzen“ maßgeblich auf den Weg gebracht.

Stand vom 17.07.2020



3. Februar 2020:

Außenminister Mike Pompeo ist nach der Entgleisung eines Interviews mit NPR dazu übergegangen, das Rundfunkhaus zu boykottieren. Präsident Donald Trump schaltete sich mit einer kaum verhohlenen Drohung in die Debatte ein.

Die Kontroverse begann mit einem Interview, in dem Pompeo auch zum Thema Ukraine befragt wurde. Nach eigenen Angaben wurde die Korrespondentin anschließend dazu aufgefordert, Pompeo in seine privaten Räume zu begleiten, um dort von ihm bedroht und vulgär beleidigt zu werden.

Als offensichtliche weitere Reaktion ist NPR aus dem Pressekorps, das eine Reise von Pompeo nach Kiew begleitete, ausgeschlossen worden.

Ein bei Fox News und mit einer eigenen Hörfunksendung (deren Internetauftritt „aus Sicherheitsgründen“ gegen Zugriffe aus Deutschland gesperrt ist) aktiver Kommentator ließ sich dazu auf Twitter mit den Worten „Warum existiert NPR überhaupt noch?“ vernehmen. Diesen Eintrag leitete Trump weiter und fügte hinzu: „Eine sehr gute Frage!“

Das sind nicht nur leere Worte: Seit ihrem Antritt versucht die Regierung von Donald Trump, die in der Corporation for Public Broadcasting institutionalisierte staatliche Kofinanzierung des öffentlichen Rundfunks der USA abzuschaffen.

 

September 2019:

NPR fällt erneut damit auf, in welcher Art und Weise es mit seinen Mitwirkenden umgeht: Fünf teils langjährige Mitarbeiter wurden entlassen, nur um ihnen kurz danach andere Positionen anzubieten. Dieses Thema wird auf Twitter diskutiert.

Kritik gibt es auch an der künftigen Leitung von NPR durch den bisherigen Generaldirektor der U.S. Agency for Global Media, John Lansing. Dazu äußerte die Journalistin Laura Flanders, hier werfe jemand in seinem Glashaus einen großen Stein und erwarte auch noch von ihr, so zu tun, als würde sie das Geklirre nicht hören.

Die Journalistin bezieht sich darauf, wie Lansing von NPR als energischer Verteidiger eines unabhängigen, von Regierungseinflüssen freien Journalismus gewürdigt wurde. Dabei gehe es ihr nicht einmal um die Skandale der letzten Zeit, etwa bei Radio/TV Martí, sondern um die alltägliche Routine der USAGM.

Zwar sei Lansing „nicht der erste ältere blasse Mann, der die Leitung einer Organisation übernimmt und sagt, er wolle sie ins 21. Jahrhundert führen. Aber diese Heuchelei ist schwer zu ertragen.“

 

Dezember 2018:

Die Washington Post berichtet über die Bedingungen, zu denen NPR einen Teil seiner Mitwirkenden als sogenannte „Temps“ engagiert.

Sie seien „eine Armee, die in Angst und Unsicherheit lebt“, konfrontiert mit ständigen Wechseln in andere Bereiche mit unbekannten Kollegen und damit immer wieder anderen Zuständigkeiten, auch für Tätigkeiten ohne jede vorherige Ausbildung bzw. Erfahrung.

Die Verträge der „Temps“ laufen, so die Zeitung, mitunter ganze zwei Wochen. Dann seien sie gezwungen, einen Manager davon zu überzeugen, ihnen eine Verlängerung zu geben. Zwischen den „Temps“ herrsche harte Konkurrenz um die wenigen Festanstellungen, die NPR vergibt.

Dabei gehe es nicht nur um Handlangereien: Einige dieser „Temps“ würden den Moderatoren die Fragen aufschreiben, die sie den Interviewpartnern stellen. Mehrere Betroffene hätten das Vorgehen von NPR unabhängig voneinander als „Ausbeutung“ bezeichnet.

Lange Zeit habe der Unmut über diese Praxis unter der Oberfläche gegärt. An die Oberfläche gekocht sei er, nachdem sexistische Übergriffe durch den (inzwischen entlassenen) Leiter der Nachrichtenredaktion bekannt wurden, bei denen auch die massive Abhängigkeit der „Temps“ eine Rolle spielte.

„A Note From NPR Berlin 104,1 FM“
2017: Abschalthinweis im mittlerweile gelöschten Internetauftritt „NPR Berlin“ | © nprberlin.de

NPR war auch in Berlin aktiv, nachdem die Voice of America ihre bis 2006 praktizierte Zusammenarbeit mit Star FM nicht weiter fortsetzen wollte und Anspruch auf eine alleinige Nutzung der früheren AFN-Frequenz 87,9 MHz erhob.

Die so erzwungene Auswahlentscheidung fiel zugunsten von Star FM aus. Als Ersatz vorgesehen wurde die Kleinfrequenz 104,1 MHz, jedoch nicht als freihändige Vergabe an die VOA, sondern zur regulären Ausschreibung.

Dabei kam es zu einer Bewerbung von NPR, nachdem die VOA mit ihrem schon seinerzeit marginalisierten englischen Hörfunkangebot gerade auch unter US-Amerikanern in Berlin keinen Beifall fand. Mit dieser Bewerbung konnte sich NPR gegen die VOA durchsetzen.

Unterstützer der VOA sahen NPR seinerzeit als Vertreter der Küstenregionen, die nicht viel mit dem großen Rest der USA gemein hätten. Zu hören war allerdings auch von Versuchen, die Entscheidung auf unangemessenen Wegen zu beeinflussen, womit sich die VOA gleich selbst aus dem Rennen geworfen habe.

Ein Jahrzehnt später, zum Ende des Jahres 2017, stellte NPR seine klassischen Rundfunkaktivitäten außerhalb der USA ein. Damit entfiel auch der bis dahin betriebene Hotbird-Satellitenkanal.

Als Nachfolgelösung für die Bespielung der UKW-Frequenz in Berlin wurde ein Ableger von KCRW, der Hörfunkstation des College in Santa Monica bei Los Angeles, gegründet. Dessen Programm enthält erneut Sendungen von NPR, nun jedoch im Rahmen der Mitgliedschaft von KCRW.

 

Autor: Kai Ludwig