Niederlande

Mittelwellenmasten Zeewolde gesprengt

Fünfeinhalb Tage nach der Einstellung des Sendebetriebs wurden die beiden Antennenmasten des Mittelwellensenders Zeewolde am 9. Januar 2019 gesprengt. Damit sind nun alle leistungsfähigen AM-Sendeanlagen in den Niederlanden verschwunden.

Sender Zeewolde
MW-Sender Zeewolde (Foto: Jan Joris Vereijken, CC-BY-SA)

Zu Fall gebracht wurden die Masten mit der üblichen Methode, die Pardunen (Abspannseile) mit Sprengladungen zu durchtrennen. Wie Omroep Flevoland berichtet, gelang das erst beim vierten Versuch um 12.27 Uhr.
 

Zuletzt sendete über die Mittelwellenanlage Zeewolde noch das protestantische Missionsprogramm Grootnieuws Radio auf 1008 kHz. Es verabschiedete sich zweimal mit jenem Musiktitel, mit dem es 2007 gestartet war.

Erstmals geschah dies, bevor die Frequenz in der Neujahrsnacht um 1.00 Uhr vom laufenden Programm zu einer Hinweisschleife umgeschaltet wurde. Diese Schleife lief dann bis zum 3. Januar, wobei es am Nachmittag des letzten Tages zu einer längeren Unterbrechung kam.

Um 22.30 Uhr wurde die Ausspielung der Schleife beendet und noch einmal der Musiktitel der Band MercyMe übertragen (Mitschnitt). Danach blieb ab 22.33 Uhr nur noch das stumme Trägersignal zurück, bis der Sender schließlich um 23.57 Uhr abgeschaltet wurde.
 

Die Einstellung des Sendebetriebs ging vom Betreiber der Infrastruktur aus, der schon seit längerem den Mittelwellensender Zeewolde eliminieren wollte. Von einer Entscheidung, die Anlage zum 1. September 2017 stillzulegen, erfuhr Grootnieuws Radio erst durch Medienberichte.

Dieses einseitige Vorgehen betrachtete Grootnieuws Radio als inakzeptabel und reagierte mit der Einschaltung der Regulierungsbehörde ACM. Das mündete in eine Vereinbarung, die Sendestation auch noch das Jahr 2018 hindurch nutzen zu können.

Eine solche Initiative des Betreibers der Infrastruktur gab es auch in Deutschland: Die Frequenz 882 kHz aus Wachenbrunn bei Themar wurde schon vor dem generellen Ausstieg aus dem AM-Rundfunk am 4. Juli 2011 abgeschaltet, um zehn Tage später die Masten abzureißen und so das Gelände für einen Solarpark zu räumen.
 

Unmittelbar nach der Abschaltung des Senders Zeewolde war auf der Frequenz 1008 kHz zunächst die spanische SER zu hören. Da es sich hier nur um drei Sender mit zusammen 20 kW Leistung handelt, ist der Weg aber auch für andere Signale frei.

Hörbar gemacht werden konnte sogleich ein Sender, der sich schon als deutliches Schwebungspfeifen bemerkbar machte, als die Ausstrahlung aus Zeewolde noch lief: 1010 WINS aus New York, das zumindest beim ersten Versuch den Internet-Zaungast aus Europa wie einen feindseligen Angreifer abblitzen ließ.

1010 WINS sendet mit 50 kW, der höchsten Leistung, die für Mittelwellensender in den USA und Kanada (mit Ausnahme des Sonderfalls Radio Martí) zugelassen wird. Seit 1965, damit als seinerzeit dritte Hörfunkstation in den USA, produziert 1010 WINS ein reines Nachrichtenformat.
 

Zuletzt aktualisiert am 09.01.2019.


 

Zu den Hintergründen der Archivbericht von 2016:
 

Grootnieuws Radio ist ein protestantisches Missionsprogramm, das seit 2007 aus Zeewolde auf 1008 kHz sendet. Es hatte die Frequenz seinerzeit von Radio 10 übernommen, das sein Programm hier ab 2004 verbreitete, die Nutzung dieser Großmittelwelle aber nicht dauerhaft durch Werbeeinnahmen finanzieren konnte.

Auch die Übertragung von Grootnieuws Radio stand 2008 schon auf der Kippe. Über Tage hinweg wurde nur noch ein vom Spendenaufrufen durchsetztes Musikprogramm gesendet.
 

Geschichte des Senders Zeewolde

Der Mittelwellensender Zeewolde war von der damaligen Berliner Firma Telefunken Sendertechnik ausgestattet worden. Er übernahm 1980 den Betrieb der Frequenzen 747 und 1008 kHz, wobei die beiden Masten nicht als Einzelantennen, sondern als gemeinsames, komplexes Zweimast-Richtsystem eingerichtet sind.

Telefunken installierte jeweils 600 kW starke Sender einer damals gerade eingeführten, in den Leistungsstufen noch mit Röhrentechnik arbeitenden Typenreihe mit Pulsdauermodulation. Die originale Sendetechnik soll auf 1008 kHz mit stark reduzierter Leistung (über den genauen Wert gibt es nur Gerüchte) auch jetzt noch laufen.

[Nachtrag: Das dürfte sich mit einem Wechsel des technischen Dienstleisters geändert haben. Der neue Auftragnehmer setzte dann einen Transistorsender mit 100 kW ein.]

Ursprünglich lief auf 1008 kHz der Vorgänger des heutigen Radio 2. Ab 1983 wurden in das Programm typische Mittelwellen-Sondersendungen eingestreut und ab 1985 hier als eigenständiges fünftes Programm präsentiert.

2003 hatte der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Frequenz 1008 kHz zugunsten des kommerziellen Sektors (und damit ab 2004 zunächst Radio 10) zu räumen. Radio 5 wechselte, dies aus Marketinggründen bereits mit einem vorgezogenen Tausch im Jahre 2001, auf die ursprünglich von Radio 1 genutzte Frequenz 747 kHz.

Damit entfiel die Mittelwellenverbreitung von Radio 1. Sie lebte 2011 unerwartet noch einmal auf, als gleichzeitige Havarien an zwei UKW-Großanlagen zu größeren Versorgungslücken führten. Für drei Wochen wurde daher die Verbreitung von Radio 5 auf 747 kHz unterbrochen.

Anschließend nutzte der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Niederlande für sein Radio 1 im August und September 2011 noch den Mittelwellensender Orfordness bei Ipswich. Es handelte sich um die letzten Ausstrahlungen überhaupt, die dort auf der Frequenz 648 kHz liefen, die der BBC World Service fünf Monate zuvor aufgegeben hatte.

Zum 1. September 2015 endete schließlich auch die Ausstrahlung von Radio 5 auf 747 kHz. Seinerzeit nutzten noch 250.000 Hörer und damit ein Viertel des Gesamtpublikums dieses Programms die Mittelwelle als Empfangsweg.
 

Bereits eliminierter Vorgänger in IJsselstein

Vorgänger des Mittelwellensenders Zeewolde war ein Senderkomplex in IJsselstein bei Utrecht. Dort verblieb die Frequenz 675 kHz, die 2008 das katholische Radio Maria Nederland übernommen hatte.

In einer Entwicklung, die nun auch seinem protestantischen „Gegenstück“ bevorsteht, verlor Radio Maria Nederland ebenfalls zum 1. September 2015 seine Sendemöglichkeit aus IJsselstein. Nur vier Tage später wurde der Antennenmast gesprengt.

Sender IJsselstein
Senderkomplex IJsselstein, Zustand vor dem Beginn erster Rückbauten 2004 (Foto: Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed)

 

Autor: Kai Ludwig