Zum Tod von Trịnh Thị Ngọ

Die Stimme des Vietnamkriegs

Wie wenig der Vietnamkrieg bis heute bewältigt ist, zeigt die Rezeption der Sprecherin Trịnh Thị Ngọ, die durch die damaligen englischsprachigen Sendungen der Stimme Vietnams berühmt wurde.

Trịnh Thị Ngọ
Trịnh Thị Ngọ (Quelle: http://emdep.vn/giai-tri/vinh-biet-ba-trinh-thi-ngo-nu-phat-thanh-vien-tieng-anh-huyen-thoai-20161002100902372.htm)

Besonders anschaulich sind die Kommentare, die sich auf Youtube unter einem entsprechenden Mitschnitt finden. Schwer zu erkennen ist dabei, inwieweit die teils extrem rüden Pöbeleien von Traumatisierungen früherer Kriegsteilnehmer künden oder lediglich davon, wie die Kommunikation in sozialen Medien generell immer stärker vergiftet ist.

Auf andere Weise anschaulich ist der Artikel der deutschsprachigen Wikipedia über Trịnh Thị Ngọ. Er reproduziert unkritisch ein gängiges Narrativ aus der angloamerikanischen Welt, das die damaligen Sendungen als alleiniges Werk von Trịnh Thị Ngọ zeichnet, die 1965 quasi aus dem Nichts aufgetaucht sei.

Nach Angaben der Zeitung „Economist“ (eine nähere Auswertung vietnamesischer Quellen ist an dieser Stelle nicht zu leisten) begann Trịnh Thị Ngọ jedoch nach einem Studium der englischen Sprache bereits 1955 damit, bei der Stimme Vietnams englischsprachige Nachrichten zu lesen.

Diese Sendungen von fünf bis sechs Minuten wurden, so der „Economist“, mit dem massiven Kriegseintritt der USA auf 30 Minuten ausgebaut. Damit verbunden war das Konzept, die Angehörigen der US-Streitkräfte gezielt anzusprechen.

Etwas verklausuliert beschreibt der „Economist“, wie die Stimme von Trịnh Thị Ngọ die vielfach sehr jungen (wie von Paul Hardcastle mit seinem Musiktitel „19“ aufgegriffen) US-Soldaten sexuell erregte. Dies mündete in die große Bekanntheit der Sprecherin, die mit dem Spitznamen „Hanoi-Hannah“ belegt wurde.

Ihre Wirkung entfalten konnte diese Stimme allerdings nur mit den übermittelten, von einer ausreichend leistungsfähigen Redaktion erarbeiteten Inhalten. In einem Konzept, das auch die Nationale Volksarmee der DDR mit ihrem „Deutschen Soldatensender 935“ umsetzte, gehörten dazu Insiderinfomationen aus den US-Streitkräften.

Die Wirkung, die deren Ausmaß auf die US-Soldaten hatte, beschreibt der „Economist“ als „verstörend“. Manche der jungen Soldaten hätten geglaubt, „Hanoi-Hannah“ wisse selbst, ob und mit wem sie ihre Freundinnen zu Hause betrügen.

Abseits davon seien, so der „Economist“, die englischen Sendungen aus Hanoi allerdings auch gezielt als Informationsquelle genutzt worden. Teilweise galt die Stimme Vietnams selbst unter Angehörigen des US-Militärs als glaubwürdiger als die, so die Zeitung, „gesäuberten“ Sendungen des American Forces Network.

Schließlich sei es Trịnh Thị Ngọ vorbehalten geblieben, am 30. April 1975 in englischer Sprache die Einnahme von Saigon und Kapitulation Südvietnams zu melden.

Trịnh Thị Ngọ ist am 30. September 2016 im Alter von 87 Jahren in Ho-Chi-Minh-Stadt verstorben.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 24.10.2016