Kanada

Erinnerungen an die Sendestation Sackville

Befristet bis zum 1. Juni 2020 im Internet bereitgestellt wurde ein 2016 erschienener Dokumentarfilm über ein 2012 beendetes Kapitel der Rundfunkgeschichte: Die Kurzwellen-Sendestation bei Sackville in Neubraunschweig.

Radio Canada International, 1991
Letzte deutsche Sendung von Radio Canada International, 1991 (Quelle: CBC-Fernsehen)

Diese Sendestation gehörte zu Radio Canada International, das aus deutscher Sicht bereits 1991 gestorben ist. Seinerzeit führte eine drastische Budgetkürzung zur Einstellung der Sendungen unter anderem in Tschechisch, Polnisch, Ungarisch, Portugiesisch, Japanisch und auch Deutsch.

Letztere erfreuten sich dank einer UKW-Übernahme durch die BBC in Berlin besonderer Popularität. In der letzten Ausgabe am 23. März 1991 wurde eine realistische Einschätzung formuliert:

„Wir müssen diese Entscheidung hinnehmen und können nur darauf hoffen, dass sie irgendwann einmal als falsch erkannt wird. Aber die Wahrscheinlichkeit ist wohl größer, dass wir in unserer schnelllebigen Medienlandschaft eingeebnet werden und in Vergessenheit geraten.“

1996 wäre RCI dann fast ganz eingestellt worden. Eine dazu bereits getroffene Entscheidung wurde erst in fast letzter Minute wieder zurückgezogen.

2004 begann schließlich eine Agonie, die sich über acht Jahre hinzog. Einer ersten fragwürdigen Programmreform folgte 2006 die völlige Umkrempelung zu einem Sender für Migranten. Im Ausland sollten nur noch Personen erreicht werden, die eine Immigration nach Kanada in Erwägung zogen.

Für sich sprachen Frequenzänderungen bei der bis dahin in die USA gerichteten Ausstrahlung auf Kurzwelle. Die neuen, niedrigeren Frequenzen waren augenscheinlich für die Versorgung des Bereichs von Montreal bis Toronto bestimmt. Spötter deuteten RCI neu als „Radio Canada Internal“ oder auch „Radio Canada Immigration“.

Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Vorgehen war bei der Canadian Broadcasting Corporation unerwünscht. Die politische Lobbyarbeit eines engagierten Redakteurs quittierte sie 2008 mit arbeitsrechtlicher Härte.

Das Ende brachte 2012 eine von der kanadischen Regierung verfügte Reduzierung des Budgets der gesamten CBC. Sie führte zu der internen Entscheidung, die für RCI verwendeten Mittel um 80 Prozent zu kürzen und zwei Drittel der Redaktion zu entlassen.

Damit entfielen alle linearen Hörfunksendungen, auch über Satellit. In englischer Sprache geriet die bereits zwei Tage vor der Ausstrahlung aufgezeichnete Verabschiedung betont emotional.

Unter der Marke RCI verblieb nur noch ein Onlineangebot. Zu einer erneuten Erweiterung der internationalen Präsenz kam es erst jetzt und aus aktuellem Grund: Seit März ist das Nachrichtenprogramm des CBC-Fernsehens nicht mehr gegen Zugriffe aus dem Ausland gesperrt.

Trotzdem beteiligt sich die CBC seit 2019 (wieder) an einer Arbeitsgruppe internationaler Rundfunksender, der auch die Deutsche Welle angehört. Zuletzt gemeldet wurde von dort die Entwicklung einer gemeinsamen Strategie gegen die grassierenden Desinformationen über die aktuelle Pandemie.

Dabei bleibt abzuwarten, ob die Arbeitsgruppe „DG7“ in der bestehenden Form, unter Einbeziehung des Auslandsrundfunks der USA, noch eine Zukunft hat. Dieser Partner könnte künftig selbst zu einem Teil des Problems werden.

[Nachtrag vom 30.5.: Bereits jetzt melden sich Stimmen, welche die Glaubwürdigkeit des „Factchecking“-Produkts der US-Auslandssender und auch generell des US-amerikanischen Engagements für die Pressefreiheit in Frage gestellt sehen.]

Sendeanlage Sackville (Foto: Chris Campbell, Creative Commons)

Der bis zum 1. Juni abrufbare Dokumentarfilm „Spectres of Shortwave“ widmet sich in Interviews (auch der Autorin mit sich selbst) und künstlerischer Kameraarbeit der Sendestation Sackville.

Sie war nach dem Ende der Eigenprogramme noch für vier weitere Monate mit den vertraglich gebundenen Ausstrahlungen externer Nutzer aktiv. In dieser Zeit wurde bereits mit der Demontage der Anlagen begonnen.

Endgültig abgeschaltet wurde die Sendestation am 30. November 2012. Bis dahin war hier noch auf 9625 kHz ein Programm für Labrador ausgestrahlt worden. Zur Kompensation nahm die CBC dort fünf neue UKW-Sender in Betrieb.

2014 kam es schließlich zum Abbruch der Antennenanlage. Dieses Ende des auf 35 mm-Film aufgenommenen Projekts, für das die Dreharbeiten im Jahre 2012 begannen, war bei der ursprünglichen Planung noch nicht abzusehen.

Nicht erwartet hatte die Autorin auch, sich in der ironischen Lage wiederzufinden, ein sterbendes Medium mit einem sterbenden Medium zu dokumentieren. 2013 beendete die Firma Fujifilm die Herstellung des verwendeten Aufnahmematerials. Dem folgte die Schließung des ursprünglich beauftragten Kopierwerks.

Von der früheren Sendestation war zuletzt Anfang 2019 zu hören: Ein Indianerstamm beansprucht das Gelände als Reservat, zunächst ohne irgendwelche konkreten Vorstellungen zu dessen künftiger Nutzung zu haben.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 27.05.2020