1990

Das Ende von Radio Berlin International

Radio Berlin International
Sendekomplex von Radio Berlin International, jetzt mit Studioeinbauten im früheren Ausspielraum (Foto: Kai Ludwig)

Mit Ablauf des 2. Oktober 1990 endete der Auslandsdienst des Rundfunks der DDR, Radio Berlin International.

Einen plastischen Eindruck davon, in welcher Art und Weise mit dem Sender und seiner Belegschaft umgegangen wurde, vermittelt das nebenstehend verlinkte Interview. Von der vollständigen „Abwicklung“ ausgenommen blieben lediglich einige wenige Mitarbeiter, mit denen die Deutsche Welle vorübergehend ein Redaktionsbüro weiterbetrieb.

Dabei wurde eines der Nachrichtenstudios im bisherigen Sendekomplex von Radio Berlin International genutzt, um über eine einzige Übertragungsleitung der Deutschen Welle in Köln zuzuarbeiten. Es handelte sich um reine Überspielungen; Livesendungen der Deutschen Welle aus dem Funkhaus in der Berliner Nalepastraße gab es nicht.

Wie lange dieser Außenposten bestand, ist nicht bekannt. Seine Auflösung dürfte aber spätestens mit der Übernahme von RIAS-TV und dessen Einrichtungen in der Voltastraße im Frühjahr 1992 erfolgt sein.

Weitere Einblicke vermittelt das Schriftgut, das auf der Sendestation Wiederau aufbewahrt wurde. Eine Notiz vom 25. September 1990 hielt eine telefonische Information von der Sendestation Nauen „über erfolgte Abstimmung mit der Deutschen Welle über Abstrahlung von Programmen“ fest, die selbst zu diesem Zeitpunkt noch unverbindlich war. Demnach sollten ab dem 3. Oktober 1990, 0.00 Uhr, DW-Programme aus Wiederau auf 13610 und 21465 kHz gesendet werden.

Am nächsten Tag fand in Nauen eine „Beratung zu Fragen des Rundfunkbetriebes auf Kurzwelle“ statt. Auch deren Niederschrift, mittlerweile nur noch sechs Tage vor der Schließung von Radio Berlin International, konstatierte noch immer: „Über die Fortsetzung des Sendebetriebes nach dem 3. 10. 90, 00.00 Uhr, gibt es für die Sendestellen Nauen, KWh und Leipzig-Wiederau keine Anweisung.“

Am Tag nach dieser Konferenz sollte die Sendestation Nauen der Deutschen Bundespost detaillierte Angaben über die Kurzwellenanlagen der Deutschen Post übergeben. Benannt wird außerdem ein „Rundfunkdienstbüro“, das in der Sendestation Jülich anscheinend eigens dafür eingerichtet wurde, die Mitarbeiter der bisherigen Deutschen Post bei den Ausstrahlungen der Deutschen Welle und des Deutschlandfunks anzuleiten.

Für den 4. Oktober 1990 wurde, diesmal nach Berlin-Köpenick, erneut zur „Beratung zu organisatorischen Fragen des Rundfunkbetriebes auf Kurzwelle“ geladen. Wie der Niederschrift zu entnehmen ist, legten verantwortliche Mitarbeiter der drei „Rundfunksendestellen (RfSSt)“ ihre Sendepläne vor: „Entsprechend diesen Plänen wurde in den genannten RfSSt ab 2. 10. 1990 um 23.00 Uhr UTC der Sendebetrieb für die Deutsche Welle aufgenommen.“

Am 23. Oktober 1990 vermerkte die Sendestation Wiederau handschriftlich eine Änderung beim Betrieb ihres Kurzwellensenders. Neu sollten von 20.00 bis 22.30 Uhr auf 5960 kHz über die Ostasien-Antenne Sendungen in polnischer und tschechischer Sprache ausgestrahlt werden. Dies ist insofern besonders bemerkenswert, als es sich bei diesen Sendungen um Produktionen des Deutschlandfunks handelte.

Notwendige Ersatzschaltungen sollten die ostdeutschen Sendestationen weiterhin nur untereinander regeln. Ein Problem ergab sich dabei für die Sendestation Wiederau, die auch im Frequenzbereich bei 21 MHz arbeitete, was dem Reservesender in Nauen nicht möglich war.

Von der weiterhin „externen“ Behandlung der ostdeutschen Sendestationen kündet die dazu getroffene Festlegung, die Sendestation Wiederau „reicht beim Rundfunkdienstbüro über das Referat Rundfunkdienste einen Plan über 1990 gewünschte Reserveschaltungen für Wartungen ein“. Ob es tatsächlich schon 1990 zu Ersatzschaltungen aus Jülich kam, ist dem hinterlassenen Schriftgut nicht zu entnehmen.

Gegenstand der Übergangsregelungen für den Auslandsrundfunk waren auch die Ausstrahlungen von Radio Moskau auf der Mittelwelle 1323 kHz, für die erst im September 1989 neue Sendetechnik in Wachenbrunn bei Themar in Betrieb gegangen war. Am 28. Juni 1991 informierte der Funkdispatcher in Berlin mit einem Fernschreiben: „Wachenbrunn 1323 kHz: Auf Weisung des Rundfunkdienstbüros Jülich vom 26.6. ist bei Ausfällen des Senders kein Ersatzbetrieb von Leipzig durchzuführen.“

Einzelheiten über die Heranführung der DW-Programme in das Gebiet der einstigen DDR sind dem Schriftgut mit Stand vom Herbst 1991 zu entnehmen. Demnach waren von Köln nach Berlin die Übertragungsleitungen „BLN1“ bis „BLN5“ eingerichtet worden, davon die erstere als „einzige Leitung nach Leipzig“.

Die abrupte, von Technikern der Sendeanlagen als gespenstisch empfundene Umschaltung auf die Programmsignale aus Köln in der Nacht zum 3. Oktober 1990 erfolgte in einer Schalteinrichtung der Deutschen Post, wahrscheinlich in Berlin-Lichtenberg. Das Funkhaus in der Nalepastraße hatte, wie es ein dortiger Schaltmeister formulierte, „damit schon nichts mehr zu tun“.

Die Mittelwellenfrequenzen von Radio Berlin International wurden ab dem 3. Oktober 1990 vom Deutschlandfunk bespielt, möglicherweise auch mit seinen Fremdsprachensendungen. Ein interessantes Detail vermittelt dazu ein Frequenzplan vom Frühjahr 1992; der älteste, der sich im Wiederauer Schriftgut noch fand.

Dort eingetragen ist neben den RBI-Mittelwellen Berlin-Köpenick 1359 kHz und Burg (bei Magdeburg) 1575 kHz auch die leistungsstärkste DDR-Mittelwelle Burg 783 kHz. Sie übertrug das Programm von Stimme der DDR, nach dessen Einstellung dann Radio Aktuell (vorm. Radio DDR 1), bis der Sender auf Anordnung des „Rundfunkbeauftragten“ Rudolf Mühlfenzl im Mai 1991 abgeschaltet wurde.

Der Eintrag ist besonders bemerkenswert, weil die Frequenz 783 kHz zum Jahresbeginn 1992 vom neu gegründeten Mitteldeutschen Rundfunk übernommen worden war. Ein Höchstleistungsbetrieb mit 1000 kW fand dabei jedoch nicht mehr statt. Zunächst ließ der MDR die Frequenz tagsüber noch mit 250 kW abstrahlen. Von Beginn an abends und nachts, spätestens ab 1993 dann ganztags kam in Burg für den MDR nur noch der fahrbare Sender mit 20 kW Leistung zum Einsatz, der bis 1990 Radio DDR 1 auf 1089 kHz übertragen hatte.

Anzuführen sind in diesem Zusammenhang auch die damaligen Bestrebungen des Deutschlandfunks, die Langwelle Zehlendorf 177 kHz zu übernehmen, da auch sie der Auslandsversorgung diene. Dieses Ansinnen konnte vom Rundfunk in der Nalepastraße nur mit Mühe abgewehrt und die Frequenz weiterhin für das Programm des Deutschlandsenders Kultur genutzt werden.

Auch nach der Gründung des Deutschlandradios ist dem Wunsch des Deutschlandfunks nicht entsprochen worden. Bis zur Abkündigung des Senders zum Jahresende 2014 blieb es bei der Ausstrahlung des Berliner Deutschlandradio-Programms, das durch Fusion von Deutschlandsender Kultur und RIAS Berlin entstanden war.

Die Übergangsregelungen für die einstigen Sendeanlagen von Radio Berlin International endeten 1993. Damit entfielen alle Ausstrahlungen des Deutschlandfunks über die Mittelwellen 1359 und 1575 kHz wie auch der Deutschen Welle über die Kurzwellensender in Königs Wusterhausen und Wiederau. Diese Sendeanlagen wurden stillgelegt und sind inzwischen weitgehend von der Bildfläche verschwunden.

Einzig am Standort Nauen wollte die Deutsche Welle weiter festhalten, was ebenfalls als vordergründig politische Entscheidung anzusehen sein dürfte. Ab 1995 errichtete die Deutsche Telekom in Nauen vier völlig neue Kurzwellen-Sendeeinheiten. Sie ersetzten 1997 die Altanlagen, die größtenteils stillgelegt und demontiert wurden. Ausgenommen blieb lediglich eine dreh- und schwenkbare Antenne, über die mit dem zugeordneten Sender noch bis 2000 Programme der Deutschen Welle und ihres damaligen Kooperationspartners Radio Nederland Wereldomroep liefen.

Grundlage für den Bau der neuen Sendeeinheiten war ein bis 2016 verbindlicher Ausstrahlungsvertrag. Aus diesem Vertrag ließ sich die Deutsche Welle jedoch 2007 gegen eine Abstandszahlung von 14 Millionen Euro entlassen, da sie keine Kurzwellen-Dienstleistungen der Media Broadcast mehr in Anspruch nehmen wollte und stattdessen den privatisierten Senderbetrieb des BBC World Service (heute Babcock International) beauftragte. Beobachter bezweifeln die Wirtschaftlichkeit dieses Vorgehens, da auch die nach Großbritannien vergebenen Ausstrahlungen 2011 größtenteils entfielen.

Mittlerweile ist Nauen der einzige noch aktive Kurzwellenstandort des deutschen Auslandsrundfunks, nachdem auch die einstigen Sendeanlagen der Deutschen Welle in Jülich und bei Buchloe (Wertachtal) inzwischen stillgelegt und abgerissen wurden. Absoluter Schwerpunkt des Sendegeschehens sind dabei mittlerweile Programme internationaler Missionsgesellschaften.

Auch die Studios des ostdeutschen Auslandsrundfunks werden noch existieren, wenn das Funkhaus der Deutschen Welle in Köln vollständig abgerissen ist. Der frühere Sendekomplex von Radio Berlin International gehört zu den Räumen im Funkhaus Nalepastraße, in denen sich seit 2013 die britische Musikschule dBs niedergelassen hat. Bei den hierfür vorgenommenen Einbauten blieb die Struktur der Räume bis hin zur vorhandenen Beleuchtung unangetastet.

(Autor: Kai Ludwig; Stand vom 02.10.2015)

„Abstimmung mit der Deutschen Welle“
Notiz zu unverbindlichen Abstimmungen mit der DW vom 25.09.1990
„Ab 2.10.1990 um 23.00 UTC Sendebetrieb für die Deutsche Welle aufgenommen“
Beratungsniederschrift vom 04.10.2015
„Es entfällt 13610 kHz, neu dafür 5960 kHz“
Notiz zur Frequenz-/Programmänderung vom 23.10.1990
„Wachenbrunn 1323 kHz – kein Ersatzbetrieb von Leipzig“
Fernschreiben vom 28.06.1991
„Senderbelegung ab 29. 3. 92“
Belegungsplan der früheren RBI-Sender im Frühjahr 1992