Ägypten

Radio Kairo versucht es wieder mit der Kurzwelle

Nach der Einstellung seiner Auslandssendungen auf Mittelwelle versucht es der ägyptische Rundfunk ERTU nun nach zwei Jahren wieder einmal mit der Kurzwelle. Die Ergebnisse fallen so aus, wie es seit Jahrzehnten bekannt ist.

Funkhaus Kairo
In den 80er Jahren vom ägyptischen Rundfunk ERTU verschicktes Foto des Funkhauses in Kairo.

Im Laufe des ersten Halbjahrs waren die Sendesignale von ERTU auf den Mittelwellen 621 und 1008 kHz verschwunden.

Ersteres war die Hauptfrequenz von Sawt al-Arab, der 1953 gegründeten „Stimme der Araber“. In den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens fand das Programm größere Beachtung. Dieser einstige Ruhm ist jedoch längst Geschichte.

Auf 1008 kHz wiederum liefen tagsüber ein spezielles Palästina-Programm, nachmittags und abends dann Sendungen in hebräischer Sprache für Israel. Auch hier scheint die terrestrische Verbreitung sang- und klanglos entfallen zu sein.

So verhielt es sich schon seit 2019 bei den anderen Auslandssendungen, darunter auch jene in deutscher Sprache, die es bereits seit 1958 gibt. Sie ist jetzt zur bekannten Sendezeit von 20.00 bis 21.00 Uhr nur noch unter dieser Adresse zu hören, sofern der Stream überhaupt geschaltet wird.

Nun kündigte die englische Redaktion voller Enthusiasmus erneute terrestrische Ausstrahlungen an, die auch tatsächlich auftauchten. Nach bisherigen Beobachtungen wird der Sender ab 16.00 Uhr auf 9440 kHz und später ab etwa 19.00 Uhr bis teilweise spät in die Nacht auf der altbekannten Stammfrequenz 9900 kHz eingeschaltet.

Was dabei herauskommt (nämlich etwas völlig unbrauchbares), ist so schon seit Jahrzehnten bekannt:

Um eine Reaktivierung der Sendeanlage handelt es sich dabei durchaus nicht: Die ganze Zeit hindurch gab es nach einem komplexen Schema immer wieder am Vormittag kurze Einschaltungen auf 9400, 9550 oder 9600 kHz.

Was es damit auf sich hat, ist in diesem Bulletin ab Seite 9 unter dem Stichwort „E25 / E25a“ beschrieben. Offensichtlich ist ERTU verpflichtet, die Sendemöglichkeit im 31-Meterband unabhängig von einer eigenen Nutzung weiter zu erhalten.

Der Bericht von 2016 ist auch mit Bildern der Kurzwellenanlagen von ERTU ausgestattet. Inzwischen sind die dort mit abgebildeten Antennen der Station Abu Zabal verschwunden. Verblieben ist nur noch die Station Abis, die nach wie vor auch zur Inlandsversorgung auf der Mittelwelle 774 kHz aktiv sein sollte.

In früheren Jahren war die Nutzung der Sendeanlage für die Agentenführung des Auslandsgeheimdienstes nicht nur theoretischer Natur. Unbekannt bleibt allerdings, inwieweit die ausgestrahlten Sprachnachrichten mehr waren als Dummys: Die Verschleierung bezieht sich bei solchen Operationen auch auf den tatsächlichen Umfang der Kommunikation.

Bei diesen Sendungen gab es auch arabische Sprachnachrichten. Sie hatten ein Format „für Fans von Jean-Michel Jarre“ abgelöst. (Die unter den angegebenen Links jeweils erscheinenden Bezeichnungen sind reiner Szenejargon von Hobbybeobachtern.)

Zuletzt war von alldem nichts mehr zu hören. Falls den Empfangsbeobachtungen nicht doch etwas entgangen ist, sind seit Jahren nur noch reine Musiktests übrig.

Die Besonderheit liegt hier in der Nutzung von Rundfunksendern für diesen Zweck. In der Regel haben die Auslandsgeheimdienste auch den sendetechnischen Teil ihrer Agentenführung selbst in die Hand genommen.

Ein besonderer Zusammenhang ergab sich dabei in der DDR mit dem Standort Zeesen. Dort gab es ab 1936 acht Kurzwellen-Rundfunksender. Sie wurden noch 1945 demontiert und in die Sowjetunion abtransportiert, davon zwei nach Litauen. Dort blieb einer dieser Sender, inzwischen stark umgebaut, noch bis nach der Jahrtausendwende im Einsatz.

Später wollte die Deutsche Post den Standort Zeesen für Radio Berlin International wieder aufbauen. Diese Pläne durchkreuzte jedoch die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit, indem sie das Objekt für sich beanspruchte.

Deshalb wich die Post zu ihrem bis dahin ausschließlich für andere Funkdienste genutzten Standort Nauen aus. Der erste Rundfunksender ging dort 1958 in einem Nebengebäude in Betrieb. Da er in den 90er Jahren in diesem regelrechten Versteck einem Verschrottungskommando entging, ist er als Sammlungsstück noch heute vorhanden.

Die HVA ihrerseits soll in Zeesen letztlich 32 Sender aufgebaut haben, davon vier mit einer Leistung von jeweils 25 kW, die nicht allzu weit unter der üblicher Rundfunksender lag und damit einen problemlosen Empfang mit unverdächtigen Radios ermöglichte.

Auch in Zeesen ausgestrahlt wurde jene Form von Sprachnachrichten, die als „Zahlensender“ (oder auch „Lottotanten“) bekannt war. Ein ganz konkretes Beispiel für die Anwendung dieses Kommunikationsweges wird hier gegeben.

Diese Zahlenkolonnen wurden nicht etwa live verlesen. Dafür gab es spezielle Geräte. Für die HVA sind die Details hier beschrieben, allerdings möglicherweise auch mit überbordender Phantasie: Eine Nutzung von Studios des Rundfunks der DDR für einfache Sprachaufnahmen einer der Konspiration unterliegenden Mitarbeiterin des MfS ist schwer vorstellbar.

Das in der DDR nach 1980 als Ersatz für alte Bandschleifentechnik entwickelte „Gerät 32620“ kam auch in anderen Ländern zum Einsatz. In der Sowjetunion wurde dabei die Abspielgeschwindigkeit etwas reduziert. In dieser Form soll die deutsche Stimme noch sehr lange zu hören gewesen sein.

Der polnische Sicherheitsdienst beschritt den umgekehrten Weg, wodurch hier ein Kind zu sprechen schien. Damit ging es auch nach dem Ende der PVAP ungerührt weiter. 1998 kam es schließlich zur Ablösung durch jene amerikanisches Englisch sprechende Stimme, die unter dem Spottnamen „CynthIA“ bekannt war.

Jenseits des Atlantik sollte es dann doch nicht die deutsche Sprache sein. Eigens für Kuba gab es das Gerät 32620 deshalb in einer spanischen Version. Dort galten anscheinend auch die Techniker des Rundfunks als zuverlässig genug, um wie in Ägypten dessen Sendeanlagen für den Geheimdienst mitzunutzen.

Zumindest bis vor wenigen Jahren zeugten davon öfters aufgetretene Fehlschaltungen. Das ist bei dieser Anwendung natürlich noch peinlicher als bei Geheimsendern (etwa dem in Wilsdruff auch mal mit Radio DDR 1 vertauschten „Vltava“); jener speziellen Art von Rundfunkprogramm, die fast unweigerlich zur intellektuellen Beleidigung gerät.

Auch diese Schleife führt wieder zurück nach Ägypten: Von etwa 1980 bis 1995 wurden dort für US-amerikanische Auftraggeber solche Sendungen nach Afghanistan und in den Iran abgestrahlt. Dabei unterlaufene Fehlschaltungen lieferten die Bestätigung für das, was Rundfunkfreunde ohnehin schon vermutet hatten.

 

Autor: Kai Ludwig; Stand vom 20.11.2021