Ägypten

Radio Kairo wieder zu hören

Nach jahrelanger Unterbrechung sind die deutschsprachigen Sendungen von Radio Kairo zwar nicht wieder über Satellit oder Kurzwelle, dafür aber online zu hören. Deren Beobachtung könnte insofern interessant sein, als sich die Hoffnungen auf einen „arabischen Frühling“ zerschlagen haben.

Egypt's media is following the regime script so closely & literally re Morsi's death that one TV news anchor, reading from a teleprompter, ended their report with "Sent from a Samsung device"
Zu dieser Anekdote von 2019 siehe ganz unten. | © Twitter

Die tägliche deutsche Sendung wird von 20.00 bis 21.00 Uhr MEZ (ab 29. März nach MESZ dann eine Stunde später) hier übertragen.

Am 30. Dezember 2019 hatte die englische Redaktion in Kairo eine Mitteilung verschickt, die sich offensichtlich auf die neue Streaminglösung bezieht: Man sei „zurück, unsere technischen Probleme sind überwunden“.

Das gilt offensichtlich nicht für die Kurzwellensender. Zwar gab es hier zuletzt wieder Lebenszeichen: Das Inlands-Hauptprogramm von ERTU war mitunter vormittags auf 9740 kHz zu hören. Von allen anderen Ausstrahlungen, auch den nachfolgend beschriebenen Sendungen zur Agentenführung des Geheimdienstes, fehlt seit Monaten jedoch jede Spur.

Die Satellitenverbreitung seines Auslandshörfunks hat der ägyptische Rundfunk ERTU inzwischen zwar wieder aufgenommen. Genutzt wird jedoch nur noch der Nilesat 201, dessen Ausleuchtzone über dem Mittelmeer endet.

Was aus dem „arabischen Frühling“ geworden ist, steht gerade im Dresdner Rampenlicht, nachdem die Veranstalter des dortigen Senperopernballs dem ägyptischen Staatspräsidenten al-Sisi ihren Orden verliehen haben.

Stand vom 28.01.2020


 

Die Geheimdienstsendungen wurden bis Mitte 2019 immer wieder am späten Vormittag auf 9400 oder 9550 kHz beobachtet. Hier findet sich unter dem Stichwort „E25b“ ein Mitschnitt, der auch die typische ägyptische Musik enthält, die außerhalb der Sprachnachrichten in diesen Sendungen lief.

Ein Bericht von 2016 illustriert das Kapitel über diese Sendungen gleich mit Satellitenbildern der Kurzwellen-Sendeanlagen von Radio Kairo. An die dort übliche Übertragungsqualität erinnern auch die Mitschnitte zweier früherer Varianten der Geheimdienstsendungen in Arabisch und Englisch.

Die Besonderheit lag hier im Einsatz von Rundfunksendern für diesen Zweck. Der Regelfall sind (waren) eigene Sendeanlagen der Geheimdienste. Das galt auch für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, das in Zeesen eine Kurzwellenstation mit 32 Sendern betrieb, davon vier mit einer Leistung von jeweils 25 kW.

Bis 1945 wurden aus Zeesen Rundfunksendungen ausgestrahlt, ab 1936 auch mit acht Sendern auf Kurzwelle. Diese Technik wurde noch 1945 demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Zwei der Sender gelangten nach Litauen, wo eines dieser Geräte, inzwischen stark modifiziert, bis nach der Jahrtausendwende im Einsatz blieb.

Die Belegung des Geländes in Zeesen durch das MfS verhinderte dessen erneute Nutzung durch die Post. Beim Aufbau des Sendernetzes für Radio Berlin International wich sie deshalb nach Nauen aus und nahm dort 1958 den ersten Rundfunksender mit 50 kW in Betrieb. Bis dahin waren in Nauen ausschließlich andere Funkdienste angesiedelt.

An die Sendungen der Hauptverwaltung Aufklärung erinnern die erhaltenen Exemplare des zuletzt für die Funksprüche verwendeten Gerät 32620. Es wurde offenbar auch nach Polen, in die Sowjetunion und nach Kuba geliefert.


Radio Kairo, also der Fremdsprachen-Auslandshörfunk von ERTU, war seinerseits vor Jahren von den Hotbird-Satelliten verschwunden. Bis 2019 verblieb damit praktisch nur noch ein sehr gut versteckter Stream im obsoleten Flash-Format, denn speziell von der deutschen Sendung ging auf Kurzwelle über Jahrzehnte kaum mehr als das über die Antenne:

Sendungen in deutscher Sprache wurden aus Kairo erstmals im Zweiten Weltkrieg unter britischer Kontrolle ausgestrahlt. In ihrer heutigen Ausprägung begannen sie 1958 im Zuge eines massiven Ausbaus des Auslandshörfunks. Den Anstoß dazu gab die führende Rolle, die Gamal Abdel Nasser für Ägypten in Anspruch nahm.

2011 bekamen die Sendungen eine sehr positive Einschätzung von Unterstützern deutschsprachiger Medien (hier nachzulesen unter „Sligo“, 05.02.2011, 21.33 Uhr):

„Trotz der chaotischen Zustände in den Straßen der ägyptischen Hauptstadt sendet der staatliche Auslandsrundfunksender Radio Kairo ungestört weiter – und zwar erstaunlich neutral. [...] Die Sendungen hören sich teils etwas amateurhaft und chaotisch an. Dadurch spiegeln sie aber gut die Lage im Land wider und wirken sehr authentisch.“


Wie es heute um die Medien in Ägypten bestellt ist, zeigte deren Umgang mit dem Tod von Mohammad Mursi. Ein Fernsehsender soll, womöglich nicht einmal versehentlich, die ihm zugeschickte Argumentation komplett mit der Werbezeile verlesen haben, die das Endgerät der Regierungsstelle beim Absenden zugesetzt hatte.

 

Autor: Kai Ludwig