Zur Geschichte des Funkhauses Potsdam

Funkhaus Potsdam
Funkhaus Potsdam, Technikraum der „Baustufe I“ von 1946

Der 25. Jahrestag des Sendestarts von Antenne Brandenburg sei zur Veranlassung genommen, auf die Geschichte der Funkhäuser in Potsdam sowie (auf einer separaten Seite) in Cottbus und Frankfurt (Oder) einzugehen. Diese Funkhäuser existieren als solche heute nicht mehr, sie wurden inzwischen durch das Radiohaus am RBB-Sitz Potsdam-Babelsberg bzw. neue Studiostandorte in Cottbus und Frankfurt (Oder) ersetzt.

Nachfolgend wiedergegeben sind Auszüge aus einer anonymen Ausarbeitung der damaligen Struktureinheit „Studiotechnik Rundfunk“ von 1988, die auf Entwicklungen bis 1967 eingeht. Dieses Material war nur für den internen Gebrauch bestimmt und unterlag damit nicht den Restriktionen für Veröffentlichungen. Aus diesen internen Sammlungen stammen auch die beigefügten Fotos.

(Stand vom 06.05.2015)



„[...] "Hier ist der Landessender Potsdam. Sie hören uns auf der Wellenlänge 531,9 Meter gleich 564 kHz." Mit dieser Ansage meldete sich am 20. Juni 1946 um 6.20 Uhr früh erstmalig ein Sender, dessen Existenz ein gänzlich neues Stück Geschichte der einst berühmt-berüchtigten preußischen Garnisonsstadt einleiten half. [...]

Die technische Grundlage bildete die Einrichtung des Stadtfunkstudios, das in einer Villa der Kapellenbergstraße 4 (spätere Puschkinallee) untergebracht war. Diese im Oktober 1945 durch Befehl 78 der SMAD geschaffene Groß-Lautsprecher-Zentrale verfügte im Stadtgebiet über 30 Lautsprecher.

Personell setzten sich Technik und Redaktion aus Mitarbeitern der Stadtwerke und des Informationsamtes der Provinzialverwaltung zusammen. [...] Als Sender standen ein 1,5 kW-Strahler (0,4 kW modulierte Trägerleistung) und ein Drahtfunksender im Gebäude der Hauptpost Potsdam zur Verfügung.

Die Technik-Studioräume, bestehend aus einer Sprecherkabine und einem kombinierten "Regie-, Kontroll- und Schaltraum", waren im eigens dazu ausgebauten Dachgeschoß des Hauses untergebracht. Die gesamte Einrichtung, später Baustufe I genannt, bestand aus folgenden Geräten:

Zwei Dorffunkanlagen (Kraftverstärker) als Tonsignalverstärker; ein Empfänger für den Ballempfang des Programms des Berliner Rundfunks; ein Drahtfunkempfänger; zwei Plattenspieler mit Umblendglied; ein Reglerfeld mit drei Danner-Reglern (ähnlich W 13); ein Tonmesser, Eigenbau, und ein bescheidener Anfang eines Kreuzschienenverteilers.

Sprecher und Techniker waren darauf angewiesen, als ein gut eingespieltes Kollektiv zu arbeiten, da weder Lichtzeichen noch Kommandomikrofone vorhanden waren. Eine Rand-Episode verdeutlicht die Selbstverständlichkeit dieser Arbeitsweise. Der Gesprächspartner der Landfunkfrühsendung, Kaninchenzüchter Karl, ein freischaffender Journalist mit gänzlich anderem Namen, hatte auf dem Wege zum Potsdamer Funkhaus mit seinem Fahrrad Reifenschaden. Kurz entschlossen übernahm der ungeduldig wartende Techniker – er hieß tatsächlich Karl – die Rolle seines Journalistenkollegen. Er ahnte nicht, daß der Oberingenieur daheim schon wach war, den Sender Potsdam hörte und verwundert seinen Mitarbeiter an der Stimme erkannte.

Die Baustufe II des Landessenders Potsdam wurde im Januar 1947 in Betrieb genommen und dehnte sich im Verlaufe der Jahre 1947/48 über folgende Komplexe aus: Technische Zentrale mit Verstärker und Schaltgestell und einem sich anschließenden kleinen Regieraum für Ein-Mann-Betrieb bei Früh- und Spätsendungen. Hinzu kamen am 2. Februar 1947 ein kleiner Sendesaal mit ca. 400 m³ Rauminhalt, ein Hauptregieraum, eine kleine Schallaufnahme (15. April 1947), zwei Sprecherkabinen, zwei Cutterräume und eine mechanische Werkstatt im Hintergebäude. Das Schaltungsprinzip der neuen Anlage zeigte zentralisierten Aufbau, d.h. alle Aufnahmen, Umschnitte usw. mußten von der technischen Zentrale aus geschaltet werden.

Das neue Baustadium bedeutete einen enormen Fortschritt gegenüber der Baustufe I. Die Eigenbau- und Dorffunkanlagen waren Normverstärkern vom Typ V 63, V 41 und V 42 (Loewe-Opta) und die Danner-Regler den Profilreglern gewichen. Endlich standen für Schallaufnahme und Regieraum auch Magnettonlaufwerke zur Verfügung. Den Anfang machten einige "Dora"-Geräte mit Gleichstrom-Vormagnetisierung. Bereits im Verlaufe des Jahres 1947 kamen HF-Geräte vom Typ "Dora" und "Berta 2" hinzu.

Zur besseren Wahrnehmung politischer und kultureller Ereignisse im Stadtgebiet entstanden im Landtagsgebäude und im Nicolaisaal, als gemietetem großem Produktionsraum, am 3. Dezember 1946 feste Übertragungsstellen. 1947 wurde ein alter Citroen-Pkw als Ü-Wagen ausgebaut [...]. Dieser Wagen wurde 1951 dem Studio Cottbus zur Verfügung gestellt. Während des Umbaues 1948/49 stand für ein halbes Jahr ein kleiner Opel-Lkw von 1,5 t [...] als Übertragungswagen zur Verfügung. 1948 wurde dann ein weiterer alter Fiat-Pkw als Ü-Wagen ausgebaut und in Betrieb genommen. [...]

Die Ausführung der Baustufe III der technischen Einrichtung wurde zeitlich parallel mit den Vorarbeiten zur Inbetriebnahme des Senders ausgeführt und abgeschlossen. Sie umfaßte die Erweiterung und Modernisierung der technischen Zentrale, die Einrichtung eines zweiten Regieraumes, eines Meßraumes und den Aufbau einer Pausenzeichen-Maschine. Das Pausenzeichen des Landessenders Potsdam bestand aus dem ersten Takt des ersten Brandenburgischen Konzerts von Johann Sebastian Bach.

[...] Neben Archivproduktionen bestritt das kleine Potsdamer Rundfunk-Orchester tägliche Original-Vormittagskonzerte aus dem kleinen Sendesaal des Funkhauses.

Am 1. Mai 1948 war es soweit, daß ein 20 kW-Sender, dessen Antenne auf einem 98 m hohen Holzmast montiert worden war, das Programm des Landessenders Potsdam abstrahlen konnte. [...] Kurz vor Sendebeginn, am Morgen des 1. Mai, verließ der diensthabende Tontechniker des Funkhauses seinen Arbeitsplatz und setzte sich nach Westberlin ab, wo er bereits einen Anstellungsvertrag beim RIAS hatte. [...]

Die Wirksamkeit der Rundfunkarbeit erhöhte sich mit der Inbetriebnahme des neuen Senders zusehends; jetzt war das Programm auch an den Schwerpunkten der Reportagetätigkeit wie im Oderbruch, im Lausitzer Braunkohlengebiet, in den Stahlwerken Brandenburg und Hennigsdorf, im Chemiefaserwerk Premnitz usw. hörbar.

[...] Inzwischen gehörten jene Jahre der Vergangenheit an, da zeitweilig ein Drittel der Technikmitarbeiter wegen ständigen "Eifo"-Genusses (Eifo war eines der damaligen zahlreichen Ersatz-Lebensmittel) an Verdauungsstörungen erkrankt war, oder da die Deutsche Post wegen Lötkolbenmangels die Übertragungsleitungen an der Rangierverteilung nicht löten konnte.

Im September 1952 wurden [...] in der DDR Bezirke gebildet. [...] Das Funkhaus Potsdam hatte die Aufgabe, das Studio Frankfurt/Oder mit aufzubauen. Nach Aufteilung der Geräte und Einrichtungen zwischen den "Potsdamern" und den "Frankfurtern" verblieben für das Studio Potsdam [...] ein Regieraum [...], ein Sprecherraum, ein Cutterraum sowie die Technische Zentrale von nur noch untergeordneter Bedeutung [...]; außerdem der Ü-Wagen Ford V 8. Aus allen übrigen Räumen, wie dem kleinen Saal, dem Regieraum, den Außenstellen usw. wurden die technischen Einrichtungen ausgebaut. Das hintere Gebäude des Funkhauses Potsdam wurde an die GST bzw. an eine DHZ vermietet.

[...] Zweimal wöchentlich wurde eine einstündige Sendung produziert und dem zentralen Programm überspielt. Über die Stundensendungen hinaus sind umfangreiche Aufträge per Ü-Wagen und als Studioproduktionen für Berliner Redaktionen verwirklicht worden, so daß keineswegs Arbeitsmangel eintrat. Da die Babelsberger Fußballer noch in der Oberliga spielten, mußte der Ü-Wagen auch sonntags fast immer im Einsatz sein.

[...] Im September 1955 – bis dahin waren die Aufgaben unverändert geblieben – wurde das Studio Potsdam als Bezirksredaktion dem Studio Cottbus angegliedert. An der Programmstruktur änderte sich nichts, nur wurden die Beiträge des Funkhauses Potsdam im Rahmen des Cottbuser Eigenprogramms gesendet, und die Potsdamer Kollegen hatten Gelegenheit, endlich wieder einmal "am Hahn zu sitzen", um die sorbische Sonntagssendung über den Potsdamer Strahler zu geben.

Doch die Zeit war schellebig [...]. Im Mai 1956 erhielten ein Ingenieur und ein Mechaniker aus Cottbus den Auftrag, schnellstmöglich in Potsdam Bedingungen zu schaffen, die die Wiederaufnahme eines täglichen zwei- bis vierstündigen Programms ermöglichten. [...] Als Studio-Filiale des Berliner Rundfunks sollte Potsdam mit einer speziellen Sendereihe Einfluß auf die Randgebiete Berlins nehmen. Unter Einsatz einiger neuer Geräte und in etlichen Stunden Nachtarbeit konnten innerhalb von drei Wochen ein Regieraum und ein Sprecherraum, technisch modernisiert, den Sendebetrieb aufnehmen.

Das Eigenprogramm begann mit einer einstündigen Mittagssendung und erweiterte sich bis Ende 1956 um eine Abendsendung auf rund drei Stunden täglich. Personell ergaben sich jedoch große Probleme, denn von insgesamt sieben [technischen] Mitarbeitern waren nur drei in der Lage, die Sendung zu fahren. Hinzu kamen besondere Programmwünsche, darunter technisch aufwendige Originalsendungen, Telefonwunschsendungen usw., die mit dieser Technik einfach nicht mehr lösbar waren.

Darüber hinaus lag eine neue Programmperspektive mit folgenden Aufgaben vor: 1.) Durchführung von täglich drei Eigensendungen von insgesamt fünf Stunden Sendezeit, 2.) Zubringerdienste für das zentrale Programm, 3.) ständige Modulationsüberwachung des Senders. Dies gab den energischen Anstoß für eine neue Aufgabenstellung zur Erweiterung und Modernisierung der studiotechnischen Anlagen.

Im Juli 1957 lag der [...] Plan des Investvorhabens "Modernisierung Funkhaus Potsdam" vor. Gleichzeitig [...] Ausweichräume [...], um das Programm auch während der Dauer des Umbaus voll aufrecht zu erhalten. Am 14. Februar 1958 konnte der Sendebetrieb [...] im inzwischen wieder freigewordenen Hintergebäude aufgenommen werden. Am 1. April 1958 [...] begannen die Umbauarbeiten im Hauptgebäude.

In den folgenden zwei Jahren wurde mit Hilfe dieses Provisoriums täglich ein drei- bis vierstündiges Programm abgewickelt, zu dem im Rahmen der Sendereihe "Rund um Berlin" auch umfangreiche Konferenzschaltungen gehörten. Zwecks ständiger Überwachung des Senders, wozu auch die Einblendung von auf Band gesprochenen Entschuldigungstexten bei Störungen gehörte, war der Regie-Kontrollraum im Schichtbetrieb durchgehend besetzt.

[...] Aufnahme des Sendebetriebes mit der neuen Anlage am 20. Juni 1960, die folgende Komplexe umfaßte: ein Kontrollraum mit Sprecherraum; eine Schallaufnahme mit Sprecherraum; ein Schalt- und Überwachungsraum; zwei Cutterräume. Die Jahre bis 1965 brachten keine wesentlichen Veränderungen der täglichen Sendezeit, jedoch [...] über zweihundert Original-Konferenzschaltungen mit oft mehr als fünf Sprechstellen [...], nicht selten aus den entlegensten Dörfchen des Bezirkes.

[...] Der Ü-Wagen-Park des Funkhauses Potsdam umfaßte [...] zehn Fahrzeugtypen, die inzwischen längst verschrottet sind, ganz zu schweigen von der geradezu sagenhaften technischen Ausrüstung dieser Fahrzeuge. Aber selbst nach der Inbetriebnahme der Standardfahrzeuge Ü 21 (1953) und "Barkas" B 1000 (1964) bilden neben der anderen Technik auch die individuellen Fähigkeiten der Kollegen und das Bastelprinzip "1000 m Z-Draht" noch immer entscheidende Faktoren, um die ständig steigenden Anforderungen zu meistern.“

Sender Potsdam
Ü-Wagen Opel 1,5 t des Landessenders Potsdam (1948)
Sender Potsdam
Ü-Wagen Horch des Senders Potsdam, 1958
Funkhaus Potsdam
1960 in Betrieb genommener Schaltraum des Funkhauses Potsdam
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990
Funkhaus Potsdam, 1990