Hintergründe zu den Mittelwellen des Deutschlandfunks

Mittelwelle Schandelah
Mittelwellensender Schandelah (Foto: Kai Ludwig)

Gleich in einer Reihe von Sendungen beschäftigen will sich der Deutschlandfunk mit der bevorstehenden Abschaltung seiner Mittelwellensender.

Bereits am 5. Dezember 2015 wird im Umfeld des abendlichen Hörspiel-Sendeplatzes auf dieses Thema eingegangen. Sowohl am 17. als auch am 18. Dezember soll es in den Ratgebersendungen am Vormittag (ab 10.10 Uhr) zur Sprache kommen und darüber hinaus am 17. Dezember im „Hintergrund“ (18.40 Uhr) aufgegriffen werden. Auch die Sendung „Markt und Medien“ will sich am 19. Dezember damit beschäftigen.

Bei Deutschlandradio Kultur wird die Mittelwelle zum Thema der Sendung „Kultur und Geschichte“ am 30. Dezember um 17.05 Uhr.

Jeweils zur vollen Stunde werden auf den Mittelwellen des Deutschlandfunks bereits Hinweise auf deren Abschaltung am 31. Dezember 2015 eingeblendet. Für die Frequenzen 549, 756 und 1422 kHz, die bislang die UKW-Zuführung des Deutschlandfunks übernahmen, ist eigens hierfür noch einmal ein separater Satellitenweg eingerichtet worden.

Mit einer Ausnahme wurden die Mittelwellensender des Deutschlandfunks von der früheren Deutschen Bundespost errichtet. Ihr heutiger Eigentümer und Betreiber ist somit die Media Broadcast GmbH.

Aus dem Jahr 1962 stammen hier die beiden Sendeanlagen der Frequenz 756 kHz. Ihre Standorte befinden sich beim Wohnplatz Wohld der Ortschaft Schandelah, östlich von Braunschweig, sowie unweit des Bodensees zwischen den Ortslagen Geratsberg und Wilhelmskirch, etwa 10 km westlich von Ravensburg.

Nachdem Schandelah nach Cremlingen eingemeindet wurde, ist der dortige Mittelwellensender auch unter dieser Standortangabe bekannt. Als weitere Bezeichnungen finden sich die östlich der Sendeanlage liegenden Ortschaften Königslutter und Scheppau.

In Betrieb gingen die Sender Schandelah und Ravensburg am 30. September 1962 mit zunächst 100 bzw. 20 kW Sendeleistung. Die seinerzeit 755 kHz lautende Frequenz wurde in Schandelah 1963 auf 200 kW verstärkt, in Ravensburg 1969 auf 100 kW.

Nach schwierigen Verhandlungen gelang es der Deutschen Bundespost, die damalige Frequenz 548 kHz vom American Forces Network zu übernehmen. AFN hatte diese Frequenz von der Sendeanlage des Bayerischen Rundfunks in Ismaning bei München aus genutzt. Bis zum Jahresende 1992 wurde die Ausstrahlung des AFN dort auf 1106/1107 kHz fortgesetzt.

Für die Frequenz 548 kHz errichtete die Post in Schandelah eine zusätzliche Antenne sowie eine Senderanlage mit 800 kW. Diese Technik wurde ab dem 28. Oktober 1963 tagsüber mit voller, abends/nachts mit halber Leistung betrieben. Der parallel weitergeführte Sendebetrieb auf 755 kHz blieb ab 1968 auf die Tagesstunden beschränkt.

Ein weiterer Mittelwellensender für den Deutschlandfunk folgte 1967 in Arpsdorf bei Neumünster auf 1269 (seinerzeit noch 1268) kHz. Im letzten Ausbaustand erreichte dieser Sender eine Leistung von 600 kW, die bei Dunkelheit jedoch durch einen zweiten Antennenmast in Richtung Serbien erheblich abzuschwächen ist, um Störungen der früheren Nutzung dieser Frequenz in Novi Sad auszuschließen.

Der seit 1978 in Europa geltende Mittelwellen-Frequenzplan („Genfer Wellenplan“) eröffnete die Möglichkeit, auf der nunmehr 756 kHz lautenden Frequenz mit höheren Leistungen als zuvor zu senden. Bei Dunkelheit ist allerdings, ähnlich wie in Arpsdorf, eine Ausblendung in Richtung Rumänien erforderlich.

Hierfür wurde dem 200 Meter hohen Rohrmast des Senders Schandelah ein 100 Meter hoher Fachwerkmast beigestellt, der bei Dunkelheit als Reflektor wirksam geschaltet ist. Bei dieser Betriebsart kann mit 200 kW gearbeitet werden. Tagsüber kam der Hochleistungssender bis in die 90er Jahre ohne Ausblendung mit vollen 800 kW zum Einsatz.

Die nunmehrige Frequenz 549 kHz übernahmen ab 1978 zwei völlig neue Sendeanlagen. In Tannfeld bei Thurnau, nordwestlich von Bayreuth, entstand mit einem Investitionsvolumen von 11 Millionen D-Mark ein 200 kW starker, mit einem 240 Meter hohen Antennenmast ausgestatteter Sender. Er versorgt den Bereich, der von der nächtlichen Ausblendung des Sendesignals in Schandelah betroffen ist.

Der andere neue Sender auf 549 kHz diente zur wesentlichen Verstärkung der Mittelwellenversorgung des Deutschlandfunks in den Bereichen um das nordwestliche Deutschland. Er entstand bei Nordkirchen (Westfalen) und hat eine Leistung von 100 kW.

1995 erhielt der Deutschlandfunk schließlich nochmals eine neue Mittelwelle, und zwar die Frequenz 1422 kHz des Saarländischen Rundfunks. Diese Frequenz konnte das Deutschlandradio übernehmen, nachdem der SR die Mittelwellenverbreitung seiner einstigen „Europawelle Saar“, die 1964 als direktes Konkurrenzprojekt zu Radio Luxemburg gestartet war, 1994 aufgegeben hatte.

Eigentümer und Betreiber des Mittelwellensenders Heusweiler blieb auch nach der Vermietung an das Deutschlandradio der Saarländische Rundfunk. Für sein 2005 neu gestartetes Programm Antenne Saar nahm der SR in Heusweiler die zusätzliche Frequenz 1179 kHz mit einer Sendeleistung von 10 kW neu in Betrieb. Sie ist mittlerweile die letzte noch verbliebene Mittelwelle einer Landesrundfunkanstalt der ARD.

Mit der Anmietung des Senders Heusweiler ersetzte das Deutschlandradio den Sender in Zellhausen (offizielle Standortbezeichnung: Mainflingen) südöstlich des Rhein-Main-Gebiets, der zusammen mit den Sendern Schandelah und Ravensburg 1962 in Betrieb gegangen war. Dieser Sender, der auf seiner Frequenz 1539 kHz anschließend von 1996 bis 2011 den Evangeliums-Rundfunk abgestrahlt hatte, existiert heute nicht mehr.

Um 2005 gab es beim Deutschlandradio die Hoffnung, künftig eine digitale Programmverbreitung über die Mittelwelle realisieren zu können. Hierfür wurden die Sendeanlagen mit erheblichem Aufwand hergerichtet; neben dem Einbau neuer Sendetechnik machten sich auch größere Umbauten an den Antennen erforderlich.

Diese Investitionen blieben vergeblich; das entsprechende, als „Digital Radio Mondiale“ vermarktete Verfahren fand in Europa keine Resonanz. Daher beendete das Deutschlandradio 2012 seine Aktivitäten auf diesem Gebiet.

 

(Autor: Kai Ludwig; Stand vom 05.12.2015)